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   Subtilisin Carlsberg, Alcalase® Quelle: Wikipedia mit Verweis auf Proteindatabank rcsb.org

Weiße Biotechnologie

Walter Tydecks - Technologien und offene Fragen – mit Schwerpunkt Enzymtechnik

Bioökonomie

Es gibt einen Trend von der erdöl- zur biobasierten Ökonomie. »In der Weißen Biotechnologie sehen viele bereits heute einen Motor des nächsten, innovationsgetragenen Wirtschaftszyklus.« (BRAIN, abgerufen am 3.6.2015) Es ist zu erwarten, dass die Bioökonomie schrittweise alle Phasen des Produktionsprozesses erfassen wird:

– Das betrifft zunächst die Rohstoffe, wenn petrochemische durch biologische Prozesse ersetzt werden. Ein Beispiel ist 1,2-Propandiol. Es wird heute in mehreren Stufen aus Erdöl gewonnen mit einer jährlichen Produktion von 1,6 Mio. Tonnen und eingesetzt für Nahrungsmittel, Kosmetik, Pharma und Flugzeugenteisung. In Zukunft könnte es aus einem »Abfallprodukt aus der Biodiesel-Herstellung« biotechnologisch hergestellt werden (Pelzer 2012, S. 17).
– In vielen Bereichen werden bereits heute chemische Stoffe durch Enzyme ersetzt, die energie- und wassersparend wirken und in geringeren Mengen wirken. Das bekannteste Beispiel ist der Einsatz von Enzymen in Waschmitteln, wodurch die Waschtemperatur auf 40° Celsius gesenkt werden konnte.
– Darüber hinaus ist zu erwarten, dass biosynthetisch völlig neue Stoffe entwickelt werden.
– Von visionärer Bedeutung ist die Entwicklung einer Bio-Brennstoffzelle, mit der ein neuer Energieträger gefunden wäre, der das Erdöl ablöst. Wenn das gelingt, kann die Biotechnologie mit gutem Recht als Basis eines neuen langfristigen Wirtschaftszyklus angesehen werden (siehe hierzu den Beitrag zur Wirtschaftskrise).

Bisher ist der Anteil der Biotech-Industrie an der gesamten Industrie noch gering und stagniert zeitweise sogar im Wachstum. Weltweit betrugen 2013 die Erlöse (Revenues, das ist grob gesagt die Summe des Umsatzes mit Produkten und Patenten) der Biotech-Industrie 98,8 Mrd. $ (Ernst & Young, Global Biotechnology Report 2014, S. 37). In Deutschland betrug der Umsatz 2014 1,15 Mrd. € bei ca. 10.000 Beschäftigten (Ernst & Young, Deutscher Biotech-Report 2015, S. 21). Zum Vergleich: Der Weltumsatz der chemisch-pharmazeutischen Industrie lag 2013 bei weltweit 4.110 Mrd. €, wobei auf Deutschland ein Anteil von 4,8% entfiel, auf die USA 15,9% und auf China 31,4% (VCI, Chemiewirtschaft in Zahlen, S. 102-104).

»Im 'Cologne-Paper' schätzen Experten, dass im Jahre 2030 Biomaterialien und Bioenergie mit einem Volumen von weltweit rund 300 Milliarden Euro ein Drittel der gesamten industriellen Produktion ausmachen werden (EU, 2007b).« (Zinke, S. 68)

Umsatz Biotechnologie Deutschland   Umsatz Biotechnologie Deutschland

Umsatzentwicklung der Biotech-Industrie in Deutschland und US
Quelle: de.statista.com, de.statista.com

Innerhalb der Biotechnologie wird zwischen weißer, roter und grüner Biotechnologie unterschieden.

»Die Bezeichnung „weiße Biotechnologie” grenzt die industrielle Biotechnologie von der „grünen” und der „roten” Biotechnologie ab, die sich mit Pflanzen und Medizinprodukten befassen, jedoch gibt es mit beiden Bereichen Überschneidungen.« (Wikipedia, abgerufen am 3.6.2015)

2010 befanden »sich unter den weltweit 50 forschungsstärksten Firmen 15 aus der Pharma/Biotech-Branche« (vfa-bio). 2013 hatten 8 der Top 10 der Forschungs-Breakthroughs einen Bezug zur Biomedizin (vfa-bio), 2014 5 von 10 (vfa-bio). Deutsche Biopharmazeutika-Firmen hatten 2008 bei Fermenterkapazitäten für Biopharmazeutika auf dem Gebiet Bakterien und Hefe mit 340.000 Litern einen deutlichen Vorsprung vor USA, Indien und Japan, bei Säugetierzellen mit 335.000 Litern einen Anteil von ungefähr 1/3 im Vergleich zu US-Firmen, jedoch weit mehr als Indien und Japan (vfa Biopharmazeutika, S. 2 ).

»Heute sind 115 Medikamente mit 84 therapeutischen Proteinen in Arzneimitteln zur Anwendung am Menschen zugelassen (Stand Februar 2006). Optimistische Schätzungen geben an, dass bis 2015 die Hälfte der neuen innovativen Arzneimittel Proteine oder Oligopeptide sein werden, und eine Steigerung der Apothekenumsätze von € 220 Mio. (1996) auf über € 1 Mrd. Ende des Jahrzehntes zu erwarten ist.« (Pharmazeutische Biotechnologie, abgerufen am 3.6.2015).

Für Holger Zinke hat jedoch im Ganzen die deutsche Pharmaindustrie (dereinst Apotheke der Welt) den Wandel der Biotechnologie verschlafen und ihre internationale Spitzenstellung verloren. 2015 ist unter den 10 World's Largest Drug And Biotech Companies mit Bayer auf Platz 7 ein einziges deutsches Unternehmen genannt (forbes vom 4. Juni 2015). Dennoch wird von der Bundesregierung innerhalb der Biotechnik der Pharma-Bereich überproportional gefördert.

»Obwohl 75% des biotechnologiebasierten wirtschaftlichen Wachstums durch die Landwirtschaft und Industrielle Biotechnologie zu erwarten sind, werden 80% der öffentlichen biotechnologischen Forschungsausgaben in den Bereichen Pharma und Medizin investiert.« (Zinke, S. 62)

»Im Jahr 2004 beruhen in der Chemieindustrie 4-6% des Umsatzes auf der IWBT (Industrielle Weiße Biotechnologie), in der Pharmabranche 3-5% und in der Lebensmittelindustrie 9-23%. Bis zum Jahr 2025 wird in allen Anwenderbranchen der durch die IWBT getriebene Umsatzanteil deutlich ansteigen, in einzelnen Branchen wie der Chemie- und Pharmaindustrie um das 2,5- bis 3-fache.« (Nusser u.a., S. i)

Globale Umsätze für Enzyme wurden 2013 auf 3 Mrd. $ geschätzt, davon 1 Mrd. für Lebensmittel und Getränkeindustrie, 1 Mrd. für Textil- Leder- Papier- und Bioethanolindustrie (Gabor u.a. 2011, S. 9).

Die mit Enzymen erfolgende Biokatalyse hat viele Vorteile: milde Bedingungen, hohe Selektivität und Spezialität, wässrige Lösung (Zinke, S. 60), »Erneuerbarkeit, Karbonneutralität, Mehrfachnutzung, vor allem in Kaskadenform (z. B. vorgeschaltete umfassende stoffliche Nutzung vor energetischer Endnutzung) und die Existenz neuer, auch umweltfreundlicher stofflicher Eigenschaften« (Patermann, S. 45).

So ermöglicht die weiße Bioökonomie: (a) Nutzung und Aufbereitung industrieller Abfälle, Siedlungsabfälle, Klärschlämme, (b) Vermeiden, dass lebensnotwendige Güter wie Weizen, Zucker oder Mais als Industrierohstoffe eingesetzt werden müssen (Fiedler u.a., S. 10).

Die Anwendungspalette der Biotech-Industrie ist breit. Sie umfasst bereits heute »biobasierte Acrylsäure, Bernsteinsäure, Ersatz fossil-basierter Polyamide durch laurische Aminosäuren, biobasierte Fischer-Dübel, neue Coca-Cola- oder Pepsicolaflaschen auf 100%ig biobasierter PET- oder PEF-Technologie mit neuen Materialeigenschaften geht oder um biobasierte Butandiolproduktion für den Automobilbereich oder die Chipherstellung, für Sportwaren, Kosmetik oder Lebensmittelzusätze« (Patermann, S. 44).

Ein bekanntes Beispiel sind Waschmittel, die mithilfe von Enzymen Wäsche reinigen. Die Subtilisinprotease ist »die Schlüsselkomponente in Haushaltswaschmitteln. Ohne diese Proteasen ist es unmöglich, proteinhaltige Flecken wie z.B. Blut- oder Eiweißflecken bei Temperaturen von unter 90° aus der Wäsche zu entfernen.« (Gabor u.a. 2014, S. 12)

Ein anderes Beispiel ist Biosilikat (Zinke, S. 57). Das sind Schwämme, die im Meer hochreines Glas herstellen. »Damit sind Schwämme lebende Glasfabriken.« SPON.

BRAIN hat eine Technologie auf Basis von menschlichen Geschmackszellen entwickelt und patentiert (Fiedler u.a., S. 14, mehr).

Der Markt für Kosmetika wächst, so Hautpflege, Haarkosmetik, Körperpflegemittel, Mundpflege, Anti-Aging.

Ins Zentrum rückt die Synthetische Biologie, die entweder biomimetisch biologische Prozesse aufgreift oder eigene Prozesse entwirft (Zinke, S. 62). Deutschland hat zwar gute Voraussetzungen, aber im Vergleich zu den USA fehlt es für Zinke an staatlicher Förderung und Unterstützung durch Kapitalgeber an innovative Firmen.

Von visionärer Bedeutung ist die Bio-Brennstoffzelle.

»Ein besonderes Potential entfaltet die Biotechnologie jedoch bei hochwertigen Produkten, die chemisch nur sehr aufwendig oder gar nicht herzustellen sind: Dabei handelt es sich um Enzyme und Spezialchemikalien (z. B. Pharmawirkstoffe und Pflanzenschutzmittel). Auf längere Sicht können insbesondere mit Hilfe biotechnologischer Methoden z. B. lignocellulosehaltige Rohstoffe oder Biomasse so verfügbar gemacht werden, dass sie wirtschaftlich für Plattformchemikalien nutzbar sind.« (Zinke, S. 79)



Plattformtechnologien

Die Bioökonomie befindet sich trotz erster großer Erfolge im Ganzen noch am Anfang. Derzeit werden unter hohem Innovationsdruck Plattformtechnologien entwickelt, die den Ausbau der Bioökonomik wesentlich beschleunigen werden. Beispiele sind

»moderne Verfahren der Entwicklung von Hochleistungsorganismen (System-Biotechnologie: Genomic, Proteomic, Metabolomic, metabolic pathway engineering Fluxomic), Cell factory-Systeme, neuartige und verbesserte Enzymsysteme zur Aufbereitung und Umwandlung pflanzlicher Biomasse zu biologisch nutzbaren Verbindungen, Kultivierung von Organismen vom Mikrolitermaßstab bis zur großtechnischen Fermentation, ...« (Zinke, S. 73f)

Die Plattformtechnologien geben einen Überblick über das Spektrum der industriellen Verfahren der Biotechnologie (Zinke, S. 75):

Bioprodukte Plattformtechnologien



Metagenomik

Ein Metagenom ist »die Gesamtheit der genetischen Informationen aller Mikroorganismen (Bakterien, Pilze und Archaea) eines Habitats (z.B. Boden, Meerwasser, Wiederkäuermagen) zu einem gegebenen Zeitpunkt« (Gabor u.a. 2011, S. 6). Das kann mehrere Tausend bis Millionen »verschiedener mikrobiellen Spezies« umfassen (Gabor u.a. 2011, S. 6).

»Das Leben auf der Erde wird seit circa 3,8 Milliarden Jahren von Mikroorganismen geprägt. Sie bilden 60% der globalen Biomasse der Erde und erzeugen die Hälfte des elementaren Sauerstoffs. Insbesondere Bakterien und Archaea zeigen eine im Verlaufe der Evolution entwickelte einzigartige physiologische und biochemische Vielfalt. Die Gesamtzahl prokaryotischer Zellen auf der Erde wird auf unvorstellbare 4 - 6 x 1030 geschätzt. Alleine in 1 g Boden werden bis zu 10 Milliarden (1010) bakterielle Zellen vermutet.« (Pelzer 2012, S. 8)

Viele von ihnen können unter extremen Bedingungen leben, »bei hohen Drucken, Temperaturen von unter −10° C bis circa 120° C, aber auch bei für andere Organismen tödlichen pH-Werten und Salzkonzentrationen« (Pelzer 2012, S. 8).

Metagenomdatenbanken enthalten Informationen, die nach interessierenden Eigenschaften ausgewertet werden können. »Ende 2011 (waren) kumulativ mehr als 100 Tera Basen (1014 Basen) hinterlegt. Dies entspricht einer Anzahl von circa 100 Mrd. Genen. Leider gelingt es derzeit noch nicht, das Potenzial dieser Datenbanken für industrielle Anwendungen adäquat zu erschließen.« (Pelzer 2012, S. 19)

»In einer 100-g-Bodenprobe entstehen beispielsweise alleine im Laufe eines Tages mehr als 600 neue Varianten.« (Gabor u.a. 2011, S. 15). So ergibt sich ein »Werkzeugkasten evolutionär erfolgreicher, d.h. robuster und bereits auf Aktivität vorselektierter Biokatalysatoren« (Gabor u.a. 2011, S. 16).

In einer 100-g-Bodenprobe sind 1,5 x 1012 Bakterien enthalten. Das ergibt bei einer Mutationsrate von 4x10−7 pro Gen und Mutation 600 neue Varianten pro Tag (Gabor u.a. 2014, S. 7). Davon sollten 4 bis 5 neue Varianten vorteilhaft sein (Gabor u.a. 2014, S. 8).

Es wird geschätzt, dass es auf der Erde viele Millionen mikrobielle Arten gibt, von denen nur 11.000 bekannt sind. 2004 waren von ihnen ca. 5.000 unter Laborbedingungen kultivierbar und nur ca. 100 wurden industriell genutzt. Es wird geschätzt, dass es 7.000 Enzyme gibt, von denen ca. 4.600 bekannt sind und ca. 200 kommerziell und industriell genutzt werden (Nusser u.a., S. 46).

Bisher war es sehr schwer, die mikrobiellen Arten zu isolieren und auszuwerten. Heute ist jedoch möglich, der Natur gewissermaßen bei der Evolution zuzuschauen und ihre Entwicklung zu studieren. Da zeigt sich, dass es möglicherweise kein reines Zufallsprodukt bei den Mutationen gibt. So wurden exemplarisch Mutationen der Serinprotease Subtilisin Carlsberg (SubC) ausgewertet, dem für Waschmittel entscheidenden Enzym.

»Auffallend ist, dass die Mutationen nicht gleichmäßig über die 274 Positionen der Primärsequenz und eindeutig nicht über die dreidimensionale Struktur des Moleküls verteilt waren. Die meisten Mutationen finden sich in der äußeren Hülle des Enzyms, was mit der allgemeinen Beobachtung übereinstimmt, dass Mutationen im Kern eines Enzyms meistens eine zerstörerische Wirkung auf seine Funktion haben.« (Gabor u.a. 2014, S. 10)

Vereinfachung der Komplexität

Wechsel von einer reduktionistischen Forschung mit Schwerpunkt auf einzelnen Genen und Proteinen zur Systembiologie dank zweier neuer Entwicklungen: »(a) analytische Techniken, um DNA, RNA, Proteine oder Metabolite zu quantifizieren und zu charakterisieren, die nunmehr sensitiv und umfassend genug sind« und (b) »mathematische Darstellungen« (Mampel u.a., S. 8).

Beispiel: Mycoplasma genitalium, das verspricht »verbesserte Vorhersagen von Phänotypen basierend auf den Genotypen« (Mampel u.a., S. 9).

Mycoplasma genitalium

2012 wurde eine Computersimulation veröffentlicht, mit der alle Abläufe des einfachen Bakteriums Mycoplasma genitalium in einem Programm nachgebaut wurden. Die Vorgänge in der Zelle wurden in 28 Submodule zerlegt. Das Programm enthält alle 525 Gene des Bakeriums und über 1.900 beobachtete Parameter. Im Ergebnis soll es möglich sein, mit dem Programm Veränderungen des Erbguts zu simulieren und die daraus resultierenden Veränderungen des Phänotyps zu berechnen.

Mycoplasma genitalium

Mycoplasma genitalium Whole-Cell Model
Das Modell enthält 28 miteinander vernetzte Submodule, die die Vorgänge innerhalb der Zelle und mit der Umgebung ausführen. Quelle: sciencedirect.com

Die Komplexität ist noch immer viel zu groß. Es wird versucht, »biologische Systeme aufzubauen, die nur auf den wesentlichen Teilen eines lebenden Systems basieren«, und an der »Erschaffung der kleinsten selbst-replizierenden Zelle« gearbeitet (Mampel u.a., S. 13). »Die kleinsten Genome der natürlichen selbstreplizierenden prokaryotischen Zellen codieren für nur 500 Gene.« (Mampel u.a., S. 15)

»Der heilige Gral beim 'Metabolic engineering' ist die Einführung eines heterologen Metabolismus, der vom metabolischen Netzwerk der Wirtszelle abgekoppelt ist.« (Mampel u.a., S. 16) Es geht darum, die Prozesse unabhängig von ihrer Wechselwirkung mit der jeweiligen Wirtszelle zu verstehen (Mampel u.a., S. 20). Das kann dann umgekehrt ermöglichen, »die Einführung orthogonaler metabolischer Module in eine existierende Zelle« (Mampel u.a., S. 21). Der Prozess wird unabhängig von einem Wirt verstanden und kann dann auf einen anderen Wirt übertragen werden.

Ergänzend die Definition: »Ein metabolisches Netzwerk stellt alle bekannten biochemischen Reaktionen innerhalb einer Zelle sowie den Transport von Nährstoffen zwischen der Zelle und ihrer Umgebung dar. Dieses Netzwerk lässt sich mathematisch als Gleichungssystem formulieren und bilden dann die Basis für die Vorhersage intrazellulärer Stoffströme (metabolic fluxes). Zellen können eine Vielzahl möglicher Nährstoffe nutzen; all diese Nährstoffe werden dann aber zu einem kleinen Satz von Zwischenprodukten ab- und umgebaut. Aus diesen 'standardisierten' Bausteinen kann die Zelle Energie gewinnen und wachsen.« (Blickwinkel Q4 2012/13, S. 46)



Offene Fragen

An die Bioökonomie werden zunächst die gleichen Fragen gestellt wie an alle neue Technologien: Werden neue Prozesse und Produkte eingeführt, bevor alle möglichen Nebenwirkungen und Risiken bekannt sind? Ist sichergestellt, dass die Prozesse nicht außer Kontrolle geraten und überspringen? Ist der Arbeitsschutz für die in der Produktion beschäftigten Mitarbeiter gewährleistet? Wird einseitig auf eine bestimmte Richtung gesetzt, bevor alle Alternativen abgewogen wurden? Droht eine Monopolbildung bei wenigen Großkonzernen?

Die ökologische Kritik richtet sich vor allem an die grüne Bioökonomie. Stichworte sind Genmais, Klon-Fleisch und die Verdrängung dringend benötigter Agrarflächen durch den Anbau von Biokraftstoffen. 2014 erschien das Buch Irrweg Bioökonomie von Anita Krätzer und Franz-Theo Gottwald von der Schweisfurth-Stiftung, das seinerseits kritische Rezensionen hervorgerufen hat, siehe den Überblick bei perlentaucher.de. Sie werfen der Bundesregierung vor, »der Erforschung ökologischer Landwirtschaft wie auch alternativer Wirtschafts- und Produktionsformen viel zu wenig Geld zur Verfügung« zu stellen (Gottwald im Interview mit Huffingtonpost am 23.9.2014; Link).

Der roten Bioökonomie (Produktion von Biopharmazeutika) war mit dem Penicillin ein Durchbruch der Medizin gelungen. Sie gerät vor allem mit der Stammzellentherapie in die Kritik. Ist es ethisch verantwortbar, Embryonen zum Zweck der Stammzellen-Gewinnung zu züchten?

Dagegen werden bei der weißen Bioökonomie Risiken vor allem bei fehlenden Fachkräften, mangelnder Anwendungsorientierung der Forschung, unzureichend koordinierten Forschungs- und Wirtschaftsaktivitäten sowie fehlender finanzieller Unterstützung von Start-up-Unternehmen gesehen (so Nusser u.a. in einer groß angelegten Studie von 2007).

»Es besteht übereinstimmende Einigkeit, dass die industrielle, weiße Biotechnologie keine bzw. nur sehr geringe Gefährdungspotenziale aufweist. Zwar weisen chemische Prozesse z. T. ein hohes Risikopotenzial auf, das aber gut beherrscht wird. Es wurde öfters betont, dass die IWBT (Industrielle Weiße Biotechnologie) sogar zur Reduktion von Risiken beitragen kann: Z. B. kann in der Fettchemie durch Biokatalyse der Einsatz von Lösemitteln reduziert werden. Enorme Chancen werden vor allem auch im Hinblick auf die Schonung wichtiger Ressourcen gesehen.« (Nusser u.a., S. 113f)

Bei der weißen Biotechnologie stellen sich daher im Moment in erster Linie grundsätzliche wissenschaftliche Fragen:

  • Biomathematik: Mit welchen Methoden gelingt die Vereinfachung komplexer Strukturen? Ist das im Rahmen der bis heute bekannten Mathematik möglich? Wie ist der Übergang rein geometrischer Strukturen und großer Datenmengen in Gebilde zu beschreiben, die eine innere Lebendigkeit aufweisen? Ist für lebende Systeme eine eigene Wissenschaft zu entwickeln, die sich von den bisher bekannten Wissenschaften auf ähnliche Weise unterscheidet wie die Mechanik von der Geometrie?

  • Phylogenese: Die Phylogenese beschreibt die Verwandtschaften der Lebewesen untereinander. Das erfolgt bisher im wesentlichen durch morphologische und anatomische Beschreibungen und begründet die Evolutionstheorie, die einen historischen Entwicklungsweg nachweisen wollte, der zur Ausbildung neuer Eigenschaften führte. Dank der DNA-Analyse ergeben sich heute neue Möglichkeiten. Werden die Erbsubstanzen verglichen, kann mithilfe biomathematischer Methoden ein völlig anderer Baum erschlossen werden, wie sich das Erbgut unterschiedlicher Pflanzen auseinander entwickelt hat. Der Mensch erscheint nicht mehr als "Krone der Schöpfung", sondern innerhalb der Tiere als ein Ast der Entwicklung unter zahlreichen anderen Ästen. Ausgehend von einem biomathematisch errechneten, virtuellen Anfangspunkt (root), werden heute die Lebewesen in drei große Gruppen eingeteilt, wobei der Mensch mit den Tieren zur Gruppe der Eukaryoten zählt, das sind die Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern aufweisen. In früheren Entwicklungsepochen der 3,8 Mrd. Jahre währenden Geschichte der Erde haben sich andere Lebewesen wie die Archaeen entwickelt, die unter völlig anderen Bedingungen eine vergleichbare Komplexität aufweisen. Es ist eine der spannendsten Fragen der heutigen Wissenschaft, welche neuen Zusammenhänge entdeckt werden können, was sie über die Evolution verraten und wie die Eigenschaften dieser Lebewesen genutzt werden können.

    Phylogenetischer Baum
    Phylogenetischer Baum
    Quelle: Wikipedia, siehe auch Whittaker


  • Evolutionstheorie: Muss die Evolutionstheorie revidiert werden und wird es gelingen herauszufinden, nach welchen Prinzipien die Evolution gesteuert wird, wenn zur Erklärung nicht mehr das Zufallsprinzip ausreicht?

Da von den geschätzten mehreren Millionen Mikroorganismen bisher nur 11.000 bekannt sind, steht die Forschung noch ganz am Anfang.


Literatur

Bioökonomierat; Link

biotechnologie.de: Biotech-Kosmetik salonfähig machen, 14.2.2014; Link

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Weiße Biotechnologie, Bonn, Berlin 2012; Link

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Bioökonomie als gesellschaftlicher Wandel, Berlin 2014; Link

Bundesregierung: Stand und Perspektiven der Weißen Biotechnologie, Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten René Röspel, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Willi Brase, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
Drucksache 17/8891, März 2012; Link

Ernst & Young: Momentum nutzen – Deutscher Biotechnologie-Report 2015, Mannheim 2015; Link

Ernst & Young: Global Biotechnology Reports, aktuell bis 2014, Mannheim 2014; Link

Europäische Union (EU): »En Route to the Knowledge-Based Bio-Economy« (Cologne Paper), 2007; Link

Babette Fiedler u.a.: Werte im Wandel
in: Blickwinkel Q1 2013/2014 (Werte), S. 6-19

Bergsträßer Anzeiger: BUND und BRAIN wollen miteinander im Gespräch bleiben, 23.7.2009; Link

Esther Gabor u.a. 2011: Metagenomics für die weisse Biotechnologie
in: Blickwinkel Q1 2011/2012 (Diversität), S. 6-18; Link

Esther Gabor u.a. 2014: Blickfeld Metagenomics
in: Blickwinkel Q3 2014 (Ordnung), S. 6-15

Jörg Mampel u.a.: Über den Umgang mit Komplexität beim „Metabolic Engineering”
in: Blickwinkel Q4 2012/2013 (Komplexität), S. 6-25; Link

Michael Nusser, Bärbel Hüsing, Sven Wydra: Potenzialanalyse der industriellen, weißen Biotechnologie
erschienen beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (Fraunhofer ISI), Karlsruhe 2007; Link

Christian Patermann: Innovation – Wachstum – Bioökonomie
in: Blickwinkel Q4 2013-2014 "Wachstum", S. 41-47; Link

Stefan Pelzer 2012: Massgeschneiderte Mikroorganismen
in: Blickwinkel Q3 2011-2012 "Technologie", S. 7-23; Link

Verband der Chemischen Industrie (VCI): Chemiewirtschaft in Zahlen 2014, Frankfurt 2014; Link

Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa): Biopharmazeutika , Berlin 2010; Link

Danielle Whittaker: BEACON Researchers at Work: Testing Phylogenetic Inference with Experimental Evolution, 18.März 2013; Link

Holger Zinke: Das Zeitalter der Bioökonomie
in: Kursbuch Biopolitik Bd. 4 2010 (Biocom-Verlag)

Bildnachweis (Automatisierte Hochdurchsatz Durchmusterung von Enzymbanken): BRAIN AG Zwingenberg, BRAIN

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