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Liebe oder Tod

Michael Seibel - Aki Kaurismäkis I Hired a Contract Killer


Nach 25 Jahren ist der Film längst ein Klassiker. Wer die Gelegenheit dazu hat, sollte ihn sich noch einmal anschauen.


In Aki Kaurismäkis Tragikomödie 'I Hired a Contract Killer' von 1990 lebt ein alleinstehender Mann mittleren Alters, Henri Boulanger, man sieht ihn den ganzen Film über nur in ein und demselben grauen Anzug mit grauer Krawatte, unauffällig, fast ausdruckslos und diszipliniert einen gleichförmigen, ärmlichen Alltag. Seine möblierte Wohnung enthält so gut wie nichts außer ein paar verbrauchten Möbeln und einem Gasherd. Seine Fürsorge gilt zwei welken Blumentöpfen auf dem Dach, die er nach der Arbeit gießt.

Jean-Pierre Léaud spielt die Rolle des Henri Boulanger und wirkt dabei ein wenig wie Buster Keaton, so als seien ihm die Dinge enteilt.

Als er nach 15 Arbeitsjahren seinen stumpfsinnigen Job beim Wasserwerk verliert, weil man Ausländer wie ihn entlässt, sieht er keinen Sinn mehr darin, weiterzuleben. Fremd ist er eingezogen, fremd zieht er wieder aus. Er versucht zwei mal halbherzig und ziemlich ungeschickt, sich umzubringen, hat aber letztlich nicht den Mut dazu.

In einer heruntergekommenen Bar in einer Abrissgegend trifft er auf Leute, bei denen er einen Auftragsmörder bestellt, der ihn für 1.000 Pfund umbringen soll.

Zum ersten Mal in seinem Leben wird er später in einer zweiten Bar Alkohol trinken und eine Blumenverkäuferin, Margaret, mehr auffordern als bitten, mit ihm zu sprechen. Sie fragt ihn, warum sie das tun sollte. Er kann keinen Grund außer seiner Bedürftigkeit nennen. Die Liebe, die sich aus diesem Geständnis in kürzester Zeit entwickelt, ist bedingungslos, kommt fast ohne Worte aus, ist zärtlich, zweifellos beidseitig und über jeden Zweifel erhaben.

Die Liebe versieht in ihrer Reinheit beider Leben schlagartig mit Sinn, was natürlich dazu führt, dass Henri den Mordauftrag gegen sich selbst stornieren möchte. Das jedoch ist ihm nicht möglich, da die Bar, in der er den Auftrag erteilt hat, soeben abgerissen wurde.

Inzwischen haben wir auch den Killer als einen lungenkranken, zutiefst resignierten Mann kennengelernt, der gleichsam aus Pflichtgefühl zu morden bereit ist, um durch die Einnahme die Lage seiner Hinterbliebenen zu verbessern.

Nach einer kurzen Reihe von im Grunde unerheblichen Verwicklungen wird Henri von seinem Auftragsmörder gestellt. Diese finale Szene ist wie der ganze Film von großer Ruhe. Meine Beschreibung des Plots hat fast mehr Worte als im ganzen Film gesprochen werden. Der Auftragskiller wird in einem Akt der Selbstbefreiung im letzten Augenblick vertragsbrüchig und erschießt, darin mutiger als Henri, sich selbst und erlöst sich dadurch vom enttäuschenden Leben.

Im ganzen Film fällt kaum ein lautes Wort. Kein Anzeichen von Scham. Nur Traurigkeit und Müdigkeit. Der Film erzählt ohne Angst von Liebe und Verzweiflung. Niemand versucht irgendjemanden zu täuschen. Jeder schaut jedem in die Augen.

Kaurismäki ist Meister der Reduktion, der Wegräumung des Bedeutungslosen, was Requisiten und Ausstattung, den Plot insgesamt, aber auch Wort für Wort den gesprochenen Text und den sparsamen Einsatz von Affekten und Gesten der Akteure angeht. Eine intime, nie distanzlose Welt. Es wird nur das gezeigt, was unverzichtbar ist, um die Geschichte zu erzählen. Dem wenigen aber wird Zeit gegeben, dem Versuch der Selbstbehauptung durch die Entscheidung für den Tod und der radikalen Revision dieser Entscheidung durch die Zärtlichkeit einer bedingungslosen Liebe. Dabei lässt Kaurismäki dem Betrachter reichlich Zeit zu verstehen, was es zu sehen gibt.

Kaurismäki spricht voller Sympathie von dem, was immer grau bleiben wird. Er umgibt dieses Grau mit den Mitteln seiner Film-Ästhetik mit einem Gehäuse aus Farben, Musik und Ruhe, oder um es mit einem Schlüsselwort der Philosophie Kants zu sagen:

er gibt ihm Würde.

Würde, das ist der Moment, von dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll.







Auf der Suche nach einem Killer



Anderswo neu beginnen?



Der Showdown


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