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Das Wesen von Raum und Zeit

Franz Rieder •

In der Philosophie wird nicht nach Raum und Zeit gefragt. So viel vorab. In der Philosophie wird nach dem Wesen von Raum und Zeit gefragt. In der platonischen Ontologie kommt weder Raum noch Zeit eine Wesenheit zu. Ousia, hier verstanden als die Frage nach der Seiendheit, also dem Allgemeinen des zeitlich Seienden, beantwortet Platon in seiner Ideenlehre damit, dass Raum und Zeit lediglich bewegte Abbilder des eigentlich Seienden, den Ideen sind, insofern bleiben die Ideen von Raum und Zeit außerhalb des konkret Seienden, ein Bestand einer ewigen, unveränderbaren Ideenwelt.

Die Frage nach dem Wesen (Ousia), wie sie bei Platon und Aristoteles gestellt wurde, ist eine Frage nach dem, was Bestand hat. Nach einer Einheit in der Vielheit, nach Identität innerhalb von Verschiedenheit, nach der Kraft von Veränderung, der Quelle eines Flusses. Und wie gesehen, denkt die Antike Ontologie nicht einfach das Beständige an sich, sondern gibt dem Beständigen zugleich Vorrang, mithin Bedeutung und Sinn. Bei Platon die Qualität eines „besseren“, „schöneren“, bei Aristoteles die eines Richtigen, einer wahren Aussage.

So ist nicht verwunderlich, dass für Aristoteles der Zeitbegriff untrennbar an Veränderungen gebunden ist. Und Zeit ist seit der aristotelischen Metaphysik das Maß jeder Bewegung und kann nur durch diese gemessen werden. Sie lässt sich in unendlich viele Zeitintervalle einteilen, ist also ein infenitesimales Kontinuum. Ein infenitesimales Kontinuum ist aber im Sinne einer Wesensbestimmung ein Paradoxum. Denn ein Kontinuum widerspricht geradezu klassisch dem Gedanken einer messbaren Einteilung, auch, wenn Aristoteles meint, sich mit dem Hinweis auf die Unendlichkeit der erkenntnistheoretischen Paradoxie entledigen zu können – wir sehen hier auch die Problematik, die sich eingangs mit dem Begriff der Komplementarität in der modernen Physik stellte.

Will man Platon und Aristoteles an dieser Stelle zusammenbringen, dann ist Platon schon da, wo Aristoteles hin will, nämlich im Reich der Idee, von wo aus das Veränderliche nur in Form von Vermutungen und Meinungen zu denken ist, denn es unterliegt immer der Relativität und hat keine dauerhafte, präzise und sicher erfassbare Beschaffenheit bzw. Beständigkeit. Daher können Feststellungen über Vorgänge, die der Zeitlichkeit unterliegen, nur eingeschränkt geistig abbildbar in Form eines eikṓs mýthos, eines einigermaßen gut wiedergebenden Mythos zutreffen, der eine mit reichlich Mängeln behaftete, aber durchaus brauchbare Abbildung der Wirklichkeit hergibt. Damit muss man sich zufriedengeben, mehr anzustreben sei zwecklos (s.o).

Aristoteles wählte aber diesen Weg, die Welt der Ideen als eine „zweite Welt“ zu kritisieren; zurecht. Denn was für die Welt der Notwenigkeit im Sinne Platon gilt, gilt aus aristotelischer Sicht auch für die Welt der Idee, sogar noch radikaler. Was kann man schon über diese Welt aussagen, außer, dass sie, zumal auch noch durch rein deduktive Schlüsse bestimmt, ewig ist und eine rein geistige, wohlgeformte Welt, die sich uns aber im Rahmen einer ontologischen Überlegung gar nicht zeigt.

Wenn also keine zwei Welten existieren sollen, dann versuchen wir es doch mal mit einer. So sehr uns auch die Annahme von nur einer Welt plausibel erscheint, denn, warum sollten, wenn es nicht eine, sondern zwei Welten gäbe, es nicht auch drei oder vierhundertausend sein? So sehr verspinnt uns Aristoteles in die Welt der Kategorien. Sahen wir vorher die Welt durch die Brille der Ideen, fokussieren wir nun durch Kategorien.
Aber warum beschäftigt uns das überhaupt, scheint es doch keinen Ausweg aus dem Fragen-Dilemma zu geben? Nun, die Frage nach dem, was ist, gehört nun mal zu den schwierigsten, die Menschen sich stellen, und stellen müssen. Und die Folgen sind immens. Denn mit Aristoteles beginnt gleichsam im Focus der Kategorien unsere abendländische Art von Wissenschaft. Und wenn wir später verstehen wollen, was an Wissenschaft vielleicht schief gelaufen ist oder anders laufen könnte, kommen wir um solcherart Fragen und Überlegungen nicht herum.

Wie dem auch sei, dass es „Dinge“ gibt, die eher von allgemeiner Natur sind wie der Begriff Mensch und andere, die eher von besonderer Art sind, wie etwa Schnupfen, gleichwohl beide im nördlichen Europa im Winter zusammen zu gehören scheinen, dürfte unschwer nachzuvollziehen sein. Auffällig ist, dass menschliches Denken trotz aller Mannigfaltigkeit von Dingen und Sachverhalten offenbar etwas Allgemeines und Identisches innerhalb der Welt erfassen kann.
Platon und Aristoteles kommt das ungeheure Verdienst zu, mit der Frage nach dem Sein (Ousia) die Strukturiertheit des menschlichen Denkens entdeckt zu haben. Bei jenem besteht die Strukturiertheit in der Teilhabe des Denks an unveränderlichen Ideen, die wie Vorlagen für die einzelnen, konkreten Dinge zu verstehen sind. Jedes „Ding“, alles was ist, ist den Ideen nachgebildet. Ein konkreter Tisch ist Teil der Idee eines Tisches bzw. einer Tischhaftigkeit (Ousia) und durch die Hand des Tischlers nachempfunden bei seiner Fertigstellung.
Zwar ist der Begriff der Idee vom griechischen Wort idein, sehen, als Substantiv abgeleitet, doch bezeichnet er hier einen Zusammenhang des Denkens und nicht des Sehens im engeren Sinne. Man darf sagen, die Ideen können nur durch das Denken erkannt werden und wir sehen sie, begegnen ihnen als Vorstellungsbilder. Leider hat uns Platon mit der Frage allein gelassen, wie die dürftigen Abbilder der Ideen in unseren Kopf kommen. Heute würden wir sagen: sie begegnen uns als gelernte Vorstellungsbilder. Und je nachdem wo man lernt, hat der, der bei einem außergewöhnlich guten Schreinermeister lernt, gewiss auch eine größere Nähe zu den idealeren Vorbildern.

Aber wir halten an dieser Stelle fest, dass es im Moment keine Frage ist, wie sie in unseren Kopf kommen. Viel mehr und einzig von bestimmender Substanz ist die Feststellung, die wir hier treffen, dass es sie gibt, die „dürftigen“ Strukturen unseres Denkens. Im Vorgriff auf Späteres sei kurz angemerkt, dass hier die Fragen nach dem Sinn von etwas, mithin der Bedeutung für jemanden berührt werden.

Den Kontext verdeutlicht auch die Verwendung des Wortes eidos anstelle von ousia durch Platon zur Bezeichnung des Allgemeinen, in der Regel verwendet in der Bedeutung: Ansehen, Gestalt, „das in die Augen fallende”, „das Urbild der Dinge im Geist”, also das, was etwas wirklich ist, dem Wesen nach ist.
Und noch über dieses Wesen hinaus gewährt z. Bsp. die Idee des Guten dem Wesen selbst den Bestand, ist es also die Idee selbst, die dem Wesen das Sein gewährt als das Unwandelbare und Unauflösliche, das sich stets in derselben Weise gemäß demselben Maß oder Muster (Modell, Struktur) verhält.

So ist die Idee allem entgegengesetzt, was den Grundcharakter des Werdens aufweist, also allem Einzelnen als bloß Einzelnem. Daher ist das Wesen als das wirklich Seiende, das Gleichbleibende, das, was Bestand hat in allen seinen Charakteren oder Eigenschaften (Akzidenzien) dem entgegengesetzt, was sinnenfällig erfassbar ist, das sich Verändernde, das Notwendige (später sprechen wir vom Zufälligen) im Gegensatz zur Substanz. Akzidentiell sind also alle der Substanz anhaftenden, ihr jedoch nicht wesentlichen oder zufälligen (notwendigen) Bestimmungen.

Es ist nicht so einfach, aus dem Denken Platons, das sich im Verlaufe der Zeit selbst gewandelt hat, diejenigen Gedanken herauszuarbeiten, mit denen wir fortan vertrauter weiterarbeiten können, hier nur z.Bsp. der Bedeutungswandel im Begriff bzw. Verständnis von Notwendigkeit (anánkē), nach Schreckenberg „Joch“, insbesondere das Sklaven oder Gefangenen auferlegte Joch.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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