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Von Platon zu Aristoteles

Franz Rieder • Zeit und Kausalität

Wie bereits gesehen, hängen der Zeitbegriff und der Kausalitätsbegriff insofern zusammen, als wir es als selbstverständlich annehmen, dass die Ursache zeitlich vor ihrer Wirkung auftritt. Dabei ist zu bedenken, dass auch hier bereits komplexe Annahmen eingeflossen sind, nämlich dass ein Beobachter von kausal korrelierten Ereignissen den Vorgang so beschreiben wird, dass in seinem System von Annahmen, also in seinem Modell des Vorgangs die Wirkung durch die Ursache bedingt ist. Streng genommen ist sein Modell ein Modell von Wahrscheinlichkeiten, dass nun aber in den Rang von Tatsachen (Kausalität) versetzt wurde. Ein Modell eines Vorgangs kann ja eo ipso nur wahrscheinlich zutreffen, dies könnte leicht in Platons Denken nachvollzogen werden, und nie Tatsachen vollständig repräsentieren.

Allein unter diesen Modellannahmen ist auch die Vergangenheit unveränderlich – obwohl sie unter einem anderen Begriff von Zeit gar nicht stattgefunden haben kann und auch nach Einstein nur relativ, denn in der Speziellen Relativitätstheorie mit ihrer Relativität der Gleichzeitigkeit sind Raum und Zeit keine absoluten Strukturen mehr. Welche Elemente der zeitlichen Entwicklung zu einem gegebenen Zeitpunkt, also angenommen gleichzeitig stattfinden, beurteilen relativ zueinander bewegte Beobachter unterschiedlich. Absolut ist lediglich die Raumzeit, die Gesamtheit aller Ereignisse.
Wie diese Raumzeit in Momentaufnahmen aufgeteilt wird, aus deren Aneinanderreihung sich eine Entwicklung der Welt im Raum mit der Zeit ergibt, hängt davon ab, welcher von zwei gegeneinander bewegten Beobachtern die Aufteilung vornimmt1.

So weit so gut. Aber dann ginge ja nichts mehr, wäre nichts weiter als ein völlig inkompatibles, subjektives Erlebnis eines zufälligen, in der Wissenschaft der Relativitätstheorie gebildeten Beobachters. Allerdings, und hier beginnt die zauberhafte Verwandlung, hat die Raumzeit trotz der unterschiedlichen Einschätzung der verschiedenen (Inertial-)Beobachter eine Struktur, die von allen Beobachtern gleich eingeschätzt wird und in diesem Sinne absolut ist.


Und das ist die so genannte Kausalstruktur, die Gesamtheit aller Aussagen darüber, welche Ereignisse sich gegenseitig im Prinzip beeinflussen können und wo ein Einfluss unmöglich ist. Wir sehen, auch hier spricht die Physik von Möglichkeit im Sinne von Wahrscheinlichkeit und nicht von „Tatsachen“. Konkret: Kann ein Ereignis A, das zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort stattfindet, die Ursache eines anderen Ereignisses B sein, letzteres Ereignis ebenfalls charakterisiert durch Angabe von Ort und Zeitpunkt? Wenn ein Lichtsignal, das beim Ereignis A (das heißt sowohl am selben Ort wie auch zum selben Zeitpunkt wie A) erzeugt und zum Ort des Ereignisses B geschickt wird, dort erst nach Ereignis B ankommt, dann ist ein Einfluss von A auf B unmöglich, denn ein solcher Einfluss hätte sich verbotenerweise schneller als das Licht bewegen müssen.
Kommt das Lichtsignal dagegen vor dem Ereignis B am betreffenden Ort an, dann könnte auch ein etwaiger Einfluss auf diesem Wege übertragen worden sein, ohne dass er dafür das kosmische Tempolimit der Lichtgeschwindigkeit hätte brechen müssen – in modernen Theorien der Physik ist längst schon dieses Tempolimit aufgehoben wie auch die Annahme, dass ein Blitz von heute Einfluss auf einen Blitz von gestern haben kann, der so einen Blitz von morgen beeinflusst.

Aber auf der Grundlage der Übereinstimmung aller mit der Kausalstruktur kann die Vergangenheit nicht von gegenwärtigen Ereignissen beeinflusst werden. Die Zukunft hingegen hängt von der Gegenwart kausal ab, kann also durch Ereignisse oder Handlungen in der Gegenwart beeinflusst werden. Wie unsinnig dies für das menschliche Dasein und seine Geschichte ist, ist wohl ziemlich klar.

Ein Blitz heute kann mühelos und jederzeit wahrscheinlich ein Denkmal der Antike in Brand setzen und futschikado! Die Wirkung auf den Tourismus am Ort kann verheerend sein. Und genau diese „Tatsache“ des Denkens ist bzw. war die Triebfeder der Vereinbarung der Kausalstruktur und man darf sagen, der Struktur des Denkens überhaupt. Denn hätte unser Denken keine Kausalstruktur, ja überhaupt keine Struktur wären Menschen nicht lebensfähig – wir kommen an einem anderen Ort in einem anderen Zusammenhang darauf zurück, wenn wir uns mit einer Ausprägung des menschlichen Daseins beschäftigen, die wir als Autismus kennen.

Schauen wir noch einmal zurück in die Antike, nun zu Aristoteles, der uns die bis heute gültige Grundlage aller Wesensbestimmungen hinterließ. In seiner frühen Kategorien-Schrift trifft Aristoteles die grundlegende Differenzierung des Wesen-Begriffs in eine „erste“ und „zweite Substanz“ (próte ousia und deutera ousia).

Die „zweite Substanz“ (deutera ousia) bildet gleichzeitig die erste dieser zehn Kategorien. Wesentliche Bestimmung der deutera ousia ist, dass die „zweite“ Substanz von der ersten ausgesagt werden kann. Wir würden heute sagen, sie bezeichnet als Artbegriff das „Wesen“ des Einzeldinges wie z. B. die Bezeichnung „Mensch“ in dem Satz „Sokrates ist ein Mensch“. Aristoteles bestimmte nicht nur die Substanz als Artbegriff, sondern kennt auch eine Hierarchie der Begriffe wie etwa den zur Art übergeordneten Gattungsbegriff, den er auch als „zweite Substanz“ bezeichnet wie den Begriff „Sinnenwesen“ im Satz „Sokrates ist ein Sinnenwesen“. Art und Gattung haben insofern den Rang zweiter Substanzen, als sie Prädikate darstellen, welche die erste und eigentliche Substanz in ihrem Was-Sein näher bestimmen und sind überhaupt nur deshalb bestimmt als zweite Substanzen (Kat 5, 2 b 29-31).

Gleichzeitig aber bestimmt nun wiederum innerhalb der zweiten Substanzen der Artbegriff („Mensch“) die erste Substanz wesentlich präziser als der Gattungsbegriff („Sinnenwesen“) und steht dieser mithin näher. Daher ist für Aristoteles „die Art mehr Substanz als die Gattung“ (Kat 5, 2 b 7 f.). Was aber ist hier Substrat, Hypokeimenon oder naturgegebene Konstanz, mithin das, was die ousia von Sokrates ausmacht?

Aristoteles war sich der Problematik, die hier in der Frage liegt, durchaus bewußt und in seiner späteren Schrift, der Metaphysik (Bücher VII und VIII), bestimmt Aristoteles den Begriff der Form eidos) als vorrangig gegenüber dem Einzelding. Eidos wird dann zum eigentlichen Wesen, zur „ersten Substanz“ (próte ousia) und ein wenig darf man darin auch eine Verneigung vor dem Denken Platons erkennen.

Dabei bestimmt Aristoteles den Begriff der Ousia als das konkrete Einzelne (synholon) – wie z. B. ein bestimmter Mensch oder ein bestimmtes Pferd (Kat 5, 2 a 11-14). Ousia ist also bestimmt als „Substanz im eigentlichsten, ursprünglichsten und vorzüglichsten Sinne (Kat 5, 2 a 11 f.), weil es allem anderen zugrunde liegt. Die „ersten Substanzen“ können von keinem Subjekt ausgesagt werden und haften keinem Subjekt an (Kat 5, 2 b 37 – 3 a 1).

Auch bei Aristoteles ist wie bei Platon eine naturgegebene Konstanz das, was die ousia ausmacht. Für Aristotels ist eine ousia aber ein einzelnes Ding, das als solches eigenständig existiert, was der Bestimmung bei Platon diametral gegenübersteht.

Ermöglicht wird diese eigenständige Existenz, also dieser Bestand, durch das Vorhandensein eines stabilen Substrats, das die konstante Identität des Dings trotz aller Veränderungen bzw. variabler Eigenschaften gewährleistet. In diesem Substrat, das dem Dasein des Einzeldings zugrunde liegt, besteht dessen ousia; das Ding als solches ist das Substrat.
Daher wurde in der Folge der Antike Ousia (Seiendheit) lateinisch mit Substantia wiedergegeben, einem Substantiv, das zum Verb substare gehört, das „zugrunde liegen“ bedeutet und vormals als Hypokeimenon (griechisch ὑποκείμενον hypokeímenon; lateinisch subiectum oder substratum „die Unterlage“, „das Zugrundeliegende“, „der Träger“) bezeichnet wurde.

Alles andere, was also nicht próte ousia ist, wird dagegen von diesen „ersten Substanzen“ als dem Subjekt ausgesagt oder ist in ihnen als Subjekt (Kat 5, 2 a 34 f.) und gehört zu einer der zehn Kategorien, die Aristoteles dem Denken fortan unterlegt. Das Denken ist nun nach Kategorien logisch geordnet, mithin nach Aussagen (in einer Anklage vor einem antiken Gericht), die wahr sind bzw. einen Sinn ergeben, nach Eigenschaften, die zur Sache gehören oder gemeinsamen Bedingungen wie z. Bsp. wenn die Sonne scheint und es nachts draussen auf der Nordhalbkugel über 25 Grad Celsius warm ist, dann ist das eine Hochsommernacht.

Die „zweite Substanz“ (deutera ousia) bildet gleichzeitig die erste dieser zehn Kategorien. Wesentliche Bestimmung der deutera ousia ist, dass die „zweite“ Substanz von der ersten ausgesagt werden kann. Wir würden heute sagen, sie bezeichnet als Artbegriff das „Wesen“ des Einzeldinges wie z. B. die Bezeichnung „Mensch“ in dem Satz „Sokrates ist ein Mensch“. Aristoteles bestimmte nicht nur die Substanz als Artbegriff, sondern kennt auch eine Hierarchie der Begriffe wie etwa den zur Art übergeordneten Gattungsbegriff, den er auch als „zweite Substanz“ bezeichnet wie den Begriff „Sinnenwesen“ im Satz „Sokrates ist ein Sinnenwesen“. Art und Gattung haben insofern den Rang zweiter Substanzen, als sie Prädikate darstellen, welche die erste und eigentliche Substanz in ihrem Was-Sein näher bestimmen und sind überhaupt nur deshalb bestimmt als zweite Substanzen (Kat 5, 2 b 29-31).

Gleichzeitig aber bestimmt nun wiederum innerhalb der zweiten Substanzen der Artbegriff („Mensch“) die erste Substanz wesentlich präziser als der Gattungsbegriff („Sinnenwesen“) und steht dieser mithin näher. Daher ist für Aristoteles „die Art mehr Substanz als die Gattung“ (Kat 5, 2 b 7 f.). Was aber ist hier Substrat, Hypokeimenon oder naturgegebene Konstanz, mithin das, was die ousia von Sokrates ausmacht?

Aristoteles war sich der Problematik, die hier in der Frage liegt, durchaus bewußt und in seiner späteren Schrift, der Metaphysik (Bücher VII und VIII), bestimmt Aristoteles den Begriff der Form eidos) als vorrangig gegenüber dem Einzelding. Eidos wird dann zum eigentlichen Wesen, zur „ersten Substanz“ (próte ousia) und ein wenig darf man darin auch eine Verneigung vor dem Denken Platons erkennen.


Anmerkungen:

1 http://www.einstein-online.info/einsteiger/spezRT/raumzeit



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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