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Der Rückgang in den Grund

Franz Rieder • Es gibt jeden Grund zur Sorge

Die erkenntnistheoretischen Probleme, die Kant zeitlebens mit sich trug, haben wohl ihre weitreichendsten Gründe in der Philosophie von René Descartes und dessen Trennung des Seins in die „res cogitans“ und die „res extensa“; wir gehen später darauf näher ein. Dort liegt die Vorstellung begraben, dass es eine Welt des Seienden, außerhalb des Denkens gibt. Begraben deshalb, weil sie bis heute als schieres Phantasma noch durch unsere Köpfe geistert.
Nimmt man die Inflation der Sprachen der Logik und Kants verzweifelte Suche, Subjektives und Objektives im Verstand zusammenzubringen hinzu, so sind das allemal schon mehr als Indizien für die Richtigkeit unserer These, dass das menschliche Denken mit „synthetischen Urteilen a priori“ bereits beginnt.

Empirisch ist dieser Beginn schwer zu datieren, da er kein festes Kalenderdatum hat. Wir verweisen hier nur auf Lacan, der das Denken in zwei Phasenzuständen mit fließenden Übergängen unterscheidet, wobei er im sogenannten „Spiegelstadium1 die Grundlegung des Bewußtseins des „sujet enfants“ ausmacht. Sartre, der an dieser Perspektive auch nicht ganz unbeteiligt war, sieht die Grundlegung des Denkens in einem „praereflexiven Cogito2.
Wir aber möchten an dieser Stelle nicht der ontogenetischen Betrachtungen folgen, nicht, dass uns die Perspektive, den Menschen aus seiner Individualgeschichte bzw. sein Denken aus seiner individuellen Entwicklungsgeschichte zu betrachten nicht interessiert. Aber mit der Perspektive, das Denken aus der Philosophiegeschichte des Begriffs zu betrachten, meinen wir, die umfassendere Perspektive zu besitzen.

Die reine Anschauung, so sahen wir bei Kant, ist kein Begriff, sondern eine Anschauungsform. Sie geht den Objekten der Wahrnehmung voran, was bei Kant ein oft gebrauchter Terminus für diese Art von Wahrnehmungsvorgängen ist. Er sieht lediglich einen physiologischen Vorgang, der natürlich an die Wahrnehmung eines Menschen gebunden ist und der also dem Wahrgenommenen vorgängig sein soll. Was verwundert ist, dass Kant hier keine konstitutive Wahrnehmungsleistung am Werke sieht. Also vorgängig, aber nicht konstitutiv, „als so fern sie bloß im Subjekte, als die formale Beschaffenheit desselben, von Objekten affiziert zu werden(..), ihren Sitz hat.“3

Dieses Zitat mag als ein Beispiel für viele stehen, um zu vermerken, dass Kant die physiologischen Vorgänge der Wahrnehmung immer unterscheidet nach der Richtung der Wahrnehmung, ob sie also nach außen auf ein Objekt oder nach innen auf sich selbst gerichtet ist. Und ebenso bestimmt Kant das Wahrgenommene als von Objekten affiziert (sic), die Wahrnehmung damit als eine bloße formale Beschaffenheit, die also da ist, vorgängig mithin, aber selbst nicht konstitutiv ist und der damit auch nicht der ontologische Status eines „subjectum“ beikommt.

Aber gerade, wenn es um die synthetischen Erkenntnisse a priori geht – die im Zusammenhang stehen mit der Wahrnehmung von Objekten in Raum und Zeit – verlässt Kant seine eigenen Auffassungen und kommt ganz in die Nähe einer fast kompletten Umkehr. Nur zur Erinnerung: es geht um den fundamentalen Widerspruch, der darin liegt, dass es ja von Objekten in Raum und Zeit, also von sinnlich wahrnehmbaren Seiendem, keine Erkenntnisse a priori, also von ‚vorneherein‘ oder ohne sinnliche Wahrnehmung geben kann.

Soll es nach Kant also „synthetische Erkenntnisse a priori geben, so muß es auch Anschauungen sowohl als Begriffe a priori geben“. Hier wagt er sich nun weit aus dem Fenster und notiert weiter: „Eine Anschauung, die a priori möglich sein soll, kann nur die Form betreffen, unter welcher der Gegenstand angeschaut wird; denn das heißt etwas sich a priori vorstellen: sich vor der Wahrnehmung, d. i. dem empirischen Bewußtsein und unabhängig von demselben eine Vorstellung davon, machen.“ Unschwer erkennen wir an dieser Stelle den Einfluss von Gedanken einer prästabilierten Harmonie oder von eingeborenen Ideen, wie wir sie von Platon und Leibniz gewohnt sind.

In der strengen philosophisch-logischen Argumentation von Kant muss natürlich unterschieden werden zwischen einem empirischen und einem Empirie-unabhängigen Teil der Wahrnehmung, in kantischen Termini genau gesagt zwischen einer Vorstellung und einer Anschauung. Und Kant weiß, dass eine Anschauung, so sie „Materie“ enthält, also Empfindungen und Sinneseindrücke (Impressionen), man nicht von einer Vorstellung a priori sprechen kann, da sie ja nicht von Erfahrung unabhängig ist.

Eine, von Erfahrung unabhängige Vorstellung, ohne „Material“, wäre ja völlig leer, also nicht weiter interessant. Nun sieht Kant aber, dass es durchaus Vorstellungen gibt, die von jeder sinnlichen Erfahrung unabhängig sind, die z.B. als „Material“ Begriffe wie etwa Raum und Zeit beinhalten, aber darüber hinaus eigentlich alle Allgemeinbegriffe bzw. Universalien, wozu natürlich auch Begriffe wie das Sein gehören.

Raum und Zeit sind für Kant diese reinen Anschauungen, die den empirischen Anschauungen bzw. Vorstellungen a priori zugrunde liegen und dadurch beweisen, daß sie „bloße Formen unserer Sinnlichkeit“ sind, „die vor aller empirischen Anschauung, d.i. der Wahrnehmung wirklicher Gegenstände vorhergehen müssen und denen gemäß Gegenstände a priori erkannt werden können, aber freilich nur, wie sie uns erscheinen (…)“4.

Eigentlich hat Kant hier den Vorstellungsraum des Ding an sich weiträumig verlassen. Eigentlich erkennt er, dass es keine empirischen Anschauungen des Seienden gibt, die ohne eine konstitutive Form des Denkens möglich sind. Nicht einmal Raum und Zeit bleiben davon verschont, sind „keine den Dingen an sich selbst, sondern nur bloße, ihrem Verhältnisse zur Sinnlichkeit anhängende Bestimmungen (…)“5.

Wenn also die Bestimmungen Raum und Zeit – wir bleiben aber lieber bei der Bezeichnung von Raum und Zeit als Begriffe – keine Eigenschaften des Wahrgenommenen sind, dann müssen sie also nach Kants Auffassung notwendigerweise in der Wahrnehmung selbst liegen.
„Es ist aber nicht die Form des Objekts, wie es an sich beschaffen ist, sondern die des Subjekts, nämlich des Sinnes, welcher Art Vorstellung er fähig ist, welche die Anschauung a priori möglich macht.“
Insofern sie im „Subjekt“ liegen, sind sie prinzipiell auch intelligibel. „Denn man kann a priori wissen, wie und unter welcher Form die Gegenstände der Sinne werden angeschaut werden, nämlich so, wie es die subjektive Form der Sinnlichkeit, d.i. der Empfänglichkeit des Subjekts, für die Anschauung jener Objekte mit sich bringt,(…)“ mithin demnach also „unter welcher (formalen und subjektiven Bedingung der Sinnlichkeit) wir gegebene Gegenstände a priori anschauen.“

Diese frühen Ausführungen Kants aus seiner Dissertation finden später ihre Wiederaufnahme und inhaltliche Bestätigungen in der Kritik der reinen Vernunft, besonders in der Transzendentalen Ästhetik.
Kant hat damit die Grundlage bereitet für diejenigen philosophischen Überlegungen, die sich mit reinen Anschauungen beschäftigen, die „a priori () unserer Erkenntnis der Dinge zugrunde (...) liegen.“6.


Es gibt jeden Grund zur Sorge


Das Dasein, also der Mensch in seinem gesamten Lebensvollzug steht an einem Abgrund. Genau genommen sind um ihn herum mittlerweile einige Abgründe entstanden, so dass seine Bewegungen in welche Richtung auch immer riskanter werden: wobei das Risiko, um das es hier geht, nichts tun hat mit so etwas wie Nachteile in der Konsequenz. Es geht in der Konsequenz um Leben und Tod. Nicht sein Leben, sein Tod, sondern der Gattung Mensch. Und nicht nur der Gattung Mensch.


Anmerkungen:

1 Vgl. Jaques Lacan:Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion (1949). In: Ders.: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 61-70

2 Vgl. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Versuch einer phänomenologischen Ontologie, Rowohl 1962

3 KrV Transzendentale Ästh. § 3 , S. 74.

4 Kant, Mund. sens. § 10 (III 36 f.)

5 ibid. § 11 (III 37)

6 Fortschr. d. Metaph. 1. Abt. am Anf. (V 3, 91 ff.)



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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