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   Photo: Monika. M. Seibel

Judith Butlers
Adornopreis-Rede

Michael Seibel - Das richtige Leben im falschen?


Nachdem wir uns über Emmanuel Lévinas Aussage aus 'Totalität und Unendlichkeit': »Das wahre Leben ist abwesend.« unterhalten haben, haben wir uns auf die Rede von Judith Butler anlässlich der Verleihung des Adorno Preises hinweisen lassen, in dem sie auch auf die einschlägige Behauptung Adornos eingeht „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.

Er Aufsatz ist wirklich eine Besprechung wert. Ihre Frage: „Wie können wir unser eigenes Leben so führen, so dass wir sagen können, wir führen ein gutes Leben in einer Welt, die vielen ein gutes Leben strukturell oder systematisch unmöglich macht?“

Zurück gebunden an Harry Frankfurt: Können eigentlich nur Ignoranten mit sich im Einklang sein oder geht das auch, wenn man die Augen nicht vor dem verschließt, was uns umgibt?

Judith Butlers Adornopreis-Rede. War das nicht ein wirklich energischer Aufruf zum Hinschauen?

Was hat sie eigentlich gesagt? Sie hat die Frage nach dem „richtigen Leben“, von Adorno kommend, erneut gestellt, eine Frage, die in der Philosophie nicht Adornos Erfindung ist, sondern aus der griechischen Philosophie kommt. Aristoteles hatte für eine gelingende Lebensführung den Begriff der Eudaimonia. Aus der Antike stammt auch die Unterscheidung von Leben als bloßer Subsistenz und als Verwirklichung darüber hinaus in der Polis. Judith Butler erinnert uns, wie ich finde sehr eindringlich, dass es wenig überzeugend ist, unser eigenes Leben für besonders gelungen oder für ein 'richtiges Leben' zu halten, wenn wir es nur innerhalb von Verhältnissen führen können, die andernorts millionenfache Prekarisierung mit sich bringen.

Da ist sie sicher nicht die erste, die das sagt, aber Recht hat sie. Also: Sprechen wir über 'richtiges Leben', so haben wir auch über Macht und Herrschaftsverhältnisse zu reden.

Da schien sie uns ihre Rede auffällig unbestimmt, denn Macht ist ein ubiquitärer Begriff, weil jeder Unterschied Macht begründend wirken kann. Macht wird bei Max Weber verstanden als die Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Immer beruht sie auf Ungleichheit in Chancen, Ressourcen, in sozialen Verbindungen. Macht wohnt in Sprache und Ausdruck, in Wissen und Fähigkeiten. Weil Macht ubiquitär ist, müssten soziale Machtverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse präzisiert werden. Bestimmt reden kann man über Macht nicht, sondern nur über institutionalisiert Macht.

Das tut Butler in ihrer Rede nicht. Sie bleibt hier zu vage, spricht aber von „Biopolitik“ als den „das Leben organisierenden Mächte, (...) die Leben im Rahmen einer umfassenderen Bevölkerungs­politik durch staatliche und außerstaatliche Maßnahmen auf unterschied­liche Weise der Prekarität überantworten und zugleich bestimmte Maßnahmen zur unterschei­den­den Bewertung von Leben festlegen.“ Wer ist hier Ross und Reiter?

Was ist gemeint, Personen, Institutionen, formale Strukturen? Seit Marx und heute ohnehin sind wir da eine stärkere Differenzierung gewohnt.
Aber jetzt kommt das Neue, was für Butlers Position spezifischer ist: Sie spricht davon, dass unter den Bedingungen, unter denen wir in der westlichen Welt zusammenleben, aus Millionen von Menschen „Unbetrauerbare“ werden.

Sie weist damit auf zweierlei hin:

a) faktisch scheint uns die Prekarisierung von Millionen Menschen egal zu sein, denn sie haben für uns offenbar keinen emotionalen Wert. Dies, obwohl wir selbst keineswegs sicher sind, nicht auch demnächst dazu zu gehören.
b) Emotionen sind keine völlig private, spontane Angelegenheit, sondern immer etwas sozial Geformtes. So gibt es Orte der Trauer, z.B. Friedhöfe und ganz unterschiedliche Formen, mitein­ander zu trauern, auf Trauer zu reagieren (z.B. ist es nicht erlaubt, am offenen Grab zu lachen, hinterher beim Traueressen aber schon). Es gibt Worte für die Trauer, also eine ganze Fülle von sozialen Voraussetzungen, damit die Trauer eines einzelnen Menschen überhaupt gelebt und für andere Menschen als Trauer erkennbar werden kann. „Unbetrauerbarkeit“ heißt auf dieser Ebene, dass jene – aus meiner Sicht von Butler zu wenig bestimmten – Herrschaftsverhältnisse, nicht nur systematisch Millionen Menschen prekarisieren, sondern es uns darüber hinaus systematisch fast unmöglich machen, etwas dabei zu finden und in der Kommunikation miteinander zum Thema zu machen. Das Phänomen ist sicher richtig beschrieben.

Es müsste uns eigentlich vielmehr aufregen, warum tut es das nicht?

Und wie kommen wir eigentlich damit klar, dass es uns nicht aufregt? Können wir uns morgens noch im Spiegel anschauen? Butler fragt offenbar nach einer emotionalen Verankerung von Moral und Politik.


Was wir nicht eingehend genug besprochen haben, war Butlers Begriff des 'entwerteten Lebens', überhaupt ihr Wert-Begriff. Aber das soll Ansatzpunkt für das nächste Thema werden. Dazu weiter unten.

Es gibt eine Reihe stillschweigender Voraussetzungen, die Butler dabei offenbar macht. Es ist fraglich, ob Herrschaft heute noch individualisiert ausgeübt wird. Die absolutistischen Herrscher sind tot. Dazu wieder Max Weber: Kennzeichen moderner Herrschaft sind die Entindividualisierung und die Rationalisierung von Macht im „Anstaltsstaat“. Ich habe im Zusammenhang des heutigen sogenannten 'State-Building' bei Staaten wie Afghanistan, Süd-Sudan, Bosnien Herzegowina darauf hingewiesen, dass die Individualisierung von Macht heute eher ein Zeichen staatlicher Schwäche ist. War Lords und selbstherrliche Generale haben das Sagen, wo Staaten schwach sind. Wenn aber im modernen Staat die Individuen nicht mehr persönliche Träger von Macht sind, wie lässt sich dann Verantwortung zuschreiben? Was heißt Verantwortung, wenn Verantwortung systematisch auf den Rahmen der eigenen Zuständigkeit beschränkt wird. Für afrikanische Armutsflüchtlinge wären dann die Grenzpolizei zuständig und die Entwicklungspolitik und alle anderen hätten den Kopf frei?

Und mindestens ebenso schwierig zu beantworten: Wenn etwas verantwortlich verändert werden müsste, müsste dann nicht zuerst ein hinreichendes Wissen über den zu verändernden Gegenstand bestehen? Wie stellen wir eigentlich sicher, dass wir vom globalen Wirtschafts­system überhaupt genug wissen, um es gezielt in eine andere Richtung steuern zu können? Hier wird die Unbestimmtheit der Butlerschen Systemaussagen schmerzlich spürbar.

Gibt es nicht ein echtes Problem des Wissens, bevor sich mit Verantwortlichkeit argumentieren lässt? Pochen wir nicht vielleicht nur deshalb auf Verantwortlichkeit, weil wir uns nicht eingestehen wollen, wie wenig wir über das wissen, worunter wir leiden und wie wenig wir daher in der Lage sind, es gezielt zu steuern? (Stichwort: Finanzkrise)

Andererseits würden wir nicht aus der Pflicht zu handeln entlassen, nur weil der Handlungsrahmen nicht bestimmt genug ist. Was wir dann allerdings brauchten, wäre eine Theorie des Handelns unter Unbestimmtheit. Ungefähr so weit sind wir mit Butlers Rede gekommen.

Nicht mehr behandeln konnten wir Butlers sehr interessante Begriffe der wechselseitigen Anerkennung und der Performativität.

Bei mir bleibt bis hierhin ein zweischneidiger Eindruck von der Rede. Butler will gerade nicht Verhältnisse individualisieren, die in Wirklichkeit politische und soziale sind. Aber tut sie das nicht doch ein Stück weit durch ihre Rückbindung an die Emotion Trauer?

Andererseits: Hat sie nicht Recht?

Nichts drängt dahin, verbessert zu werden, wenn der Wert des Anderen egal ist.
Ich fand den Text von Judith Butler ausgesprochen anregend und kontrovers.

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