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Das 'Glück' in der Moderne

Materialien zum Philosophietreffen am 2.11.2016

Glück ist seit jeher einer der wichtigsten Kandidaten für eine plausible Begründung ethischer Urteile. „Verhalte dich so, dass du weder dein eigenes Glück noch das Glück anderer gefährdest, sondern es idealerweise beförderst.“

Könnte das ein Satz sein, auf dem sich eine verbindliche Ethik aufbauen lässt?

In der Idee der Ethik wird gedacht, dass nicht der eine oder andere Mensch diese oder jene Ansichten darüber hat, welches Verhalten unter Menschen gut und welches schlecht ist oder dass irgendeine Form von Herrschaft – und sei es die beste nur denkbare – den Einzelnen durch Gesetze die Grenzen des Verhaltens vorschreibt, sondern dass die Menschen grundlegend die Fähigkeit mitbringen, gut und böse zu unterscheiden und sich grundsätzlich untereinander frei darüber zu einigen. Der Philosoph hat demnach Vorschläge zu machen und zu begründen, auf welchem Weg eine solche Einigung ablaufen könnte und worauf sie inhaltlich hinauslaufen könnte.

Wie man weiß, ist dieses Geschäft der Ethik tausende Jahre alt und, wie es scheint, unabschließbar. Denn ständig kompliziert sich die Bestimmung des Unterschieds von gut und böse in ganz unterschiedlichen geschichtlichen Situationen. Ist eine Tötung im Krieg zu bewerten wie ein Tötung im Frieden, eine befohlene wie eine eigenvorsätzliche, eine Enthauptung wie ein Drohnenangriff? Das Verbindende bei den ganz unterschiedlichen Versionen von Ethik, die im Laufe der Zeit vorgeschlagen worden sind, ist unglaublich schwer zu benennen. Wir nennen es abendländische Rationalität.

Glück ist wie gesagt auch heute wieder einer der wichtigsten Kandidaten für eine plausible Begründung ethischer Urteile.

Dazu müsste man wissen, was unter Glück eigentlich zu verstehen ist. Da ist vieles möglich.

Typische Grundaussagen über das Glück, ob bei Hobbes, Pascal, den schottisch-englischen Empiristen des 18. Jahrhunderts, Kant, den Utilitaristen oder Schopenhauer sind, wenn auch in unterschiedlicher Akzentuierung: Alle Menschen streben nach Glück. Glück kann nicht zielgerichtet bewirkt werden. Glück ist subjektiv. Glück ist quantifizierbar und verrechenbar.

Wir haben es heute mit einem doppelten Subjektivismus des Glücks zu tun. Doppelt: erstens finden unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Episoden ihr Glück. Zweitens entscheidet nur jeder Einzelne darüber, ob, wann und inwiefern er sich glücklich nennt oder nicht.

Und dennoch ist eine Position offensichtlich widersinnig, die behaupten würde, eine ethischen Entscheidung könne richtig sein, selbst dann, wenn durch sie die gesamte Menschheit unglücklich würde.

Dass mit der Frage des Glücks ein ethisches Areal betreten wird, wird bereits alltäglich sichtbar. Etwa bei Trennungen von Lebensgemeinschaften, bei denen der Anspruch auf persönliches Glück in Widerspruch mit selbst eingegangenen Verpflichtungen treten kann. Wenn sich jemand um des eigenen Glücks wegen trennt, gibt er seinem eigenen Glück einen ethischen Stellenwert. Und wenn heute bei Ehescheidungen nicht mehr nach Schuldgesichtspunkten entschieden wird, dann wohl auch deshalb, weil dem persönlichen Glücksanspruch stillschweigend ein erheblicher ethischer Wert zugemessen wird, weil ein persönlicher Glücksanspruch in einem gewissen Umfang als Entschuldigung akzeptiert wird.

Glück und Ethik sind zwei wie auch immer dissonant zusammengehörige Ideen.

Nun kann man über Glück naheliegenderweise auf der Ebene von Psychologie reden. Und so wird auch zumeist darüber gesprochen. Man trifft dann z.B. auf all die empirisch erfragbaren persönlichen Präferenzen. Aber bereits die simpelste Präferenz verweist auf die Sozialbeziehungen der Phantasie (Wir wissen das alle: Wer auch nur einmal die Kö rauf- und runterläuft, sieht das sofort). Etwas anderes ist es, über Glück aus ökonomischer Sicht zu reden.

Was würde es also im Unterschied zu all diesen Perspektiven heißen, über Glück nicht als Psychologe, Soziologe, Ökonom, Geschichtswissenschaftler oder Ethnologe zu reden, sondern als Philosoph?

Es hieße, sich durch die empirische Mannigfaltigkeit des Glücks hindurch die Frage zu stellen, ob der Begriff Glück ein Grundbegriff des Denkens über ethische Fragen sein kann, so wie für Kant die Begriffe Gott, Welt, Mensch, Freiheit oder Vernunft transzendentale Leitbegriffe waren.

Darauf möchte ich hinaus. Heidegger hat einmal in einer Vorlesung über Schelling gesagt, die Freiheit, das sei nicht eine Eigenschaft des Menschen, sondern der Mensch, das sei eine Eigenschaft der Freiheit. Und das werde ständig mißverstanden, wenn wir fragen, wie frei der Mensch sei.

Das Glück philosophisch zu befragen, ist etwas Ähnliches. Vielleicht ist auch das Glück nicht eine Eigenschaft des menschlichen Lebens, sondern das Menschliche am menschlichen Leben eine Wirkung unseres Anspruchs auf Glück. Das wäre so etwas wie ein transzendentales Verständnis von Glück bei aller empirischen Unterschiedlichkeit, was einzelne Leute persönlich glücklich macht und wie sicher oder unsicher sie dabei sind, sich selbst als glücklich zu bezeichnen.

Wenn das so wäre, dann gehörte das Glück in die Reihe der ethischen Grundbegriffe.

Also: im ersten Schritt möchte ich den Begriff des Glücks ent-trivialisieren. Dazu habe ich eine Reihe von Zitaten zu den unterschiedlichen Facetten des Glücks zusammengestellt, über die wir reden sollten.

Das Glück zwischen Eudaimonia, Freiheit und Wohlfahrt

Statements zu einem Begriff

Schopenhauers Wohnzimmerglück:



„Der rasche Übergang vom Wunsch zur Befriedigung und von dieser zum neuen Wunsch macht das Glück aus.“
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung )

„Da aber keine Befriedigung dauernd, sondern nur der Anfangspunkt eines neuen Strebens ist, so zeigt sich schon in dieser Ziellosigkeit ... die Negativität alles Glückes.“
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung )

„Das Glück ist negativer Natur, d. h., es ist nur die Befriedigung eines Wunsches, die Aufhebung einer Entbehrung, die Stillung eines Schmerzes.“
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung)

„Dies zeigt sich daran, dass wir der Güter und Vorteile, welche wir besitzen, Gesundheit, Jugend, Freiheit, Reichtum, gar nicht als solcher inne werden, sondern erst nachdem wir sie verloren haben.“
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung )

„Im Guten wie im Schlimmen kommt es weniger darauf an, was einem begegnet, als wie man es empfindet.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena )

„Der innere Reichtum ist die Hauptsache. Von andern hat man nicht viel zu erwarten; am Ende bleibt doch jeder auf sich selbst angewiesen.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena )

„Das Glück gehört denen, die sich selber genügen. Alle äußeren Quellen desselben sind unsicher und vergänglich.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena )

„Der normale Mensch ist, hinsichtlich des Genusses des Lebens, auf Dinge außer ihm angewiesen, auf Besitz, Rang, Familie; sein Schwerpunkt fällt außer ihm. Beim Geistreichen fällt derselbe schon zum Teil, beim Genialen ganz in ihn.“
(A. Schopenhauer, Parerga und Paralipomena )

„Geistige Fähigkeiten sind die Hauptquelle des Glücks. Die geistigen Genüsse sind die anhaltendsten, mannigfaltigsten und größten. Der Geistreiche bedarf zum Glück nichts weiter als freie Muße.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena )

„Nicht dass die Nachwelt von einem erfahre, sondern dass in ihm sich Gedanken erzeugen, welche verdienen, aufbewahrt zu werden, ist ein hohes Glück.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena)

„Moralische Trefflichkeit beglückt unmittelbar, indem sie tiefen Frieden des Innern und beruhigte Stimmung gibt.“
(Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik )

„Das Wesentlichste für das Glück ist ein aus vollkommener Gesundheit hervorgehendes ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer Verstand, ein sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen. Besonders wichtig ist die Gesundheit; 9/10 unseres Glücks beruhen auf dieser.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena)

„Alles Glück beruht nur auf dem Verhältnis zwischen unseren Ansprüchen und dem, was wir erhalten.“
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung)

„Das größte Glück ist eine schmerzlose Existenz. Um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, dass man nicht verlange, sehr glücklich zu sein.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena)

„Geringe Zufälle vermögen den, dem es gut geht, vollkommen unglücklich zu machen; vollkommen glücklich, nichts auf der Welt.“
(Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung)

„Der Neid ist der Feind unseres Glückes; wir sollten öfter die betrachten, welche schlimmer daran sind als wir, denn die, welche besser daran zu sein scheinen.“
(Schopenhauer, Parerga und Paralipomena)

„Unsere unmittelbare Teilnahme am anderen ist auf sein Leiden beschränkt und wird nicht direkt durch sein Glück erregt.“
(Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik )



Skeptiker des Glücks:



„Der Begriff der Glückseligkeit (ist) ein so unbestimmter Begriff, daß, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle. Die Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit gehören, insgesamt empirisch sind, d. i. aus der Erfahrung müssen entlehnt werden.“ (Kant, I., Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Theorie-Werkausgabe Bd. VII, Ffm. 1964, S. 47.)


Radikalisierungen:



„Ich werde mein nicht fortsetzbares Dasein fortsetzen (…), es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich überleben würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine unvermeidliche Falle das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach Übeln, den 'Greueln': obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja davon, vom Glück der Konzentrationslager, müßte ich Ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen.“
(I. Kertéz, Roman eines Schicksallosen) (Größer als hier kann man sich den Spannungsbogen dessen, was mit dem Begriff Glück sich sagen läßt, kaum vorstellen.)

„Seine eigene Glückseligkeit sichern ist Pflicht (wenigstens indirekt), denn der Mangel der Zufriedenheit mit seinem Zustande, in einem Gedränge von vielen Sorgen und mitten unter unbefriedigten Bedürfnissen, könnte leicht eine große Versuchung zu Übertretung der Pflichten werden.“
(I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)

„Ich glaube, dass sich das Optimum des gesellschaftlichen Funktionierens definieren läßt, und zwar aufgrund einer bestimmten Beziehung zwischen dem Bevölkerungswachstum, dem Konsum, der individuellen Freiheit, der Möglichkeit des Vergnügens für einen jeden.“
(M. Foucault, Von der Subversion des Subjekts)

„Ich bin mit meinem Leben glücklich, nicht so sehr mit mir selbst.“
(M. Foucault)

„Unser Leben wollen wir zu einer großen wunderbaren Dichtung, aus uns selber wollen wir ein neues Kunstwerk gestalten.“
(Heinrich und Julius Hart)

„Der VW Käfer: ...er läuft und läuft und läuft...“ (Werbung, 60er-Jahre)

„Was bleibt nun der Mensch noch anders als eine vorzüglich-künstliche kleine Maschine, die in der großen Maschine, die wir Welt,Weltgegebenheiten, Weltläufe nennen, besser oder schlimmer hineinpasst. (…) Aber heißt das gelebt? Heißt das seine Existenz gefühlt, seine selbständige Existenz, den Funken von Gott? Ha, er muß in was Besserem stecken, der Reiz des Lebens (…) Das lernen wir daraus, dass diese unsere handelnde Kraft nicht eher ruhe, nicht eher, nicht eher ablasse zu wirken, zu regen, zu toben, als bis sie uns Freiheit um uns her verschafft, Platz zu handeln. (…) Seligkeit, Seligkeit, Göttergefühl das!“
(J.M.R. Lenz, Über Götz von Berlichingen)

„Die Menschheit ist eine Gattung, die über ein Nervensystem verfügt, mit dem sie ihr eigenes Funktionieren bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann. Und es ist klar, dass diese Kontrollmöglichkeit fortwährend die Idee nahelegt, die Menschheit müsse auch einen Zweck haben. Diesen Zweck entdecken wir in dem Maß, in dem wir unser eigenes Funktionieren kontrollieren können. Aber so stellen sich die Dinge ganz verkehrt dar. (…) Tatsächlich hat die Menschheit keinen Zweck, sie funktioniert. (…) Die Rolle des Philosophen (...) besteht heute vielleicht darin aufzuweisen, dass die Menschheit die Möglichkeit eines Funktionierens ohne Mythen zu entdecken beginnt.“
(M. Foucault, Von der Subversion des Wissens)

„Ich sagte, daß (...) er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. (…) Wir sehen, daß in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. (...) so, daß sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewußtsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.“
(H. v. Kleist, Über das Marionettentheater)

„Nicht Jammer über Mechanisierung, sondern Freude über Präzision.“
(O. Schlemmer, 1926)

„Ich betrachte mich als eine Sowjetfabrik, erbaut, um Glück zu produzieren.“
(W. Majakowski, Gedichte)

„Die Zerstörung der Individualität ist identisch mit der Ertötung der Spontaneität, der Fähigkeit des Menschen, von sich aus etwas Neues zu beginnen, das aus Reaktionen zu Umwelt und Geschehnissen nicht erklärbar ist. Was danach übrig bleibt, sind jene unheimlichen, weil nicht wirklichen, mit menschlichen Gesichtern ausgestatteten Marionetten, die sich alle benehmen wie der Pawlowsche Hund.“
(H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft)

„Zu Hause nach eigener Vorstellung reprogenetisch behandelte Kinder zu bekommen, wird vielleicht eines Tages ein ebenso beliebtes Hobby sein wie heute das Desktop-Pubishing.“
(Freeman J. Dyson, Die Sonne, das Genom und das Internet)

„Es ist, wie man merkt, einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt. Dies Prinzip beherrscht die Leistung des seelischen Apparates vom Anfang an; an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebensowohl wie mit dem Mikrokosmos. Es ist überhaupt nicht durchführbar, alle Einrichtungen des Alls widerstreben ihm; man möchte sagen, die Absicht, daß der Mensch »glücklich« sei, ist im Plan der »Schöpfung« nicht enthalten.“
(S. Freud, Das Unbehagen in der Kultur)

„Hauptsache, ihr habt Spaß“ (Mediamarkt 2016)

„Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. Du mußt dann dein Leben verändern. Und paßt es in die Form, dann verschwindet das Problematische.“
(Ludwig Wittgenstein)

„Vor den Augen der Leute, die an den endlosen Komplikationen des Lebens müde geworden sind und denen der Zweck des Lebens nur als fernster Fluchtpunkt in einer unendlichen Perspektive von Mitteln auftaucht, erscheint erlösend ein Dasein, das in jeder Wendung auf die einfachste und zugleich komfortabelste Art sich selbst genügt.“
(W. Benjamin)
Dieses „einfache, aber ganz großartige Dasein“ führt beispielhaft nur einer, so Benjamin, nämlich „Mikey-Maus“

„Es gibt einen zweifachen Glückswillen, eine Dialektik des Glücks. Eine hymnische und eine elegische Glücksgestalt. Die eine, das Unerhörte, Niedagewesene, der Gipfel der Seligkeit. Die andere: das ewige Nocheinmal, die ewige Restauration des ursprünglichen ersten Glücks.“
(W. Benjamin)

„Die Schönheit des Halses und die Rundungen der Hüfte wirken auf die Sexualität nicht als geschichtslose bloß natürliche Fakten, sondern als Bilder ein, in denen alle gesellschaftliche Erfahrung lebt und die Intention auf das, was anders ist als Natur, die nicht aufs Geschlecht beschränkte Liebe. Zärtlichkeit aber, die unkörperlichste noch, ist verwandelte Sexualität, das Streichen der Hand übers Haar, der Kuß auf die Stirn, die den Wahnsinn der geistigen Liebe ausdrücken, sind das befriedete Schlagen und Beißen beim Geschlechtsakt der australischen Wilden.“
(Adorno)

„Dieser Mann (…), dieser mit einer tätigen Einbildungskraft begabte Einsame, der die große Wüste des Menschen unablässig durchwandert, hat ganz gewiß ein höheres Ziel als das des bloßen Flaneurs, ein noch allgemeineres Ziel als das augenblickliche Schauvergnügen. Er ist nach etwas auf der Suche, das die Modernität zu nennen man mir erlauben möge (…). Für ihn geht es darum, der Mode das abzugewinnen, was sie im Vorübergehenden an Poetischem enthält, aus dem Vergänglichen das Ewige herauszuziehen. (…) Die Modernität ist das Vergängliche, das Flüchtige, das Zufällige, die eine Hälfte der Kunst, deren andere das Ewige, das Unwandelbare ist. Keiner hat das Recht, dieses vergängliche, flüchtige Element, das so einem häufigen Wandel unterliegt, zu verachten und beiseite zu schieben. Wenn man es unterschlägt, verfällt man unweigerlich der Leerheit einer nichtssagenden abstrakten Schönheit (…); denn fast unsere gesamte Originalität rührt von dem Stempel her, den die Zeit unseren Empfindungen aufdrückt.“
(Ch. Baudelaire, Der Maler des modernen Lebens)

„Für wie selbstsüchtig man den Menschen auch halten mag, es gibt nachweislich einige Grundlagen seines Wesens, die dazu führen, dass er sich für das Schicksal anderer interessiert, deren Glück ihm notwendig erscheint, obwohl er nichts davon hat außer dem Vergnügen, es zu sehen."
(Adam Smith, Die Theorie der ethischen Gefühle)

„Keine Gesellschaft kann gedeihen und glücklich sein, in der der weitaus größte Teil ihrer Mitglieder arm und elend ist."
(Adam Smith, The Wealth of Nations)

„Viele Menschen wissen, dass sie unglücklich sind. Aber noch mehr Menschen wissen nicht, dass sie glücklich sind.“ (Albert Schweitzer)

„Menschen zu finden, die mit uns fühlen und empfinden, ist wohl das schönste Glück auf Erden.“ (Carl Spitteler)

„Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“
(Erasmus von Rotterdam)

„Der Mensch strebt nicht nach Glück, nur der Engländer tut das.“ (Nietzsche)
„Die >allgemeine Wohlfahrt< (…) kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie fassbarer Begriff, sondern nur ein Brechmittel.“ (Nietzsche)
„Sich selbst erhalten wollen ist der Ausdruck einer Notlage, eine Einschränkung des eigentlichen Lebens-Grundtriebes, der auf Machterweiterung hinausgeht.“ (Nietzsche)
„Wir haben das Glück erfunden - sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ (Nietzsche)
„Trachte ich denn nach dem Glücke? Ich trachte nach meinem Werke.“ (Nietzsche, Werke (Schlechta) II, 561)
„Nicht das Glück folgt der Tugend, sondern der Mächtigere bestimmt seinen glücklichen Zustand erst als Tugend.“(Nietzsche, Werke (Schlechta) III, 420)

„Wir treiben Sozialpolitik nicht, um Menschenglück zu schaffen“, betont Max Weber – und warnt davor, „positives Glücksgefühl im Wege irgend einer sozialen Gesetzgebung zu schaffen“. „Ich bin überzeugt, dass das Quantum subjektiven Glücksgefühls mit der Hebung der Massen, die wir als unumgängliche Aufgabe vor uns sehen, nicht zunehmen, sondern wahrscheinlich abnehmen wird. Das Quantum des subjektiven Glücksgefühls ist größer bei geistig tief stehenden, stumpf resignierten Volksschichten, (…) größer bei Tieren als bei Menschen“
(Max Weber, Gesamtausgabe, I, 4/I, 339 f.).


„DOKTOR: Ich hab's gesehn, Woyzeck; er hat auf die Straß gepißt, an die Wand gepißt, wie ein Hund.- Und doch drei Groschen täglich und die Kost! Woyzeck, das ist schlecht; die Welt wird schlecht, sehr schlecht!
WOYZECK: Aber, Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt.
DOKTOR: Die Natur kommt, die Natur kommt! Die Natur! Hab' ich nicht nachgewiesen,daß der Musculus constrictor vesicae dem Willen unterworfen ist? Die Natur! Woyzeck, der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit.- Den Harn nicht halten können! (Schüttelt den Kopf, legt die Hände auf den Rücken und geht auf und ab.) Hat Er schon seine Erbsen gegessen,Woyzeck? Nichts als Erbsen, cruciferae, merk Er sich's!Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff, salzsaures Ammonium, Hyperoxydul – Woyzeck, muß Er nicht wieder pissen? Geh Er einmal hinein und probier Er's!
WOYZECK: Ich kann nit, Herr Doktor.
DOKTOR mit Affekt: Aber an die Wand pissen! Ich hab's schriftlich, den Akkord in der Hand! - Ich hab's gesehen, mit diesen Augen gesehen; ich steckt' grade die Nase zum Fenster hinaus und ließ die Sonnenstrahlen hineinfallen, um das Niesen zu beobachten. - (Tritt auf ihn los:) Nein, Woyzeck, ich ärgre mich nicht; Ärger ist ungesund, ist unwissenschaftlich.Ich bin ruhig, ganz ruhig;mein Puls hat seine gewöhnlichen sechzig,und ich sag's Ihm mit der größten Kaltblütigkeit. Behüte, wer wird sich über einen Menschen ärgern, ein' Mensch! Wenn es noch ein Proteus wäre, der einem krepiert! Aber, Woyzeck, Er hätte nicht an die Wand pissen sollen -
WOYZECK: Sehn Sie,Herr Doktor, manchmal hat einer so 'en Charakter, so 'ne Struktur. - Aber mit der Natur ist's was anders, sehn Sie; mit der Natur (er kracht mit den Fingern),das is so was, wie soll ich sagen, zum Beispiel...
DOKTOR: Woyzeck, Er philosophiert wieder.“
(G.Büchner, Woyzeck)

„Geschichte, das ist die „Schlachtbank (…) auf welcher das Glück der Völker (…) zum Opfer gebracht wird.“
(G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

„Die Welt ist das System des Grauens. Aber darum tut ihr noch zu viel Ehre an, wer sie ganz als System denkt.“
(Adorno)

„Nicht bloß die objektive Möglichkeit – auch die subjektive Möglichkeit zum Glück gehört erst der Freiheit an.“
(Adorno, Minima Moralia)


Kurz kommentierte Literatur



Bei der Beschäftigung mit dem Thema habe ich drei recht unterschiedliche Arbeiten zur Kenntnis genommen.

Dieter Thomä, vom Glück in der Moderne (Frankfurt 2003) Er stellt fest, dass das Thema Glück in der Neuzeit aus zwei ganz bestimmten sich überkreuzenden Leitperspektiven gesehen worden ist, aus Sicht des Problems der Selbsterhaltung und dem der Selbstbestimmung. Entsprechend dieser Doppelperspektive ordnet Thomä die verschiedenen Theoriegebilde, die das Thema des Glücks in der Moderne theoretisch entwickelt haben und geht sie im einzelnen durch, wobei mir seine einzelnen Beiträge von sehr unterschiedlicher Qualität zu sein scheinen. Seine Ausführungen zu Adorno und Heidegger fand ich enttäuschend.

Immerhin finde ich sein Sortierung entlang der Begriffe Selbsterhaltung und Selbstbestimmung im ersten Schritt angesichts der großen Heterogenität des unter den Begriff Glück Gefaßten hilfreich. Thomä reklamiert eine kritische Funktion des Glücks, die Möglichkeit nämlich, über dieses Thema zu einer Revision des Verständnisses der Moderne und des Begriffs der Subjektivität zu kommen. Das kann ich nachvollziehen, es scheint mir aber durch Thomäs Arbeit nicht geleistet.
Was mir freilich sehr gut gefällt sind die Zitate, die er anführt. Die meisten der obigen Zitate fand ich in Thomäs Buch. Er hat das Talent, durch seine Auswahl dem Thema Raum zu verschaffen.
(Thomä ist Philosophie-Professor in St. Gallen)

Robert Pfallers Buch Wofür es sich zu leben lohnt, Elemente materialistischer Philosophie (Frankfurt 2011) war das nächste Buch, das ich in Vorbereitung auf das Thema durchgesehen habe. Dabei reizte mich die Aussicht auf eine materialistischer Philosophie des Glücks. Pfaller ist offenbar ein großer Žižek-Fan. Aus dieser Richtung stammen eine Reihe von Argumenten, mit denen ich etwas anfangen kann. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele:

»Die Individuen verfügen nicht über die Gesamtheit ihrer Lustbedingungen. So, wie zum Beispiel in einer kapitalistischen Produktionsweise die unmittelbaren Produzenten nicht über die Gesamtheit der notwendigen Produktionsmittel verfügen, haben auch auf dem Feld des Ästhetischen die Konsumierenden nicht alle Ressourcen zur Disposition, die sie zu ihrer Lust benötigen. Sie brauchen etwas, das sie nur von der Gesellschaft erhalten können — nämlich das Gebot, sich der Lust hinzugeben. Die Kultur wirkt hier nicht hemmend oder einschränkend als Verbot, gegenüber vermeintlich ungehemmten Begierden. Vielmehr verhält es sich genau umgekehrt. Die Individuen brauchen das kulturelle Gebot, Lust zu finden. Gehemmt sind sie selber.«

„Nun kann man wohl ohne große Übertreibung feststellen, dass wir diese Art von Genüssen, in denen etwas Ungutes zur Quelle triumphaler Lust wird, nicht nur längst kennen, sondern dass sie für uns sogar die Gesamtheit dessen bilden, wofür es sich überhaupt zu leben lohnt. Ohne die Verrücktheiten der Liebe, die uns gerade die sperrigen Eigenschaften geliebter Personen anbeten läßt; ohne die Unappetitlichkeiten und Schamlosigkeiten der Sexualität; ohne die Unvernunft unserer Ausgelassenheiten, Großzügigkeiten, Verschwendungen, unserer Geschenke, Feierlichkeiten, Heiterkeiten und Rauschzustände wäre unser Leben eine abgeschmackte Abfolge von Bedürfnissen und — bestenfalls — ihrer stumpfen Befriedigung; eine vorhersehbare, geistlose Angelegenheit ohne jegliche Höhepunkte, die insofern mehr Ähnlichkeit mit dem Tod hätte als mit allem, was den Namen des Lebens verdient.“
(Pfaller ist Philosophie-Professor in Linz)


Als drittes und letztes stieß ich auf einen Aufsatz von
Dieter Birnbacher

Link: Dieter Birnbache 'PHILOSOPHIE DES GLÜCK'

Er fragt eingangs, ob eine "Philosophie des Glücks" überhaupt möglich ist. Er erinnert dabei an das negative Urteil Kants (s.o.).
Birnbacher mahnt an, dass zu unterscheiden ist, „was die Menschen suchen, wenn sie Glück suchen,“ und „worin sie das Glück finden, wenn sie es finden.“

Und er warnt aus gutem Grund vor Generalisierungen. „So hat etwa im heutigen Europa die Dimension der Religion und der Religiosität für das persönliche Glück gegenüber den vorigen Jahrhunderten stark an Bedeutung verloren, während sie in den meisten anderen Regionen der Welt an Bedeutung zugenommen hat. Kennzeichnend für die gesamte westliche Welt ist die enge Verbindung, die zwischen Glück und Leistung gesehen wird. Der "Königsweg" zum Glück wird in produktiven und schöpferischen Tätigkeiten und im kraftvollen Annehmen und erfolgreichen Meistern von Herausforderungen gesehen. In Afrika ist die vorherrschende Glücksauffassung fast genau umgekehrt gepolt. Wichtiger ist hier das In-Ruhe-gelassen-Werden und die Abwesenheit von Konflikten.“
Mit Schopenhauer fällt ihm das sogenannte "Glücksparadox" auf: „die Unmöglichkeit, Glück direkt strebend zu erreichen“. Man wird nur schwer dadurch glücklich, dass man versucht, glücklich zu werden. Glück entzieht sich einer direkten Intention. Happiness braucht immer auch etwas luck oder fortuna.
Zur Begriffsbestimmung von Glück unterscheidet er episodisches Glück von periodischem Glück,
Glück als Stimmung
von Glück als Urteil ex post.

„Periodische und insbesondere "übergreifende" Selbst- und Fremdzuschreibungen von Glück oder Unglück sind in viel höherem Maße als Urteile über aktuelle Empfindungen und Stimmungen kognitiven und affektiven Verzerrungstendenzen ausgesetzt: der illusionären "Verklärung" der Vergangenheit, der Verdrängung unangenehmer oder peinlicher Vorkommnisse, der depressiven Verdüsterung der Erinnerungen oder schlicht der Überbewertung der jeweils letzten und deshalb am lebendigsten haften gebliebenen Phase.“

Drei klassische Glückstheorien, die Glücksgütertheorie, die Glücks-Hedonismus und die Wunscherfüllungstheorie, werden nach seinem Dafürhalten durch den heutigen doppelten Subjektivismus des Glücksbegriffs unhaltbar.

Mit doppeltem Subjektivismus des Glücksbegriffs meint er, dass sich heute Wertvorstellungen praktisch von Mensch zu Mensch unterscheiden und dass das Urteil, ob man selbst glücklich ist, nur vom Betroffenen selbst vorgenommen werden kann.

Der Subjektivität der Kriterien für Lebensqualität wird heute in der Medizin immer stärker Rechnung getragen. (z.B.) „Im Zuge eines erfolgreichen coping-Prozesses können sich die Bedürfnisse und Erwartungen eines Kranken so "nahtlos" an seine objektiven Lebensbedingungen anpassen, dass es ihm subjektiv besser geht als im gesunden Zustand zuvor.“
("Zufriedenheitsparadox")

Andererseits stehe der doppelte Subjektivismus des Glücksbegriffs unter Ideologieverdacht, denn „echtes Glück“ dürfe, wie von manchen gefordert wird, nicht illusionär sein, sondern müsse in der Realität verankert sein, es dürfe nicht selbstinduziert, manipuliert oder unethisch sein und dürfe nicht auf schlichtes Unwissen über die eigene reale Lage zurückgehen.

Ich meine: die Bedeutung des Themas Lebensqualität in der Medizin spricht allerdings dafür, dass ein philosophischer Diskurs über das Glück auch heute vorstellbar ist, denn ein mit ethischen Argumenten geführter Diskurs findet offenbar bereits statt.

Hier verketten sich Glück und Ethik.

(Birnbacher war bis 2012 Philosophie-Professor in Düsseldorf)



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