Loading...

Warum gerade diese?

Michael Seibel - Ästhetik: Unbestechlicher Blickkontakt - Urteil des Paris

Die Spannweite des mit dem Wort „Ästhetik“ gemeinten ist extrem weit. Womit also beginnen? Mit dem Anfang. Mit einem ersten Blick.

Der freundliche Blickkontakt einer Mutter mit ihrem Baby. Wer Kinder hat, weiß, wie in solchen frühen Kontaktsituationen der Gesichtsausdruck der Mutter den Säugling stimuliert und zugleich einen positiven Affekt einleitet. Und im Gegenzug kommuniziert das Kind der Mutter seinerseits seine schönen Gefühle zurück. Zumindest in westlichen Kulturen etwa ab dem 2ten oder 3ten Lebensmonat. Das Kleine lächelt zurück.

Wie man hört, soll das mitunter in Kamerun nicht ganz so sein. Dort lächeln Babys ihre Eltern erst sehr viel später und nicht so ausgeprägt an wie bei uns. So stellen es wenigstens die Entwicklungspsychologen Joscha Kärtner und Manfred Holodynski (Uni Münster) nach Auswertung von Forschungsvideos von dort fest. Es scheint, so meinen sie, einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Mütter und dem Lächeln zu geben. In Kamerun tragen Mütter ihre Kinder zwar immer mit sich, aber eben auf dem Rücken. Und sie haben deshalb wenig direkten Blickkontakt. Dieser Zusammenhang soll auch verständlich machen, warum dort das Spiegelstadium in der Kindheitsentwicklung später auftreten kann, also das jubilatorische Erlebnis, bei dem sich das Kleinkind im Spiegel selbst erkennt.

Was das mit einer ästhetischen Grundausbildung zu tun hat, scheint mir evident, denn zweifellos erleben das Baby und auch die Mutter, sofern sie nicht durch äußere Einflüsse zu sehr in Anspruch genommen wird, bei diesem gefühlvollen sich Beziehen etwas Schönes und ausgesprochen Anregendes, ist es doch, wie Psychologen uns berichten, schon ab dem dritten Lebensmonat zugleich mit kognitiven Prozessen der Informationsaufnahme und Verarbeitung verknüpft. Der Blickkontakt ist für das Baby nicht nur schön, sondern auch hochinteressant. Die Verbindung von Interesse und Schaulust und weiter gefasst einer Lust am sinnlichen Kontakt ist so etwas wie der Nukleus jeder Ästhetik.

Wäre das Schöne ein See, so läge tief an seinem Grund die sprachlose Einzigartigkeit eines glücklichen Augenblicks.

Aber das Schöne ist kein See.

Die griechische Mythologie stellt die Schönheit in den Kontext der Frage, wie es unter Göttern und Menschen zum Krieg kommen kann. Fangen wir also ein zweites Mal an, uns an die Schönheit heranzumachen.

Bei der Hochzeit des Peleus und der Thetis wirft Eris, die Göttin der Zwietracht, einen goldenen Apfel zu Boden. Auf ihm steht geschrieben: »Für die Schönste«. Bewerberinnen finden sich sofort: Hera, Athene und Aphrodite. Zeus hält sich heraus, denn er erkennt sofort, dass er gar nicht in der Lage wäre, den aufkommenden Streit zu schlichten, muß er doch auch in Zukunft mit den Damen auskommen. Ein naiverer als er muss also gefunden werden. Er lässt die Damen in die Wildnis zu Priamos' verlorenem Sohn, dem Hirten Paris führen. Obwohl dieser nur die Schafe hütete, erkannte jeder dessen edle Abkunft auf den ersten Blick an seiner außergewöhnlichen Schönheit, Intelligenz und Stärke.

Hermes, der die Göttinnen in die Wildnis begleitet, spricht ihn also an: „Paris, da du so schön bist wie weise in Herzensangelegenheiten, befiehlt dir Zeus zu urteilen, wer die schönste dieser Göttinnen ist.“ Einen Rat dürfe er dem Paris nicht mit auf den Weg geben, er solle einfach seinen angeborenen Verstand gebrauchen. Man fragt sich, warum nicht seinen Geschmack? Oder sind Verstand und Geschmack hier gleichwertig?

Paris schaut sich die Bewerberinnen erst einmal nackt an, denn es gibt ja wirklich etwas zu sehen. Athene bestand nun darauf, dass Aphrodite auch ihren berühmten magischen Gürtel abzulegen habe, der bewirkte, dass sich jeder sogleich in sie verliebte, der sie sah, dann man sah das als unfair an. Und als die Präliminarien leidlich geklärt waren, bestand Hermes darauf, die Damen noch einmal einzeln zu sehen und zu sprechen, ohne dass ihm die anderen hineinreden.

Hera war die erste, und ab hier beginnt eine Kette von etwas, was für uns aussieht wie Bestechung. „Wenn du mich erwählst“, so Hera, „mache ich dich zum Herrn über Asien und zum reichsten lebenden Mann.“ Und auch Athene, die sich als nächste der Begutachtung zu stellen hatte, versuchte es mit Bestechung, indem sie ihm ewiges Kriegsglück versprach. Aphrodite als letzte versprach ihm, dass er die schönste Frau auf Erden, Helena, Ledas schöne Tochter, als Ehefrau gewinnen werde. Die sei zwar schön verheiratet, aber wie er wisse, sei es ihre Kernkompetenz, solche Dinge zu regeln.

Wie Paris sich entschied, ist bekannt. Dass es sich um ein Urteil in Sachen Schönheit, mithin um ein ästhetisches Urteil handelt, ist ebenfalls klar.

Um Schönheit geht es in der Geschichte gleich mehrfach. In Bezug auf Paris selbst. Ein Blick auf ihn, und man erkennt sofort nicht nur seine Schönheit, sondern durch sie wird sogleich auch seine edle Abkunft sinnfällig bewiesen. Diese ist sozusagen die notwendige Konsequenz aus etwas Sichtbaren. Machen wir uns klar, dass wir hier gerade die griechisch-mythologische Version eines ästhetischen, induktiven Urteils vorgeführt bekommen. Aber zurück zu dessen Inhalt:

Das Problem bei den Göttinnen: Sie sind alle ganz unbeschreiblich schön. Was soll man tun. Die Frage „Warum gerade diese?“ wäre leicht zu beantworten, wären da nicht noch die beiden anderen.

Wenn Paris jetzt aufgrund weiterer Dreingaben entscheidet, kann ihm der griechische Mythos kaum den Vorwurf der Bestechlichkeit machen wollen. Schließlich ist Zeus in Bezug auf Paris umfassend im Bilde und weiß, was er sagt, wenn er ihn wegen seines nachgewiesenen Geschicks und seiner Fairness und Sachkunde beim Vermitteln schwieriger Streitfälle auswählt. Mit Paris verspricht er seinen Damen einen Richter, der auf keinen Fall sachfremd urteilt. Da ist er im Wort. Und wie gleich sehen werden, wird ihn Paris nicht darin hintergehen.

Denn im Nachdenken zeigt sich: Paris ist unbestechlich. (Wäre das nicht so gemeint, dann wäre Zeus wortbrüchig und die Götterdämmerung von Wagner Wotan kurzerhand dreitausend Jahre in die griechische Mythologie zurück verlegt. Das kann nicht gemeint sein.) Worauf Paris selbst auch jeder der Göttinnen gegenüber energisch besteht. Sich Helena versprechen zu lassen nicht als Bestechung zu werten, mag überraschen, ist doch Bestechlichkeit nach deutschem Recht die Annahme eines Vorteils als Gegenleistung für die Vornahme einer Amtshandlung. Mehr Bestechlichkeit scheint nicht möglich. Aber …

Verhandlung in Sachen Paris wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit:

1) Paris trifft eine absolut sachgerechte Entscheidung. Denn indem die Schönheit selbst ein Glücksversprechen darstellt (und nicht einfach nur eine flüchtige, blutleer optische Beschaffenheit von Körpern) ist in der Tat die Schönheit die schönere, die am meisten Glück verspricht. Paris addiert durchaus nicht Äpfel mit Birnen, wenn er die jeweiligen Zusatzversprechen den optischen Vorzügen der Göttinnen hinzuaddiert. Aphrodite ist die schönste, weil ihr Glücksversprechen am schwersten wiegt, offenbar ein Effekt von Konnotation, ohne die Schönheit wie überhaupt ästhetische Marker weder in der Antike noch heute zu denken sind.

2) Paris muss vom Vorwurf der Bestechlichkeit freigesprochen werden. Schönheit ist ein Glücksversprechen. Es soll beurteilt werden, wo am meisten versprochen wird. Aber ein Versprechen, das schlechthin nicht angenommen werden darf, ist kein Versprechen. Wenn also über Schönheit zu urteilen ist, ist vom Bestechungsvorwurf abzusehen. Schönheit ist im Gegenteil ein Versprechen, dass angenommen werden muss. Wer das nicht versteht, versteht nichts von Schönheit. Oder milder gesagt: der ist weder ein griechischer Gott noch ein rechter Irdischer. Schönheit ist viel mehr als nice to have.

3) Über Schönheit kann also nicht von Amts wegen geurteilt werden. Die Bereicherung, die sich Paris erlaubt, ist daher nicht geeignet, Verpflichtungen zu verletzen, die er Dritten, den Himmlischen oder den Menschen gegenüber haben könnte. Wenn hier überhaupt von Verpflichtung zu reden ist, dann begründet Schönheit eine Verpflichtung sich selbst gegenüber. Helena abzulehnen hätte etwas von verfehltem Leben. Es gibt keinen Grund (zumindest nicht aus olympischer Perspektive), warum Paris nicht seine eigene Gebührenordnung, seine Glückserwartungen ins Spiel bringen sollte.


Wenn das, was es zu sehen gibt, die sinnliche Seite des Blicks, Gewicht bekommt, so beschließt die Dignität des Blicks eine Fülle von Konnotationen ein, Begehren, Glücksversprechen, Liebe, Macht, Status, Zwietracht und Eitelkeit, die ganze Mannigfaltigkeit der genealogischen Verhältnisse der Akteure untereinander. Ohne all das wäre die Rede über Schönheit heute so sinnlos wie vor dreitausend Jahren und hätte ästhetische Erfahrung keine Chance, Erkenntnis zu liefern, was sie ständig tut. (Ob und wie Ästhetik und Erkenntnis zusammengehen, ist ziemlich spannend und philosophisch erheblich kontrovers.)

Jedenfalls sieht sich Paris in der Lage, die Frage zu entscheiden, „Wer ist die schönste?“, indem er sowohl hinsieht als auch zuhört. Fundament des ästhetischen Urteils ist also nicht allein der Blick.

Was hört Paris? Reichtum, Macht und Schönheit haben einen gemeinsamen Nenner als allesamt Glücksversprechen. Aber sie haben gerade auf dieser Grundlage unterschiedliche Werte. Und weil es sich um Werte handelt, ist die Göttin der Zwietracht nicht weit und kann die Suche nach der Schönsten fast übergangslos mit der Frage verhandelt werden, wie es eigentlich zum Trojanischen Krieg kam.

Paris hat ein ästhetisches Urteil zu fällen und damit zu präferieren; das Baby hingegen treffen wir in einem so frühen Alter und in einer Situation an, in der es noch nicht zu wählen gezwungen ist, d.h. die Chance, die Blickbeziehung zur Mutter einzugehen, hat nicht den Preis, eine andere abweisen zu müssen. Aber schon ein paar Monate später (René Spitz spricht von der „Achtmonatsangst“), finden wir das Kleine fremdelnd vor. Die Fremdeln schützt es freilich, da es inzwischen gelernt hat, sich krabbelnd aktiv von der Mutter wegzubewegen. Dies Fremdeln, so sagt man, sei anders als das Lächeln kulturübergreifend, wenn auch individuell ganz unterschiedlich ausgeprägt und unabhängig davon, ob das Kleinkind vorher Kontakt mit Fremden hatte oder nicht. Es scheint sich um eine angeborene Verhaltensweise zu handeln, aber schon greifen erste Codierungen ausformend ein. Auch hier scheint es auf die Bezugspersonen anzukommen, ob sich das Kind in dieser Phase erlaubt, sich von der Mutter zu entfernen und mit dem Fremden faszinierten Kontakt aufzunehmen.

Die Kontaktaufnahme mit Fremdheit wird zum Moment des Ästhetischen, die vermutlich nicht weniger archaisch ist als die mit dem Glück.

Ihr Kommentar


Falls Sie Stellung nehmen, etwas ergänzen oder korrigieren möchten, können sie das hier gerne tun. Wir freuen uns über Ihre Nachricht.