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Von hier aus. Unterwegs zur Geschichte

Franz Rieder • Abstraktion im Kunstbegriff von Platon

War ihm das Leben des Menschen nach dem individuellen Lustprinzip verdächtig, sich einer staatstragenden Vernunft unterzuordnen, dann war es für Platon auch konseqenterweise die „Abbildung“ des Sinnlichen generell. So favorisierte er natürlich auch eine „abstrakte“ gegenüber einer „figurativen“ Kunst:
„Unter der Schönheit der Gestalten will ich hier nicht das verstanden wissen, was sich die große Menge dabei denkt, wie z. B. die von lebenden Wesen oder von Gemälden, sondern ich verstehe darunter gerade Linien und Kreislinien und auf Grund dessen die mit Zirkel, Lineal und Winkelmaß hergestellten Flächen und Körper…Denn diese sind nicht relativ schön wie andere Dinge, sondern immerdar und an sich schön, und sie erregen bestimmte, ihnen eigentümliche Lustgefühle; und ferner auch Farben, die diesen Charakter haben und, da sie schön sind, auch Lustgefühle erregen.“1.

Mal abgesehen davon, dass Platon hier von den Archai ausgehende Lustgefühle unterstellt und ihm somit gleichzeitig das Gehirn als „erogene Zone“ unterläuft, was aber ganz gewiss auch wahr ist, denn Denken, unterstellen wir ihm mal, mag ihm selbst auch derartige Gefühle der Befriedigung bereitet haben, kommt mit der Mathematik also auch der Abstraktion von den Sinnen eine gewisse „sublimierte“ Lust zu.

Mit der Mathematik bestimmt Platon Kunst als nach angebbaren Regeln und präzisen mathematischen Verhältnissen hergestellte Werke aus Dreiecken, Kreisen, Linien und Quadraten mit entsprechend „reinen“ Farben – man erinnert sich hier spontan an Wassily Kandinsky als Wegbereiter der abstrakten Kunst – deren geometrische Formen rhythmisch ausgewogen, symmetrisch und wohlproportioniert sind, wobei auch der sogenannte „Goldene Schnitt“ wie ganzzahlige Verhältnisse die Bildkomposition beherrschen.

Mit der Mathematik und der Abstraktion in die Geometrie ist Platon natürlich auch sogleich das leidige Thema der „Geschlechtsspezifik“ in der Malerei los, sowohl in der Künstler-Seele als auch in der der Betrachter. Beide, Künstler und Betrachter müssen nicht wissen, dass die Komposition des Werkes stimmt, insofern sie beide die Gestimmtheit in ihren Seelen tragen, die auch auf wunderbare Art miteinander in Harmonie schwingen – wir werden an anderer Stelle noch eingehender auf den Begriff der Gestimmtheit der Seelen bei Platon eingehen.

Der platonische Künstler, der durch die Darstellung der ewigen Ideen die Seele des Betrachters zum mitschwingen bringt, ist sodann auch leicht verständlich zugleich technites und demiurgos. Man sieht, wirklich „frei“ war der Künstler nie. Nun teilt er mit dem leitenden Handwerker, dem Architekten, dem Ingenieur, die Fähigkeit, die Idee des Schönen im richtigen Maß zur Stimmigkeit zu bringen, die „angemessene Proportion“ aus seiner Seele ins Seiende zu entwerfen bzw. zu entfalten.

Das Verständnis von Kunst bei Aristoteles


Das ist das Schicksal des „unbewegten Bewegers“ oder Gottes, dem Platon hier den Weg bereitet: So sehr er auch die anderen zur Raison bringt, er selbst steht stramm. Und die Ideen des Platon, die ja insgesamt nur als Einheit sind, als sie die Transzendentalien der Wahrheit, des Guten und des Schönen nahtlos zusammenbringen, leiden gleich unter dieser „Feststellung“. Dort, wo sich nichts mehr bewegt, ist auch keine Freiheit; muss sie ja auch nicht sein. Dort, wo alles richtiges Maß, maßvolles Verhalten und angenehmes Verhältnis ist, wie soll Kunst da noch gedeihen, wozu braucht es dann noch den Geist des Widerspruchs?

Der Künstler wäre gleich auch Staatsmann, Philosoph und Wissenschaftler. Im platonischen Staat gäbe es keine Arbeitsteilung. Kunst, Wissenschaft, Politik und Bildung würden nebst allen anderen individuellen wie allgemeinen Begebenheiten umfassend Erkenntnis liefern, zumal es diese Trennung eschatologisch gar nicht mehr gäbe, da jeder in seiner Wahrnehmung des Seienden stets dessen Wesen sehen. Sie würden eine staatliche Einheit finden, in der selbst Fragen der Gerechtigkeit überflüssig wären.

Aristoteles widerspricht dem ausdrücklich und bestimmt die wissenschaftliche Arbeitsteilung als Wesenskern seiner „Kunstphilosophie“. Da jede Spezialisierung, jede Aufteilung des Seienden in bestimmte Disziplinen d.h. Einzelbereiche, Abgrenzungsprobleme zur Folge hat, muss die Frage gestellt werden, warum man dann solche Aufteilungen, Segregationen überhaupt vornimmt?

Für Aristoteles ist die Kunstphilosophie eine Disziplin und gehört nach seiner Aufteilung der Wissenschaften in die epistéme poietiké, in die Wissenschaft vom menschlichen Schaffen. Sie fragt danach, wie etwas gemacht wird und zu ihr gehören Ackerbau, Baukunst und Dichtung. Einordnen hier müsste man auch noch die Rhetorik, was aber diesen eh schon recht zusammengewürfelten Bereich noch disparater machen würde. Allein hier sieht man schon erste, ernst zu nehmende Abgrenzungsschwierigkeiten, die weiter zunehmen, folgt man den disziplinären Ausführungen weiter2.

Demnach unterscheidet er noch die epistéme praktiké, die Wissenschaft, die die menschlichen Handlungen zum Gegenstand des Denkens hat (auch praktische Wissenschaft genannt), worunter Ethik, Politik und Ökonomie zählen. Es wäre leicht und auch einigermaßen begründet, die Rhetorik hierher zu verschieben und zwar sowohl in den Bereich Politik als auch in die Ökonomie, aber lassen wir das mal.

Dann gibt es noch die epistéme theoretiké, die theoretische Wissenschaft, die ja eo ipso am weitesten entfernt sein soll von den sinnlichen, empirischen Erfahrungen, wozu dann Mathematik und Physik zählen. Und da es hier weder um das Herstellen noch um Handlungen geht, sondern um das Denken von Wahrheit, gehört zur theoretischen Wissenschaft an deren Spitze die Metaphysik, auch erste Philosophie genannt. Und nur Philosophen sind in der Lage, das ewige, unveränderliche Seiende zu denken und somit steht die aristotelische Metaphysik ganz in der Tradition des parmenideischen „Einen“ und der platonischen „Ideen“.

Die Abgrenzungsprobleme betreffen mithin die Kunstphilosophie als solche, die Aristoteles ja zur epistéme poietiké zählt, weil sie es mit geschaffenen Werken zu tun und so mit der Kunst und deren Seite der Techne zu tun hat. So steht sie denn auch neben Gewerbe, Handwerk und Ackerbau, könnte aber auch durchaus Verwandtschaft mit der epistéme theoretiké nachweisen, was Platon sicherlich eher akzeptiert hätte, als auch das theoretische Wissen (Episteme) eine Schöpfung ganz besonderer Art ist und der Kunst somit vergleichbar.

Was man hier schon mehr als erahnen kann, ist das große Werk des Aristoteles, alles, was bei Platon noch unklar bzw. zweideutig oder widersprüchlich war, in ein völlig in sich geschlossenes, logisches Denken zu ziehen. Alles, was man wissen kann, soll so in sich selbst konsistent sein.

Zur Konsistenz kommt nicht nur als Homonym die Konsequenz hinzu. Unbeirrbar und folgerichtig wendet Aristoteles seine Methode auch auf den Begriff des Kunstwerks an. Demnach ist die Frage: was ist ein Kunstwerk in vier Richtungen zu stellen und dann hinreichend beantwortet, wenn diese vier Fragen nach seinem Grund geklärt sind. Hinsichtlich seiner Form (Idee), seines Stoffs (Materie) seines Herstellers (Künstler) und hinsichtlich seines Zwecks (auch Adressat).


Anmerkungen:

1 Platon, Philebos 51 b

2 vgl. Aristoteles, 1995a, MP 1025b, 19ff



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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