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Entwendete Differenzen

Michael Seibel • das Nichts, das sich nicht sagen läßt - das Böse, Teil 7

das Nichts, das sich nicht sagen läßt - das Böse, Teil 7   (Last Update: 17.11.2017)

Wie kommen wir von der Semiotik zurück zur Zeit der Geschichten und Historien? Der differenzierte Ausdruck des Signifikats, die Lücke, die stets geschlossen wird, ist nur die eine, mehr oder weniger geschichtslose Seite der Medaille. Denn wie man weiß sind bereits einfachste Sachverhalte unausdrückbar, wenn auch aus einem völlig anderen Grund als dem, dass die Sprache unter zu viel Differenz kollabierten würde, sondern aufgrund der Tatsache, dass die Antwort vom Anderen erwartet wird. Wie etwa lautet die erschöpfende, ganz und gar differenzierte Antwort auf die Frage „Liebst Du mich“?

Jacques Lacan hat das Verwiesensein auf den Anderen in seinem Aufsatz zu E. A. Poes Der entwendete Brief mit dem angemessenen Humor herausgearbeitet.


Im Hinblick auf das Böse, das unser Thema ist, müssen wir uns dafür interessieren, was es heißen kann, mit einem gewissen Ungehorsam einem Gesetz folge zu leisten und dabei zu erleben, wie die Bosheit um so präsenter ist, je besser man sie versteckt. Lauschen wir wie Lacan dem Gespräch zwischen dem Pariser Polizeipräfekten und dem Detektiv Auguste Dupin, jenem Vorbild, das Poe allen späteren Detektivgeschichten a la Sherlock Holmes vorausgeschickt hat:


„»Ich habe persönlich von höchster Stelle die Nachricht erhalten, dass aus den königlichen Gemächern ein äußerst wichtiges Dokument entwendet worden ist. Die Person, die es sich angeeignet hat, ist bekannt; dass man sie ungerecht verdächtigt, ist ausgeschlossen, denn man hat sie bei der Tat beobachtet. Man weiß ebenfalls, dass sich das Schriftstück noch in ihrem Besitz befindet.«

»Woher weiß man das?« fragte Dupin. »Man schließt es mit absoluter Gewissheit aus der Natur des Dokumentes«, erwiderte der Präfekt, »sowie auch aus der Tatsache, dass sich gewisse Resultate noch nicht ergeben haben, die sofort zutage treten würden, wenn es aus dem Besitz des Diebes in andere Hände überginge,- das heißt, wenn er es zu dem Zweck verwendete, zu dem allein er es gestohlen haben kann.« »Werden Sie doch ein wenig deutlicher«, sagte ich. »Gut, dann will ich so weit gehen und noch verraten, dass dies Papier seinem Besitzer eine gewisse Macht verleiht, und zwar in einer Sache, in der diese Macht von unermesslichem Wert ist.(...) Nun, wenn man das Dokument einer dritten Person, deren Namen ich verschweigen will, übergeben würde, wäre die Ehre einer anderen, sehr hochstehenden Person kompromittiert, und diese Tatsache gibt dem Inhaber des Schriftstückes eine Gewalt über die erlauchte Person, deren Ehre und deren Friede auf diese Weise in steter Gefahr schwebt.« »Aber diese Gewalt«, warf ich ein, »könnte doch nur ausgeübt werden, wenn der Dieb wüßte, dass der Bestohlene um seinen Diebstahl weiß. Wer aber würde wagen ... « »Der Dieb«, sagte G., »ist der Minister D., der alles wagt, ohne sich Skrupel zu machen (...).Das fragliche Dokument – um es frei heraus zu sagen: den Brief also – hatte die bestohlene Person erhalten, als sie sich im königlichen Boudoir allein befand. Während des Lesens wurde sie durch den Eintritt der anderen erlauchten Persönlichkeit, vor der sie ihn gerade sorgfältig verbergen wollte, unterbrochen; nach einem eiligen und vergeblichen Versuch, ihn in einer Schublade zu verbergen, war sie gezwungen, ihn offen, wie er war, auf dem Tisch liegen zu lassen. Die Seite mit der Adresse war nach oben gekehrt, und so kam es, dass der Brief, von dessen Inhalt nichts zu sehen war, weiter nicht bemerkt wurde. Nach diesem kleinen Zwischenfall tritt der Minister D. ein. Sein Luchsauge bemerkt das Papier, erkennt die Handschrift der Adresse, beobachtet die Verwirrung der Person, an die der Brief gerichtet war, und durchschaut das Geheimnis sofort. Nach einigen geschäftlichen Erörterungen, die er in seiner bekannten Art herunterhaspelt, zieht er einen Brief von ungefähr gleichem Aussehen wie dem in Frage stehenden aus dem Portefeuille, öffnet ihn, tut, als ob er ihn läse, und legt ihn dann dicht neben jenen hin. Dann redet er wieder etwa eine Viertelstunde lang über Staatsgeschäfte. Als er sich schließlich verabschiedet, nimmt er statt seines eigenen den Brief vom Tisch, der ihm nicht gehört. Der rechtmäßige Eigentümer sah es, wagte jedoch natürlicherweise nicht, darauf aufmerksam zu machen, da jene dritte Person, vor der er das Schreiben verbergen mußte, dicht neben ihm stand. Der Minister verließ das Gemach, sein eigener, durchaus unwichtiger Brief blieb auf dem Tisch zurück.«"


Diese erste Szene nennt Lacan eine Urszene. Das ist ethisch interessant.1 Poes Erzählung ist an dieser Stelle in der Tat eine reine Strukturbeschreibung. Sie beschreibt die beteiligten Subjekte, wer was weiß und wer nicht. Die Macht, die der Minister über die Königin durch den Diebstahl erlangt, ist in genau dieser Struktur und keiner anderen Struktur real. Wenn, wie Hannah Arendt sicher nicht als erste, aber dafür um so forscher formuliert, Wahrheit im Unterschied zu Meinung darin besteht, dass man mit Meinungen überzeugen will, Wahrheiten aber der Charakter des Verführerischen völlig abgeht, da sie statt dessen einen Zwang darstellen2 (und zwar, was mir entscheidend erscheint, für das Subjekt und nicht für den anderen), so liefert in der Tat die Struktur der Szene die Wahrheit der Macht, die durch den Besitz des Briefes erlangt wird.

Und: ja, es geht um den Brief. Der Brief ist der Signifikant. Mir scheint ziemlich deutlich, warum Lacan ihn so nennt, obwohl es sich natürlich, genau genommen, eben um einen ganzen Brief und nicht um einen einzelnen Signifikanten handelt. Aber darauf kommt es offensichtlich nicht an, denn in der ganzen Geschichte wird kein Wort darüber verloren, was in dem Brief eigentlich steht, selbst von dem nicht, der es am Ende weiß, von Auguste Dupin, dem Detektiv. Der Brief bezeugt vielmehr irgendeine Verfehlung der Königin, die in jedem Fall früher ist als die in Poes Detektivgeschichte berichteten Ereignisse. Ein urzeitlicher Fehl sozusagen. Denn Sprechen ist immer schon versprochen sein, etwas versprechen und sich im Sinne einer Fehlleistung versprochen haben. Bedeutung gibt es in der intersubjektiven Welt der Sprache niemals aufgrund einer Leistung eines Subjekts, sondern wenn überhaupt, dann seiner Fehlleistung.

Diese zeigt sich in jeweils bestimmten Strukturen, wie derjenigen, die Poe in seiner Detektivgeschichte vorexerziert. Der König, der von nichts weiß, die Königin, die weiß, dass der König nichts weiß und die weiß, dass der Minister den kompromittierenden Brief entwendet hat, des Ministers, der weiß, dass die Königin weiß, dass er den Brief entwendet hat und dessen Macht über die Königin, die er in seine politische Macht ummünzt, darin besteht, den Brief nicht zur Veröffentlichung zu benutzen.


Wie gesagt: Die Geschichte wäre ohne die Verfehlung, ohne den Ungehorsam der Königin, von dem wir nicht wissen, in was er eigentlich bestand, nicht in Gang gekommen. Davon kein Wort bei Lacan. Dürfen wir also davon ausgehen, dass diese Verfehlung, worin sie auch immer bestehen mag, mit dem Eintritt in die Sprache als in ein intersubjektives Medium unvermeidlich ist? Eine Art Erbsünde? Lacan; Katholik von Haus aus, mag in diese Richtung gedacht haben. Stellen wir unser eigenes Urteil darüber zurück, indem wir bemerken, Poes Geschichte ist die erste oder wenigstens eine der ersten Detektivgeschichten. Sie ist als Geschichte kontingent. Man kann andere erzählen. Seien wir uns metaphorisch gesprochen nicht all zu sicher, dass sich die nächste Königin wieder auf genau die gleiche Weise versündigen wird oder, was vielleicht noch mehr Durcheinander erzeugen kann, dass sie am Ende untadelig treu bleibt. Es muss nicht immer wieder, wir erinnern uns an die Freudsche Urszene, ausgerechnet Ödipus sein. Nur, welche andere Geschichte könnte das sein? Wir kommen unten auf Antigone zu sprechen, einem Wunder an Gesetzestreue, und das selbst als Verwandte des Ödipus.


Für den Augenblick sei festgehalten: 'böse', das verstehen wir, solange wir die Geschichte/n außen vor lassen, als eine einigermaßen asignifikante Bezeichnung, als einen Ausdruck in einem Meer von intersubjektiven Versuchen, Differenzen auszudrücken die die Übel betreffen, als ein Wort, das überhaupt nur in Bezug auf eine aktuelle Differenz etwas vor unnennbar vielen anderen Bezeichnungen voraus hat. Und wir werden unten, indem wir das Rad der Geschichte wieder in Bewegung versetzen, einige der Möglichkeiten nennen, die sich zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen um die Rede vom Unheil ergeben haben.

Das ist die eine Seite, die der Differenzen. Der Hinweis auf den entwendeten Brief, auf diese Geschichte von Poe aus dem 19. Jahrhundert soll uns erinnern, dass wann und wo auch immer Menschen ihr Unheil besprechen, welchen Unerträglichkeiten sie auch immer ausgesetzt sind, dem Säbelzahntiger, dem Steuereintreiber oder dem Warlord, diese Differenzen zugleich nur in jeweils bestimmten diskursiven Strukturen und kulturellen Denkweisen Sinn, Macht und Wirkung bekommen, ob es sich um das Paris des 19. Jahrhunderts oder um das Attika des 7. vorchristlichen Jahrhunderts oder das Hippo der Spätantike handelt. Wo immer Differenzen sprachlich ausgedrückt werden, wo immer Taten, das Kochen einer Suppe oder ein Königsmord intersubjektive Bedeutung haben, fallen Ausdrücke wie 'böse' und all die Millionen anderer Ausdrücke sogleich auch in intersubjektive Strukturen, von denen die Grammatik nur ein Teil ist, und von denen ein Lacan völlig zu recht sagt, dass sie im Kern unbewusst wirken. Er sagt es schöner, also zitieren wir ihn:

»Das Unbewußte ist der Teil des konkreten Diskurses als eines Überindividuellen, der dem Subjekt bei der Wiederherstellung der Kontinuität seines bewußten Diskurses nicht zur Verfügung steht.«3


Aber das heißt noch lange nicht, dass Kulturen dem Unbewußten nicht sehr spezifisch Vorgaben machen, die sich nicht beschreiben ließen.


Beenden wir unsere Kenntnisnahme von Poes Erzählung nicht, ohne, wie Lacan die zweite Szene zu erwähnen, in der die Urszene wiederholt und dabei entschieden abgewandelt wird. (Lacan sieht sich berechtigt, den Gang der Kriminalgeschichte mit Freuds Frage nach dem Wiederholungszwang engzuführen, wie sie in Jenseits des Lustprinzips gestellt ist. Wir biegen an dieser Stelle in eine andere Richtung ab. Wir erfreuen uns am Motiv des offenbaren Geheimnisses und an der waghalsigen Identifikation von Freiheit und Wissen in Gestalt des Auguste Dupin, ist er es doch, der den entscheidenden Dreh in die Ordnung der Befürchtungen bringt, der sie durchaus befreit ohne sie zu ändern.) Es ist die Szene, in der der Detektiv Auguste Dupin den entwendeten Brief wiederbeschafft.


Die verzweifelte Königin beauftragt den Präfekten, ihr den Brief wiederzubeschaffen. Der findet jedoch trotz gründlichster Suche selbst in den entlegensten Verstecken nichts. Aber eben das ist sein Fehler. Er dachte nicht an das nächstliegendste, nämlich daran, dass der Minister die skandalösen Brief überhaupt nicht versteckt haben könnte, sondern ihn mehr oder weniger offen herumliegen ließ, sagte sein Inhalt doch niemandem etwas, der nicht dem engsten Kreis des königlichen Hofes angehörte. Ein 'offenbar Geheimnis'4 also, das Dupins Hellsichtigkeit anläßlich eines Besuchs beim Minister nicht entgeht.

Dupin also vergißt mit Absicht seine Tabaksdose beim Minister, um ihn unter dem Vorwand, das verlorene nun abzuholen, am folgenden Tag neuerlich aufzusuchen, in Wahrheit aber, um dabei den inkriminierten Brief an die Königin gegen einen ähnlich aussehenden, von ihm selbst geschriebenen auszutauschen, was er derart geschickt anstellt, dass es der Minister in diesem Fall nicht bemerkt, nicht zuletzt deshalb, weil er dem Minister jede Schandtat zutrat und befürchtet, dessen Haus nicht lebendig zu verlassen, wenn dieser den neuerlichen Austausch bemerkt. Die Verwirrung ist also genau in dem Moment vollständig, in dem alles geklärt ist, denn der Minister meint zu wissen, das die Königin weiß, dass er im Besitz des skandalösen Briefes ist. Diese jedoch wird sogleich in Kenntnis gesetzt, dass er genau das nicht mehr ist, wovon er nun allerdings seinerseits nichts weiß. Der Minister hat nun einen zweiten Grund, warum er den Brief nicht veröffentlichen kann. Nicht nur den, dass ihn das seine Macht kosten würde, die er durch den unveröffentlichten Brief hat, sondern den, dass er ihn nicht mehr besitzt.


Einer weiß dann eben doch alles, nämlich Dupin, was uns Poe sagt, Lacan aber verschweigt. Dupin kennt selbst den Inhalt des Briefes, von dem uns als Leser keine Kenntnis gegeben wird. Und vermutlich kennt er wie wir alle das ursprüngliche Versprechen der Königin an den König, wird doch keines öffentlicher geleistet als dies.

Neben der Voraussetzung, dass die gesamte Verwirrung nicht entstanden wäre ohne ein Verfehlen der Königin, ist dies das zweite Detail, das Lacan unerwähnt lässt. Würde es denn wirklich dem Eindruck schaden, dass das, was das Intersubjektive strukturiert, unbewusst abläuft?


Lacan:

"Drei Zeiten folglich, die drei Blicke ausrichten, welchen drei Subjekte unterlegt sind, die jeweils von verschiedenen Personen verkörpert werden. Die erste ist die eines Blickes, der nichts sieht: Das wäre der König und die Polizei", die später nicht in der Lage ist, den Brief wiederzubeschaffen. "Die zweite die eines Blicks, der sieht, dass der erste nichts sieht und sich durch die Hoffnung ködern lässt, verdeckt zu sehen, was er verbirgt: Das wäre die Königin, dann der Minister. Die dritte, die sieht, dass diese beiden Blicke das zu Verbergende offen liegen lassen für den, der sich seiner bemächtigen will: Das wäre der Minister und schließlich Dupin."


Offenbar ist zweierlei zusammenzudenken: dass die Vielfalt der Differenzen sich beliebig dicht über jeder neu entstehenden Lücke an Sinn schließen läßt und dass sich andererseits nicht verhindern lässt, dass der vielleicht wichtigste Teil jeder Antwort im Diskurs mit dem Anderen verloren geht.

Ziehen wir mit Lacan einen Strich unter Poes Geschichte. Das Böse ist böse, weil es und solange es, was es sonst auch immer sei, zirkuliert. Frage ist dann natürlich, ob es nur das ist.

Frage ist nun, ob damit eine durch nichts hintergehbare Struktur jedes Diskurses und jedes Sinns angesprochen ist, die den Rang einer ontologischen Wahrheit hat, oder ob es um weniger geht, nämlich lediglich um den bestimmten Gebrauch, der von der Dichotomie von gut und böse gemacht wird. Was, wenn der Diskurs über das Böse ins Stocken kommt oder ganz aufhört? Wenn vom Bösen schlicht nichts mehr zu hören ist? Unten werden wir über Formen von Gehorsam zu sprechen haben, in denen genau das passiert.


Von dieser Unausdrücklichkeit, die das gesamte Feld der Differenzen, - ob notwendigerweise oder nicht, - zu tragen scheint und in Bewegung hält, wäre ein Nichtverstehen zu unterscheiden, das sich an den Grenzen der vielleicht 6000 Sprachen einstellt, die es gegenwärtig gibt, und zwischen den mindestens ebenso vielen einander mehr oder weniger fremden Kulturen. Was da begegnet, ist ein echtes Übersetzungsproblem und der Andere, den man schlichtweg nicht nur nicht versteht, sondern von dem man, wie man so sagt, auch nicht weiß, wie er tickt. Denn natürlich findet der Vorgang der Bewältigung des qualitativ Differenten in den Paralleluniversen vieler Sprachen und Kultursegmenten statt.5


Wenn wir uns in Fragen des Bösen von Lacan und Poe auf die in ihrer strukturierenden Wirkung wesentlich unbewusste Intersubjektivität hinweisen lassen, die entscheidet, welche Differenzen signifikant werden und welche eben nicht (und die sich durch kein weiteres noch so subtiles Differenzieren aufklären lässt, sondern wenn überhaupt, dann ganz im Gegenteil durch synthetische Leistung des Begriffs, von denen wir bisher noch kein Wort verloren haben), dann bleibt zu fragen, welche erzählte Geschichte, welche Offenbarung es denn ist, durch die die Bezeichnung böse aus dem Pool der sprachlichen Vielfalt des Vokabulars heraustritt und es dem Bösen erlaubt, eine keineswegs statische Sonderrolle zu spielen. Das Böse spielt in der Tat eine besondere Rolle. Es ist etwas anderes als nur das Gegenteil des Guten.


Anmerkungen:

1 Wie wir gleich sehen werden, gibt es auch eine zweite Szene, die die erste aufnimmt und verändert wiederholt. Das ist völlig parallel zur jüdisch-christlichen Offenbarung in Genesis 2 als Urszene und deren Bruch in Genesis 3.

2 Vgl. Hannah Arendt, Wahrheit und Politik

3 Jacques Lacan, Schriften 1, S.97

4 Offenbar Geheimnis

Sie haben dich, heiliger Hafis,
Die mystische Zunge genannt
Und haben, die Wortgelehrten,

Den Wert des Worts nicht erkannt.

Mystisch heißest du ihnen,
Weil sie Närrisches bei dir denken
Und ihren unlautern Wein

In deinem Namen verschenken.

Du aber bist mystisch rein,
Weil sie dich nicht versteh'n,
Der du, ohne fromm zu sein, selig bist!

Das wollen sie dir nicht zugestehn.


5 Der Allerweltsspruch, wonach Reisen bildet, wäre richtig, wenn der Reisende sich einließe auf das Nichtverstehen, das sich ihm nach und nach öffnete. Nur reist heute kaum jemand auf diese Weise. Tourismus assimiliert die Gastländer, und der Tourist – es gibt in diesem Sinne nur einen einzigen – lernt auch bei der zehnten Besetzung jener berühmten Steinbank vorm Taj Mahal, auf der schon Lady Di gesessen hat, nicht neues. Er übersetzt nichts.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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