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Der Schwache

Michael Seibel - Anläßlich der Lektüre Nietzsches

Was heißt im Gegenteil schwach?

Umgekehrt ist die Schwäche dreierlei: Sie ist 1) unmittelbares Gehemmt­sein durch eine äußere Kraft, nämlich durch den stärkeren anderen. Sie unterliegt einem erzwungenen Aufschub. Mit der Folge: „Alle Instinkte, welche sich nicht nach außen entladen, wenden sich nach innen – dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele« nennt.“ - Affektkontrolle kommt via Vergewaltigung von außen. (Und was ist mit der Affektkontrolle, die zu Zwecken der Verführung erforderlich ist?)

Sie ist jedoch 2) nie völliges Fehlen von Kraft, sondern lediglich die der Stärke unterlegene Kraft. Kraft, die durch den anderen begrenzt, aber dadurch zugleich bestimmt wird, die damit beginnt, etwas über sich selbst zu wissen und die Strategien und Koalitionen entwickeln kann.

Die menschliche Geschichte wäre eine gar zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohnmächtigen her in sie gekommen ist“.

Da auch die Schwäche Kraft ist, hört sie 3) nie auf, auf die gleiche Lust abzuzielen wie jede Stärke. Sie rechnet in gleicher Münze.

Menschliches Leben vollzieht sich als keineswegs durchgängig bewusste leibliche Dynamik von Wille/Trieb, im Erleben von Anspannung an Widerständen und Lust/Wollust in deren Überschreitung. Die Gedächtnis­funktion wird dabei analog der Verdauung beschrieben als ein Fertigwerden ohne Rest. Sofern es zu sprachlicher Repräsentation überhaupt kommt, ist diese gänzlich Positivität.

Ist in diesem Sinne Leben ein Wert zu nennen? Ist es am Ende sogar der höchste Wert einer sich abzeichnenden Ethik? Nein, durchaus nicht. So wie das Lamm Wert für den Löwen hat, aber nicht Wert an sich, ebenso wenig hat der Löwe Wert an sich oder das menschliche Leben. Nietzsches Wille zur Macht denkt geradezu ein Wertuniversum ohne höchsten Wert. Denn ohne selbst Wert zu haben, gibt für Nietzsche das Leben das Differenzial ab, das zu entscheiden erlaubt, ob etwas für es Wert hat und welche Qualität der Wert hat, einen stärkenden oder einen schwächenden. Wenn es „»die Guten« selber gewesen (sind), das heisst die Vornehmen, Mächtigen, Höherge­stellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und ihr Thun als gut, nämlich als ersten Ranges empfanden“, so handelt es sich dabei um eine Selbstbejahung, die nur genau so weit reicht, wie kein Stärkerer auftaucht. Sie beansprucht nicht, Letztwert zu sein, sondern nur Leitwert, sie affirmiert auch die Gefahr, selbst überwältigt zu werden.

Es ist klar, dass Nietzsche damit den Zirkel der Letztbegründung vermeidet, in dem sich jeder Wert auf seinen Grund hin befragen lassen muss oder sich in die Behauptung eines letztlich nicht empirisch durchsetzbaren Absoluten versteigt.

Andererseits: Kommt es bei Nietzsche überhaupt zu einer Ethik? Jene Mächtigen und Hochgesinnten, denen die ursprüngliche Bedeutung des Wortes gut zu verdanken ist, benötigen keine, denn sie müssen sich niemandem gegenüber rechtfertigen, entscheiden aus dem Bauch heraus, und was nicht passt, ist bald vergessen.


Priesterliche - und Sklavenmoral

Wird es für Nietzsches Genealogie der Moral da eigentlich zum Problem, dass der Typus des Starken in Reinkultur kaum vorkommt?

Es macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;


Wenn man sich die Weltarena als Begegnungsstätte von Starken denkt, die miteinander ihre Kräfte messen, dürfte jeder empirische Mensch im Laufe der Zeit an Grenzen seiner Stärke gestoßen sein. Der ungetrübt platt sich selbst bejahende Starke dürfte in kürzester Zeit zur raren Spezies werden. Reine Selbstbejahung als pures Lebensgefühl käme bald nirgends mehr vor außer als Fremdzuschreibung aus Sicht des situativ Unterlegenen, sofern sich nach wie vor Stärken und Schwächen begegnen, wo sich Menschen begegnen. Von daher bekäme der „Wille zur Macht“ einen Akzent des Verfehlten, der bei Nietzsche so nicht in den Vordergrund gestellt wird.

Der Typ des Starken würde als Lebensvorlage empirischer Menschen nur den Versuch der Selbst­behauptung von etwas längst verlorenem motivie­ren. Wäre Schwäche schlechthin traumatisch, so wäre das Ja zum Leben, um das es Nietzsche geht, von Anfang an durchkreuzt.

Nun ist bei Nietzsche Stärke so gedacht, dass sich der Sieger auch quält. Leiden gehört zur Stärke dazu. Oder wie sagt Nietzsche: Leiden ist kein Argument gegen das Leben. Eine Gesellschaft von Ameisen wäre eine Gesellschaft voll lauter Helden. Von Schwäche könnte keine Rede sein. Jede gibt, was sie kann mit ganzer Kraft bis zum letzten Ameisenatemzug. Herdenmoral meint etwas anderes.

Worauf Nietzsche jedoch hinweist ist ein zwischen Menschen geschichtlich kontingenter Umschlag von Leiden in Schwäche. Ohne dass Nietzsche dafür einen Grund angeben könnte (und warum sollte er einen Grund angeben müssen, solange die Beobachtung selbst zutrifft) wird Schwäche zum Trauma. (Heutige klinische Psychologen können den Punkt nach wie vor nicht angeben.) Irgendwann hört der Aktive sozusagen auf, seine Schwäche sportlich zu nehmen und entwickelt Ressentiments. Nun gut, warum sollte er sich nicht wieder erholen und zu seiner alten Stärke zurückkehren wie bisher immer? Aber kann sie sich regelmäßig in den alten Stand erholen, ohne dass sich die Stärke des anderen in die eigene Kraft als deren Grenze eingeschrieben hat? Ab dann würde der empirische Mensch des anderen bedürfen, um sich zu etwas zu stilisieren, was er an sich selbst längst nicht mehr ist. Nietzsches Typ des Starken wäre sofort verstrickt in einen endlosen Kampf um Geltung. Sein Jenseits von Verantwortung wäre darin reine Attitüde. Als das genau erscheint er mir in der Verwebung von Lebensgefühl und sozialem Rang, die mir sonst unplausiblen wäre.

Von daher scheint mir der Abstand von Typus des adligen Kriegers zum priesterlichen Herrscher nicht mehr all zu groß. Und so ist es bei Nietzsche wohl auch gemeint. Was für ein affektives Korrelat der Stärke ist das, was Nietzsche Lust oder Wollust nennt? Hier die Arten der Lust, von denen Nietzsche spricht: „Lust in allem Zerstören“, „Wollust (…), der Genuß in der Vergewaltigung“, Genuß im Leidenmachen, „Lust an der Grausamkeit“, „Lust an der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung“. Sie alle entbehren nicht des negativistischen Vorsatzes, einen Schaden loswerden zu wollen, der längst eingetreten ist. Damit wären wir bei dem für Nietzsche so wichtigen Begriff der Rache. Nietzsche betont das Priesterliche, sozusagen Fesseln sprengende Moment der Rache, damit aber auch ihre Positivität, ihren Lust- und Festcharakter.

So geht Nietzsche fließend zu dem über, was er priesterliche Erfindung des Nein zum Leben nennt. „Diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust am Leiden-machen, dieses ganze aktivische »schlechte Gewissen« hat zuletzt – man errät es schon – als der eigentliche Mutterschoß idealer und imaginativer Ereignisse auch eine Fülle von neuer befremdlicher Schönheit und Bejahung ans Licht gebracht und vielleicht überhaupt erst die Schönheit...“


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