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Emmanuel Lévinas:
„Der Krieg macht die Moral lächerlich.“

Michael Seibel - Zur Begründung der Ethik bei Emmanuel Lévinas


Nochmals zum Einstimmen die Textpassage „Das Selbe und das Andere“, aus Emmanuel Lévinas Buch 'Totalität und Unendlichkeit': »„Das wahre Leben ist abwesend.“ Aber wir sind auf der Welt. In diesem Alibi erhebt und hält sich die Metaphysik.«

Vielleicht haben Sie auch den Eindruck: Wenn man sich zwei mal über einen schwierigen, aber anregenden Text unterhält, bekommt man zwei mal unterschiedliche Aspekt in den Blick.

Wie meint Lévinas das? „Das wahre Leben ist abwesend.“ Eher wie Adorno (also als Kritik am 'falschen Leben', an gesellschaftlichen Machtverhältnissen und geschichtlicher 'Entfremdung', in denen selbst die Glücksvorstellungen der Menschen zu Konsumwünschen verkümmern) oder eher wie ein Buddhist (als grundsätzliche Qualifikation leidvollen Lebens, aus dem es in ein anderes, in ein Nirwana zu erwachen gilt)?

Da ist einerseits sein Hinweis auf die Gewalt des Krieges. Das ist ein kritisches Motiv, eher wie bei Adorno. Dann ist da aber auch eine generelle Öffnung des physischen Lebens für etwas Metaphysisches gemeint, was es nach Ansicht von Lévinas im Verhältnis zum anderen zu entdecken gilt. Das ist nicht als Kritik an wie auch immer falschen Zuständen gemeint. Wenn es aus Sicht von Lévinas etwas zu kritisieren gibt, dann wohl eher all die Formen des menschlichen Zusammenlebens, in denen der Andere kaum anders erscheinen kann, als ein anzueignendes Ding.

Dagegen nun beschwört Lévinas die Chance, den Anderen, meinen Nächsten, gänzlich anders wahrzunehmen. Sein diesbezüglicher Begriff ist der Begriff des „Antlitz“, der Blick des Anderen. Das, wovon ich derart angeblickt werde, beschreibt er auch als „das Weibliche“.
Das war für uns nun allerdings eine nicht auf Anhieb überzeugende Vorstellung. Wir werden sie demnächst noch einmal genauer anzusehen haben.

Zunächst sei festgehalten, Lévinas Grundposition ist wohl die: wenn heute, also nach einem Krieg, der jede Moral außer Kraft gesetzt hat, überhaupt etwas geeignet ist, eine Ethik zu begründen, dann muss das im Verhältnis zum Anderen gefunden werden können und kann diesem Verhältnis nicht vorausgehen. Es geht also nicht so sehr darum, zunächst erst einmal selbst so etwas wie ein 'gefestigter Mensch' zu sein und von daher den anderen Menschen meine eigene Moralität als Basis des Zusammenlebens anzubieten, sondern eher genau umgekehrt. Es gibt etwas in der Begegnung mit dem Anderen, dass ich unbedingt bedarf, um Stabilität und Moralität zu gewinnen, um, wie Lévinas sagt, jemand zu werden, der mehr Angst vor einem Mord als vor seinem eigenen Tod hat.

Zuvor sei bemerkt: der Blick des Anderen ist ein zentrales Motiv im philosophischen Denken in phänomenologischer Tradition. Es gibt ein berühmtes Kapitel in Sartres „Das Sein und das Nichts“, in dem es mit einem völlig anderen Ergebnis als bei Lévinas genau darum geht (wir werden, so hoffe ich, darauf kommen) und es ist ebenso ein wichtiges Motiv in der Psychoanalyse.

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