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Ein Kommentar zum Thema Glück

von Jürgen Kirchhof anläßlich des Philosophietreffens am 7.12.2016

habe gerade Euren Schriftwechsel gelesen. Der geht naturgemäß in eine ziemlich andere Richtung als meine Überlegungen, die ich schon vorher formuliert habe und die ich hier anfüge. Mein Schwergewicht liegt nicht auf dem mikroskopischen Sezieren des persönlichen Glücksbegriffs, sondern mehr auf das Allgemeine und die gesellschaftlichen Voraussetzungen für das Wohlergehen, das einen wesentlichen Beitrag zum Glücklichsein leistet. Um es gleich zu sagen: Ich sehe mich nicht als Weltveränderer. Das sind tatsächlich alle, die am Fortschritt arbeiten und die damit die Welt beglücken wollen. Meine Intention ist bloß, auf gebrochene Versprechen aufmerksam zu machen und die tendenziellen Folgen der jeweiligen Weichenstellungen zu benennen. Selbstverständlich sind wir nicht allein unseres Glückes Schmied, also nicht „glücksautark“. Und doch ist das Schönreden resp. der Selbstbetrug eine psychologische Notwendigkeit – sozusagen die ultima ratio des Überstehens einer sonst aussichtslosen Lage. Ich finde auch nicht, daß die Fähigkeit, Glück zu empfinden, etwas mit Anspruchsdenken zu tun hat. Das hat mehr mit den Genen und der persönlichen Geschichte des Einzelnen zu tun. Einer, der mit endlosen Gewittern groß geworden ist, kann seine Geschichte womöglich nur erzählen, wenn gleichzeitig Trauermusik gespielt wird. Überhaupt scheint mir bisher die Trauer und das Unglück zu kurz zu kommen. Dies, obwohl jedem klar sein müßte, daß jedes Gefühl ohne Wechsel auf Dauer schal wird. Nicht von ungefähr suchen viele Zeitgenossen das Glück des Kitzels in der Gefahr. Vielleicht, weil die Gegenwart mit ihrer Warenfülle die eigentlichen Bedürfnisse vieler Menschen unversorgt läßt. Gesellschaftskritiker sprechen von „Ersatzbefriedigung“, wobei man sich darüber streiten kann, was Ersatz ist bzw. was wofür steht.


Noch etwas zum Schönreden. Das hört m. E. nicht auf mit dem Argument, ohne Arbeit ginge es der Näherin in Bangladesh noch schlechter, wenn gesagt wird, der Sachverhalt ließe sich doch ändern. Denn das verkennt die Notwendigkeit dieses Vorgehens (konkurrenzbedingtes Suchen nach der Kostenminimierung), die in unserem Wirtschaftssystem angelegt ist. Wenn sich etwas an der Lage ändert, dann nicht durch den Willen der Macher, sondern durch eine günstige innere Dynamik (Hebung des allgem. Wohlstands infolge des Wachstums).


Natürlich geht das: Sichselbstbelohnen. Leute kaufen sich Klamotten, wenn es geht ein Designer-Stück, kaufen sich ein Prestigeprodukt oder leisten sich eine Reise – teuer oder nicht, das ist egal, Hauptsache, es macht sie froh oder gar glücklich. Da Glück sowieso bloß eine Sache des Augenblicks ist, reicht dieser Akt vollkommen und nur derjenige, der ihn ewig festhalten will ist ein Träumer oder Scharlatan.


Mit dem Ausspruch R. Pfallers, wonach Kultur dazu da ist, die Menschen mit dem Glück zu versöhnen, kann ich nicht viel anfangen. Wieso überhaupt „versöhnen“? Sollen wir vor einem Übermaß geschützt werden? Soll man also z.B. dem Popstar sagen: Paß auf, daß du dich nicht an das Übermaß an Jubel und Zustimmung gewöhnst, damit du nicht ins Bodenlose fällst, wenn der Erfolg schwindet?


Jetzt zu meinen ursprünglichen Gedanken. Pardon, ich habe mich nicht auf das Grundsätzliche beschränkt. Aber das wäre doch langweilig geworden, hätte ich bloß den Wert der Politik für das Glück erwähnt.



„Positiv denken ist das Gegenteil von Denken“ (E. M. Cioran)


Nun ist gerade o.g. Verhalten Teil des Glücks. „Die Weißen denken zu viel“ lautete einst ein Buchtitel. Wer stets das Haar in der Suppe sucht und sich in Kritik sowie Grübeleien verliert, kann kein glücklicher Mensch sein. Das Glück ist kein Gedanke, sondern ein Gefühl; es kommt vom Bauch. Auch heißt es: „Ein voller Bauch studiert nicht gern.“ Ein voller Kopf – egal, womit – stört eher das Glück. Nicht von ungefähr ist eine der Hauptquellen der Glückseligkeit die Selbstvergessenheit. Die findet man im Spiel; und die Leidenschaft, mit der alle Welt spielt, ist legendär. Umkehrschluß: Wer herrschen will, muß dem Spiel genügend Raum lassen. In der völligen Abwesenheit von Welt bzw. realer Verhältnisse bin ich frei und unbelastet, bin ich Mensch. Da fühle ich mich „wohl wie 500 Säue.“ Wenn Adorno sagt: „Ohne Freiheit kein Glück“, dann meint er wohl eine geistige oder auch materielle. Tatsächlich sehe ich diese beiden Quellen: Hier die Innerlichkeit, dort die Politik, die das Gemeinwohl oder zumindest das Glück der Großen Zahl verfolgen sollte. Sind wir in unseren Gedanken auch weitgehend frei, so können wir uns den Realitäten kaum entziehen. Und hier ist es so, daß zumindest die Grundbedürfnisse des Menschen gedeckt sein müssen, soll die Freiheit der Meinungsäußerung und die des Spiels ausreichen zum Glücklichsein.


Versteht man den Menschen als „Eigenschaft der Freiheit“, kann m. E. nur seine scheinbar unendliche Plastizität gemeint sein. Von daher sind seine Glücksmöglichkeiten unbegrenzt. Glück ist in der kleinsten Hütte, im kleinsten Gedanken, noch in der gemeinsten Tat (im Gelingen wie in der Schadenfreude), in der Beziehung zu den Dingen, den Tieren, dem Nächsten wie dem Fernsten, der Idee, der Ideologie, der Beschäftigung, der Verausgabung, dem Risiko, der Verschwendung usw. usf.


Glück ist der Zeit unterworfen, ist geschichtsbedingt. Traditionsbeflissene Gesellschaften legten Wert auf Mythen der Zusammengehörigkeit und auf Gehorsam gegenüber den Führern und Priestern. Das Bedürfnis nach Spiritualität zusammen mit dem Mangel an dem, was wir Aufklärung nennen, und der Angst vor dem Ausgeschlossensein aus einer Gemeinschaft resp. Gesellschaft bei Nichtübereinstimmung (zumindest mit der Mehrheit) hat die Menschen anfällig für Verführung und Ausbeutung gemacht. Daß Religion ein probates Mittel dafür ist, wurde schnell erkannt. Infolgedessen wurde im Christentum sogar der Verzicht auf irdisches Glück zur Tugend, denn „die übernatürliche Glückseligkeit, entsteht, wenn einer in der tatsächlichen Ordnung sowie in der unmittelbaren Anschauung des dreieinigen Gottes allein die Bestimmung des Menschen sieht. Das sittliche Streben und der unbedingte Wert desselben werden im Gegenteil ausgehöhlt durch die Leugnung der Unsterblichkeit und der jenseitigen Glückseligkeit, die wesentlich zur geistigen Persönlichkeit und zum Kern einer geläuterten Lebensanschauung gehören.“ (Philosophisches Wörterbuch von W. Brugger)


Die Moderne hat, wie wir wissen, mit der Aufklärung den Versuch unternommen, den Menschen in den Mittelpunkt des Universums zu stellen und ihn zum Souverän seines Schicksals zu machen. Herausgekommen ist eine Ichkultur, die allerdings nicht auf einen gewissen Zusammenhalt verzichten kann. Schon gar nicht konnte diese befreite Gesellschaft auf Herrschaft und Ausbeutung verzichten. Sie stand also vor der Aufgabe, dies in einem undurchschaubaren Geflecht von Rechten und Regeln zu verbergen. Das Wichtigste war jedoch die Verpflichtung auf ein oberstes Ziel: das ist das stetige Wirtschaftswachstum. Damit hat sich die Menschheit der Priorität der Ökonomie unterworfen, und die Gesetzgebung weg von den Parlamenten hin zur Wirtschaft mit ihren Lobbyisten verlagert – allenfalls die Exekutive hat in gewissen Dingen noch ein Wörtchen mitzureden. Fatal genug: Je größer die persönliche Freiheit der handelnden Personen ist, umso mehr Spielraum haben die Starken, die mit wachsender Machtfülle allein ihren Interessen folgen können.



Ich sage das bloß, weil das politisch/ökonomische System einen gewaltigen Einfluß auf das menschliche Glück hat. Ich weiß, das ist eine Selbstverständlichkeit, und doch frage ich mich, warum so wenige die Gefahr der dem System innewohnenden Eskalation der Machtverteilung und Ungerechtigkeit sehen. Es scheint, die Menschen sind betäubt von der Warenfülle und dem Gefühl der Freiheit bezüglich ihrer Bewegungsmöglichkeiten. Es heißt, der Mensch sei prinzipiell nicht in der Lage, die Wirkungen seines Tuns über große Zeiträume zu sehen. Daher genießt er so leichtsinnig und gedankenlos den gegebenen Luxus, der die Erde zusehends vermüllt und immer unbewohnbarer macht. Auch die Lasten, die man künftigen Generationen auferlegt, spielen keine wichtige Rolle.

Die Devise, oder soll ich sagen: das Diktat lautet: Ausweitung der Kampfzone! Offenheit und Wachstum um jeden Preis sind angesagt. Egal, wie stressig und ungemütlich die stete Neuschöpfung der Welt, die Umwertung vieler Werte, der Zerfall der Gesellschaft in egoistische Einzelgänger, um nur einiges zu nennen, ausfällt, das Glück der Nachdenklichkeit, der Bescheidenheit, des Rückzugs gilt als Staatsverbrechen – zumindest als eine dumme, tadelnswerte Regression.


Auch wenn das stets verneint wird, basiert doch auch diese Gesellschaftsordnung auf einer Ideologie. Es ist die Ideologie des Freien Marktes, der keine Regeln mag, und der infolge des Wachstumszwangs eine mörderische globale Konkurrenz vom Zaun bricht, anstatt den Wunsch der Völker nach Verständigung und Kooperation zu verfolgen.


Klar ist also, daß das individuelle Glück nicht nur von der Fähigkeit zur Ablenkung, zum Spiel, zur Esoterik und schönen Gedanken oder Hobbys abhängt, sondern ebenso von unserer Weltanschauung. Denn wer gegen den Mainstream schwimmt, mag gelegentlich unglücklich werden. Dabei vermag der Freudsche Schluß, da das All nicht glücks- oder lustfördernd geartet ist, sei Glück im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen, zumindest irritieren. Richtig ist die stete Unruhe, die aus dem allgemeinen Bedürfnis nach Grenzüberschreitung und Icherweiterung wie auch der Gewohnheit kommt. Auch braucht es den Wechsel zwischen Höhen und Tiefen, um lebendig bleiben zu können. Und doch sind wir in der Lage, mit den kleinsten Sensationen zufrieden zu sein. Allerdings sind jene auf dem Holzweg, die das Glück bloß in materiellen oder körperlichen Genüssen ansiedeln, wie es anscheinend R. Pfaller tut. Wo bleiben die geistigen? Ich zweifle auch daran, daß man „ein kulturelles Gebot braucht, um Lust zu finden“, und daß „der Mensch per se gehemmt“ sei. Allein der Pluralismus und die Freiheit bei der Freizeitgestaltung sprechen dagegen.


Ist Glück vom Zufall abhängig, so ist Glückseligkeit ein Zustand vollkommener Befriedigung und Wunschlosigkeit


Will man das Streben nach Glückseligkeit (Eudaimonismus) mit einer allgemeinen Ethik verbinden, kommt man m. E. schwer ins Schleudern. Schließlich kennen wir div. Moralsysteme (z. B. Utilitarismus, Hedonismus, Amoralismus und eine Gefühlsmoral), die je nach Bedarf und Möglichkeit gelebt werden. Ich denke, Ethik und die jeweiligen sittlichen Gebote kann man nur im Kontext der gewählten gesellschaftlichen Ordnung beurteilen, wobei es interessenbedingt unterschiedliche Wege oder Gewichtsverschiebungen hinsichtlich der jeweiligen Ziele gibt. Selbst der Sozialeudaimonismus, der das Glück der anderen oder das größte Glück der größten Zahl zum Grund der sittlichen Verpflichtung erklärt, vermag nicht einmal als verwirklichtes Ideal voll zu überzeugen. Dies zumindest solange nicht, wie er das Streben nach dem Guten als Formalismus aus der bloßen Allgemeinheit des Gesetzes anwendet und dabei dieses Gute nicht als einen bestimmten Inhalt definiert.


Die philosophische Vorstellung gar, die nach den letzten Gründen der sittlichen Erscheinungen fragt, muß m. E. scheitern, sobald wir die Existenz eines höheren Wesens leugnen. Da der Mensch nach heutigem Verständnis alleinverantwortlich für die Schöpfung ist, kann Sittlichkeit bloß am Allgemeinwohl und dem Erhalt bzw. der Vervollkommnung der Schönheit festgemacht werden. Mit der Freiheit als Unbestimmtheit der Willkür ist das nicht zu machen. So können Glück und Ethik nicht zusammen gehen. Was soll in diesem Zusammenhang eine abendländische Rationalität sein? Man spricht von einer absoluten Vernunft und Fakten, wohl wissend, daß sie zielgerichtet sind. Von daher mag jedes Wahnsystem einer inneren Vernunft und Regelhaftigkeit folgen, also entsprechende Fakten liefern. Ich denke, Vernunft ist zunächst eine Sache der Übereinkunft, während Fakten, insofern sie nicht empirisch oder mathematisch belegt werden können, unterschiedlich interpretiert werden können. Erhebt man also einen Absolutheitsanspruch bezüglich der Wahrheit einer Bewegung, macht man sich unglaubwürdig. Dies gilt auch für den Glaubenssatz, wonach allen Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse gegeben sei. Denn auch diese Begriffe ordnen sich dem Bestreben und dem unvollkommenen Verständnis der Menschen unter. Es ist wohl wahr: Der Glücksbegriff steht unter Ideologieverdacht.


Last but not least noch ein paar Fallen des Glücks: Da sind z.B. die blödsinnigen Rechthabereien, oft bei Nichtigkeiten, die Zwistigkeiten aus Minderwertigkeitsgefühlen, aus Verlustängsten, aus dem Gedanken heraus, zu kurz zu kommen, aus dem Gefühl heraus, man brauche einen Überschuß an Macht und Geld, um glücklich zu sein. Und schließlich der Gipfel der Verhinderung von Glück: der Krieg – geboren aus dem Wunsch, frei zu sein, sich selbst zu verwirklichen und keine Rücksicht auf fremde Ansichten und Lebensstile nehmen zu müssen.


Es geht also um psychische Defizite, die großenteils durch einen irgendwie gearteten Mangel entstehen oder zumindest gefördert werden. Nun ist es weder möglich, noch wünschenswert, alle Formen des Mangels zu besiegen, noch ist das wünschenswert. Denn die Grenzüberschreitung gehört wohl zum Menschsein. Was jedoch getan werden könnte, das ist eine Minderung der Konfliktursachen. Systembezogen eine Ordnung, die Freiheit nicht zu groß schreibt und die die Konkurrenz durch gleiche Bedingungen beschränkt. Dann eröffnet sich auch ein größerer Spielraum für eine Gerechtigkeit, die zumindest existenzielle Mängel beseitigen hilft. Zum anderen durch eine allgemeine Bildung, die Engstirnigkeit und Charakterfehler mit Weisheit bekämpft.


Allerdings, das ist die Wirklichkeit: In einer aktuellen Umfrage gaben bloß 6 % an, zum Glück fehle ihnen Bildung. Am meisten fehlt Geld, 22 %, Gesundheit, 21 % und Selbstbewußtsein, 13 %. Komisch, daß Freizeit und Ruhe so gut wie keine Rolle spielen, obwohl doch immer mehr an Stress und burn out leiden. Auch Anerkennung ist ihnen nicht wichtig. Schwer zu glauben, wenn so viele in den Sozialen Netzen unterwegs sind, um ein „like“ zu bekommen. Aber Umfragen sind halt mit Vorsicht zu genießen.


Glücklich ist, wer vergißt.



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