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Intensität statt Identität

Michael Seibel • Tristan Garcias Essay „das intensive Leben“

Wirklich klar geworden ist mir nicht, warum Tristan Garcias Essay „das intensive Leben“ gegenwärtig in Frankreich Furore macht. In seinem Essay gibt Garcia eine Diagnose der ethischen Befindlichkeit, die seines Erachtens heute allgemein vorherrscht. Es gehe heute, so seine Diagnose, nicht mehr darum, bestimmte Ziele besonders gut zu erreichen oder in einem Kantischen Sinn moralisch gut zu handeln, sondern einfach nurmehr darum, intensiv zu tun und zu erleben, was immer man auch tut.

„... eine Art von Vitalitätsverlust bedroht ständig den Menschen, der sich bequem eingerichtet hat. (...) Den ruhiggestellten Menschen fehlt das Gefühl, wirklich zu leben, das sie denen zuschreiben, die unter schwierigen Umständen kämpfen und überleben.“

Die moderne Gesellschaft verspreche den Einzelnen nicht mehr ein anderes Leben oder ein seliges Jenseits, „sondern lediglich das, was wir schon sind — mehr und besser.“

Pausenlos würden uns Intensitäten versprochen, Empfindungen, die unser Leben rechtfertigen sollen. Garcia zählt sie auf: Intensitätsversprechen durch plötzlichen Erregungen, die von sportlichen Leistungen, Drogen, Alkohol, Glücksspielen, Verführungen, Liebe, Orgasmus, Freude oder physischem Schmerz, dem Betrachten oder dem Schaffen von Kunstwerken, wissenschaftlichen Forschungen, schwärmerischem Glauben oder inbrünstigem Engagement verursacht werden, „lassen uns aus der Monotonie, dem Automatismus und dem immer gleichen Stammeln, aus der existenziellen Plattitüde erwachen.“

Das ethische Prinzip, intensiv leben zu wollen, sei, anders als in der Vergangenheit, nicht einmal mehr politisch kontrovers.

„Das Erstaunliche am Begriff Intensität ist, dass er von allen Lagern gemeinsam benutzt wird.“ Es ist das Intensitätsideal nicht nur das der liberalen Welt, sondern auch das ihrer Feinde. Die einen stritten eben intensiv für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, die anderen ebenso intensiv für eine Idee.

Die Intensität selbst sei zu einer Norm geworden: „der Norm eines Vergleichs jedes Dings nicht im Verhältnis zu etwas anderem, sondern im Verhältnis zu sich selbst.“

So gebe es heute kein absolutes Kriterium für den Wert eines Kunstwerks, das von dessen Inhalt abhängt, sondern nurmehr von dessen intensiver Selbstbehauptung. „Was allein zählt, ist, dass man bestimmt, ob es sich um etwas Starkes handelt. Und auch die Schwäche kann noch geliebt, gelobt und gefeiert werden, wenn sie auf starke Weise schwach ist.“ Intensiv sei einfach, „was mehr oder weniger stark das ist, was es ist.“

Das anschauliche kollektive Bild für Intensität sei der elektrische Strom gewesen, dessen sichtbare Wirkungen Generationen von Menschen fasziniert habe. Diese Gleichung Intensität = Strom sei bis heute, bis zum Rockmusiker mit E-Gitarre wirksam.

Intensität sei die moderne Währung, um etwas mit sich selbst zu vergleichen, nicht mehr die antike und mittelalterliche Potenz, die griechische Dynamis, die jeder Einzelne als seine wesentliche Identität in sich trägt.

„Tatsächlich sind alle scheinbaren Identitäten der Welt das Produkt von Intensitäten.“ Wie sich der Mensch der Antike gebildete habe, um in einer Welt von Substanzen zu leben, und der Mensch des rationalistischen Zeitalters, um in einer von der Kraft regierten Welt zu leben, ebenso habe sich der moderne Mensch allmählich herangebildet, um in einer Welt von Intensitäten zu leben.

Nun ist jedoch aus Garcias Sicht auf eine unausweichliche Dialektik der Intensität hinzuweisen. Die Verabsolutierung der Intensität bedeute ihre Vernichtung. Wenn eine Intensität erst einmal identifiziert sei, höre sie bald auf, als intensiv anerkannt zu werden. Die Verabsolutierung der Intensität durch das Denken führe zwangsläufig zu einer tendenziellen Entintensivierung.

Der Unmöglichkeit, ständig intensiv zu leben und der Routine zu entgehen, werde allerorten im Wesentlichen durch drei Strategien begegnet, durch ständiges Variieren, durch Beschleunigung und das Bedürfnis nach Neuheit. Die Routine sei jedoch nichts anderes als der Preis, den man für die Möglichkeit bezahlen muss, Intensitäten „zu fühlen und zu denken“.

Garcias Empfehlung, wie es gelingen könnte, dass das intensive Leben nicht als „stagnierende Seinspfütze“ versickert, kommt einem aus der Ratgeberliteratur bekannt vor.

„Das lebende und denkende Wesen verliert stets, wenn es sich gegenüber dem mächtigen Strom, von dem es sich durchzogen fühlt, nicht feinfühlig verhält. Sein Denken neutralisiert schließlich das, was es in seinem Sein an Stärkstem gibt. Dies ist die Chance eines empfindungsfähigen Lebens: was im Empfindungsvermögen nicht auf etwas anderes reduziert werden kann. Dies ist der innere Schatz jedes Wesens, das etwas fühlt, die Perle seiner Empfindungen‚ der Teil von ihm, der nur ihm gehört: das Gefühl, nicht der allgemeine und leblose Beobachter des Lebendigen zu sein.
Was vermag ein Leben Besseres, als sich darum zu bemühen, in sich selbst dieses Gefühl aufrechtzuerhalten‚ das es lebendig macht? Man kann es niemandem verheißen, aber jeder muss hoffen dürfen, es im Lauf der Zeit zu bewahren. Für ein empfindungsfähiges und intelligentes Wesen ist nichts intensiver, als denken zu können, ohne damit die Chance aufzuheben, lebendig zu sein.“ So weit Garcia.


Was wäre dazu zu sagen?

Die Anforderung, etwas an sich selbst zu messen, wird bei Garcia zum Komplexitätsverlust.

Man könnte dem ohne weiteres begegnen, indem weitere Differenzen eingedacht werden. Statt etwas an sich selbst messen - etwas in der Welt der Anderen an sich selbst messen. Aus einer Frage der puren Intensität würde z.B. eine Frage nach Nähe und Distanz.

Sofort stellt sich die Frage nach einem nachlassenden Vitalitätsgefühl ganz anders.

Würde als weitere Dimension die Leiblichkeit mitbedacht, differenzierte sich die selbe Formel weiter auf - etwas in der Welt der Anderen in den Grenzen der eigenen Leiblichkeit an sich selbst messen.

Aus einer Frage der puren Intensität würde eine nach Lust und Leid. Vor die Aufgabe gestellt, mit einem depressiven Menschen angemessen zu sprechen, würde man sich weitere Differenzierungen wünschen, wie etwa - etwas in der Welt der Anderen in den Grenzen der Leiblichkeit und den Bedeutungen der persönlichen Geschichte an sich selbst messen.

Aus einer Frage der puren Intensität würde eine nach Sinn.

Und selbst das würde für eine Hermeneutik kaum ausreichen.

Der Begriff der Intensität wurde in der Moderne im Wesentlichen als kritischer Begriff verwendet, um der Veränderlichkeit des Seienden besser gerecht zu werden.

Eine Monadologie hat Schwierigkeiten, die Übergänge zwischen den Monaden, dem voneinander unabhängigen Seienden, zu beschreiben. Und das nimmt sich ein Denken in Intensitäten oder Kräften oder welchen dynamischen Prinzipien auch immer vor, dem die mittelalterlichen Reste der Unterscheidungen zwischen den Monaden zu starr sind. Das ist ein kritischer Impuls, dem es um einen Gewinn an Wahrheit geht bei Aussagen über das, was ist.

Die Gefahr dabei ist aber, dass man riskiert, die Mannigfaltigkeit des Seienden nicht mehr angemessen differenzieren zu können. Wer Grenzen dynamisiert, riskiert ihre Auflösung.

Vom kritischen Gebrauch des Begriffs Intensität ist also ein konstruktiver Gebrauch zu unterscheiden, dem es darum geht, den mit der Kritik an Entitäten zunächst einmal aufkommenden Verlust an Bestimmtheit mittels des Begriffs der Intensität auch wieder zu rekonstruieren.

Dieser konstruktive Einsatz des Begriffs der Intensität läuft bei Garcia Gefahr, radikal unterkomplex auszufallen. Intensität allein sagt gar nichts, ist purer Verlust an Bestimmtheit.

Denken, das den Begriff der Intensität nutzt, ohne dafür den Preis der Simplifizierung zu zahlen, hat vom 19. bis ins 21. Jh. verschiedene Metaphysiken vorgeschlagen. Garcia nennt drei davon: Nietzsche, Whitehead und Deleuze. Alle drei haben die Menschenwelt als ein Universum der Intensitäten mehr oder weniger erfolgreich ausdifferenziert.

Nietzsche argumentiert von der Vorstellung einer universellen und ewigen Intensität aus gegen die christliche Ethik als gegen die permanente Dressur intensiven Erlebens und Verhaltens.

Witeheads Prozess und Realität begleitet die theoretischen Physik mit einer entsprechend komplexen Kosmologie und Metaphysik, die das Sein selbst als Prozess zu denken erlaubt.

In der Argumentation von Deleuze in Differenz und Wiederholung sieht Garcia die konsequenteste Reflexion auf die Idee der Intensität. Intensitäten stellen sich dort nur noch insofern als Differenz zwischen identifizierbaren Entitäten dar, als diese ihrerseits Wirkungen von Differenzen sind.

Garcia zitiert das aber nur äußerst ansatzweise, macht selbst kein differenziertes metaphysisches Angebot und verhandelt ansonsten den Begriff der Intensität wie eine Kausalität, die aus sich heraus bestimmte Effekte erzeugt. Intensitäten neigen bei ihm aus sich heraus dazu, unintensiv zu werden. Er ist natürlich allemal vorsichtig genug, um Intensitäten in der Rolle von Fetischen zu sehen, eine bestimmte Form der Organisation gesellschaftlicher Kommunikation, einer Gesellschaftlichkeit des Konsums, wie sie den Einzelnen erreicht und in ihm wirkt.

Indem Garcia von Versprechen von Intensität als von etwas erzählt, das als Fetisch in Beschlag genommen wird, läßt er offen, ob es an sich selbst vielleicht einen ganz anderen, 'wahreren' Status hat. Die kritische Ambition der Rede von Intensitäten ist bei ihm gekappt.

Intensität erscheint als der instabile Indifferenzpunkt von Qualität und Quantität, als permanent hinfälliger Wert an sich.

Wie immer bei Fetischisierungen erscheint der Fetisch als Causa sui und das angeblich durch ihn begründete als mehr oder weniger monokausal durch ihn begründet.

Genau da schlägt Garcias Buch in Ratgeberliteratur um. Wenn man den Hauptgrund identifiziert hat, kann man auf Finten und Tricks hinweisen und Ratschläge geben wie den billigen Hinweis auf die Differenz von Denken und Leben.

Von Philosophie darf man Begriffe erwarten, die komplexe Beschreibungen erlauben und ein Denken, das sich in diese Richtung bewegt. Garcia hält sich ganz im Diesseits des Fetisch. Diejenigen, die es betrifft, dürften sich bestätigt fühlen. Vielleicht deshalb der Erfolg.

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