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Glück

Bernd Krolop - in Indien unterwegs

„Wen bewachen sie“, fragte ich den Soldaten, der am Fuß der Holztreppe stand, die zu den Hotelzimmern auf der ersten Etage führte. „Den Polizeichef von Srinagar“, antwortete er und hielt das Gewehr noch etwas fester. Ich bedankte mich für die Auskunft und ging über den Hof des Hotels “Khangri“ auf das Tor zur Straße.

„Meine Güte“, dachte ich sorgenvoll, „dann gerate ich ja bei einem Angriff mitten zwischen die Waffen!“. Dabei wollte ich jetzt eigentlich schon in Neu Dehli sein, aber der planmäßige Flug von Leh, der Hauptstadt Ladakhs, nach Delhi fiel heute wegen schlechten Wetters aus. So quartierte Indian Airlines die Passagiere in diesem Hotel ein. „So ein Pech aber auch!“, ärgerte ich mich. „Vierzehn Tage lang war sonniges Wetter, und ausgerechnet heute hängt der Himmel voller Wolken“. Dabei hatte ich das schlechte Wetter geahnt, denn gestern Nacht war der Himmel so bedeckt, dass man die Sterne nicht sehen konnte; ein sicheres Zeichen für eine Wetterverschlechterung. Immerhin war der Direktor des Flughafens heute nachmittag extra ins Hotel gekommen, um uns wartenden Passagieren mitzuteilen, dass für morgen vormittag ein Flugzeug angekündigt sei, das uns nach Delhi bringen soll.

Mittlerweile hatte ich das breite Tor erreicht, vor dem ein weiterer Soldat patrouillierte. Ich ging an ihm vorbei und wäre beinahe mit einer Kuh zusammengestoßen, die mir auf der Straße entgegenkam und die ich in der Abenddämmerung übersehen hatte. Ich bog nach links, vorbei an einem parkenden Auto und errichte kurz darauf eine Kreuzung. Wehmütig blickte ich die Straße hinab, die zum Hotel „Mandala“ führte, in dem ich sicher und bequem gewohnt hatte. „Soll ich mich nicht besser wieder dort einquartieren, auch wenn es auf eigene Kosten ist?“, schoß es mir durch den Kopf. Zögernd blieb ich stehen. „Ein Angriff auf diesen Polizeichef aus Kaschmir ist doch ziemlich unwahrscheinlich“, überlegte ich und bemühte mich, so schnell wie möglich hoch zur Hauptstraße zu kommen. „Hoffentlich hat das Geschäft, das neue buddhistische Thangkas verkauft, noch auf!“, dachte ich bange, als ich die Hauptstraße erreichte. In wie vielen Antiquitätengeschäften war ich in den letzten Wochen gewesen, um einen schönen, alten Thangka zu bekommen?! Ohne Erfolg. Heute Nachmittag, in meinem geräumigen Zimmer in „Khangri“, beschloss ich dann, wenigstens einen neuen Thangka mit nach Hause zu nehmen. „Vielleicht ist der ausgefallene Flug so noch zu etwas nütze“, überlegte ich hoffnungsvoll. Der Eigentümer des Ladens, zu dem ich unterwegs war, hatte den Thangka selbst gemalt, den ich kaufen wollte. Er zeigte einen alten Heiligen, der in einem großen Garten saß und gelassen Tee trank, umgeben von Rehen und Tigern, Fasane und Löwen, die friedlich zusammen lebten. Je näher ich dem Geschäft in der hereinbrechenden Dunkelheit kam, desto deutlicher sah ich das leuchtende Grün des Thangkas vor meinem geistigen Auge. „Warum habe ich ihn nicht schon längst gekauft?“, fragte ich mich vorwurfsvoll, während ich auf das Geschäft zuhastete. Enttäuscht blieb ich vor dem großen Schaufenster des Geschäfts stehen: Keine Glühbirne brannte drinnen, niemand war zu sehen, weder der Besitzer noch einer der Lehrlinge, denen er das Malen solcher Wandbilder beibrachte.

Dieser Fehlschlag entfachte meinen Wunsch, ein buddhistisches Wandbild zu kaufen, erst richtig. Während ich noch auf die geschlossene Ladentür blickte, dachte ich schon angestrengt nach, wie ich doch noch zu einem passablen Thangka kommen könnte. Gestern hatte ich bei einem der vielen muslimischen Händler aus Kaschmir zum ersten Mal einen Thangka gesehen, der alt wirkte: einen mit einer großen Schutzgöttin mit wildem Blick und aufgelöstem Haar, die umgeben war von kleinen, meditierenden Buddhas. Das Bild riss mich zwar nicht um, und es sollte auch 400 Dollar kosten, aber es war nicht schlecht und den Preis könnte ich bestimmt halbieren. Mit solchen Gedanken machte ich mich auf den Weg zu dem Thangka mit der Schutzgöttin, am anderen Ende der Hauptstraße. Frauen in ihren bunten Kleidern und ihren Kopftüchern saßen auch jetzt noch am Rand des Bürgersteigs und boten Obst und Früchte zum Kauf an. Als ich die mittlerweile dunkle Kreuzung erreichte, tauchte in meiner Erinnerung der Spanier auf, den ich dort vor einer Woche hatte stehen sehen – in seiner dunkelroten Hose und seiner tiefroten Jacke mit den vielen Taschen. Seit zehn Jahren besuche er jedes Jahr mehrere Monate lang verschiedene Regionen des Himalaya, erzählte er mir, fasziniert vom tibetanischen Buddhismus. „Haben sie sich einmal einen alten Thangka gekauft?“, fragte ich ihn. „Warum?“, antwortete er herablassend, „Das ist doch primär materiell“. „Sicher“, sagte ich, „primär materiell, aber schön“.

Bei dem Gedanken daran beschleunigte ich meine Schritte. Plötzlich stand ein kaschmirischer Händler vor mir, der versucht hatte mir, einen neuen Thangka als alten zu verkaufen. „Hallo, mein Freund!“ begrüßte er mich mit gewohnt übertriebener Freundlichkeit. „Suchen sie immer noch einen alten Thangka?“. Kurz angebunden, erwiderte ich: „Aber keinen neuen, maschinell hergestellten aus Delhi, sondern einen alten“. Er sah mich verwundert an, so als frage er sich, woher ich das wisse. Dann sagte er mit einladender Handbewegung: “Kommen sie herein, ich zeige ihnen alte“. Ich murmelte: „Okay, aber es muss schnell gehen“, und folgte ihm in sein Geschäft, das aus einem kleinen dunklen Raum bestand. Er schloß die Tür, als ob er etwas zu verbergen hätte; dann brachte er die elektrische Birne, die von der Decke hing, zum Leuchten. Während er durch eine hintere Tür im Dunkel des Geschäfts verschwand, setzte ich mich auf einen Stuhl direkt neben der Eingangstür. Mein Blick kreiste durch den Raum, der voller Teppiche war, liegenden, zusammengerollten, solche die auf dem Boden standen und anderen, die an der Wand hingen. Mir fielen wieder die vielen Gespräche ein, die ich mit dem Manager des „Mandala Hotels“ über den Kauf eines alten buddhistischen Wandbildes geführt hatte. „Sie bekommen kein altes!“, hörte ich ihn wieder lebhaft gestikulierend sagen. „Die angeblich alten handgemachten sind alle per Maschine in Delhi hergestellt“. „Und warum kann ich kein altes kaufen?“, hatte ich ihn gefragt. „Es gibt sie doch“. „Natürlich gibt es sie“, erklärte er, „aber kein Buddhist wird einen alten Thangka oder ein altes Mandala verkaufen, bei seiner nächsten Wiedergeburt müsste er das büßen“. Vielleicht war seine Einschätzung zu pessimistisch, dachte ich, auf jeden Fall hatte sie mich sehr vorsichtig gemacht, und so wartete ich auch jetzt voller Mißtrauen auf die Rückkehr des Händlers.

Als er nach einigen Minuten wieder erschien, trug er einen geflochtenen Korb, aus dem ein halbes Dutzend zusammengerollter Wandbilder ragte. „Wollen sie einen Tee?“, fragte er, während er den Korb vor mir hinstellte. „Nein, danke“, sagte ich, „ich bin in Eile“, und begann den ersten Thangka zu entrollen. Ich achtete kaum auf das Gesamtbild, denn mir schien, als hätte ich das in den letzten vierzehn Tagen sehr oft gesehen, ich hörte auch nicht auf den Namen des Thangkas, den mir der Händler nannte, auch der kam mir sehr vertraut vor. Vielmehr versuchte ich herauszufinden, ob der Thangka echt oder unecht , alt oder neu, handgemacht oder maschinengemacht war.

Sorgfältig betrachtete ich die Verteilung der Farben auf der Oberfläche des Thangkas. Nicht die winzigste Unregelmäßigkeit, wie ich sie bei einem handgemachten Bild erwarten würde, war zu sehen. Die Farbverteilung war völlig regelmäßig und gab dem Thangka etwas Künstliches. Anschließend hielt ich den Thangka hoch und roch an ihm.

Der Stoff, an den das eigentliche Bild wie ein Rahmen genäht war, roch zwar alt, aber das konnte ein Trick sein, denn das Bild selbst, auch nachdem ich mehrfach meine Nase daran gehalten hatte, roch nach gar nichts. Schnell entrollte ich zwei weitere Wandbilder, um sie zur Verblüffung des Händlers wieder mit meinen Händen und meiner Nase zu prüfen. Das Ergebnis war wie erwartet: glatte, regelmäßige Oberflächen und eine Art von geruchslosem Geruch. „Die sind nicht echt“, sagte ich und stand auf, um zu gehen.

„Sie wollen einen alten Thangka?“, fragte mich der Händler. Als ich nickte, fragte er mit erhobener Stimme: “Einen wirklich alten Thangka?“. Als ich das bejahte, sagte er: „Ich bringe sie dort hin, wo sie welche bekommen“. Ich sah ihn skeptisch an. „Es ist direkt auf der anderen Straßenseite“, erklärte er animierend. Da das sowieso auf meinem geplanten Weg zu dem Thangka mit der Schutzgöttin lag, ging ich mit ihm. Wir überquerten die Hauptstraße und nach wenigen Metern standen wir vor einem großen Haus. Kurzentschlossen ging er mit mir hinein und rief laut nach dem Eigentümer. Nach wenigen Sekunden erschien ein korpulenter Kaschmiri um die fünfzig und schlenderte durch den großen, hohen Raum voller Teppiche auf uns zu. Der Händler, der mich hergeführt hatte, informierte ihn auf Englisch über meine Absicht. Er unterhielt sich mit ihm in einer Sprache, die ich nicht verstand, bevor er sich schnell verabschiedete.

„Kommen sie mit mir“, sagte der korpulente Kaschmiri mit langsamer Stimme und führte mich durch ein weiteres Zimmer auf den Hof des Hauses. „Ein guter Platz für einen Überfall“, blitzte es in mir auf. Trotzdem folgte ihm in der Dunkelheit über den unebenen Boden. Beim Licht meiner Taschenlampe gingen wir eine Steintreppe empor, die zu einem kleinen Lagerraum führte, der vollgepackt war mit Statuen, Lampen und Teppichen. Er drehte die elektrische Birne an , die von der Decke hing. Anschließend nahmen wir - einander gegenübersitzend - Platz, er auf einem Stuhl, ich auf einer Holzbank. Meinen Rucksack nahm ich vom Rücken und stellte ihn auf den Boden. „Und sie wollen Thangkas sehen?“, sagte er in seinem schleppenden Tonfall. „Alte oder neue?“. „Alte“, erwiderte ich knapp und erwartungsvoll. Er beugte sich seitlich hinunter zu einer großen Truhe und öffnete den Deckel. Die Kiste war voller Wandbilder. Er nahm eines heraus und hielt es mir hin. Als ich es aufrollte, sah ich das Rad des Lebens mit den sechs Reichen der Geschöpfe, in die hinein man wiedergeboren werden kann. „Alt oder neu?“, hörte ich die Stimme des Händlers. Ich löste meinen Blick von dem Thangka, sah in sein unbewegtes Gesicht, dann wieder auf den Thangka. Das Muster kam mir bekannt vor, seine Gestaltung jedoch nicht. Schulterzuckend und ohne den Thangka genauer zu prüfen, sagte ich: „Neu – oder!?“. „Er ist alt, aber nicht sehr alt“, antwortete er lakonisch, zog zwei weitere Wandbilder aus der Truhe und gab sie mir. Schon als ich das erste aufrollte, war ich zuversichtlich, dass es echt war. Es roch nach altem Stoff und nach alten Farben. Meine Zuversicht stieg noch, als ich den Thangka aufgerollt sah. Er zeigte einen mit verschränkten Beinen meditierenden Buddha. War auch die Figur Buddhas deutlich sichtbar, so wirkten viele Teile der Oberfläche, besonders an den Rändern, verwaschen. Noch klarer wurde die ungleichmäßige Verteilung der weißen und roten Farbe, als ich den Thangka gegen das Licht hielt. Jetzt bekam er fast den Charakter einer räumlichen Gestalt, die aus dickeren und dünneren farblichen Gestalten zusammengesetzt ist. „Wie alt ist der Thangka?“, wollte ich von dem Händler wissen. „Ich weiß es nicht“, sagte er, „aber er ist alt, sehr alt“.

Mittlerweile hatte ich das zweite Bild aufgerollt. Ein Mandala aus dunklen Kreisen mit weißen, sechsarmigen Buddha sah mich an. Dies war der Typ von Bild, das ich immer gesucht hatte! Und es war echt, wie ich schnell mit meiner Nase und meinen Augen feststellen konnte. „Was kostet der Thangka und wieviel das Mandala?“, fragte ich. „1200 amerikanische Dollar der Thangka, 750 Dollar das Mandala!“, lautete seine Antwort. Nun war ich in der Zwickmühle! Gekauft hätte ich am liebsten beide Bilder, aber leisten konnte ich mir keines. Ich überlegte, während wir uns schweigend ansahen. „Die Situation ist kompliziert“, begann ich nach einiger Zeit. „Ich habe nicht mehr genügend Bargeld“. „Das macht nichts“, unterbrach er mich, „sie können doch mit ihrer Kreditkarte bezahlen“. Mit diesem Einwand hatte ich gerechnet. Ich zeigte ihm meine Kreditkarte, die vor einer Woche abgelaufen war. „Das habe ich erst hier bemerkt“, erzählte ich, „meine neue Karte liegt jetzt nutzlos zu Hause.“ „Ja, die Situation ist schwierig“, murmelte er. „Deshalb habe ich mir folgendes überlegt“ ,fuhr ich entschlossen fort. „Ich biete ihnen 375 Dollar für das Mandala; 100 Dollar in bar als Anzahlung, den Rest überweise ich ihnen“. Interessiert sah er mich an. „Auf diese Weise habe ich einmal etwas in Afrika gekauft“, erzählte ich. „Sicherlich ist das ungewöhnlich, aber normalerweise wäre ich heute abend nicht mehr hier, sondern in Delhi“. Dann stoppte ich, machte eine kurze Pause und sagte: „Aber natürlich ist es ihre Entscheidung“. Er hatte mir die ganze Zeit schweigend zugehört. Und er schwieg weiter. Dann schaute er mich durchdringend an und sagte: „Was ist Glück!?“. Ich zögerte, zog die Augenbrauen hoch und erwiderte: „Ich weiß es nicht, vielleicht diese Situation“.

„Sie wissen“, erklärte er, „diesen Monat geht die Saison zu Ende, und falls der Krieg hier ausbricht, dann kommt sowieso kein Tourist mehr“. “Natürlich - sonst hätte ich meinen Vorschlag nicht gemacht“, dachte ich und sah ihn mit unbewegter Miene an. „Ich vertraue Ihnen“, fuhr er fort, ohne die Augen von mir zu lassen. „Aber geben sie mir doch ihren Rucksack, der soll für meine Tochter sein, bat er mich. „Diesen Typ von Rucksack kann man hier nicht kaufen, und wenn ich ihn mir schicken lasse, wird er auf der Post gestohlen“. „Ein Glück, dass er auf meinen Vorschlag eingeht“, dachte ich zufrieden. Der Rucksack sei für mich unverzichtbar, erklärte ich, denn mit ihm transportiere ich meine Medikamente, meinen Photoapparat und andere wichtige Dinge. „Gut“, sagte er nur. „Dann zahlen sie mir wenigstens 400 Dollar für den Thangka“. Ich nickte zustimmend und gab ihm die versprochenen 100 Dollar in bar. Er schrieb mir seinen Namen und seine Bankverbindung auf einen Zettel, den ich in der Brusttasche meines Hemdes verstaute – direkt über meinem Herzen. Routinemäßig stellte er eine Rechnung aus, verpackte das Mandala sorgfältig in Zeitungspapier und reichte es mir. Ich nahm es in meine rechte Hand, mit meiner linken hob ich meinen Rucksack vom Boden hoch. Dann gingen wir über den dunklen Hof zurück.

„Sagen sie dem Mann, der sie hergeführt hat, nicht, was sie gekauft haben“, bat er mich bei der Verabschiedung. „Der ist sonst nur scharf auf eine Provision“. Dieser Mann tauchte jedoch zu meiner Überraschung nicht auf, weder auf der Straße, noch an der Kreuzung, wo sein Geschäft lag. Bange schaute ich zum Abendhimmel empor. Noch waren keine Sterne als Vorboten für gutes Wetter morgen und einen Flug nach Delhi zu erkennen. „Auf jeden Fall hat sich der Manager des „Mandala-Hotels“ geirrt“, überlegte ich vergnügt und ging schneller, während ich mit der rechten Hand freudig mein altes Mandala umfasste. „Hoffentlich bringe ich es sicher nach Hause!“, dachte ich, als ich um die Ecke bog und den patrouillierenden Soldaten vor meinem neuen Hotel sah.



Quelle: Bernd Krolop, Seltsame Berührungen,
(ISBN 3-00-008594-7)

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