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Antigone – nichts geht mehr

Michael Seibel • das Böse, Teil 9

das Böse, Teil 9   (Last Update: 17.11.2017)

Es wäre reizvoll, das Antigone-Drama als eine unübertroffene Verdichtung von Leid und Unheil in der antiken Literatur einmal ebenso aufzuschlüsseln wie Poes Detektivgeschichte. Man trifft dort in der Tat auf ein ganz anderes Format intersubjektiver Kultur, ein Format, in das die gleichen Tugenden, die Platon fordert, bereits implementiert sind, ohne jedoch auch nur im Geringsten zu einem glückseligen Leben beizutragen, was sich Platon von den Tugenden verspricht.

Erinnern wir uns. Antigone und Ismene trauern um ihre Brüder Eteokles und Polyneikes, die sich gegenseitig erschlagen haben. Das bisherige Leben der Schwestern war eine einzige Kette von Leid, Trauer und Schande (durchaus also kein so ehrenhaftes und friedliches wie das von Poes hochgestellter Dame), ausgehend von den Verfehlungen des Königs Laios von Theben, des Großvaters der Schwestern, der einst die Gastfreundschaft des Königs Pelops missbraucht hatte, indem er dessen Sohn Chrysippos, in den er sich verliebt hatte, auf einer Feier entführt hatte. Er war aufgrund dessen von Pelops verflucht worden. Über das Delphische Orakel erhielt Laios Kunde von diesem Fluch, der besagte, dass, solle er je einen Sohn haben, dieser Sohn ihn töten und die eigene Mutter heiraten werde. Der Ödipus-Mythos stellt also mit all seinen Katastrophen, dem Mord des Ödipus an Laios, Ödipus' inzestuöser Heirat mit Iokaste, der Seuche, die Theben heimsucht, dem Selbstmord der Iokaste, der Selbstblendung des Ödipus und seiner Verbannung die Vorgeschichte des Antigone-Dramas dar.


Diese Vorgeschichte besteht aus Verwicklungen und Schuldnetzen, die mit denjenigen, die Poes Kriminalgeschichte ausmachen, mühelos mithalten können. Allerdings sind bei Sophokles die Protagonisten der Unordnung die Gesetzgeber und nicht die dem Gesetz unterworfenen Gestalten wie bei Poe. Antigone ist ein Muster an Integrität, eine Idealgestalt, die bereits alle Platonischen Kardinaltugenden vorexerziert, Klugheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit und Mut. Die Tugenden sind ohnehin keine Platonische Erfindung. So meint bereits die Anrede ›Heros‹ in der Illias »den Menschen der patriarchalisch-adligen Gesellschaft, der den Speer führt, Königtum, Gefolgschaft, Sippenverbände, Treue, Ehre und Ruhm kennt und sich vor allem im agonalen Streben – ›immer der Beste sein‹ – durch Tatkraft, Mut, Entschlossenheit und Geschicklichkeit auszeichnet.«1

Poes Königin will dagegen nicht bei was auch immer erwischt werden.


Nach dem Tod von Iokaste und Ödipus sollen die Brüder Eteokles und Polyneikes abwechselnd die Herrschaft in Theben innehaben, worüber sie sich jedoch verfeinden. Polyneikes wird verbannt und greift aus der Verbannung die Stadt Theben an. Im Kampf um Theben töten sich Eteokles und Polyneikes gegenseitig. Kreon, der Onkel der gefallenen Brüder wie von Antigone und Ismene erlässt daraufhin bei Strafe der Steinigung das Verbot, Polyneikes, den Angreifer der Stadt zu bestatten.

Antigone besteht darauf, ihren Bruder Polyneikes auch gegen das Verbot zu bestatten, und bittet ihre Schwester Ismene, ihr bei der Bestattung zu helfen, was diese mit dem Argument ablehnt, so etwas sei nicht Sache einer schwachen Frau. Antigone möge, so bittet Ismene, die Bestattung zumindest heimlich vornehmen, wenn sie schon unumgänglich sei.


Kreon hat die Beisetzung nicht ohne Grund verboten. Die Vaterstadt und ihre Sicherheit seien das höchste Gut. Wer sie angreife sei ehrlos. (Wäre an dieser Stelle ein Gegenbegriff des Guten zu finden, so der des Ehrlosen oder des Feindseeligen.)


Nach ihrer Tat, die kaum mehr ist als eine Andeutung, besteht sie doch darin, den toten Bruder mit Staub zu bedecken und zu beweinen, ist Antigone ohne weiteres geständig und beruft sich auf das Gesetz der Götter der Unterwelt, das verlange, den Bruder zu bestatten. Zwischen diesen beiden Positionen bewegt sich nichts, ganz anders als in Poes Geschichte, in der sich je nach der Position des Briefes, des Signifikanten, veränderte Relationen zwischen einigen oder allen Beteiligten ergeben. Zwischen Kreon und Antigone zirkuliert hingegen nichts. Die Verhältnisse sind eingefroren. Der Diskurs ist tot. Alles was zirkulierte, zirkulierte in Vorzeiten, ist zu Schicksal geronnen, statt eines entwendeten Briefs gleich zwei zugestellte Briefe mit entgegengesetzten Forderungen und statt eines Szenarios, innerhalb dessen sich die Subjekte mit dem Leben arrangieren können, ein Szenario, in dem sie nur mehr sterben können. Antigone ruft aus, ihr Tod sei besser als ihr unglückliches Leben.

Erst Teiresias wird wieder Bewegung in die Front der Gesetze bringen und Kreon veranlassen, seinen Fürstenstolz zu überwinden und sein Bestattungsverbot aufzuheben, allerdings nur, um das Verhängnis perfekt zu machen. Denn die Götter nehmen die Opfergaben nicht mehr an, überall liegen, von Hunden verstreut, die Leichenteile des Polyneikes herum. Kreon, so Teiresias, habe nicht mehr lange zu leben. So wird Kreon also doch gemeinsam mit Haimon, Antigones Verlobtem, Polyneikes bestatten und macht sich daran, die strafweise lebendig eingemauerte Antigone zu befreien, findet sie jedoch nur mehr erhängt vor. Voll Wut geht Haimon auf Kreon los, verfehlt ihn und stürzt sich selbst ins Schwert. Selbst Eurydike, Kreons Frau, tötet sich. Kreon irrt kaum mehr erkennbar als lebendiger Toter herum. Als Schicksal bleibt Unheil unbegriffen.


Am Ende sieht Kreon ein, dass alles sein Fehler ist. Kreon, ein Monokausalpolitiker, dessen Erkenntnisfortschritte nur durch unüberbietbares Unheil zustande kommen.


Was singt der Chor? Seine Lernfähigkeit ist die von Ohnmächtigen. Kreons Herrschaft ist eine Tyrannis. Der Chor singt nacheinander von der Angst um das bedrohte Theben, lobt die Leistungsfähigkeit und den Erfindungsreichtum des Menschengeschlechts, erinnert an die Ate, das Unheil, das seit Generationen die Labdakiden fest im Griff hat, zeigt Verständnis für die Gründe Kreons, Polyneikes nicht zu bestatten, singt von der Universalität des Eros, der selbst den Standfestesten an seinen Prinzipien zweifeln läßt und selbst unter Blutsverwandten unstillbaren Streit hervorbringt, zeigt dann aber Bewunderung für die untadelige Haltung Antigones, singt von Beispielen der schrecklichsten Strafen, rät Kreon zum Einlenken, wendet sich an Dionysos und sein trunkenes Gefolge um Hilfe. Am Ende stellt der Chorführer fest, dass es aus dem Schicksal kein Entrinnen gibt. Soweit des Volkes Meinung.


Wodurch und wie hätte der Double Bind, um den es sich bei den widersprüchlichen Anforderungen an Antigone ja zweifellos handelt, eigentlich vermieden werden können?

Die Antwort darauf gibt das Drama selbst, und sie lautet: durch nichts. Das ist das Schicksal. Erstens hätte Pelops keinen Grund haben dürfen, Laios zu verfluchen. Zweitens hätten Eteokles und Polyneikes, die beiden Heißblütigen, nicht um der Herrschaft willen zu Feinden werden dürfen. Das eine wie das andere sind Sachverhalte, bei denen, wie der Chor beklagt, der Eros das Prinzip der Unruhe und des Umsturzes verkörpert. Schließlich hätte Kreon nicht den Bestand des Staates als höchsten Wert über die Bestattungssitte stellen dürfen, er hätte also nicht auf dem Primat der Politik gegenüber dem göttlichen Gebot bestehen dürfen. Dazu wäre es gut gewesen, wenn Kreon sein Unrecht viel schneller erkannt hätte, wenn er einem anderen Erkenntnisprinzip hätte folgen können als dem, dass nur richtig sein kann, was durch die Feuertaufe der Leiden gegangen ist.


Schauen wir auf diesen Kern: Der Eros müsste grundlegend umgedeutet werden als ordnendes, statt als Ordnung infrage stellendes Prinzip. Als das wäre er zugleich Quelle des Erkennens von richtig und falsch. Der Diskurs und nicht das Schicksal müsste das Feld sein, auf dem sich Bedeutungen ergeben und für alle Beteiligten klar werden.


Das ist recht genau das, was Platon mit der Idee des Guten gedacht hat: Das Gute als intelligible Idee und den Eros nicht als Gegenprinzip des Guten, sondern in Form des Schönen als dessen Verwirklichung, entwickelt durch ein Denken, das in Dialogen von der Stelle kommt.

Das Antigone-Drama beleuchtet drastischer, als es Platon selbst tut, die Notwendigkeit, warum Platons Dialog Politeia zu einem einzigen lebenslangen Ausbildungsprogramm für jedermann in der Polis aufrufen muss, warum Ethik von Anfang an Praxis fordert. Der Weg vom Thebanischen Schicksalsgeschehen zur stabilen Polis ist nicht gerade ein Selbstläufer.


Die Idee des Guten versucht, die transzendentale Grenze allen Übels zu denken. Die Umkehrung der Aussage ist ebenso zutreffend: die Idee des Guten wäre ohne die Übel als seine Rahmenbedingungen bedeutungslos. Eine schlechterdings gute Welt, eine Welt ohne Übel, also jene nach Leibniz unmögliche Welt, die noch besser wäre als die beste der möglichen Welten, bedürfte nicht der Idee des Guten.


Anmerkungen:

1 Wolfgang Schadewaldt, Der Aufbau der Illias, Frankfurt 1975, S. 7



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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