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Zitate über Langeweile

Michael Seibel • Von Michel Houellebecq bis Blaise Pascal

Von Michel Houellebecq bis Blaise Pascal   (Last Update: 26.06.2017)

Es scheint bisweilen, dass wir in einer Zeit leben, in der die Menschen weniger denn je bereit sind, Langeweile zu ertragen, und ohne jeden Zweifel füllen Abwechslung und „Action“ heute die Kassen.

Die folgenden Zitate führen auf den Weg in die Vergangenheit einer Stimmung, unter der keineswegs nur die Gegenwart leidet und der der nicht erst Heidegger versucht hat, Erkenntnisgehalt abzugewinnen....


Michel Houellebecq, Elementarteilchen (1998)

»Es war kaum anzunehmen, daß ein siebzehnjähriges Mädchen heute soviel Naivität zeigte; es war vor allem kaum anzunehmen, daß ein siebzehnjähriges Mädchen heute der Liebe eine solche Bedeutung beimaß. Seit Annabelles Jugend waren fünfundzwanzig Jahre vergangen, und vieles hatte sich verändert, wenn man den Umfragen und den Zeitschriften Glauben schenken durfte. Die Mädchen von heute waren besonnener und rationaler. Sie waren vor allem auf ihren schulischen Erfolg bedacht und darum bemüht, sich eine solide berufliche Zukunft zu sichern. Wenn sie mit einem Jungen ausgingen, war das für sie nur eine Freizeitbeschäftigung, ein Vergnügen, bei dem die sexuelle Lust und die narzißtische Befriedigung etwa zu gleichen Teilen auf ihre Kosten kamen. Anschließend bemühten sie sich darum, auf der Grundlage einer möglichst adäquaten beruflichen und gesellschaftlichen Position und einer gewissen Gemeinsamkeit der Interessen eine Ehe zu schließen, die rationalen Kriterien gerecht wurde. Natürlich verschlossen sie sich dadurch jeder Möglichkeit des Glücks - da dieses untrennbar mit Zuständen regressiver Verschmelzung verbunden ist, die mit dem praktischen Gebrauch der Vernunft unvereinbar sind -, aber sie hofften, auf diese Weise dem sentimentalen, moralischen Schmerz zu entgehen, der ihre Vorgängerinnen so gequält hatte. Diese Hoffnung wurde im übrigen bald enttäuscht; das Verschwinden der emotionalen Qualen bereitete in Wirklichkeit der Langeweile, dem Gefühl der Leere und dem ängstlichen Warten auf Alter und Tod das Feld. Und so war der zweite Teil von Annabelles Leben viel trauriger und trübseliger gewesen als der erste; sie sollte gegen Ende ihres Lebens keinerlei Erinnerung daran behalten.

Gegen Mittag öffnete Michel die Tür zu ihrem Zimmer. Sie atmete sehr schwach, das Laken, das ihre Brust bedeckte, bewegte sich kaum - dem Arzt zufolge reichte das jedoch aus, um die Gewebe mit Sauerstoff zu versorgen; falls ihre Atmung noch schwächer werden sollte, werde erwogen, sie künstlich zu beatmen. Im Augenblick steckte eine Kanüle, die mit dem Tropf verbunden war, oberhalb des Ellbogens in ihrem Arm, und an ihrer Schläfe war eine Elektrode befestigt, das war alles. Ein Sonnenstrahl drang durch das schneeweiße Laken und beleuchtete eine Strähne ihres herrlichen blonden Haars. Ihr Gesicht mit den geschlossenen Augen, das nur ein wenig blasser war als sonst, wirkte außerordentlich friedlich. Alle Furcht schien sie verlassen zu haben; sie war Michel noch nie so glücklich vorgekommen.«


Émile Michel Cioran (1994):

»Die Erfahrung der Langeweile, nicht die vulgäre aus Mangel an Gesellschaft, sondern die absolute, war für mich persönlich wichtig. Wenn jemand sich von seinen Freunden verlassen fühlt, so ist das nichts. Die Langeweile an und für sich geschieht grundlos ohne äußere Einwirkungen. Damit verbindet sich das Gefühl leerer Zeit, so etwas wie Leerheit, die ich immer gekannt habe. Ich kann mich gut an das erste Mal mit fünf Jahren erinnern. Ich war damals nicht in Hermannstadt, sondern in Altrumänien mit meiner ganzen Familie. Da wurde mir auf einmal bewusst, was Langeweile ist. Es war gegen drei Uhr nachmittags, als mich so ein Gefühl des Nichts, der Substanzlosigkeit beschlich. Es war, als wenn alles plötzlich irgendwie verschwunden sei, das Vorbild von all diesen Anfällen der Langeweile, der Einstieg in die Nichtigkeit und der Anfang meiner philosophischen Reflexion. Dieser intensive Zustand des Alleinseins machte mich so betroffen, dass ich mich frage, was er zu bedeuten habe. Sich nicht dagegen wehren und sich nicht davon durch Reflexion befreien zu können, und die Ahnung, dass es wiederkehrt, wenn man es einmal erlebt hat, das verunsicherte mich so sehr, dass ich es als Orientierungspunkt akzeptierte. Auf dem Gipfel der Langeweile erfährt man den Sinn des Nichts, insofern ist dieses auch kein deprimierender Zustand, da es für einen Nicht-Gläubigen die Möglichkeit darstellt, das Absolute zu erfahren, so etwa wie den letzten Augenblick.«


Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913 bis 1927)

»Von welcher trüben Langeweile muß das Leben der Menschen erfüllt sein, die aus Trägheit oder Schüchternheit sich unmittelbar im Wagen zu Freunden begeben, die sie kennenlernten, ohne zuvor von ihnen geträumt zu haben, und niemals auf der Fahrt bei dem zu verweilen wagen, was sie sich eigentlich wünschen!«


Ernst Jünger, in Stahlgewittern (ab 1914):

»Während der Langeweile des Liegens sucht man sich mannigfaltig zu zerstreuen; so vertrieb ich mir einmal die Zeit, indem ich meine Verwundungen zusammenzählte. Von Kleinigkeiten wie von Prellschüssen und Rissen abgesehen, hatte ich im ganzen mindestens vierzehn Treffer aufgefangen, nämlich fünf Gewehrgeschosse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschoßsplitter, die mit Einund Ausschüssen gerade zwanzig Narben zurückließen. In diesem Kriege, in dem bereits mehr Räume als einzelne Menschen unter Feuer genommen wurden, hatte ich es immerhin erreicht, daß elf von diesen Geschossen auf mich persönlich gezielt waren. Ich heftete daher das Goldene Verwundetenabzeichen, das mir in diesen Tagen verliehen wurde, mit Recht an meine Brust.«


Anton Čechov, Onkel Wanja (1896)

»Wojnizki.: Eine Vergangenheit habe ich nicht, sie ist mit Lappalien vertan, und die Gegenwart ist in ihrer Unsinnigkeit entsetzlich. Da haben Sie mein Leben und meine Liebe: wo soll ich hin damit, was soll ich damit machen? Mein Gefühl geht sinnlos zugrunde, wie ein Sonnenstrahl in der Grube, und auch ich gehe zugrunde.«


Anton Čechov, Drei Schwestern (1901)

»Oh, wo ist sie, wohin ist sie entschwunden, meine Vergangenheit, als ich jung war, froh und klug, als ich noch träumte und Schönes dachte, als Gegenwart und Zukunft noch von Hoffnung erhellt waren? Wovon werden wir, kaum daß wir angefangen haben zu leben, so langweilig, grau, uninteressant, träge, gleichgültig, nutzlos, unglücklich ... Unsere Stadt gibt es seit zweihundert Jahren, hat einhunderttausend Einwohner, und kein einziger, der nicht den anderen ähnlich wäre, kein einziger, der herausragte, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart, kein einziger Gelehrter, kein einziger Künstler, kein auch nur irgendwie bemerkenswerter Mensch, der Neid erregte oder den leidenschaftlichen Wunsch, ihm nachzueifern. Nichts als essen, trinken, schlafen, dann sterben sie ... andere werden geboren, auch sie essen, trinken, schlafen, und um nicht abzustumpfen vor Langeweile, verschaffen sie sich Abwechslung mit ekelhaften Klatschgeschichten, mit Vodkatrinken, Kartenspielen, Prozessieren, die Ehefrauen betrügen ihre Männer, die Ehemänner lügen, machen Miene, als sähen sie nichts, als hörten sie nichts, und unwiderstehlich erdrückt der Einfluß der Geschmacklosigkeit die Kinder, der göttliche Funke in ihnen erlischt, und sie werden zu genau solch erbärmlichen, einander ähnlichen Leichen, wie ihre Väter und Mütter ...«


Søren Kierkegaard, entweder oder (1843)

»Die Langeweile ruht auf dem Nichts, das sich durch das menschliche Leben hindurchzieht, und führt daher leicht zu Schwindel, der uns ja dann ergreift, wenn wir in einen tiefen Abgrund sehen. Daß jene exzentrische Zerstreuung auf Langeweile gegründet ist, kann man auch daran erkennen, daß die Zerstreuung keinen Widerhall hat, denn in einem Nichts ist ein Widerhall eine absolute Unmöglichkeit.«


Georg Büchner, Leonce und Lena (1836)

»LEONCE allein, streckt sich auf der Bank aus. Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es krassiert ein entsetzlicher Müßiggang. – Müßiggang ist aller Laster Anfang. – Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und - das ist der Humor davon - alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken warum und meinen Gott weiß was dazu. Alle diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts als raffinierte Müßiggänger«

Jean Paul, Titan (1800)

»Anfangs hatt’ es der Elende noch gut, er hatte noch derbe Schmerzen und Freuden, rechte Sünden und Tugenden; aber als [...] er immer schneller Lust und Pein, Gutes und Böses wechselte; und als Gotteslästerungen und Kotbilder in seine Gebete krochen und er sich weder bekehren noch verstocken konnte: da lag er in öder Verblutung in der lauen, grauen, trocknen Nebel-Masse des Lebens da und starb so durch das Leben fort.«


Tieck, William Lovell (1795)

»Man fühlt sich gewissermaßen in eine solche Lage versetzt, wenn man seiner Phantasie erlaubt, zu weit auszuschweifen, wenn man alle Regionen der schwärmerischen Begeisterung durchfliegt, – wir geraten endlich in ein Gebiet so exzentrischer Gefühle, – indem wir gleichsam an die letzte Grenze alles Empfindbaren gekommen sind, und die Phantasie sich durch hundertmalige Exaltationen erschöpft hat, – daß die Seele endlich ermüdet zurückfällt: alles umher erscheint uns nun in einer schalen Trübheit, unsre schönsten Hoffnungen und Wünsche stehn da, von einem Nebel dunkel und verworren gemacht, wir suchen mißvergnügt den Rückweg nach jenen Extremen, aber die Bahn ist zugefallen, und so befällt uns endlich jene Leerheit der Seele, jene dumpfe Trägheit, die alle Federn unsers Wesens lahm macht.«


Blaise Pascal, Pensées (ab 1657)

»Siebenter Abschnitt. Elend des Menschen.

Nichts ist mehr geeignet uns in die Kenntniß des menschlichen Elends zu leiten, als die Betrachtung der wahren Ursache von der beständigen Unruhe, in welcher die Menschen ihr Leben hinbringen.

Die Seele ist in den Leib gesetzt um darin kurze Zeit zu wohnen. Sie weiß, daß dieses nur ein Uebergang ist zu einer Reise in die Ewigkeit und daß ihr nur die kurze Zeit, die das Leben dauert, gegeben ist um sich darauf vor zu bereiten. Die Bedürfnisse der Natur rauben ihr einen sehr großen Theil dieser Zeit und es bleibt ihr davon nur sehr wenig, worüber sie verfügen kann. Aber dies wenige, was ihr bleibt, fällt ihr so sehr zur Last, und setzt sie so sonderbar in Verlegenheit, daß sie nur dran denkt es zu verlieren. Es ist ihr eine unerträgliche Pein, daß sie genöthigt ist mit sich zu leben und an sich zu denkt. So ist es ihre einzige Sorge sich selbst zu vergessen und diese Zeit, die so kurz und so kostbar ist, verfliegen zu lasen ohne Betrachtung, unter der Beschäftigung mit Dingen, die sie hindern daran zu denken.

Daraus entstehen alle leidenschaftlichen Beschäftigungen der Menschen und alles, was man Belustigung oder Zeitvertreib nennt, in welchen man eigentlich nichts anders zum Zweck hat als die Zeit vergehn zu lassen, ohne sie zu fühlen oder vielmehr ohne sich selbst zu fühlen und diesen Theil des Lebens zu verlieren, um so der Bitterkeit und dem innern Ekel zu entgehn, welche die nothwendige Folge sein würden, wenn man während der Zeit die Beobachtung auf sich selbst richten wollte. Die Seele findet nicht in sich was sie befriedigt, sie sieht da nichts, was sie nicht bekümmert, wenn sie daran denkt. Das zwingt sie sich nach Außen zu verbreiten und in der Hingebung an äußere Dinge die Erinnerung an ihren wahren Zustand zu verlieren. Ihre Freude besteht in diesem Vergessen und um sie elend zu machen genügt es sie zu nöthigen, daß sie sehe und mit sich allein sei.

Man legt den Menschen von Kindheit an die Sorge auf für ihre Ehre, für ihre Güter und sogar für das Gut und die Ehre ihrer Verwandten und Freunde. Man überladet sie mit dem Studium der Sprachen, Wissenschaften, Leibesübungen und Künste. Man bürdet ihnen Geschäfte auf, und thut ihnen dar, wie sie nicht glücklich sein werden, wenn sie nicht durch ihre Betriebsamkeit und ihre Sorgfalt machen, daß ihr Vermögen und ihre Ehre und selbst das Vermögen und die Ehre ihrer Freunde in gutem Stande sei, und wie sie unglücklich werden, wenn ihnen ein einziges von diesen Dingen fehlt. So giebt man ihnen Aemter und Geschäfte, die ihnen zu schaffen vom Morgen bis an den Abend. Das, sagt ihr, ist eine seltsame Art sie glücklich zu machen. Was könnte man Besseres thun, sie unglücklich zu machen? Fragt ihr, was man thun könnte? Man brauchte ihnen nur alle diese Sorgen zu nehmen, denn alsdann würden sie sich selbst sehen und an sich selbst denken, und das eben ist ihnen unerträglich. Auch nachdem sie sich mit so vielen Geschäften beladen, wenn sie noch einige Zeit der Erholung haben, suchen sie auch diese zu verlieren in irgend einem Vergnügen, das sie ganz in Besitz nimmt und sie sich selbst entreißt.

Darum, wenn ich anfing das mannigfaltige Hin-und Hertreiben der Menschen zu betrachten, wie sich den Gefahren und Mühseligkeiten aussetzen, am Hofe, im Kriege, bei der Verfolgung ihrer ehrgeizigen Ansprüche und wir daraus so viele Zwistigkeit, Leidenschaften und gefährliche und verderbliche Unternehmung entspringen, dann habe ich oft gesagt, alles Unglück der Menschen kommt davon her, daß sie nicht verstehn sich ruhig in einer Stube zu halten. Ein Mensch, der Güter genug hat um zu leben, wenn er bei sich daheim zu bleiben verstände, würde sich nicht heraus machen um aufs Meer zu gehn oder zur Belagerung einer Festung und wenn einfach nur zu leben suchte, bedürfte man dieser so gefahrvollen Beschäftigung wenig.

Aber wenn ich es näher betrachtete, fand ich: daß die Menschen so entfernt davon sind in der Ruhe und bei sich selbst zu bleiben, das hat eine sehr wahre Ursache, nämlich das natürliche Unglück unsers Zustandes, der schwach und sterblich ist und so elend, daß nichts uns trösten kann, wenn nichts uns hindert daran zu denken und wir nichts sehn als uns.

Ich rede nur von denen, die sich betrachten ohne irgend Rücksicht auf Religion zu nehmen. Denn freilich das ist einer von den Vorzügen der Christlichen Religion, daß sie den Menschen mit sich selbst versöhnt, indem sie ihn mit Gott versöhnt, daß sie ihm den Augenblick seiner selbst erträglich macht, und bewirkt, daß die Einsamkeit und die Ruhe vielen angenehmer sind als das rastlose Treiben und der Umgang der Menschen. Auch bringt sie alle diese wundervollen Wirkungen nicht dadurch hervor, daß sie den Menschen auf sich selbst beschränkt, sondern nur indem sie ihn bis zu Gott erhebt und ihn indem Gefühl seines Elends aufrecht hält durch die Hoffnung eines andern Lebens, das ihn ganz davon befreien soll.«

Ein Argument Platons im Dialog Philebos: Sokrates argumentiert antihedonistisch:

Wenn Lust Bedürfnisbefriedigung wäre, müssten diejenigen die höchste Lust empfinden, welche die größten Begierden hätten, also etwa die Fieberkranken nach Getränken. Außerdem entsteht in diesem Verständnis von Lust das so genannte ›hedonische Paradox‹: Je mehr wir darauf aus sind, Bedürfnisse zu befriedigen, desto weniger glücklich scheinen wir dabei zu sein, entweder weil Übersättigung, Langeweile etc. eintritt, oder weil immer neue und größere Begehren in uns geweckt werden. Das Streben nach Lust erzeugt also mitunter Unlust.

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