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Können wir nicht anders?

Heidi Luft zu Gerhard Roth und Nicole Strüber

HEIDI LUFT, im Januar 2015

Woher kommt meine Begeisterung für dieses Buch? Nach einem Radio-Interview mit den beiden Autoren war mein Interesse geweckt, das Wort „Seele“ im Titel machte mich neugierig.

Es ist ein wissenschaftliches Buch, ein äußerst komplexer Text, den ich natürlich nicht in seiner detaillierten Wissenschaftlichkeit nachvollziehen kann. So werde ich nur von meinem „Ertrag“ aus dieser Lektüre sprechen können, das sind Sätze wie die folgenden:
SEELE = Gesamtheit der Vorgänge, die sich im menschlichen bewussten, vorbewusst-intuitiven und unbewussten Fühlen, Denken, Handeln und Wollen ausdrücken. Die so definierte Seele ist nach aller verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnis untrennbar an Hirnfunktionen gebunden.
Die Individualität eines Menschen besteht demnach aus einer jeweils einzigartigen Kombination solcher Merkmale, die sich in stärkerer oder schwächerer Ausprägung bei allen Menschen finden.

Diese Merkmale werden im Kapitel 5 „Persönlichkeitsentwicklung“ genannt: Aus den Big-five-Merkmalen Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit werden zusammengefasst als STABILITÄT Extraversion und Offenheit/ Intellekt werden zusammengefasst als PLASTIZITÄT



Gerhard Roth und Nicole Strüber bevorzugen folgende 6 psychoneuronale Grundsysteme, weil sie zu diesen 6 Grundsystemen die Wechselwirkungen mit den jeweiligen Modulatoren kennen und sie beschreiben können.

Stressverarbeitung (Neuropeptid CRF-Cortisol)
Selbstberuhigung (Neuromodulator Serotonin)
Belohnungserwartung/ Lust-Unlust-Gedächtnis,( Opioide, Dopamin)
Impulshemmung
Bindung (Neuropeptid Oxytocin)
Realitätssinn (Noradrenalin, Acetylcholin)

Die genetisch-epigenetische Ausstattung eines Menschen und der Verlauf der Ontogenese von Nervensystem und Gehirn geben den Rahmen vor, in dem die vorgeburtliche und nachgeburtliche Umwelt auf die sich entwickelnde Psyche und Persönlichkeit einwirken kann. Dass diese Umwelteinflüsse zum Teil verändernd in die epigenetische Ausstattung eingreifen und so an die nächste Generation weitergegeben werden können, eröffnet eine völlig neue Sicht der Entwicklung von Psyche und Persönlichkeit. Damit löst sich das alte Anlage-Umwelt-Problem auf, und zugleich ermöglicht dies ein ganz neues Verständnis von der Entstehung psychischer Erkrankungen.

Kapitel 6: Bewusstsein, Vorbewusstes, Unbewusstes GROSSHIRNRIDE (Cortex) als Sitz des Gedächtnisses

Was einmal bewusst war, aber nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert wird, gehört damit zum Unbewussten. Inhalte, die nicht im Langzeitgedächtnis stehen, können somit unter keinen Umständen bewusst gemacht werden.

Alle Wahrnehmungen/ Reize werden für 200 300 Millisec .zunächst unbewusst verarbeitet. Viele sind zu kurz/ zu schwach, um den Cortex in der Weise zu aktivieren, die für das bewusste Erleben notwendig ist.

Das hervorstechendste Merkmal von Bewusstsein ist ja gerade, dass es ausschließlich demjenigen, der Bewusstsein hat, direkt zugänglich ist.. Dies nennt man den privaten Charakter des Bewusstseins oder die „Erste-Person-Perspektive“. Von außen ist ein Bewusstseinszustand aber an Verhaltensweisen erkennbar: Verhalten ist kontrolliert. Dinge können richtig beschrieben, Mitteilungen korrekt wiederholt werden etc., denn von unbewussten Wahrnehmungen kann man nichts berichten.






Aktualbewusstsein Sinneswahrnehmungen der Umwelt, des eigenen Körpers Mentale Zustände und Tätigkeiten: denken, vorstellen, erinnern Emotionen, Affekte, Bedürfniszustände

Hintergrundbewusstsein Erleben der eigenen Identität und Kontinuität „Meinigkeit“ des eigenen Körpers Autorschaft und Kontrolle der eigenen Handlungen und mentalen Akte Verortung des Selbst Realitätscharakter von Erlebtem

Aufmerksamkeit ist eine Steigerung konkreter Bewusstseinszustände,

bottom-up-Kontrolle: durch auffällige, unerwartete Erlebnisse top-down-Kontrolle: durch willentliche Fokussierung, innere Erwartung



Zusammenfassung Kapitel 6

Bewusstseinsprozesse haben eine spezielle Funktion: Sie schaffen einen mentalen und virtuellen Raum, in dem Körper, Welt und Ich direkt, ohne Vermittlung des Gehirns miteinander zu agieren scheinen. Das Gehirn selbst ist unbewusst tätig, aber es ermöglicht Prozesse, die Geist und Bewusstsein entstehen lassen.

Geist und Bewusstsein ermöglichen dem Menschen komplexe Informationsverarbeitung, vielschichtiges Problemlösen, langfristige Handlungsplanung und Speicherung im Langzeitgedächtnis.

Der Umstand, dass uns nur weniges von dem bewusst ist, was unser Fühlen, Denken und Handeln bestimmt, stellt eine Grundtatsache des Psychischen dar. Der Mensch meint (glaubt, wünscht), dass Geist/ Wille und Bewusstsein/ Verstand sein Handeln steuern, aber Geist und Bewusstsein selbst entstehen unbewusst – geprägt durch Gene und Umwelt und die Zufälle der jeweils biologischen und psychischen Entwicklung. Alle Entscheidungen erfolgen immer in den Bahnen unserer Persönlichkeit und Erfahrungen. In einem Interview sagte Herr Roth wortwörtlich:“ Menschen können nichts dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Denn sie können nichts für ihre Entwicklung von Geburt an. Man wird sie auch nicht wesentlich ändern können ff“. „ Auch der Mensch selbst ändert sich durch Einsicht nicht. Appell an die Vernunft läuft ins Leere. Für eine Änderung bedarf es einer hohen Belohnungserwartung (=hoher Endorphin- und Dopaminspiegel)“. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Aussage auf Seite 383, dass “keineswegs allein mit dem kognitiven Vorsatz, besonders humorvoll oder positiv denkend sein zu wollen, können die Auswirkungen einer traumatischen Erfahrung vermindert oder gar beseitigt werden“.



Nicht die Gedanken bedingen die Emotionen, sondern die Emotionen rufen die Gedanken hervor! (Seite 377/378 und 383/384) Denn die Emotionen-Prägung geschieht sehr früh, vorgeburtlich bis zum 3.Lebensjahr. Der Verstand jedoch bildet sich erst später aus – bis zum 20. Lebensjahr.
Wir sehen das Geistig-Psychische als einen emergenten Zustand, der unter sehr spezifischen physikalisch-chemisch-physiologischen Bedingungen stammesgeschichtlich entstanden ist und individualgeschichtlich in jedem Menschen entsteht und bestimmte Eigengesetzlichkeiten entwickelt. (Seite 371)

(Seitenangaben aus: Gerhard Roth und Nicole Strüber, Wie das Gehirn die Seele macht, Stuttgart, 2014)

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