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Wie kommt das Sein in unsere Köpfe?

Franz Rieder •

Mit den Kategorien findet Denken zur Wissenschaft. Die aristotelischen Kategorien sind jene Grundbegriffe, worauf die Logik aufbaut und das begriffliche Sein im Denken nach dem Wesen die Vorherrschaft gewinnt. Der Primat der Begriffe bestimmt fortan auch die Ontologie sowie die Metaphysik und diese ganz besonders, als in Begriffen nunmehr die Grundmerkmale des Seienden vorgestellt sind, ja überhaupt nur vorgestellt werden können, wie das später bei Kant und Hegel, also im Deutschen Idealismus zur vollen Blüte gereift.

Bei Kant sind Kategorien apriorische Denkformen und somit die Grundvoraussetzung für alle Erfahrungen und gehen zurück auf die aristotelische Unterscheidung zwischen „proteron“ und „hysteron“, Bedingung und Bedingtes, wie es in der scholastischen Philosophie übersetzt und angewendet wurde.
Verwirrend genug sind die zahllosen Veränderungen in den Bestimmungen mehr oder weniger aller zentralen Begriffe in der Zeit zwischen Platon und Aristoteles. Da das Verb kategorein ins Lateinische übersetzt praedicare lautet, heißen Kategorien insbesondere im Mittelalter auch Prädikamente.
Bei Kant sind Kategorien apriorische Denkformen und somit die Grundvoraussetzung für alle Erfahrungen. Im 20. Jahrhundert werden die Kategorien als offene Begriffssysteme zur Strukturierung der erfahrbaren Welt aufgefasst und ausgearbeitet.
In der sich auf Aristoteles berufenden scholastischen und bis in die Neuzeit sich auswirkenden Tradition wird das allgemeine Wesen (des Begriffs) als „das Eigentliche“ verstanden, über das allein Wissenschaft im Sinne von wahren Aussagen möglich ist. Das Individuelle wird somit dem Allgemeinen untergeordnet, mithin als etwas durch Begrenzung Entstandenes und gleichzeitig Unvollkommenes betrachtet.
Wichtiger aber noch als die Desavouierung des Besonderen, Einzelnen, Individuellen oder in der Sprache der platonischen Ontologie gesprochen, des Notwendigen (Ἀνάγκη) führt die scholastische Frage nach dem „Individuationsprinzip“, also die Frage, wie sich aus dem Allgemeinen das Individuelle ergeben kann, zu weiteren, für das Denken fatalen Kosequenzen.

Der Primat des Allgemeinen vor dem konkret Seienden führt letztlich zu der Vorstellung, dass es Sinn habe, von einem „Wesen an sich“ zu sprechen, von einem Wesen, das unverbunden mit dem Seienden als reine Möglichkeit, also von einem Sosein ohne Dasein (esse ohne existentia) existiert.

Und darüber hinaus führt diese Sichtweise zu einer veränderten Bestimmung im Denken, die nun zwischen Wesen und Sein real unterscheidet. Fortan ist es das Wesen und nur das Wesen als das einen bestimmten Seinsgehalt ermöglichende Prinzip, als das Prinzip aller Prinzipien.

Die antiplatonische Haltung, die die Scholastik und hier besonders in den frühen Schriften des Thomas von Aquin, in der Frage nach dem Wesen einnimmt, folgt buchstabengetreu Aristoteles, indem sie davon ausgeht, dass das im primären Sinn Wirkliche, das Individuelle, die Einzel-Substanz ist.
Diese Einzel-Substanzen lassen sich in Gruppen einteilen, wobei die Einteilung in Arten (species) eine ganz zentrale Rolle spielt. Die Art definiert nun die Gruppe jener Seienden, die mit derselben Definition bezeichnet werden können. Ist diese Einteilung bzw. Subsumierung des Einzelnen unter den Begriff einer Art für sich erkenntnistheoretisch schon problematisch, so wird darüber hinaus auch noch die Einheit der Art nicht nur als eine Leistung des Denkens, sondern als etwas in gewisser Weise Reales betrachtet. Die Verwechslung von Denkwahrscheinlichkeit in Tatsachen des Denkens schreitet nmit dem wissenschaftlichen Denken zügig voran. Und zwar als das bestimmende Prinzip, die konstitutive Form des Seienden, durch die das Seiende das ist, was es ist.

Umgekehrt bedeutet das natürlich, dass das Seiende an sich (fast) nichts ist, was fortan zu einiger Denkarbeit führte. Denn von diesem aristotelisch-scholastischen Denkansatz her wird die Wesensform so sehr zu einer Realität der Realität, dass die Individualität einer eigenen Betrachtung und Erklärung bedarf.
Die Frage nach dem Individuationsprinzip, die als „materia quantitate signata“ (bezeichnete Materie) gestellt wird, „vereinzelt“ konsequenterweise die Form, d.h. sie individualisiert und begrenzt eine allgemeine Form auf das Einzelne, das wiederum so als eine begrenzte Möglichkeit zu sein betrachtet (potentia) wird, die erst durch das Sein in die Wirklichkeit überführt wird. Das Sein ist nun als bloßes Existenz-Prinzip und als selbst vollkommen inhaltsleer aufgefasst.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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