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Alles dreht sich um die Negation

Franz Rieder • Ein Tanz- und Spottlied dem Geist der Schwere • Vom wilden Treiben im Olymp

Wie die Erde um die Sonne kreist das begriffliche Denken um die Negation. So will es Hegel wissen. Aber Hegel selbst war sich explizite da nicht ganz so sicher. Ernst Bloch hat das nachgeholt. Indem er gegen die „bestimmte Negation“, die bei Hegel doch den größeren, den bedeutenderen Raum einnimmt, auf ein offenes System instierte und deshalb auch für die „unbestimmte Negation“ votierte. So wäre denn auch die Bewegung des Begriffs nicht ganz exakt konzentrisch, sondern eher eifrig, sie trudelte halt etwa so wie die Erde im Weltraum und trüge auch deren Schicksal, zunehmend mehr von der Bahn abzukommen, nur, dass das in nicht ganz so ferner Zukunft passierte.

Wir haben schon im Kontext der Begriffslogik darauf verwiesen, dass Bloch und wie wir meinen auch Hegel den Begriff nicht als etwas Statisches, Fertiges, Endgültiges denken. Bloch formuliert mit seinem Urteil:  „S ist noch nicht P“1, das die statische Bestimmung „S ist P“ dynamisiert, das grundlegende Beispiel einer von jeder Statik gelösten Bestimmtheit des Subjekts wie sie formallogisch in der prädikativen Bestimmung fixiert ist.
Und darin, so Bloch, wäre auch jede Entwicklung des Subjekts lediglich denkbar als eine Entfaltung, oder wie man heute andernorts gerne sagt, als ein roll out von bereits Vorhandenem. Aber Bloch wie Hegel geht es primär darum, nicht kausale Strukturen resp. teleologische allein und ganz eng zu fassen, sondern Strukturen von Überschreitung, Transzendierung2.

Wenn Entwicklung also im Denken möglich sein soll, dann kann die Möglichkeit als solche auch nicht Teil des Vorhandenen als solchem sein, sondern muss über das Vorhandensein hinausweisen. Wir haben also in der Hegelschen Begriffslogik gesehen, dass Hegel unter dem Begriff grundsätzlich wie auf jeder Stufe das „sich Entwickelnde“ versteht und so der Begriff  immer die „unendliche, schöpferische Form, welche die Fülle alles Inhalts in sich beschließt und zugleich aus sich entlässt“3 vorstellt4.

Aber was viele Kritiker wie Befürworter der Hegelschen Philosophie unterpointieren ist, dass die Idee als Triebkraft dieser Entwicklung fungiert. Sie ist aber deshalb noch lange keine teleologische Bestimmung sondern bei Hegel durchaus gedacht als „Orientierung“ wie der Null-Meridian auf hoher See bei der Navigation die Bestimmung der Richtung, nicht die des Ortes ermöglicht.

Aber noch einmal einen Schritt zurück zur Negation. Wichtig als Voraussetzung zum besseren Verständnis ist, dass es bei Hegel in allen seinen Schriften keine explizite, von den jeweiligen Inhalten unabhängige Methode gibt, auch nicht geben kann. Hegel wendet generell kein feststehendes Theoriegebäude auf einen Inhalt an und also gibt es auch keine allgemeine Theorie der Negation. Man muss daher der Negation jeweils dorthin folgen, wo sie angewandt wird und im Mitgang der Hegelschen Philosophie am Ort sozusagen ihre Bestimmungen aufspüren.

Wir wollen uns an dieser Stelle mit den „Minimalbestimmungen“ der Negation beschäftigen, also mit solchen Bestimmungen, die, übrigens von Hegel selbst formuliert, mindestens bei einer Negation gegeben sein müssen. Das ist einmal jeder Unterschied5, zum zweiten „die Schranke ist eine Negation überhaupt“6, was Hegel später die „gegenseitige Grenze des Einen gegen das Andere“7 nennen wird, sowie eine bildschöne Vorstellung von Hegel, die Pullulation (Knospung) eines Begriffs, der Einwurf genannt, sogar einer, dem man schnell und unrechtmäßig „Mangel an Bildung (…) und Ungeduld der Eitelkeit dieses Mangels vorwirft“8.

Der Unterschied ist gewissermaßen die allgemeinste und zugleich abstrakteste Negation, manchmal auch erste Negation genannt, im 21. Jhd. oft auch als Disjunktion, besonders im sog. Poststrukturalismus missverstanden. Eine Negation ist nie und schon gar nicht bei Hegel rein verneinend. Mit Verlaub, eine reine Verneinung gibt es nicht, was soll das sein? Alles, was durch Negation unterschieden und sogar getrennt wird, ist gleichzeitig auch verbunden. Das Eine (Etwas) braucht doch das Andere, um sich zu unterscheiden. Seit Goethes Faust und der Figur des Mephisto wissen wir das schon.
Bei der (abstrakten) Negation kommt es gerade darauf an, in der Unterscheidung das Spezifische des untersuchten Gegenstands zu begreifen, also schon etwas von seinem konkreten Wesen bzw. seiner Identität, die bereits hier als die Einheit von Identität und Unterscheidungen bestimmt ist. Und so verwundert es auch nicht, dass gerade die Wesenslogik dadurch gekennzeichnet (und beschränkt) ist, dass sie diese Unterscheidungen expliziert.

Bei der Verneinung als Schranke bzw. Grenze macht Hegel einen Unterschied, der eigentlich gar nicht hier hin gehört, der schwierig nachzuvollziehen ist. Er unterscheidet zwischen einer „qualitativen Schranke der natürlichen Dinge und der nur im Geiste (…).“9. Unglückliche Formulierung, von denen man einige in den Berliner Schriften findet, die aber ebendort auch ihre „Aufklärung“ finden, indem er schreibt: „Die natürlichen Dinge sind beschränkt, und sie sind es für uns, in Vergleichung mit anderen Dingen und ohnehin mit dem Geiste. – Diese Vergleichungen aber machen die natürlichen Dinge nicht, nur wir machen sie (…).“10.

Es ist nicht einfach, nachdem die Naturwissenschaften und Teile der Philosophie uns Jahrtausende gelehrt haben, es gibt eine natürliche Welt da draußen mit eigenen Gesetzen, eigenen Eigenschaften, einem von uns getrennten Sein (Natur) etc, dieser Vorstellung nicht unbemerkt für einen Moment aufzusitzen.


Eins-Zwei-Drei-Eins-Zwei-Drei

Nicht, dass in der Hegelschen Negation keine Musik wäre. Sie nutzt den Walzertakt, der auch der Takt der Trance, der Takt des taumelnden Bewusstseins genannt werden darf. Die Schrittfolge ist eine Dreischritt-Abfolge. In der Wissenschaft der Logik entwickelt Hegel wie wir sahen die Abfolge: Moment der Identität – Moment der Nichtidentität – Herstellung der Identität und Einheit der Identität und der Nichtidentität. Dabei dreht sich die Negation auf dem Parkett des Denkens spiralförmig um sich selbst zu immer höherer Erkenntnis, indem sie am Ende ihren Anfang, ihren Grund im Lichte der Totalität aller Totalitäten erkennt. Allein bei dieser Vorstellung kann man schon das Gleichgewicht verlieren und in einen Bewusstseinszustand geraten, in dem alles um einen herum zu taumeln beginnt.

Wir haben gesehen, dass in Hegels (fraktalem) System den drei Denkhorizonten Sein, Wesen und Begriff auch drei Momente des begrifflich-logischen Denkens zugeordet sind, abstrakt, negativ-vernünftig bzw. endlich-begrenzt und schließlich positiv-vernünftig. Wir finden drei Formen des Selbstseins bei Hegel, denen drei Formen der Relation zwischen Selbst und Anderem entsprechen. In der Seinslogik entwickelt sich diese Relation als ein Übergang des Selbst in ein Anderes. In der Wesenslogik steht die Reflexion des Selbst als Reflexion in sich der Reflexion in einem Anderen (impersonal) gegenüber und in der Begriffslogik erreichen wir wieder einen Bewusstseinszustand des bei-sich-sein im absoluten außer-sich-sein bzw. im Beisichsein im Anderen seiner selbst11.

So wie wir den „Denkkomponisten“ Hegel kennen, verwundert es auch nicht, das bei allen diesen Vorgängen des Denkens (Begriffs) auch drei Formen von Negativität am Werke sind. Zwei davon sind allseits bekannt und auch nicht schwer nachzuvollziehen. In der Seinslogik umschreibt Hegel die erste Negation aus dem Unterschied heraus durch die negative Bestimmung einer Schranke bzw. Grenze. Dabei vergisst die kritische Hegellektüre oft, fast schon notorisch, dass die erste Form der Negativität bereits schon die Negation der Negation beeinhalten, also nicht auf einer höheren, sondern auf allen Stufen des Denkens sich vollzieht. Der Negation als Grenze entspricht also auf gleicher Ebene die Bestimmung von Etwas aus seiner Grenze bzw. seinen Unterschieden, was bereits eine Negation der Negation ist. Wir sagen ja auch nicht über einen grünen Apfel: das ist nicht eine Birne, nicht rot, nicht… sondern einfach: das ist ein grüner Apfel.
In der Seinslogik wird, unschwer zu erkennen, in einer gewissermaßen horizontalen Weise sequenziert, also alle Unterschiede liegen in einer benachbarten, der Qualität der Bestimmungen nach gleichgeordneten Weise nebeneinander. Sie alle sequenzieren Eigenschaften der Sache im Begriff, also scheinbar äußerliche Qualitäten.

Um bei diesem Bild zu bleiben, möchten wir die zweite Negation, nunmehr die zweite Sequenz der Negation hin zur Negation der Negation als eine vertikale Binnenstruktur des Seins im Begriff vorstellen. Hegel spricht in diesem Zusammenhang gerne von einem „in sich gegangenen Sein“ als dessen Wesen. Der Begriff weiß sich auf dieser Reflexionsebene, die wir gerne auch als Horizont bezeichnen, als Grund, als Wesen, welches sich selbst setzt. Diese Selbstsetzung erkennt sich als Grund und das Sein als Negativität. Im Fortgang der Frage nach dem Wesen, die eine Reflexion ist auf das, was zwischen dem Negierenden (Subjekt) und dem Negierten (Objekt) geschieht, wird die Negation des Seins in der Sichselbstgleichheit bzw. der Identität des Denkens Teil der Reflexion selbst. Insofern das Denken dies erkennt, ist es schon Negation der Negation bzw. die Bejahung des Seins im Denken. In diesem Horizont aber erscheinen das Denken wie das Sein als Momente von Vermittlung und also von aufeinander bezogener Momente des Denken selbst, von Relativität.

In dieser endlichen Form der Beziehung aufeinander ist die wahre, sprich absolute Form der Selbstidentität aber noch nicht erreicht, die erst, nach Hegel, in der Sphäre des Begriffs und seiner Vollendung als Idee erreicht wird. Bei der dritten Sequenz von Negativität braucht es etwas mehr an Phantasie. Dies bewerkstelligt einzig das spekulative Denken als solches, als Ganzes. Hier hat es der Begriff also allein, absolut nur mehr mit sich selbst zu tun. Die horizontale und die vertikale Dimension des Denkens, sozusagen von den Eigenschaften des Seins und deren Auflösung als Bestimmungen und Fortgang des Denkens selbst12 sind nun im Begriff zu einer Einheit geworden, also einer Selbstnegation des Seins und des Denkens. Dies schreitet nun erneut voran zu einer neuen Form der Totalität, in der der Begriff sich selbst überschreitet und objektiviert. Diese Bewegung der Selbstobjektivierung des Begriffs umschreibt nun also die Negation der Negation unter diesem Horizont, als die Begrenztheit des Begriffs in seiner Selbstüberschreitung (Transzendierung) zu einer, nach Hegel letzten Einheit gelangt, der Einheit von Begriff und Objektivität, die einzig und absolut nur in der Idee zu einer absoluten und zugleich konkreten Einheit sich synthetisiert.

Der Motor der Negativität treibt das begriffliche Denken auf allen Ebenen an und führt in der Wesenslogik zu einer, zwar abstrakten, aber doch ersten Identität des Denkens. War vor Hegel und wir nehmen den gesamten deutschen Idealismus mal dazu, auch wenn dies nur mit Einschränkungen im Einzelfall gilt, die Frage nach dem Wesen von etwas eng verbunden einer letzten Identität, so ist mit Hegel diese letzte zu einer ersten Identität geworden.

Aristoteles unterscheidet zwar zwei Bedeutungen von Ousia, einmal das Selbstständigkeit besitzende konkrete Individuum, zum anderen die allgemeine und bleibende Bestimmtheit eines konkreten Individuums. In beiden Fällen aber ist das Zugrundeliegende Wesen wie auch später, seit dem Mittelalter, ab wann die Frage nach dem Wesen nun als Frage: Was ist das? (quidditas) eng verbunden ist mit dem Begriff der Essenz (essentia) und dem der Substanz als „letzte Bestimmtheit“.

Von dort aus erhebt es Hegel in eine nächste Dimension, wo die Negativität nicht mehr abstrakte, sondern konkrete Identität bezeichnet, nämlich die Selbsterkenntnis des Denkens als dessen eigentliches Wesen, als eigentlichen Grund der Frage nach dem Wesen selbst.
Aber erst im entwickelten Begriff lässt sich Selbstsein oder die Verwirklichung des Begriffs im Dasein denken, so es nicht nur ein geschichtliches Dasein meint, sondern auch das geschichtlich Gewordene mit einschließt. Was Hegel hier im Auge hat, ist ein Begriff, der als eine umfassende Adäquation imponiert, als Wahrheit von Denken und Sein im Absoluten.13

Wenn aber der Begriff sich in der Idee verwirklicht hat, dann sind alle seine Bestimmungen darin aufgehoben, sein „Anderes“ vollkommen Idee, Sein und Denken vereint; ein schöner Traum.


Ein Tanz- und Spottlied dem Geist der Schwere


Also sprach Zarathustra.

Wenn es zu trocken ist, trinkt man besser etwas. Und all zu langes Sitzen ist auch schädlich; ein Tänzchen gefällig? Bier und Tanz gehören zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit, vermutlich sind alkoholhaltige Getränke gerade so alt wie die Menschheit selbst. Die ältesten erhaltenen Dokumentationen des Tanzens wurden gefunden in indischen Höhlenmalereien, die wohl im Zeitraum zwischen 5.000 und 2.000 v. Chr. entstanden. Mag sein, dass auch der Tanz eine viel längere Geschichte hat und es wäre nicht ganz unplausibel, wenn der Tanz sich parallel mit dem Verzehr überreifer, vergorener Früchte entwickelt hätte.

Beide, Tanz und Alkohol wären dann zufällige Entdeckungen, von Kausalität keine Spur und so manch‘ einer ist nach einem Bierchen schon aus der Spur geraten und hat seinen Weg nur noch ungerade auf Kreisbahnen und im Zickzack fortsetzen können. Es ist halt wie das Leben selbst, aber doch auch wie in Hegels Begriff, im Bier ist das Sein vergoren, inkorporiert im Genuss desselben, ausgesprochen und verwirklicht im Taumel des tanzenden Körpers, der seine Endlichkeit im Geiste so transzendiert; mindestens.

Es verwundert ja nicht, dass nach Hegel gegen den Geist der Schwere anphilosophiert wurde und in Nietzsches Nihilismus ihren gleichsam heiteren wie verzweifelten Counterpart fand. Bedeutend war bzw. ist der Nihilismus weniger als Kritik der Schwere, als Kritik von Kirche und Religion als institutionelle Vertretungen einer Existenz in Schuld und Sühne, obwohl hier durchaus Klärendes geleistet wurde.

Der Nihilismus war von Anfang an als eine Weltsicht formuliert, weniger in einem System von Begriffen als in Reden, Gedichten und Gesängen. Seine Negativität, die eine absolute ist, hat er vom System des Deutschen Idealismus geborgt. Insofern aber konsequent alles verneint wurde, jegliche objektive Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung, insofern alle Institutionen, Gesetze, selbst Regularien negiert wurden, wurde und ist der Nihilismus Zufluchtsort für das politische Individuum, das zoon politikon, im Gedanken der Anarchie bis zur Teilnahmslosigkeit und Apathie geworden wie das wissenschaftliche Subjekt, das begriffliche Denken dem absoluten Vorrang des Einzelnen im Sinne des Individuums mit nur seinen Wünschen, Trieben und Neigungen, dem alles erlaubt ist, weichen musste.

Gegen den Geist der Schwere setzte Nietzsche die verzweifelte Heiterkeit des Seins im Dasein des Zarathustra. Ein Wanderer, nicht Pilgerer, eher vergleichbar mit einem Nomaden, ohne festen, nicht einmal temporär festen Wohnsitz. Aber eigentlich geht die Vorstellungswelt des Nihilismus sehr weit zurück in den griechischen Mythos und dort zur Figur des Dionysos.


Vom wilden Treiben im Olymp

Dionysos (griechisch Διόνυσος, latinisiert Dionysus) gilt als der jüngste der großen griechischen Götter, sesshaft im Olymp, aber selten dort für länger anzutreffen, da er meist den weiblichen Gottheiten und den Sinnesfreuden nachstellte. Die Literatur und die Poesie haben den Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase in der Figur des Lysios bzw. des Lyäus (griechisch: λυαῖος) als „Sorgenbrecher“ verklärt.

Nimmt man nur die wichtigsten seiner Eigenschaften, dann ist der Sorgenbrecher durchaus auch Schwerenöter, ein „Lärmer“ (Bromios ) bzw. ein „Rufer“ (Bakchos oder Bacchus), ein Trickser und Untreuer, Unzuverlässiger wie Schwindler. Gelinde gesagt, ein recht egozentrisches Früchtchen, aber das hat er wohl vom lieben Papa.

Berühmt und bis heute damit verbunden sind die orgiastischen Riten des Dionysoskultes, bei denen die Malzeiten den Charakter von rituellen Tiertötungen mit anschließender Verspeisung derselben hatten, wildes, körperliches Begehren, quer durch alle Geschlechterdifferenzen, also in „freier“ Liebe zelebriert wurde, nicht ohne Pauken und Trompeten, die zum Tanz aufspielten. In Wirklichkeit spielte man damals die Flöte und die Tambourine und in den Dionysien sollen Tänze dargeboten worden sein, die wahrlich keinen Vergleich mit den freizügigsten Etablissements auf der Hamburger Reeperbahn oder in Frankfurts Bahnhofsviertel zu scheuen bräuchten.

Für Nietzsche, den phantsievollen Philosophen, war das exzentrische, rauschhaft vitale Dionysische geradezu prädestiniert, gegen das gezähmte, ästhetisch kontemplative Apollinische gesetzt zu werden und beide als die ganz zentralen Grundprinzipien der menschlichen Existenz zu veranschlagen. Und da haben wir schon die Krux von der ganzen Angelegenheit. Selbst als bloße Weltsicht formuliert, kommt der Nihilismus dann doch nicht ohne Prinzipien aus.


Im Rausch der Sinne

Was auffällt ist die Parallelität der Ereignisse, im Mythos wie im philosophischen Diskurs. Ein eigenartiger Dreiklang aus orgiastischem Sinnentaumel, Wahnsinn und Nihilismus, den man allenthalben antrifft. Im Mythos, wobei wir anmerken, dass es den Mythos kaum gibt, zählt man doch bei allen einige, besonders bei dem Dionysos-Mythos gleich mehr als ein Dutzend Varianten. Mit der Vorstellung, einen großen Teil des Daseinsvollzugs hauptsächlich auf der Basis des Lustprinzips zu vollziehen geht stets die Vorstellung einher, am Wahnsinn zu erkranken.
Gleichzeitig aber und als große Entschädigung dafür, wird ein Zustand der unbeschränkten Freiheit zitiert, wenn nur genug der Verneinung von Regeln, Gesetzen, Prinzipien und Ordnungen angestrebt und schließlich gelebt wird. Der Nihilismus also führe zur individuellen Freiheit eines selbstbestimmten Lusterlebnisses und gleichzeitig in der kollektiven Annahme als Totalverweigerung zur permanenten Revolution, also zur anarchistischen Utopie.

Und was ist mit dem Wahnsinn selbst? Der taucht immer im Zusammenhang mit der Frage nach der Identität auf, nie als Krankheitsphänomen. Sowohl der Ich-Identität wie auch der impersonalen Identität, der Sichselbstgleichheit des Denkens, das verkürzt fortan als Vernunft bzw. Rationalität, also als begriffliches Denken vor den Richterstuhl muss. Die Anklage aber ist auch hier älter und die vielleicht älteste, uns erhaltene, ist die epikureische Philosophie.

Wir sahen im epikureischen Denken den Primat der Willensfreiheit sowie die Perspektive der Bestimmung des Menschen aus seiner Individualität, umgeben von einem vom Zufall durchwalteten Kosmos. Kein Zufall, dass Nietzsche gerne seine Philosophie gesungen hätte, als sie mit wissenschaftlicher Substanz zu versuchen. Da er aber wohl ein lausiger Sänger war, blieben ihm die Aphorismen, die gleichsam wie kleine Liedstücke, wie kleine Libretti seine Gedanken skizzieren.

Wirklich populär wurde der Nihilismus durch den Schriftsteller Iwan S. Turgenew, der nicht nur wie fast alle russischen Schriftsteller seiner Generation von Alexander Puschkin beeinflusst war, sondern auch von Goethe, Charles Baudelaire, Giacomo Leopardi und – im Alterswerk – von Arthur Schopenhauer. Aber bereits 1733 erwähnte Friedrich Lebrecht Goetz das Wort Neinismus beziehungsweise Nihilismus als literarischen Terminus. Einige Jahre später versuchte der theosophische Mystiker Obereit, Schriftsteller und Wundarzt ebenso, bekannt mit fast allen damaligen Granden der Literatur und Philosophie wie Goethe, Schiller, Wieland und Fichte, Immanuel Kants Bestimmung des begrifflichen Denkens als einzigen Erkenntnisgaranten durch eine spekulative Methode zu unterlaufen, der er 1787 den Namen Nihilismus gab14 .

Man sieht, dass der Nihilismus eine reiche Vorgeschichte hat und bereits verbunden mit dem Namen Obereit sich als fundamentale Rationalismuskritik verstanden hat. Vielleicht bedurfte es zu damaliger Zeit besonders der Erfahrung der hinfälligen Leiblichkeit der menschlichen Existenz, wie sie dem Wundarzt u.a. der Branche der Leibesvisitatoren begegneten, um einen Gegenbegriff zur Rationalität vorzustellen, in dem das Irrationale, ein Zustand oder ein Handeln, welches nicht durch vernünftige Gründe gestützt ist, sondern durch Leiblichkeit, Affekte, Wunschdenken, anormale psychische Zustände jeglicher Coleur imponiert.

Geht man weiter zurück auf den Spuren des Nichts als der absoluten Verneinung, dann führt einen der Weg, gleichsam wie in der Schlussszene des Kinofilms Shining an den Ort der ursprünglichen Gabelung der Frage nach dem Sein. Dort stellt sich nicht mehr die Frage, was wir sind bzw. was das Sein ist, sondern diese Frage nach dem Sein schon unter wissenschaftlicher (Forschung) Blickrichtung, nämlich was wir vom Sein überhaupt erkennen können. Und wie in Shining ist es der Wissenschaft und heute in den allerweitesten Teilen auch der Philosophie nicht mehr möglich den Ort der Gabelung zu erkennen.

Denn sie sieht in den eigenen Spuren nurmehr den Weg vorwärts und bestenfalls eine Herleitung sprachanalytischer Positionen, wo das Nichts verkümmert zu einem Negationspartikel, einem „nicht“, welches zur sprachlichen Negation von Aussagen oder Satzelementen gebraucht wird. Das Nichts als Substantiv dient dabei noch allerlei anderen Verwendungen, etwa als „nihil privativum“, wenn damit etwas Abwesendes bezeichnet wird, dessen Abwesenheit eine erwartete Abwesenheit meint.

Gängig ist auch die Bedeutung des Nichts als etwas Wesenloses im Sinne von nichtig und irgendwie nicht greifbar oder in der Bedeutung von „Schein“ im Gegensatz zu „Sein“ im Sinne eines Uneigentlichen, von etwas, dem der innerste Sinn, das innere Sein, gar das Leben fehlt. Ubiquitär aber ist die Bedeutung als gewissermaßen ökonomisches Derivat im Sinne von Wert bzw. Werthaltigkeit, dessen Bestimmung als irrelevant klein bis Null beträgt.
Neuerdings kokettiert das Nichts mit einer weiteren Realitätsdimension, der Fiktion, der eine eigene Existenzform gerade in der virtuellen Realität zugesprochen wird, die, nicht selten und von vielen als die eigentliche Wirklichkeit, das eigentliche Sein vergöttert wird.


Anmerkungen:

1 Bloch EM, S. 41

2 ebenda

3 Enz.I, S. 307, § 160

4 Ein zentrales Missverständnis ist, dass man Hegel vorwirft, in seinem System könne Entwicklung nicht wirklich gedacht werden, weil der Begriff letzlich immer schon vorausgesetzt ist und diese seine Bestimmtheit der Vorstellung einer Entwicklung widerspricht. Auch Bloch vermerkt, dass auch Hegel "überall die Möglichkeit unter die Vorhandenheit beugt" (Bloch EM, S. 45), erkennt aber im System die Struktur vom Begriff über das Urteil zum Schluss wieder zum Begriff. In der Tat, setzt das Hegelsche System den Begriff als begründende Einheit tatsächlich immer schon voraus. Aber wie wir bereits gesehen haben, ist diese Einheit keine Entität, sondern trägt in sich bereits ihre Fraktur, ihre eigene Negativivtät (zum Gedanken, das Hegelsche System als Ganzes als ein fraktales System zu denken, kommen wir später).

5 Werke 6, S. 45

6 Berliner Schriften, Werke 11, S. 530

7 Werke 5, S. 153

8 Werke 11, S. 381

9 ebend, S. 530

10 ebenda

11 Diesen Zustand umschreibt man in der Psychologie mit Borderline, in der traditionellen Psychiatrie schon mit Schizophrenie.

12 Wir haben diese Verhältnis am Anfang unter dem Begriff der Komplementarität vorgestellt.

13 Auf die sehr schwierige Frage nach dem Verhältnis von Absolutem und Zeitlichkeit werden wir in aderen Zusammenhängen zurückkommen.

14 Jacob Hermann Obereit: Die Einsamkeit der Weltüberwinder, nach innern Gründen erwogen von einem lakonischen Philanthropen. Leipzig 1781



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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