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Nietzsche gegen Marx

Michael Seibel - Anläßlich der Lektüre Nietzsches

Ein anderes verfehlt Nietzsche meiner Meinung nach allerdings völlig. Was hält die Märkte in Gang? Marx hatte dafür eine klare Antwort: Reproduktion des Lebens bedarf der Produktionsmittel. Diese sind jedoch Eigentum weniger. Die meisten Menschen bringen nur ihre mehr oder weniger gut ausgebildete Arbeitskraft in den Produktions­prozess ein. Der Markt, auf dem Menschen ohne Reserven auf Menschen mit Reserven treffen, relativ Ohnmächtige auf relativ mächtige, ist die gegenwärtig einzige gesellschaftliche Struktur, die die Koppelung von Arbeitskraft und Produktionsmitteln erlaubt. Märkte werden durch die ständige Notwendigkeit dieser Kopplung in Gang gehalten. Zumindest so lange, wie Gesellschaften keine anderen Strukturen, keine anderen Kopplungs­wege für die Verbindung von Arbeitskraft und Produktions­mitteln erfinden.

Die Marxsche Antwort ist ziemlich plausibel. Vergleichen wir damit Nietzsches Antwort. Nietzsche schaut sich das Verhältnis von Gläubiger und Schuldner an und fragt nach den Voraussetzungen, unter denen jemand ein (guter) Schuldner ist. Vollkommen richtig stellt er fest, dass der Mensch ein recht vergessliches Tier ist und als ein guter Schuldner zu allererst gelernt haben muss, seine Schuld nicht zu vergessen. Dies nun sei eine Geschichte leidvoller Erfahrungen.

Dagegen hätte Marx einzuwenden gehabt: nicht das Gedächtnis ist das Problem, sondern die Zahlungsfähigkeit. Der Übergriff auf den Leib ist kein unbegrenztes Leiden machen, sondern ein vorbehaltlich weiterer gesell­schaft­licher Regularien unbegrenztes Arbeiten lassen als Ausgleich für Schuld(en).

Da sind Nietzsche und Marx näher beieinander als man auf den ersten Blick meinen könnte. Was sich deutlicher unterscheidet, ist die Blick­richtung. Beide fragen nach dem Inhalt von Macht. Marx' zentraler Begriff ist dabei der des Kapitals. Der Herr ist Kapitalist. D.h. die affektive Seite des Tausches, der Gewinn an Lust, Leidenmachen, Freude oder welcher Affekte auch immer, tritt bei Marx völlig zurück. Der Kapitalist konsumiert nicht die erzeugten Waren, sondern er akkommodiert universelles Äquivalent zu Kapital. Er konsumiert keinen anderen Gebrauchswert als die Ware Arbeitskraft durchaus nicht zum Zweck seiner Lust. Er genießt sie nicht persönlich.

Auch der Ort von Aktivität und Passivität ist bei Marx völlig anders als bei Nietzsche. Bei Nietzsche ist der Herr der Aktive, bei Marx der Arbeiter, also der Knecht. Bei Nietzsche ist Aktivität Kriegskunst, bei Marx Arbeitskraft.

Der Markt, wie wir ihn kennen, verspricht dem Kunden Bedürfnis- und Affekt­befrie­digung. Der Kunde ist sowohl für Marx wie für Nietzsche eine passive Gestalt.

Was kann man mit Mitteln Nietzsches einer Erklärung näher bringen und was nicht? Der Austausch zwischen Menschen als körperliches Ereignis wird mit Nietzsches begrifflichen Mitteln meiner Meinung nach wesentlich reichhaltiger beschrieben als von Marx. Was Tausch mit dem menschlichen Körper zu tun hat, schnurrt bei Marx zusammen auf dessen Bedürfnis­begriff, im Wesentlichen Nahrung und Wärme. Was aus Sicht von Marx bei Nietzsche schlichter Quatsch ist, ist Nietzsches Unterstellung, es sei der Mangel an Mut oder Vornehmheit, ein Zurückschrecken vor der übergroßen Kraft des anderen, die aus dem Knecht den Knecht macht.

Es ist der persönliche Mangel an Produktionsmitteln, die gesellschaftlich vorhanden, ihm jedoch nur in einer bestimmten Form zugänglich sind, nämlich qua Verkauf der Ware Arbeitskraft. Der Mut, der dem derart beschränkten Arbeiter fehlt, ist wie Marx meint, vorübergehend der zu revolutionären Koalitionen und Aktionen.

Nietzsche fehlt anders als Marx jeder Begriff inerter, träger Strukturen. Damit fehlt ihm m.E. etwas Entscheidendes, um Wertbemessung als Preisstellung denken zu können. Dafür bedarf es eines Marktes als stabiler gesellschaft­licher Institution. Der Markt ist eine inerte Struktur, die in die Wertbestim­mung einfließen, weil er generell Werte über Preise nach oben begrenzt. Nietzsche kann keine Wertbegrenzung erklären.

Es bleibt vollkommen rätselhaft, wie zu bemessen ist, wenn Nietzsche ausführt: „Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des Schuldners alle Arten Schmach und Folter antun, zum Beispiel so viel davon herunter­schneiden, als der Größe der Schuld angemessen schien.“

Was wird von wem wo an was gemessen? Wie viel soll das sein? Reden wir von purer Willkür? Der Begriff, den Nietzsche hier schuldig bleibt, ist der Begriff der inerten Struktur. Dennoch ist der Gedanke Nietzsches äußerst interessant. Transportieren wir ihn in die Gegenwart. Ein Gläubiger hat einen Schaden in Höhe von 200 € erlitten. Ein Gläubiger soll ihn in Form von Schmerz zurückzahlen. Wie viel Schmerz wäre das? Der sonst gut versorgte bundesdeutsche Durchschnitts­bürger wird nur wenig Schmerz für angemessen halten. Wenn die Versuchsanordnung nicht so schrecklich unethisch wäre, wäre es der experimentellen Psychologie ein leichtes, den aktuellen Marktwert herauszufinden. Und es wäre ebenso leicht, heraus­zufinden, dass ein durchschnittlicher Arbeiter in Bangladesh bei weitem 'schmerztolleranter' wäre. In Wirklichkeit läuft das unethische Experiment längst. Dass Schmerz und Affekte zum Wertmaß werden können und es im Grunde längst sind, macht Nietzsche für alle nachfolgenden deutlich. In welchem Umfang, dafür hat er m.E. keine Begriffe.

Hier wird es möglicherweise zur Schwäche des Programms von Nietzsche, den Menschen (gegen Hegel) niemals vom Primat von Negativität aus denken zu wollen. Sobald sich der Mensch in Saft und Kraft, also in der Positivität, in der ihn Nietzsche sieht, auf einer inerten Struktur abzeichnete, wäre er Negativität. Wenn es keinen vorgängigen Unschuldszustand gibt, wäre diese Negativität primär.


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