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Erzählung vom Sündenfall

Michael Seibel • Die nachgereichte biblische Kasuistik - das Böse, Teil 10

Die nachgereichte biblische Kasuistik - das Böse, Teil 10   (Last Update: 17.11.2017)

Es besteht weitgehend (man weiß ja nie, was im Bible Belt gedacht wird) Einigkeit darüber, dass sich das Verhalten keines einzigen Tiers außer dem Menschen an ethischen Kategorien messen lässt. Aber ab wann und durch was wird das Tier Mensch ethisch bewertbar?

Man könnte meinen, irgendetwas in seiner Entwicklung müsse geschehen sein, es sei etwa zur Sprachentwicklung gekommen oder zu komplexen Bewusstseinsformen, zu bestimmten Handlungen wie der Abgabe von Versprechungen oder zu irgend etwas anderem, das Menschen irgendwann früher oder später in der Geschichte tun und vorher vielleicht nicht getan haben. Also zu bestimmten neuen Qualitäten des Verhaltens, die bei Tieren fehlen.


Aber so ist es nicht. Menschen sind genau von dem Augenblick an ethisch bewertbar, in dem jemand, ein Prophet, ein Philosoph, die Möglichkeit erfindet, sie so zu bewerten, in dem auf menschliches Verhalten ethisch Bezug genommen wird. Wenn wir Menschenaffen oder Schuppenkriechtiere nicht nach ethischen Maßstäben beurteilen, dann deshalb, weil sie nach und nach aus den Erzählung, durch die ethisches Denken überhaupt eingeführt wurde, wieder gestrichen wurden, weil sie zu Opfern einer Entmythologisierung wurden, die sie in den Rang bloß metaphorisch gemeinter Gestalten zurückversetzte. Denn ursprünglich waren beide enthalten, Adam und die Schlange. Hätte sich ein anderer Gebrauch der biblischen Geschichten durchgesetzt, wären heute auch Tiere gut oder böse. Wenn man einen Augenblick genau hinschaut, findet man ohnehin, dass im Alltagsleben, in der Öffentlichkeit und in der millionenfach all zu jung gebliebenen Phantasie die ganze Welt der Tiere und Puppen, der Fetische und Vorlieben nach wie vor mit ethischen Bewertungen belegt ist als einer der naheliegendsten Ausdrücke von Liebe und Aversion.


Erwarten wir also nicht, dass wir in der Lage wären, die Begriffe gut und böse - und ganz besonders den des Bösen - ohne einen untilgbaren Bedeutungsanteil des Mythischen benutzen zu können, der ihm möglicherweise anhängt wie die DNA einer Hautschuppe dem Schmutz unter dem Fingernagel des Würgers im Fernsehkrimi. Am Bösen werden regelmäßig Grenzen unsicher. Die Grenze zwischen Mensch und Nichtmensch, innen und außen, Leben und Tod. Der Böse steht immer mit einem Bein drinnen und mit dem anderen draußen. Man kann ihm verzeihen oder ihn verstoßen.


Doch hören wir:

„Den Ursprung des Bösen hat die alte theologische Tradition in der Übertretung der ersten Menschen gefunden. Die Schöpfung sei als solche gut, aber durch den Ungehorsam des paradiesischen Menschenpaares (Gen 3) sei die ursprüngliche gute Art des Menschen verdorben worden. Das Böse kam in die Welt, und als Strafe die Übel: Mühsal, Schmerz und Tod.“1

Das können wir so nicht stehen lassen, ohne uns der Sache zu nähern.


Zwei Texte folgen zu Beginn der Genesis direkt aufeinander, die offenbar schlecht zusammenpassen. Der Bericht von der Erschaffung des Menschen im 2. Kapitel und der Bericht vom Sündenfall im 3. Kapitel. Die moderne Bibelkritik sagt, dass sie auf verschiedene Quellen aus weit auseinanderliegenden Epochen zurückgehen und ursprünglich nichts miteinander zu tun gehabt haben dürften. Wie dem auch sei, sie passen nicht gut zusammen.


Gott stellt im so genannten ersten Schöpfungsbericht wiederholt fest, wie „gut“ (Tow) seine Werke gelungen sind (Gen 1,4.10.12.18.21.26), und kommt zu dem Gesamturteil in Gen. 1,31, alles sei

sehr gut“ (Tow Me‘od).


Im so genannten zweiten Schöpfungsbericht hat Gott dann doch noch etwas nachzubessern. Gott setzt Adam in einen Garten mit schönen und „guten“ Fruchtbäumen (Gen 2,9) und warnt ihn vor dem Genuss der schlechten Früchte (Gen 2,17). Gott sah, dass es „nicht gut“ (Lo Tow, 2,18) sei, wenn Adam allein bliebe (Gen 2,19), und gab ihm die Tiere als Gefährten. Doch als Adam, der Mann, immer noch unzufrieden war (Gen 2,20), machte er ihm eine Frau. Adams erste Worte sind daraufhin Worte der völligen Zustimmung: „Diesmal“ sei das Werk gelungen (Gen 2,23), und er gewinnt dem Eheleben den besten Sinn ab (Gen 2,24). Abschließend erweist sich Gott als fürsorglicher Erzeuger und stattet das Paar in jeder Hinsicht luxuriös aus, mit Kleidung, Nahrung und Wohnung.


Nur ein Verbot war bekanntlich aufgestellt, ihnen war verboten, von „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ (Äz Ha-Da‘at Tow WaRa) zu essen. Aber ist es überhaupt ein Verbot oder nicht vielmehr eine Warnung vor einer totbringenden Pflanze?2 Moses Mendelson übersetzt: „Das ewige Wesen, Gott, befahl dem Menschen und sprach: "Von jedem Baum des Gartens kannst du essen. Nur von dem Erkenntnisbaum des Guten und Bösen, von diesem sollst du nicht essen. Denn sobald du davon isst, bist du des Todes." (Gen 3,16/17).


Man hat gefragt, wie das Menschenpaar den Unrechtscharakter ihrer Tat überhaupt hätten erkennen können, wenn doch erst der Genuss der verbotenen Frucht sie zur Unterscheidung von gut und böse befähigt hätte. Aber die Fähigkeit der Unterscheidung von gut und böse ist nicht notwendig, um sich an ein Verbot zu halten, wie jeder weiß, der Kinder hat. Der Sündenfall wäre demnach ein Akt des Ungehorsams gegen Gott, wenn man Gen 3,16/17 wie üblich als Verbot liest, oder des Unglaubens in Gottes Wort, falls man Gen 3,16/17 als Warnung liest. Wenig zwingend scheint der Hinweis auf Evas Hochmut, durch das Essen der verbotenen Frucht sein zu wollen wie Gott, denn in Gen. 2,26 heißt es ausdrücklich, dass der Mensch ohnehin schon nach Gottes Ebenbild geschaffen sei. Sie war schon wie Gott, sie hatte es nur nicht begriffen.


Die Adamitische Übertretung des Verbots ist letztlich einigermaßen unbegründet. Der erste Schöpfungsbericht, das vertagte happy end, stellt vor, dass es zwischen Menschen auch gänzlich ohne Grauen abgehen kann. Dem Menschengeschlecht ging es im Paradies ganz ausgezeichnet. Ganz anders als bei dem Frevel des Prometheus, der gegen den Willen der Götter dem Menschen das Feuer brachte. Er brachte es zu darbenden, schlecht versorgten Menschen.


Wenn man den ersten und den zweiten Schöpfungsbericht, also Gen. 2 und Gen. 3 so wie geschehen zusammenfügt, warum dann das Verbot? Und wie kommt der Baum der Erkenntnis überhaupt neben den Baum des Lebens ins Paradies? Im heutigen Zivilleben müsste man sagen, Gott sei seiner Sorgfaltspflicht für die Schöpfung nicht nachgekommen, indem er das Paradies derart gefährlich bepflanzt hat.

Während der erste Schöpfungsbericht Gott als alleinigen Schöpfer vorstellig macht und diese Version von daher unverzichtbar ist, ist der zweite Schöpfungsbericht und der gesamte weitere Verlauf der Genesis so angelegt, dass Schöpfungsergebnis und reale Lebenswelt zusammenpassen.


Wer immer das alte Testament redigiert hat, das Resultat einer Lebenswelt in Gemeinschaften, in denen Grauen, Übel und Mord vorkommen, war ihm vorgegeben. Der weitere Verlauf der Genesis über Kain und Abel bis zu Noah und danach bis zum Untergang Babels beschreibt ein zunehmend verrohendes Menschengeschlecht, bei dem sich der Urzustand immer mehr dem Ist-Zustand annähert. Jeder andere Ausgang hätte aus der Schöpfungsgeschichte ein Märchen gemacht, aus dem kaum je eine Religion hätte werden können.


Gen 6,5–7 Als der Ewige sah, dass die Bosheit des menschlichen Geschlechtes groß war auf der Erde und alles Dichten der Gedanken seines Herzens nur immer auf das Böse ging, da bereute der Ewige, dass er den Menschen auf Erden gemacht hatte, und hatte Verdruss in seinem Herzen. Und der Ewige sprach: "Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, von dem Erdboden vertilgen, ja von Menschen bis zum Vieh, bis zum Gewürm und Geflügel des Himmels. Denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe." Noach aber fand Gnade in den Augen des Ewigen.“


Ohne Gnade kein Fortbestand der Gattung. In Noah, im guten Menschen, überleben die Gattung und die Gruppe als Individuum, das ein besonderes Verhältnis zum göttlichen Gesetz hat und von daher Gruppe und Gattung erneuert.


Das Spannungsverhältnis des empirischen Apriori des Übels und des transzendentalen Apriori eines allmächtigen Gottes hält sich durch die gesamte Geschichte der mosaischen Religionen durch und wird in der Theodizee durchgedacht. Dabei bekommt der erste Schöpfungsbericht wieder besonderes Gewicht, da er in Gott den Schöpfer allen Seins sieht und nicht wie die andere antike religiöse und philosophische Traditionen lediglich den Ordner des Chaos, eines Chaos, das damit auch nicht mehr als Ursprung des malum reklamierbar ist. Dieser Ausweg aus der Theodizee ist damit verbaut.



Über Schöpfungsfragen zum Bösen


Erst mit dem Aufkommen der monotheistischen Religionen, des Christentums und später des Islam wird das Böse dem Guten radikal entgegengesetzt, im Judentum erst in der Zeit des europäischen Mittelalters mit der Kabbala. Während die Bezeichnung böse heute auch ohne religiöse Konnotation in den verschiedensten Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens bewertend zur Bezeichnung von Handlungen eingesetzt wird, die bedrohen, was andere wertschätzen, und die aus diesem Grund ausgeschlossen und vernichtet werden müssen, hat der Begriff Sünde außerhalb religiöser Kontexte seinen Sinn verloren, fokussiert die Sünde doch auf das durch den Regelbruch veränderte Verhältnis zu Gott.

„Was die Sünde betrifft, wird innerhalb einer religiösen Totalanschauung wie der biblischen das Böse als solches zugleich als das Gottlose bestimmt, und obwohl der religiöse Begriff der Sünde und der ethische Begriff des Bösen sich nicht decken, bekommt mit der zunehmenden Ethisierung der Religion der Begriff der Sünde eine immer sichtbarere ethische Färbung. Wenn das Neue Testament vom Bösen redet, ist die Sünde mitenthalten, und wenn von Sünde konkret als Sünden geredet wird, handelt es sich um ethische Übertretungen.“3


Auf den Begriff des Bösen allerdings wird man auch heute kaum verzichten wollen, um den Unterschied zwischen Übeln wie einer Naturkatastrophe einerseits und Mord oder Völkermord andererseits zu bezeichnen. Hier ist der Begriff des Bösen durch den Begriff Unrecht nicht ersetzbar. Das wird deutlich, wenn das Recht selbst in gesetzliches Unrecht umschlägt wie im Nationalsozialismus. Gustav Radbruch hat das exemplarisch ausgedrückt4. Spätesten dann bedarf es eines explizit ethischen und nicht nur eines juristischen Begriffs der Legitimität.


Einer der bedeutenden Übergänge vom Polytheismus zum Monotheismus besteht wie gesagt darin, dass in vielen Mythologien des Vorderen Orients der Weltentstehungsprozess als ein Kampf der Trennung von Ordnung und einem vorausgesetzten, ungeschaffenen Chaos dargestellt wird. Das Chaos als solches ist ungeschaffen, und der Kampf der Götter untereinander gilt der Ordnung dieses Chaos. Das entspricht Ricœurs mythes théogonique. Die Erschaffung der Welt wird als die Herausbildung einer Ordnung vorgestellt, in der menschliches Leben erst möglich ist. Im babylonischen Mythos z.B. wird der Gott Marduk von den anderen Göttern herbeigerufen, um das Meeresungeheuer Tiamat zu besiegen. Tiamat wird zum Vorbild für ein anderes, uns bekannteres Seeungeheuer, den Leviathan der christlich-jüdischen Mythologie.


Der Monotheismus erweitert die vorgestellte göttliche Schöpfungsleistung demgegenüber erheblich, indem Gott nicht allein als Schöpfer der Ordnung, sondern als Schöpfer des Seins verstanden wird. Damit handelt sich der Monotheismus das Thodizee-Problem ein.

»Gott sah alles an, was er gemacht hatte: es war sehr gut.«
(Hebr.: tov m-od; d. h. sehr gut gemacht, Gen. 1,31.)


Für Augustinus ist Gott an sich das Gute und zugleich das für das freie menschliche Handeln höchste Gut.

„Denn es erhob mich zu deinem Lichte, dass ich ebenso überzeugt war von dem Vorhandensein meines freien Willens wie von meinem Leben. Wenn ich daher etwas wollte oder nicht wollte, so war ich ganz sicher, dass niemand anders als ich es wollte oder nicht wollte, und allmählich kam ich zu dem Bewusstsein, dass hierin wohl der Urgrund des Bösen liege. Was ich aber wider Willen tat, das betrachtete ich mehr als ein Leiden von meiner Seite als eine Tat und glaubte, dass es keine Schuld, sondern eine Strafe wäre, die ich aber, da ich deine Gerechtigkeit anerkannte, sehr bald nicht ungerecht über mich verhängt bekannte. Wiederum aber sagte ich: Wer schuf mich? Mein Gott, der nicht nur gut, sondern überhaupt das Gute ist? Woher da der Wille zum Bösen und der Nichtwille zum Guten, so dass ich gerechte Strafe verbüßen muß? Wer legte das in mich und säete in mich hinein den Keim der Bitterkeit, da ich ganz und gar von meinem süßen Gott geschaffen bin? Ist der Teufel der Urheber, nun woher stammt denn der Teufel?“5



Die nachgereichte biblische Kasuistik


Was genau ist denn nun böse? Wie kommen wir an die einschlägige Kasuistik? … wenn auch nicht in gewohnter Wenn/dann-Form, sondern als eine Reihe von kategorisch formulierter Einzelverbote?


Die Fassung der 10 Gebote aus 5. Moses 5.6

„2 Der Herr, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. 3 Nicht mit unseren Vätern hat der Herr diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier stehen, mit uns allen, mit den Lebenden. 4 Auge in Auge hat der Herr auf dem Berg mitten aus dem Feuer mit euch geredet. 5 Ich stand damals zwischen dem Herrn und euch, um euch das Wort des Herrn weiterzugeben; denn ihr wart aus Furcht vor dem Feuer nicht auf den Berg gekommen. Der Herr sprach: 6 Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. 7 Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. 8 Du sollst dir kein Gottesbildnis machen, das irgendetwas darstellt am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. 9 Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen und an der dritten und vierten Generation; 10 bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld. 11 Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht. 12 Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat. 13 Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. 14 Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. 15 Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten. 16 Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat, damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. 17 Du sollst nicht morden, 18 du sollst nicht die Ehe brechen, 19 du sollst nicht stehlen, 20 du sollst nicht Falsches gegen deinen Nächsten aussagen, 21 du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen und du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört.“


Der Bundesschluss Gottes mit seinem Volk Israel besteht in der göttlichen Gesetzesaufrichtung und dem Gehorsamsversprechen des Volkes. Die Rede beginnt mit der Theophanieformel „Ich bin JHWH“ und wendet sich an ein ebenso kollektives, wie individuelles DU. Dem Bundesschluss liegt die Wahl Gottes zugrunde, die aus Israel das Volk Gottes macht, indem er es als Befreier aus der Sklaverei führt und diese Wahl in der Theophanie bestätigt. Dies Erscheinen des Befreiers begründet Gottes Recht auf ungeteilte Gefolgschaft vollständig. Es gibt keinerlei Trennung zwischen Ethik und Politik, zwischen dem Grund, aus dem das Gesetz gilt, dem zureichenden Grund für die freie Entscheidung eines jeden Gläubigen für den Gehorsam ihm gegenüber und der absoluten Macht, die das Gesetz aufrichtet und durchsetzt, symbolisiert durch die Rede aus dem Feuer. Das wird der Kern jeder späteren religiösen Legitimation von Herrschaft.


Was nun die Tafeln kodifizieren, ist der Kern einer Sozialordnung aus den Geboten, haushälterisch mit Arbeitskraft umzugehen, traditionelle Hierarchien zu respektieren, dem Mordverbot, umfassendem Eigentumsschutz bis hin zum Schutz sexueller Verfügungsrechte und einem friedenssichernden diskursiven Wahrheitsgebot. Das abschließende, zweifellos unerfüllbare Begehrensverbot überantwortet den Hauptverdächtigen für notorischen Unfrieden in jeglicher menschlicher Gemeinschaft der permanenten Selbst- und Fremdbeobachtung. Alles klappt, wenn sich alle an die Gebote und Verbote halten und im übrigen misstrauisch gegenüber dem eigenen Begehren, dem eigentlichen Feind der Schranken sind, die Gebote und Verbote nun einmal aufrichten, sie mögen von wem auch immer und warum auch immer errichtet sein.


Wenn die Diagnose dahin geht, dass ein solcher Sozialordnungskern für ein gedeihliches menschliches Zusammenleben erforderlich ist, ist es von entscheidendem Vorteil, eine absolute Macht vorweisen zu können, die ihn einführt und durchsetzt. Grund, den Gesetzen Folge zu leisten, ist allerdings der religiös wohl begründete göttliche Gehorsamsanspruch und nicht der mindestens ebenso wohl durchdachte friedensstiftende Sinn der Gesetze des Dekalogs.


Hygen nennt uns neben den Ge- und Verboten der Dekalogs Hinweisarten7 wie Tadel, Drohung, Weheruf und Fluch, Ermahnungen und Sprüche, Erzählungen und Gleichnisse, die als Warnungen dienen, die in der Bibel Gut und Böse weiter inhaltlich präzisieren, wie …


Mt 15,19

„Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen.“

Röm 1,28-31

„Sie sind voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke, sie verleumden und treiben üble Nachrede, sie hassen Gott, sind überheblich, hochmütig und prahlerisch, erfinderisch im Bösen und ungehorsam gegen die Eltern, sie sind unverständig und haltlos, ohne Liebe und Erbarmen.“

Gal 5, 19-21

„Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt Acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt. Darum sage ich: Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Denn das Begehren des Fleisches richtet sich gegen den Geist, das Begehren des Geistes aber gegen das Fleisch; beide stehen sich als Feinde gegenüber, sodass ihr nicht imstande seid, das zu tun, was ihr wollt. Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz. Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und Ähnliches mehr. Ich wiederhole, was ich euch schon früher gesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht. Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir aus dem Geist leben, dann wollen wir dem Geist auch folgen. Wir wollen nicht prahlen, nicht miteinander streiten und einander nichts nachtragen.“


und Kolosser 3,8

„Also trennt euch ganz entschieden von allen selbstsüchtigen Wünschen, wie sie für diese Welt kennzeichnend sind! Trennt euch von sexueller Zügellosigkeit und von ausschweifendem Leben, von Leidenschaften und Lastern, aber auch von der Habgier, die den Besitz für das Wichtigste hält und ihn zu ihrem Gott macht! Wer diese Dinge in seinem Leben duldet, wird Gottes Zorn zu spüren bekommen. Auch ihr habt früher so gelebt. Aber jetzt ist es Zeit, das alles abzulegen. Lasst euch nicht mehr von Zorn und Hass beherrschen. Schluss mit aller Bosheit! Redet nicht schlecht übereinander, und beleidigt niemanden! Hört auf, euch gegenseitig zu belügen.“


Anmerkungen:

1 Johan B. Hygen, das Böse, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 7, S.12

2 Hunderte Jahre später wird Leibniz das so sehen. »Es besteht Grund zu dem Urteil, daß die verbotene Handlung diese bösen Folgen von selbst, vermöge einer natürlichen Folgerichtigkeit, nach sich gezogen hat, und daß Gott sie eben deshalb, nicht durch eine rein willkürliche Anordnung, verboten habe: es war etwa so, wie man den Kindern das Messer verbietet. Der berühmte Fludd oder de Fluctibus, ein Engländer, schrieb einmal ein Buch de Vita, Morte et Resurectione, mit dem Psendonym R. Ortleb., in dem er behauptete, die Frucht des verbotenen Baumes sei giftig gewesen: aber wir können uns auf solche Einzelheiten nicht einlassen. Es genügt, daß Gott etwas Schädliches verboten hat; man darf sich also nicht einbilden, Gott habe einfach die Rolle des Gesetzgebers gespielt, der ein rein positives Gesetz gibt (...)« (Leibniz, Studien über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels, in: Leibniz, die Hauptwerke, Stuttgart 1967, S.229)

3 Johan B. Hygen, das Böse, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 7, S.10, Berlin New York 2006

4 vgl. Gustav Radbruch, Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht. Süddeutsche Juristenzeitung 1946, S. 105–108

5 Augustinus, Bekenntnisse, 7,3

6 Die Unterschiede zur Version in Exodus 20 können wir an dieser Stelle unberücksichtigt lassen.

7 Vgl. Johan B. Hygen, das Böse, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 7, S.10



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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