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Game Over!

Henri Berners: CHARLIE HEBDO als mediale Inszenierung

Januar 2015: die Programmverantwortlichen von TF 1 saßen spätabends zusammen, kaum Appetit auf Canapées und Salate, nur dem Rotwein, Domaine St. Jacques d'Albas 2010 und Medoc bru Bourgeois, wurde kräftig zugesprochen. Weihnachten war passé, der Neujahrsrausch auch ausgeschlafen, die Zeit der über die Kanäle tageszeitabgestimmt digital fein zerstäubten klischierten Gefühle, in der Bandbreite von sentimental-romantisch bis Hip-Happy-X-Mas, im Kasten, und auch die Revuen und Softpornos für den Jahreswechsel im Konservenschrank. Nervosität lag in der Luft, ein Aufreger wurde gesucht, ein Kick-Off, um den Zuschauer für den Einbruch des monotonen Arbeitsalltags in den Büros und Fabriken nach dem kurzen Winterschlaf wachzurütteln. Im Sportbereich, Sendepause, Skandale noch nicht in Sicht, Politik, nichts Nennenswertes. Der Roman von Houellebecq als Kulturschocker, bleibt weit unter der Quote. Ein Fake wurde kurz debattiert, Carla Sarkozy zieht sich für Hefner aus, Honorar geht an terres des hommes, geht nicht, Staatsrundfunk. Monsieur Bling-Bling wäre amüsiert, aber Holland, da rollen Köpfe. Man vertagte sich, es war Dreikönigsabend. Vielleicht käme morgen was über die Ticker, Minenunglück in China, Erdrutsch in Kolumbien, brennende Ölplattform im Persischen Golf, Bewährtes halt, aber entsprechend aufgeblasen superbe Bad News.


Monate später online: Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ein islamistisch motivierter Terroranschlag, der am 7. Januar 2015 auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris verübt wurde. Zwei maskierte Täter, die sich später zu Al-Qaida im Jemen bekannten, drangen in die Redaktionsräume der Zeitschrift ein, töteten elf Personen, verletzten mehrere Anwesende und brachten auf ihrer Flucht einen weiteren Polizisten um. Am 9. Januar verschanzten sie sich in Dammartin-en-Goële; Sicherheitskräfte erschossen die beiden Täter.


Am 8. Januar wurde im Süden von Paris eine Polizistin von einem weiteren schwerbewaffneten Täter erschossen. Dieser überfiel am Tag darauf den Supermarkt Hyper Cacher für koschere Waren im Pariser Osten, tötete vier Menschen und nahm weitere als Geiseln. Der Täter bekannte sich telefonisch zum Islamischen Staat und erklärte, sein Vorgehen stehe in Verbindung mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Er wurde bei der Erstürmung des Supermarktes durch die Sicherheitskräfte erschossen. (Quelle: Wikipedia)


Zurück zum 8. und 9. Januar 2015: Es lief doch wie am Schnürchen. Fantastisches Timing, Show Down oder Shot Down bei einsetzender Dämmerung, damit man die Blitze der Blendgranaten deutlich sieht, Stellvertretungsbilder für den Zugriff, der sich dem Blick nicht bietet, die aber immerhin das tödliche Finale ankündigen, wie Theaterdonner, die Ouvertüre. Außerdem bewirken sie mit ihrer hochfrequenten Hell-Dunkel-Taktung die optischen Effekte von Diskolampen, bedienen vor allem Sehgewohnheiten des jüngeren Publikums. Den Sound liefern Schüsse in Salven, tontechnisch gut abgemischt für das Heimkino mit Dolby-Surround mit basstarkem Sub Whoofer.


Dämmerung hat auch was von Büchsenlicht, verglühendes Rotlicht am Horizont der Seine-Metropole, ein schmaler Streifen, der mit dem dominanten Nachtgrau kontrastiert, symbolisiert den heroischen Untergang. Dazu top synchronisiert die Live-Schalte, weil nahtlos zeitversetzt auf beiden Bühnen, mal Paris Orient, der Supermarkt, nahe Porte de Vincennes. Dann wieder Dammartin-en-Goële, im Département Seine-et-Marne, die Großdruckerei, eine Festung. Vor allem kurz vor Primetime, sodass der Fernsehabend viel Spannung versprach, aber schon teilentspannt nach der ersten Katharsis, da laut Ticker die Terroristen zur Neutralisierung eingekesselt, die Gefahr zum Restrisiko gebannt, das die eingesperrten Geiseln im Supermarkt tragen.


Wettbewerb der Kanäle als Wettlauf der Wahrheiten und des Unterhaltungswerts. Neben TF 1 mit Hausrecht, nur die Giganten RT und CNN. Hausbacken das Katastrophenprogramm von TF 1, fortlaufende Improvisation mit Moderatoren, die nicht in der Maske waren, Hollande im Bild, aber ohne Ton. Pannen. Click zu Russia Today, weit hinter dem Mond, aber schon geil, wie Abby Martin, Breaking the Set, gelernte Graswurzeljournalistin, im hautengen blauen Kleid mit hochgestecktem brünetten Schulterlanghaar auf einem Barhocker platziert die Zahl der Todesopfer mit investigativem Wimpernschlag verkündet und dabei lasziv ihre langen Beine bewegt, Basic Instinct unter dem hochgerutschten Saum? Wechsel zu CNN, valide Zahlen, die Amis, außerdem das Moderatorenduett, Brooke Baldwin, umwerfend blond im Faye-Dunaway-Appeal, mediale femme fatale in gestochen scharfer HD-Qualität, und Don Lemon, ein Denzel Washington-Klon, telegener Womanizer.







Doch vor allem der Vor-Ort-Reporter Anderson Cooper, gerade eingeflogen, keine Zeit für Jetlag, immer on line für online, stahlblauer Blick, energisches Kinn, der mit dem b estechenden Charme eines US-Marines die Taktik der französischen Polizei mit FBI-Weisheiten kommentiert. Er ist ganz dicht an der WAHRHEIT, ganz dicht, kennt schon die Hintergründe der Aktion, Wissensvorsprung dank NSA, seine Prognosen treffen immer ins Schwarze. Nur noch 18 Stunden bis Waterloo für Al Kaida. Sprenggürtel oder Kugelhagel. Wetten, dass bald Buchmacher in dieses Geschäft einsteigen. Immerhin, Storytelling von beautiful people macht die Terrornacht zum medialen Hochgenuss, verwöhnt die Sinne im Theater der Grausamkeiten. Sex sells. Sex and Crime lässt die Quoten hochschnellen. Nicht nur die Quoten. Schon immer waren Spektakel dieser Art auch mit körperlichem Lustgewinn verbunden, wie weiland bei öffentlichen Folterungen oder Hinrichtungen, als orgasmierende Damen leicht in Ohnmacht fielen und den Herren der Schöpfung nicht nur der Kamm schwoll. Lust und Leid.

Zum TV-Genuss dann die aufbereiteten Bilder, mit Slowmotion, Zoomeffekten, in ständiger Wiederholung, Permanenzschleifen als Wiederkehr des Gleichen, kommentiert natürlich, bis sich das Geschehen ins Gedächtnis eingebrannt hatte. Garniert mit hastigen Laufzeilen in mehreren Ebenen, die zusätzliche stumme Versorgung mit Informationen in Schrift, zeitgleich zum kommentierten Geschehen, das die Bilder liefern, aber nicht in Synchronie mit den Bildinhalten. Frame-Technik wie in Musikclips. Des weiteren, Freitagabend, Auftakt zum Wochenende, länger am Bildschirm aufbleiben können.

Die Kulisse, ein Randgeschehen, Massen an Schaulustigen, ambitioniert für Live-pur, flatterende Absperrbänder, ein Tross von Kamerateams, eine Armada von Rettungsfahrzeugen, vor dem Supermarkt in Stellung gebracht, eine Lichtorgel aus zigfach rotierenden Blaulichten. Ein echt geiles Format.

Plötzlich Zugriff, in Todesangst fliehende Geiseln, im gezoomten Kameraschwenk bis zu den Sanitätern verfolgt, um die vom Schreck gezeichneten Gesichter zu zeigen, öffentlich-rechtliche Pflicht zur authentischen Reportage. Nach Minuten Standbild keine Aktion mehr im Fokus, abziehende Polizisten in martialischer Bekleidung. Finale. Blende zu, zurück ins Studio, wo das Geschehen von zwei Experten kommentiert und bewertet wird. Fast nur noch Sprache im Indikativ.

Genial, dieses Joint-Venture zwischen den Fernregisseuren des Spektakels im Jemen und den Fernsehregisseuren von United Television of Europe and the US ad hoc. Man muss nicht mehr in Türme fliegen, um Aufmerksamkeit zu bewirken. Dieser Plot reicht für den Kick aus. Das Drehbuch wurde im Jemen geschrieben, im Casting wurden die Brüder rekrutiert, der eine zumindest erhielt im Camp Schauspielunterricht bis zur Bühnenreife, weil im Gegensatz zu Sprengstoffattentaten oder 9/11, da sind die Protagonisten unsichtbar, bei dieser Inszenierung der muslimische Rächer des Propheten ins Bild rückt. Das muss schon professionell rüberkommen. Bella figura ist da Pflicht. Es sind ja nur wenige Bilder, von Überwachungskameras aufgenommen, aber die müssen sitzen, weil es nur ein Take gibt, sagt der Fernregisseur beim Rollenspiel im Camp in Jemen.

Die Jungs werden nach Hause geschickt, bis die Order mit verschlüsselter SMS kommt. Sie sind so trainiert, gedrillt, konditioniert, programmiert und brainwashed worden, dass sie wie Automaten reagieren. Es sind Killer-Maschinen, wie in Computerspielen. Die videographierten Auftritte der Brüder sind perfekt, professionelles Handling der Kalaschnikow AK 47, hautenge schwarze Overalls, die muskulöse Körper verraten, trittfeste Springerstiefel, Sturmhauben, gut einstudierte Choreografie, wie sie die Strecke bis zu ihrem Auto rappen. Sicher geübt in Parkour, der ultimativen Art, sich durch die City zu bewegen. Nicht auf der Flucht, nein in mission, doch die Zensur blendet verschämt die Exekution eines Polizisten aus, nur die Schüsse verraten den Akt. Sie sind willfährige Opfer ihrer Meister und Lehrer im Jemen, Syrien, Pakistan, Nigeria, Mali und so fort. Bauernopfer. Ob sie an die Prämie glauben, den Bonus für Märtyrer, Sonnendeck in der Pool-Area mit geilen Partygirls? Egal, sie liefern fette Schlagzeilen, halten weltweit Menschen in Atem, verursachen hohe Staatsausgaben, sind heroes just for one day. Eine Woche, vielleicht zwei ..

Wir wissen nicht, wann und wo das nächste Game startet. Die Storyboards sind längst schon geschrieben, die Akteure auch auf der Payroll. Hollywood muss um seine Existenz fürchten. Brad Pitt sieht verdammt gut aus, auch als Panzerkommandeur. Aber ein Said Kouachie verspricht Authentizität in diesem Spektakel, vor allem ECHTZEIT.

To be continued?

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