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Die Fragen nach Wesen und Grund

Franz Rieder •

Denken ist nun Wissen und fragt nach dem Grund, warum etwas ist und nicht Nichts, fragt nach dem Wesen, dem Bestand (bzw. Beständigen, der Identität) von etwas Seiendem, weil etwas ist, wie es ist, nur kraft seines Wesens so ist. Die Metaphysik wird damit ein Wissen vom Wesen der Dinge und repräsentiert nun die Welt, die sich verstehen läßt.

Vom Standpunkt des nicht verstehbaren in der Welt darf die Metaphysik in der aristotelischen Tradition als eine immense Einengung angesehen werden. Einengung des Denkens auf erklären und begründen, weniger verstehen und beschreiben.

Vergißt man diese Einengung, erhält man recht viel und die Welt wird scheinbar zu einer Welt, die, so sie real ist, sich auch wissenschaftlich begründen und wissenschaftlich erklären läßt und nur als erklärte, so verstandene Welt real ist. Hier begründen sich auch die wilden Ausdifferenzierungen der Welt in eine reale, imaginäre, symbolische, bewusste und unbewusste Welt etc.

Als Prinzip aller Prinzipien fragt Denken nicht mehr nach Seiendem außerhalb eines intelligiblen bzw. dem Denken grundsätzlich erschließbaren Seiendem. Und dieses Denken beginnt mit dem grundlegenden und unbezweifelbaren Satz: Nichts ist ohne Grund, der das letzte Axiom dieses Denkens bildet. Wenn aber nichts ohne Grund ist und man dieses Axiom auf den Satz selbst anwendet, also wodurch denn nun wieder dieses Axiom begründet ist, dann steht man directement vor dem Nichts, oder mit anderen Worten gesagt: Das Prinzip aller Prinzipien ist selber grundlos. Dieses Denken lässt sich also auch durch nichts absichern und ist somit auch nichts anderes als eine willkürliche metaphysische Setzung. Was aber genau Wissenschaft nie sein wollte, nämlich eine Metaphysik, ist sie nun so gesehen von Geburt her.

Sie eröffnet dem modernen Menschen einen ganz bestimmten Zugang zur Welt, nämlich einen, aus einem „formalen Denken“, einer Logik aus próte ousia und deutera ousia, also einem, aus einer kategorialen Welt bestehenden Zugang als primären Zugang, deren Setzungen gleichzeitig Grundsetzungen sind und grundlose Setzungen. Das Logische und das Unlogische standen gewissermassen in der Geburtsstunde der Wissenschaft an der Tür zur Welt. Nur einem wurde die Tür geöffnet und Einlass gewährt. Was draussen blieb, war das, was wir als Zufall bzw. als Ereignis kennengelernt haben.

Aristoteles’ Definition von Zufall in seiner Physik (Physik II 4–9) lautet:
„Wenn im Bereich der Geschehnisse, die im strengen Sinn wegen etwas eintreten und deren Ursache außer ihnen liegt, etwas geschieht, das mit dem Ergebnis nicht in eine Deswegen-Beziehung zu bringen ist, dann nennen wir das ‚zufällig‘.“ (197 b).

Aristoteles erläutert seine Definition des Zufalls an folgendem Beispiel: Ein Pferd entgeht dadurch, dass es aus dem Stall herauskommt, einem Unglück, es ist aber nicht herausgekommen, weil es dem Unglück entgehen wollte (es wusste nichts von dem drohenden Unglück). In diesem Fall würde man sagen: „Das Pferd ist zufällig herausgekommen“. Die Ursache ist hier das Herauskommen, das Ergebnis ist, dass es dem Unglück entgeht, und zwischen beiden gibt es keine „Deswegen-Beziehung“ (das Pferd ist nicht herausgekommen, um dem Unglück zu entgehen), daher ist das ganze zufällig.

Dieses Beispiel ist insofern recht plastisch, als es ein paar der hinterlassenen Fragen der aristotelischen Metaphysik vor Augen führt. Was für eine Begründung darin liegt: es (das Pferd) wusste nichts…also ist es zufällig herausgekommen. Es ist natürlich und zwangsläufig ein Witz, wollte man den Zufall mit wissenschaftlicher Argumentation begründen. Es bleibt ein herzhaftes Lachen darüber und die Erkenntnis, dass nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ein Gaul, zu welcher Zeit auch immer, nichts begründet tut und somit auch relativ ungeeignet ist als Wissenschaftler. Wenn man Äpfel und Birnen addiert kommt nicht ganz unbegründet Mus heraus.

An diesem Beispiel mag man auch dies noch erkennen, dass allein Aristoteles annahm, dass der Gaul nicht wusste, warum er aus dem Stall gekommen ist und heutige Wissenschaftler durchaus dahingehend forschen, ob das Vieh am Ende nicht doch begründet aus seinem Stall kommt, weil es selbst das drohende Unglück antizipiert oder auf die Stimme seines Lieblings-Rotkehlchens gehört hat, dem solcherart Naturgaben, die es twitternd den denkfaulen Gäulen kommuniziert, vielleicht von Natur aus eigen sind.

Wie dem auch sei, beim Pferd ist weder alles noch nichts zufällig, weil wir nichts wissen vom Pferd, weder direkt durch seine Aussagen noch durch entsprechende schriftliche Aufzeichnungen der Gäule. Was Aristoteles an diesem Beispiel zu verdeutlichen sucht ist seine Annahme, dass der Zufall etwas sei, was als eine Beziehung zwischen zwei Ereignissen (oder einer Veränderung eines Seienden), oder einem Ereignis und einem Beobachter bezeichnet werden kann, die grundlos oder wie er sagt, beiläufig ist, also nicht in einem Verhältnis von Ursache und Wirkung steht oder einem natürlichen oder rationalen Zweck folgt.

„Daher die Frage: Was hindert, daß nicht eben so die Theile sich verhalten in der Natur? Daß z.B. die Zähne aus Nothwendigkeit wachsen, die vordern scharf, geeignet auseinander zu theilen, die Backenzähne breit, und tüchtig zu zerkauen die Speise; nicht deswegen nämlich seien sie entstanden, sondern dieß habe sich so zugetragen. Gleicherweise auch bey den andern Theilen, in welchen scheint statt zu finden das Weswegen. Wo nun alles sich traf, wie wenn es zu einem Zwecke entstanden wäre, da ward gerettet, was von ungefähr sich so passend zusammengefunden hatte; was sich aber nicht so traf, das ging unter, und geht unter, wie Empedokles sagt von dem Kuhgeschlecht mit Menschenantlitz. – Dieses nun ist es, was man einwenden könnte, und vielleicht noch anderes dergleichen. Es kann sich aber dieß nicht auf diese Weise verhalten. Denn dieß und alles, was von Natur ist, geschieht eben entweder so, oder zum meisten; von dem aber, was aus Zufall und von ungefähr ist, nichts.“ (Kap.8)

Wie nah Aristoteles hier bei dem Gedanken von Empedokles tausend Jahre vor Charles Darwin einer Evolutionstheorie gekommen ist, die auf Gedanken der Mutation und der Selektion aufbaut, lässt sich unschwer erahnen. Sein Denken aber gebietet ihm nun, solcherart Denken auszuschließen, zu verwerfen. Denn mit seiner Logik kann der Zufall und das Ungefähre nicht in seinem Begriff von Natur enthalten sein. In der Natur, anders als bei Empedokles, geschieht nichts ohne Grund, ohne Notwendigkeit, ohne natürlichen Zweck und zumeist. Zumeist, oder das meiste, was ja nicht dasselbe ist wie immer (Überlegungen zu Regelmäßigkeiten wollen wir an dieser Stelle nicht anstellen), gehört im aristotelischen Denken nicht der ersten, sondern der zweiten Kategorie an.

Das etwas nicht immer, aber in den meisten Fällen so ist, wie es ist, liegt nach Aristoteles an der materiellen Bestimmung des Seienden und nur die Materie kann der Grund, kann dasjenige sein, das Ursachen zulassen kann, die sich ereignen, also spontan entstehen, plötzlich da sind, ein Glücksfall oder Unfall sind, und die ebenso plötzlich verschwinden wie sie passiert sind.

„Ein guter Zufall heißt, wenn etwas Gutes sich zufällig ereignet; ein übler Zufall oder ein Unfall aber, wenn etwas Uebeles. Ein Glückfall aber und Unglückfall, wenn dieses von Bedeutung ist. Darum heißt auch, beinahe ein großes Uebel oder Gut erfahren haben, einen Unglückfall oder Glückfall erfahren, wenn als vorhanden es nimmt das Nachdenken: denn was beinahe ist, scheint gleichsam um nichts entfernt zu sein. So heißt denn auch unbeständig das Glück, mit gutem Grunde, denn der Zufall ist unbeständig.“ (Physik, Bd. 1, S. 40)

Aristoteles bestimmt den Zufall also auch als ein unbeständiges, erfahrbares Ereignis wie als ein im Denken antizipiertes Ereignis, das Beinahe-Unglück und drittens als ein Ereignis, das von Bedeutung sein kann, was aus einem Zufall ein Glück im positiven Sinn oder Unglück im negativen Sinn werden lassen kann. So kann er von Ursachen sprechen, die sich spontan ereignen, denn die schwarze Katze, die den Weg gerade zufällig kreuzt, ist nun die Ursache für ein Beinahe-Unglück oder ein sich ereignendes Unglück.

Dass Aristoteles dem Denken diese Qualität, die er der Materie zuschreibt, nicht zubilligt, wie es etwa im Voodoo, in der Religion oder wie es bei Nietzsche geschieht, wenn er schreibt:
„Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse), verfolgen wir an dieser Stelle nicht. Aristoteles geht es natürlich primär um Entitäten des Denkens bzw. des Wissens, nicht des Glaubens, Meinens, Dafürhaltens. Also bestimmt er auch die Materie als etwas, was auch das Nicht-Notwendige, mithin Zufällige, Beinahe und Beiläufige, kurz: das grundlos Sich-Ereignende zulässt. Sein Denkweg führt nun aber nicht über den Zufall weiter, gleichwohl Aristoteles den Zufall als „materielle“ Grundlage, als Bedeutungsträger bestimmt. Und wir werden sehen, dass es gerade der Zufall ist, der unser Dasein weit mehr bestimmt als alles andere.

Aristoteles stellte in seiner Physik die Frage: wie und in welchem Verhältnis die Natur als der Bereich des Veränderlichen, des Werdens und Vergehens, und die Wissenschaft bzw. das Denken als die Frage nach unveränderlichen Prinzipien zueinander stehen? Damit verließ Aristoteles schon am Ausgangspunkt seiner Fragen den Bereich der Kosmologie, die den Fragehorizont seiner philosophischen Vorgänger gebildet hatte. Er, Aristoteles, wollte Wissenschaftler sein, wollte sich dem Thema der Materie und ihren vielfältigen Formen empirisch und somit als Naturforscher bzw. Naturwissenschaftler nähern. Nun wusste Aristoteles im Gegensatz zu seinen Vorgängern, dass der Grund, aus dem alles wird, was ist, weder der Materie noch der Form an sich zugeschrieben werden kann.

„Es muss immer etwas als das, was da wird, zugrunde liegen“. (Phys. I, 7, 190a) und „dass jedes Werdende immer ein zusammengesetztes ist.“ (Phys. I, 7 190b) Daraus ergab sich für Aristoteles, gleichsam als eine Denk-Notwendigkeit:
„Wenn es Ursachen und Anfangsgründe des von Natur aus Vorhandenen gibt, […,] dann entsteht alles aus dem Zugrundeliegenden (Hypokeimenon) und der Form (eidos oder morphḗ).“ (Phys. I, 7, 190b)

Hier lesen wir die grundlegende Bestimmung der aristotelischen Metaphysik, wonach das allen Veränderungen zugrunde liegende die Materie (Hyle, griechisch ὕλη, hylē ‚Stoff, Materie‘) ist. (Gen.corr. I, 4, 320a.) Das Grundlegende aber kann, ja darf im Sinne der aristotelischen Logik nicht selbst wiederum bestimmt sein und muss also als grundloses Sosein oder materielle Grundlage an sich inhaltsleer existieren.

Hyle ist nach dieser Sichtweise die causa materialis aller existierenden Gegenstände und Aristoteles auf dem Weg, ein lupenreiner, kerniger Materialist zu sein. Als Träger der Veränderung sind weder Materie noch Form entstanden, haben also keinen Anfang.
„Denn bei jeder Veränderung ändert sich etwas und durch etwas und in etwas. Dasjenige wodurch es sich verändert, ist das erste Bewegende; das, was sich verändert, ist der Stoff; das, worin es sich verändert, ist die Form.“ (Met. XII, 3a, 1070a.) Die formbare Materie, das Material, der Urstoff, ist jene materielle Grundlage, die durch die technē, d.h. die menschliche Arbeit, eine bestimmte Gestalt annimmt (vgl. In der Veränderung wird die Materie einer Form beraubt (steresis, Privation)) und erhält eine neue Bestimmtheit. Z.B. kann eine Bronzekugel in eine Statue umgewandelt werden. Bronze als Materie verliert die Form einer Kugel und erhält eine neue Form. Die Form als solche unterliegt hingegen nicht dem Werden und Vergehen. (Met. VIII, 3, 1043b)).

Wir erahnen an dieser Stelle schon, dass in der aristotelischen Metaphysik die Natur selbst einer gigantischen Privation, einer Beraubung im Denken unterzogen wird, ist sie doch nichts weiter als causa materialis, als Träger von Veränderung durch den Menschen. Und die erste Veränderung ist schon qua metaphysischer Bestimmung als unentstandene, zwecklose Natursache geschehen, noch bevor die „Technik“ ihr Werk begonnen hat. Wesentlicher aber ist, dass Natur so als Grundlage für etwas, ohne selbst etwas zu sein, als beliebiger Stoff betrachtet wird.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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