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téchne. Der Mensch zwischen Arbeit und Kunst.

Franz Rieder •

Mit dem Begriff téchne (altgr. τέχνη) öffnet sich die aristotelische Metaphysik dem Verhältnis von Mensch und Natur. Steht der Begriff in der europäischen Philosophie bis heute noch zentral für ein bestimmtes Verständnis von Kunst, Wissenschaft und Technik, so hat er bereits eine der vielfältigsten Veränderungen durchgemacht. Seine Bedeutungsgeschichte beginnt bei Homer und den Vorsokratikern, zumindest soweit wir über Aufzeichnungen verfügen und dies überhaupt nachvollziehen können.

Mit Sicherheit spiegelt der Begriff téchne und seine unterschiedlichsten Bedeutungen seine lange Geschichte und geistig-kulturellen Auseinandersetzung in der jahrhunderte langen Tradition der antiken Philosophie, die Ausformungen seines Sinngehalts durch das antike Rom, dann des Christentum bis hin an den Beginn unserer modernen Auffassung im industriellen Zeitalter, die durch Mechanik und zweckrationales Handeln dominiert wurde.

In der Ilias haben wir die Möglichkeit einer Rekonstruktion des Begriffs als das handwerkliche Können von Menschen, die in der Zeit zwischen dem 13. und dem 7. Jhd. v. Chr. als Tekton bezeichnet wurden. Tekton kommt aus dem lateinischen architectus und geht als Kompositum zurück auf das altgriechische Wort ἀρχιτέκτων (architéktōn), welches sich wiederum zusammensetzt aus den Wörtern ἀρχή (archē), das übersetzt werden kann als der Anfang, der Ursprung, die Grundlage, das Erste und dem Wort τέκτων (téktōn) für Handwerker, Zimmermann. Zu Zeiten Roms war der architectus der oberste Handwerker, gleichbedeutend mit Baumeister und Baukünstler.

Im spätantiken Griechenland des Platon und Aristoteles bemerkte man schnell, dass Techne nur unzulänglich bestimmt war als handwerkliche Fähigkeit und damit gebunden an das bloße Herstellen von etwas. Man irrt gewaltig, wenn man Techne allein vom Produzieren herleitet, denn nichts anderes als eine Rückprojektion unseres Verständnisses auf das spätantike Griechenland wäre passiert.

Platon band den Begriff Techne an den Begriff Episteme (Wissen). Die Verbindung, die beide Begriffe miteinander bei Platon eingehen, ist so eng, dass eine Unterscheidung (fast) unmöglich ist. Einige Philosophen wollen in dieser, zwischen 413 v. Chr. und 405 v. Chr. entstandenen Auffassung Platons, die sich aus dem Dialog Gorgias erschließt, Episteme als Wissenschaft verstanden wissen, was blanker Humbug ist.

Platons Bestimmung von Techne als Synthese von Kunstfertigkeit und Wissen bestimmt hier Wissen als Wissen um ein Ziel oder einen Zweck, der in der Kunstfertigkeit mitschwingt, ja erreicht werden soll. Dieses formgebende „Prinzip“, das ergon, das erreicht werden soll, liegt also nicht allein in einer Herstellung von etwas, sondern letztlich in der Herstellung von etwas im Sinne des „Guten“, des „Besten“, des „Schönsten“ für das Hergestellte.

Und da die Ideen weder Motiv des Handelns und Arche des Wissens sind, ist die Techne weder intentional noch teleologisch zu verstehen. Da Ideen nie ganz erreicht werden können, ist es auch ganz und gar abwegig, an dieser Stelle Platons Lehre von der Techne mittels eines blamabel missverstandenen Begriffs von Episteme in der Wissenschaft begründet sehen zu wollen. Das Gegenteil dessen wäre eher richtig. Die Ideen nehmen Form und Gestalt an in der Techne, in der Kunstfertigkeit der Tekton, sonst nichts. Der Tekton ist Künstler in einem ursprünglichen Sinne, so wie das antike Verständnis der darstellenden Künste war, als das Sein der Götter zur Darstellung zu bringen.

Die Einheit von Kunst und Kultstätten

Geht man zurück in der Antike, wird man feststellen, dass Kunst und Kultstätten eine Einheit bildeten. Keins ist ohne das andere. Es gab die Kultus-Kunst und den praktischen Alltag der Geschäfte, Gewerbe und alle Formen von Tätigkeiten, beide, Kultus-Kunst und Alltagspraxis noch ohne weitergehende theoretische Betrachtung. Es gab Krieg, Sport, die Jagd, den Landbau, Küche und Kleidung und es gab, ganz und gar unstrittig, die hohe Stellung der Choreia, zu der Dichtung, Tanz und Musik gehörten – Malerei gehörte damals nicht dazu, wie auch einige andere der späteren Künste.

Die Choreia war öffentlicher Gottesdienst, war staatliche Kultus-Kunst der Darstellung der olympischen Götter. Zur Darstellung gebracht wurden die großen Dichtungen von Homer, Hesiod, Pindar, Bakchylides, Anakreons und der Sappho und sie alle wurden gesungen und choreographisch teils hoch aufwendig an Darstellern und Bühnenwerken inszeniert. Die großen Dichter wurden also, anders als heute, nicht individuell gelesen, sondern in den staatlichen Kultstätten, in Tempeln, Theater und Stadien aufgeführt und erlebt.

Dichtung, Musik und Tanz waren dabei eine Einheit. Insofern wir hier von Kunst sprechen, sprechen wir von Kunst als Einheit nicht im Gegensatz zum Besonderen. Diesen Gegensatz als Gegensatz gab es damals noch nicht. Der Dithyrambus z. Bsp. war eine Gattung der antiken griechischen Chorlyrik, ein Hymnos zu Ehren des Gottes Dionysos und wurde vorgetragen im Rahmen der Dionysien als ein Wechselgesang zwischen Vorsänger und Chor.
Der Paian (griechisch Παιάν: Nothelfer), auch als Päan oder Paion (Παιών) bekannt, ist ein feierlicher Gesang, der besonders dem griechischen Gott Apollon zu Ehren gesungen wurde, sowohl, wenn es zum Kampf ging, während einer Siegesfeier oder von den Unterlegenen einer Schlacht angestimmt wurde, um die Sieger zu besänftigen. Ihnen zugeordnet waren Musikinstrumente wie die Flöte (Aulos) dem Dionysoskult, die Lyra bzw. die Kithara (Harfe), die dem Kult des Apollon zugeordnet waren.

So waren Gesang und gesprochene Dichtung sowie Instrumentierung subsidiär wie auch der Tanz, der rhythmisch vorgetragen wurde und sich harmonisch einpasste in ein symphonisches Werk, dessen Zusammenklang aller beteiligter Künste die Choreia bildete.

Erst viel später zerfielen die liturgischen Gesamkunstwerke in ihre Teile, insbesondere dadurch, dass die Griechen die einzelnen Künste der Choreia isoliert von einander betrachteten und für jede einzelne eine eigene Sprache und ein spezielles Bewußtsein entwickelten. Aber noch auf der Olympiade von 588 v. Chr. wurde ein Kithara-Solo als eine Sensation angesehen, mit ambivalentem Staunen.
Die zum öffentlichen Kult gehörenden Kultstätten wurden schon früh von Handwerkern mit Fresken, Skulpturen, metallenen Bildwerken und Malereien ausgeschmückt, wobei ihnen nicht derselbe Stellenwert zugedacht war wie den darstellenden Künsten. Da sie durch Tekton, also Handwerker und Handarbeit hergestellt wurden und sie wie die Choreia zum Kultus gehörten, standen Architektur, Plastik und Malerei der Choreia zwar sehr nahe, waren aber als handwerkliche Kunstfertigkeiten nicht den darstellenden Künsten zugeordnet.

Es mag viel Streit gegeben haben in der kunstphilosophischen Einordnung der Techne, der sie mal zu den schönen Kunsten zählte, mal mehr zum Handwerk und zur Wissenschaft; etwas davon vernehmen wir heute immer noch. Platon jedenfalls, so sehr er sich auch um einen umfassenden Kunstbegriff verdient gemacht hat – und was wäre ein umfassenderer Begriff als der des Gesamtkunstwerks der Choreia? – hat mit seiner Gewichtung der darstellenden Künste über den „handwerklichen“ von Architektur, Plastik und Malerei gleichsam auch seinen Teil dazu beigetragen, dass dieser Streit überhaupt ausbrechen konnte. Wir kommen später darauf zurück.


Das Ansehen von Handwerk und Kunst


Das Ansehen, das Handwerk und Kunst im antiken Griechenland genossen, war auch damals schon eine Sache des gesellschaftlichen Diskurses. Die Bedeutung von Techne unterscheidet nach dem Ansehen in der griechischen Gesellschaft Handwerker, Gewerbe, Berufe und Ämter. Dabei rangiert die Techne der sozial niedrig stehenden Gewerbe, die auch schon mal ungeschminkt banausische Gewerbe genannt wurden und zu denen Banker, Leichenbestatter, Salbenhersteller, Köche und Schmiede gehörten, weitaus tiefer im Ansehen und an Bedeutung als die Techne der sogenannten höheren, oder freien Künste.

Diejenigen, die mit der Choreia zu tun hatten, nannten die Griechen vorzüglich „musikós“, weil sie etwas betrieben, was unter dem Patronat der Musen stand. Jene wurden unter technítes subsumiert, zu denen Handwerker, Maler, Bildhauer und Baumeister gehörten. Alle waren cheirourgoí, was in wörtlicher Übersetzung Handwerker heißt, und somit gehörte auch der praktische Arzt zu ihnen.

Weiterhin unterschied man im antiken Griechenland, lange bevor es überhaupt einen Begriff oder ein Wort für Kunst und Künstler gab, die Berufe neben ihrem sozialen Ansehen auch nach reinen Dienstleistern und jenen, die Werke hervorbrachten. Diese waren jenen sozial übergeordnet.
Wer ein Werk hervorbrachte war ein demiourgoi und so galten die bildenden Künstler mehr, als reine Dienstleister wie Ärzte. Angesehener waren die Architekten, die ja einen beaufsichtigenden und leitenden Beruf, nämlich Baumeister ausübten und der damit, wie Platon schreibt:
sich nicht selber anstrengt, sondern über die Werke herrscht.“ (Politeia 259 e). So versteht sich auch, warum im antiken Athen ein Theaterpächter zu den angesehenen Berufen zählte.

Eine weitere Unterscheidung war rein ökonomischer Natur. Handwerker und bildende Künstler, etwa Maler, die einen Tempel oder einen Palast mit Fresken schmückten, lebten von ihrer Kunst und ließen sich einen ausgehandelten Lohn auszahlen.
Musiker übten ihre Kunst aus Berufung, neben- oder außerberuflich in ihren Mußestunden aus und waren meist ökonomisch unabhängige Patrizier. Wenn sie aber von ihrer Kunst lebten, wurden sie nicht wie Handwerker entlohnt, sondern in Form von Geschenken oder Ehrengaben belohnt. Sie erhielten also ein Honorar, denn geistige Arbeit, so die Auffassung im antiken Griechenland, konnte nicht entlohnt, sondern nur belohnt werden; schöne Zeiten!

Bleibt eine letzte Überlegung: warum zählten Musiker zu jenen, die geistig und nicht handwerklich arbeiteten? Die Antwort haben wir bereits oben gegeben. Denn alle, die mit der Choreia zu tun hatten, deren Arbeit stand unter dem Patronat der Musen und war im Kern der Tätigkeit nicht die Herstellung eines Werkes, sondern eine Vermittlung zwischen den Göttern des Olymps und den Irdischen. Für derartige Tätigkeit bzw. Talent konnte selbstverständlich kein Lohn ermittelt werden.
Später, mit der Ausdifferenzierung der Choreia, traten weitere Berufsgruppen näher an die hochgeachteten Künste, so auch Wissenschaftler, rhetorisch geschulte Redner, medizinisch gebildete Ärzte und Schauspieler, die die Bühnenkunst beherrschten.

Festhalten aber wollen wir an dieser Stelle mit besonderer Wichtigkeit, dass die Unterscheidung, wann Lohn und wann Belohnung fällig wurde, nicht darin lag, welches Werk hervorgebracht wurde, sondern dass sie allein davon abhing, ob die Tätigkeit eine vermittelnde Tätigkeit oder nicht war, eine Vermittlung von göttlichen Botschaften. Ein epistemischer Anteil zum Schaffenskern zählte also.

Rhetorik. Die Kunst der Rede.

Sehen wir die Techne in der Perspektive der Choreia, dann stellen wir fest, dass der Mensch, hier der Künstler bzw. Tekton Teil einer staatlichen Kultus-Kunst war, also, wie wir heute sagen würden, einer rituellen bzw. liturgischen Praxis, die als solche, als ein Gesamtkunstwerk aufgeführt wurde. Es gab keine Begriffe für die einzelnen Künste und somit auch keine Differenzierungen, weder innerhalb einer, noch innerhalb der verschiedenen darstellenden Künste.

Ein Sonderfall sind die sophistischen Gelehrten unter den Vorsokratikern und hier ganz besonders Protagoras (485–415 v. Chr.), der sich besonders der rhetorischen Ausbildung widmete. Dabei werden, aufbauend auf der Kunst der Rede, Schüler in Rhetorik (griechisch: ῥητορική [τέχνη], rhetorikē (technē).) derart geschult, dass sie Wissen als etwas strukturiertes erfahren und somit die Rede methodisch bei der Vermittlung von Wissen in überzeugender, argumentativer Weise anwenden können.
Die rhetorische Schulung der Sophisten darf bis heute als Grundlage für moderne Rhetorik angesehen werden, aber mehr noch die Auffassung der Sophisten, dass einem in der Kunst der Rede und damit der Episteme geschulten Menschen eine wesentlich höhere Bedeutung zukommt, als der Kunst eines Handwerkers.

Wir sehen hier gleichsam zwei Dinge, die sich in der Entwicklung des Begriffs und des Verständnisses von Techne ausdifferenzieren, die Spezialisierung (Verwissenschaftlichung) der Techne und die Normierung (soziale und politische Bewertung) spezialisierter Fähigkeiten (Künste). Mit Spezialisierung und Normierung erhält das antike Denken gegenüber seinen Vorgängern eine neue ontologische Grundlage, die mehr Transparenz und mehr Äquivalenz innerhalb einer konsistenten Ordnung verspricht.

Die Einlösung dieses Versprechens aber hat natürlich ihren Preis. Und den Preis legt Aristoteles fest. Er ordnet Techne dem poietischen Teil der menschlichen Tätigkeiten oder Wissenschaften zu und, anders als bei Plato und den vorangegangenen Philosophen, bei denen nur schwerlich zwischen Techne und Epistéme zu unterscheiden war, geht Aristoteles einen zunehmen schärfer differenzierenden, wissenschaftlichen Weg.

Das Ergebnis seines „logischen“ Denkens in Kategorien ist, fortan unterscheidet Denken immer mehr zwischen Theoretiker und Praktiker. Zwischen denen, die auf ein Ergebnis hinarbeiten, das ihnen durch Nachdenken bekannt ist und jenen, die seiner Meinung nach ungeplant an eine Aufgabe herangehen.
Jede Kunst, mithin jede Arbeit basiert auf einem System von festen Regeln, die auf den Einzelfall angewendet werden müssen. Und besonders jede Arbeit, hier jedes Handwerk, vereint in sich zwei Seiten: die theoretische Seite, die auf dem Erkennen der Ursachen beruht und nach einem geregelten Verfahrens (μέϑοδος, méthodos) vorgeht, und die praktische, anwendungsbezogene Seite, die auf einer entsprechenden Kompetenz oder Fähigkeit (δύναμς, dýnamis) beruht, die der hat, welcher das Werk hervorbringt.
Sei es nun die Kunst im Sinne der „schönen Künste“ oder im Sinne des Handwerks, nur methodisches Handeln, also Handeln, das die Gründe und Ursachen des Handelns anzugeben in der Lage ist (wie sie etwa in der Affektenlehre der Aristotelischen „Rhetorik“ vorliegen), ist transparent, also im Denken nachvollziehbar und mithin verallgemeinerbar, also auf den Menschen als Ganzes, als Gattung, als vernunft- bzw. sprachbegabtes Tier (zoon logon echon, animal rationale) und Homo Universalis gerichtet.

Ohne Methodik, so seine feste Meinung, bleibt nur aufs Geratewohl zu arbeiten und darin liegt auch der wesentliche Unterschied zwischen dem aristotelischen Verständnis von (τέχνη) Téchne und dem der Sophisten.

Der Mensch in diesem Sinne von Téchne, transparent als einzelner in seinem Tun und äquivalent als homo universalis ist nun integer. Und seine Integrität wird belohnt, sozial und ökonomisch, je nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit (soziale Integrität). Aber dazu später mehr.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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