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Der überflüssige Mensch

Michael Seibel •    (Last Update: 18.04.2018)

Solidarisierungsdiskurs, Legitimationsdiskurs, Synthesisdiskurs, Kooperationsdiskurs

Ich habe Trojanows Traktat Der überflüssigen Mensch von 2013 zunächst als eine Anklageschrift gegen ein System der sozialen Ungleichheit gelesen, das nach wie vor jeden achten Menschen auf der Welt in extreme Armut zwingt, als eine Klageschrift. Aber das ist nicht der Kern.

Der Kern ist ein Begriff, der es seinen Lesern erlaubt, die unterschiedlichsten Inhalte miteinander zu amalgamieren, Überzählige auf einem Boot, Machtverhältnisse ganz allgemein, das Konzept Überbevölkerung, den Welthunger, die persönlichen Meinungen einer Reihe von Milliardären in den USA, Ein-Euro-Jobs und Lohndumping, die Zahl der Strafgefangenen, die Hemmung der Parlamente, Vermögenskonzentrationen entgegenzuwirken, unmoralische Gier ganz allgemein, Politik und Ökonomie. Der Begriff, der all das und noch mehr zusammenschweißt und das Gefühl hervorruft, all das habe miteinander nicht nur zu tun, sondern entspringe einer mithin auch benannten Quelle, ist der Begriff der Überflüssigkeit, ganz so als bilde dieser Begriff das sachliche Zentrum all dieser Sachverhalte.

Überflüssigkeit wird zum Problemtitel für ziemlich heterogene Sachverhalte. So weit so gut, aber... Von hier ist der Schritt klein zur Ideologie. Dieser Schritt passiert da, wo aus einem Problemtitel so etwas wie eine Wirkursache wird.


Folgendes ist mir aufgefallen: Trojanow ist in der Beschreibung von Armutsphänomenen kämpferisch, aber relativ detailarm und eklektizistisch, als sei er nie dabei gewesen. Zum Vergleich: Jean Ziegler ist in seinen Büchern mindestens ebenso kämpferisch, aber oft bei weitem näher dran und wesentlich differenzierter. Jean Ziegler entlässt seine Leser nicht so schnell aus dem schwer erträglichen Hinschauen.

Hier ein Textstelle aus Jean Zieglers Wie kommt der Hunger in die Welt von 1999:

„Ich erinnere mich an einen sonnigen Nachmittag in der Stadt Salvador de Bahia im Nordosten Brasiliens. In Begleitung des Dekans der Medizinischen Fakultät Orlando Castro-Lima, eines gebildeten Mannes, der nachhaltig gegen die Unterernährung der Bewohner des Sertão kämpft, besuchte ich den dortigen Friedhof. In Bahia erstreckt sich der Campo santo auf einem wundervollen Hügel im Viertel Libertade. Das Meer ist nah, und immer umspielt eine frische Brise die Ziegelsteine der Kapelle. Der Campo santo selbst versinnbildlicht eindrucksvoll die seit undenklichen Zeiten bestehende soziale Schichtung der Toten. Er besteht aus vielen Sektionen. Auf den Erdwällen und den Terrassen des Gipfels erheben sich die prachtvollen Mausoleen der verstorbenen Angehörigen der Oligarchie aus schwarzem und rosafarbenem Marmor. Sie beherbergen die Leichname der Zuckerbarone, der mondänen Ärzte, der großen Viehzüchter und der Sklavenhändler. Ihre Ehefrauen sind für gewöhnlich, auch im Tod noch unterworfen, in einem Anbau des Mausoleums bestattet. Für eine weitere Nuance sorgen die Grabmale der ausländischen Pflanzer, der deutschen und Schweizer Herren über die Kakaopflanzungen von Ileus und die Tabakplantagen im Tal des Paraguaçu. Um unmissverständlich klar zu machen, dass in ihren Adern niemals ein Tropfen schwarzen oder indianischen Bluts geflossen ist, errichten sie ihre Tempel im Schatten riesiger Bäume in gebührendem Abstand zum Hügel der Oligarchie der Eingeborenen. Eine Mauer und ein Portal trennen die beiden Gruppen, die sich an derselben Repression bereichert haben. Auf mittlerer Höhe befinden sich die Gräber des bürgerlichen Mittelstands und darunter die der kleinen und sehr kleinen Händler, Beamten und Angestellten. Hier sind die Inschriften schon spärlicher, die wahren oder erfundenen Stammbäume kürzer, »Paläste« selten. Im Allgemeinen bedeckt eine schlichte, aber sehr große Platte die Grabstätte der Menschen. Anstatt weißer Engelsskulpturen und Bronzebüsten der Verstorbenen wuchern hier bunte Plastikblumen. Die großen Viehzüchter aus dem Sertão, die Coronels von Tierra de Sant’Ana und die Zuckerrohrbarone des Reconcavo, die auf ihren Ländereien gestorben sind, lassen sich per testamentarischer Verfügung in das Familienmausoleum hoch über dem Meer überführen. Die Leichen des Mittelstandes oder des Kleinbürgertums hingegen reisen kaum. Ob er nun libanesischer Händler, Vorarbeiter mit Mestizenblut, Offizier, Polizist oder Krämer ist, der Bürger wird so begraben, wie er gelebt hat, in respektvollem Abstand zu den Mächtigen. Ein Weg und eine weitere Mauer trennen den oberen Teil des Hügels von den Terrassen, die den unteren Abhang bis zum Meer hinab überziehen. Am Rande der Schluchten, im Gestrüpp, in der trockenen, roten Erde ruhen schließlich ohne Einfriedung und bar jeden Grabschmucks die unzähligen anonymen Opfer der chronischen Unterernährung und der wiederkehrenden großen Hungersnöte. Eine unsichere Ruhestätte, sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann. Während unseres Besuchs hackten schwarze Arbeiter in diesem Bereich in der Erde herum. Ich sah, wie sie die Schlangen vertrieben, Unkraut ausrissen und dann die Erde öffneten. Schädel, Arm- und Beinknochen von Menschen, die erst seit ein paar Jahren oder gar nur Monaten begraben waren, wurden herausgeholt, mit der Schaufel zertrümmert und anschließend auf eine Schubkarre geworfen. Man beförderte sie in eine Ecke des Geländes, wo ein Ofen stand, um sie zu verbrennen. Ihre Asche wurde schließlich in den Wind gestreut. Orlando Castro-Lima musterte die scherzenden Schwarzen mit ihren schweißglänzenden Muskeln, die fröhlich ihrer Arbeit nachgingen, und betrachtete dann den Ofen, in dem die Knochen der Hungertoten verbrannten. Nachdenklich sagte er dann: »Hier kannst du in aller Klarheit sehen, was natürliche Selektion bedeutet.«
Natürliche Selektion? Der Ausdruck allein ist empörend. Und dennoch schwingt er unausgesprochen in einer Vielzahl von Diskussionen mit. Ich habe diesen Begriff unzählige Male in Diskussionen an Universitäten, auf Konferenzen im Palais des Nations in Genf oder im Laufe von Privatgesprächen mitverantwortlichen des WFP, der FAO oder der Vereinten Nationen gehört. Die Fatalität des Hungers wird als probates Mittel gegen die Übervölkerung des Planeten begriffen. Der Hunger wird als Instrument der Geburtenkontrolle betrachtet. Die Stärksten überleben. Die Schwachen sterben. Natürliche Selektion. Auch der große Darwin hat sich dieses Begriffs bedient. Die Idee impliziert einen unbewussten Rassismus.“1

Beiden, Ziegler und Trojanow ist gemeinsam, dass sie stark moralisieren, was ich an sich nicht falsch finde. Beide sprechen über Ungleichheit und Elend als Ungerechtigkeit und vermeidbaren Skandal. Aber Ziegler zwingt stärker zum Hinschauen als Trojanow. Dabei wird allerdings bei Ziegler sogleich sichtbar, dass der nicht über uns spricht und dass sich das Problem Hunger nicht auf eine einzelne Ursache bringen läßt. So schreibt er im gleichen Buch über die Verhältnisse zur Jahrtausendwende in Somalia:

„Nichts ist einfach, weißt du. Vor allem nicht in Afrika oder anderswo in der Dritten Welt. Im somalischen Drama, das sich vor unseren Augen abspielt, treffen in der Tat praktisch alle Faktoren zusammen, die die langsame Vernichtung Hunderttausender Menschen durch Nahrungs-, Trinkwasser- und Vitaminmangel bewirken und heute unseren Planeten heimsuchen: der Hass zwischen mächtigen Clanfürsten, Bruderkriege, instabile Institutionen, Naturkatastrophen – Hurrikane, Dürren, zunehmende Wüstenbildung –, das Fehlen von Straßen und Hafenanlagen, die Verweigerung einer Zusammenarbeit mit der UNO und den karitativen Organisationen.“2

Der Problemtitel Überflüssigkeit greift in Somalia zumindest nicht. Aber bei uns kommt Trojanows Buch damit in die Bestsellerlisten. Für uns hat er Signalcharakter. Das sagt etwas über uns.


Ein weiterer Vergleich: Über Elend kann man auch ganz anders sprechen, wie das z.B. im Bericht der UN 2016 zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG) tut. Und das hat Gründe.

Ban Ki-Moon schreibt:

„Am 1. Januar 2016 begann offiziell der Prozess der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, des auf 17 Zielen gründenden transformativen Aktionsplans zur Bewältigung der drängenden globalen Herausforderungen in den kommenden 15 Jahren. Die Agenda ist ein „Fahrplan“ für die Menschen und den Planeten, der auf dem Erfolg der Millenniums-Entwicklungsziele aufbauen und einen nachhaltigen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt weltweit gewährleisten wird. Die Agenda hat nicht nur die Beseitigung der extremen Armut zum Ziel, sondern auch die ausgewogene Integration der drei Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung – der wirtschaftlichen, der sozialen und der ökologischen Dimension – in eine umfassende globale Vision.“

Die Zieldimensionen:
Keine Armut, kein Hunger, Gesundheit und Wohlergehen, hochwertige Bildung, Geschlechtergleichheit, sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen, bezahlbare und saubere Energie, menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum, Industrie, Innovation und Infrastruktur, weniger Ungleichheiten, nachhaltige Städte und Gemeinden, nachhaltige/r Konsum und Produktion, Maßnahmen zum Klimaschutz, Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne nachhaltiger Entwicklung erhalten und nachhaltig nutzen, Landökosysteme schützen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen, Partnerschaften zur Erreichung der Ziele.


Das klingt exzellent sortiert und ohne jede Verve. Nun geht es der UN auch darum, ein Programm zu formulieren und à la lange auch umzusetzen, das für möglichst alle Staaten der UN trotz unterschiedlichster Interessenlage zustimmungsfähig ist.

Eine vergleichbare Vereinbarung hatte Kofi Annan schon 1999 mit den größten Weltkonzernen in Davos versucht. Dort hieß es Global Compact, ein Pakt, zwischen den Vereinten Nationen und den wichtigsten transkontinentalen kapitalistischen Konzernen.


Der Global Compact enthält neun Grundsatze. Im offiziellen Dokument, das vom Generalsekretär abgefasst wurde, werden die einzelnen Prinzipien eingehend erläutert. Die Grundsatze 1 und 2 beziehen sich auf die Menschenrechte : »[Die Unterzeichnenden verpflichten sich,] die Menschenrechte in ihrem Einflussbereich zu respektieren und anzuwenden […] und sich zu vergewissern, dass ihre eigenen Gesellschaften sich nicht zu Komplizen jedweder Menschenrechtsverletzung machen.« Die Grundsatze 3 und 4 betreffen den Arbeitsmarkt:

»[Die Gesellschaften verpflichten sich] die Vereinigungsfreiheit zu respektieren und namentlich das kollektive Verhandlungsrecht der Arbeitnehmer anzuerkennen, […] jede Form von Zwangsarbeit oder Sklavenarbeit zu beseitigen, […] die Kinderarbeit abzuschaffen, […] jede Diskriminierung auf dem Gebiet der Anstellung und der Arbeit zu beheben.«

Der Schutz der Umwelt und der Natur wird in den Grundsätzen 7 bis 9 angesprochen : »[Die unterzeichnenden Gesellschaften versprechen,] sich nur mit großer Umsicht auf Tätigkeiten einzulassen, die die natürliche Umwelt modifizieren konnten […] Geeignete Initiativen

zu ergreifen, um das Verantwortungsgefühl für Umwelt und Natur zu starken, […] die Entdeckung und die Verbreitung von Technologien zu fordern, die mit dem Umweltschutz vereinbar sind.«


Das ist natürlich eine sehr neutrale, völlig andere Sprache als bei Trojanow oder Ziegler. Sie ist ethisch neutral, ohne Schuldzuweisungen formuliert, die Dimensionen sind übersichtlich und plausibel differenziert und priorisiert, es gibt erste Messgrößen, wenn auch keine konkreten Zielgrößen, und es gibt einen groben Zeitrahmen bis 2030.


Greifen wir Ziel 1 des SDG als Beispiel heraus. Es heißt dort:

„Ziel 1 ist der Aufruf, die Armut in allen ihren Formen, einschließlich der extremen Armut, in den nächsten 15 Jahren zu beenden. Allen Menschen, einschließlich der Ärmsten und Schwächsten, stehen ein grundlegender Lebensstandard und Sozialschutz zu. Von 2002 bis 2012 halbierte sich der Anteil der Weltbevölkerung unter der Armutsgrenze von 26 auf 13 Prozent. Das heißt, dass 2012 einer von acht Menschen weltweit in extremer Armut lebte. In Afrika südlich der Sahara, wo 2012 mehr als 40 Prozent der Menschen mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen mussten, ist Armut nach wie vor weit verbreitet. 2015 lebten weltweit 10 Prozent aller Arbeitenden und ihre Familien von weniger als 1,90 Dollar pro Kopf und Tag; 2000 waren es noch 28 Prozent. Die 15- bis 24-Jährigen leiden am ehesten unter Erwerbsarmut: 2015 lebten 16 Prozent aller beschäftigten Jugendlichen unter der Armutsgrenze, im Vergleich zu 9 Prozent der Erwachsenen. In Ländern mit niedrigem Einkommen erhält etwa ein Fünftel der Menschen Sozialhilfe- oder Sozialschutzleistungen, während es in Ländern mit höherem mittlerem Einkommen zwei Drittel sind.“


Es entsteht der Eindruck, dass es um ein irgendwie gesamtheitlich fassbares Problem, um eine Totalität geht, als gebe es eine solche Totalität und nicht um benennbare Antagonismen oder um schier unendlich viele Einzelschicksale, die sich millionenfach verschieden darstellen. Kein Wort darüber, wie es zu dieser katastrophalen Situation gekommen ist und wie man daraus herauszukommen gedenkt. Was fehlt ganz bewusst jede Erklärung, jedes ausdrückliche Verstehen.


Wenn sich alle einig sind, warum ist dann die Lage noch so katastrophal, wie sie ist?


Oder ist es doch nicht so weit her mit mit einem beschreibbaren strukturierten Ganzen? Ban Ki-Moon reklamiert als nächsten Schritt „koordinierte globale Anstrengungen zur Generierung verlässlicher und aktueller Daten für systematische Folge- und Fortschrittsüberprüfungen“.

Kaum fassbar, dass heute in einer Zeit, in der die Datenlage im Finanzwesen lückenlos ist, viele Entwicklungsländer nicht einmal die Geburten vollständig registrieren.


Ziegler dagegen spricht militanter vom Kampf gegen den Hunger. Das klingt bei ihm vollkommen anders.

„Zu Beginn des neuen Jahrtausends beherrschen die transkontinentalen kapitalistischen Oligarchien die ganze Welt. Ihre tägliche Praxis und ihr Rechtfertigungsdiskurs stehen in radikalem Widerspruch zu den Interessen der übergroßen Mehrheit der Erdbewohner. Die Globalisierung führt zur forciert fortschreitenden Verschmelzung der nationalen Volkswirtschaften, zu einem kapitalistischen Weltmarkt und einem einheitlichen »Cyberspace «. Dieser Vorgang bewirkt eine gewaltige Steigerung der Produktivkräfte. Alle Augenblicke werden immense Reichtümer geschaffen. Die kapitalistische Produktions- und Akkumulationsweise zeugt von einer wahrhaft verblüffenden und gewiss auch bewunderungswürdigen Kreativität, Vitalität und Kraft. In weniger als einem Jahrzehnt hat sich das Weltsozialprodukt verdoppelt und das Welthandelsvolumen verdreifacht. Und was den Energieverbrauch betrifft – er verdoppelt sich im Durchschnitt alle vier Jahre. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte genießt die Menschheit einen Überfluss an Gütern. Der Planet bricht schier unter seinen Schätzen zusammen. Die verfügbaren Güter übertreffen um ein Vieltausendfaches die nicht einschränkbaren Bedürfnisse der Menschen. Aber auch die Leichenberge wachsen. Die vier apokalyptischen Reiter der Unterentwicklung heißen Hunger, Durst, Seuche und Krieg. Sie zerstören jedes Jahr mehr Männer, Frauen und Kinder, als es das Gemetzel des Zweiten Weltkriegs in sechs Jahren getan hat. Für die Menschen der Dritten Welt ist der »Dritte Weltkrieg« in vollem Gange. Tag für Tag sterben auf unserem Planeten ungefähr 100 000 Menschen an Hunger oder an den unmittelbaren Folgen des Hungers. 826 Millionen Menschen sind gegenwärtig chronisch und schwer unterernährt. 34 Millionen von ihnen leben in den wirtschaftlich entwickelten Ländern des Nordens; der weit größere Teil, 515 Millionen, lebt in Asien, wo er 24 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Betrachtet man jedoch den prozentualen Anteil der Opfer, so ist es das Afrika südlich der Sahara, das den größten Tribut zu leisten hat: Hier sind 186 Millionen Menschen dauernd schwer unterernährt, das heißt 34 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten von ihnen leiden an dem, was die FAO »extremen Hunger« nennt; ihre tägliche Lebensmittelration liegt im Durchschnitt 300 Kalorien unter der Menge, die zum Überleben unter erträglichen Bedingungen nötig ist. Die am stärksten von extremem Hunger betroffenen Länder liegen im subsaharischen Afrika (achtzehn Länder), in der Karibik (Haiti) und in Asien (Afghanistan, Bangladesch, Nordkorea, Mongolei). Alle zehn Sekunden verhungert auf der Erde ein Kind unter zehn Jahren. Ein Kind, das von seiner Geburt bis zum fünften Lebensjahr an gemessene Nahrungsmittel in ausreichender Menge entbehren muss, hat sein Leben lang an den Folgen zu leiden. Einen Erwachsenen, der vorübergehend unterernährt war, kann man mithilfe komplizierter, unter ärztlicher Aufsicht vorgenommener Therapien in ein normales Leben zurückführen. Bei einem Kind unter fünf Jahren ist das unmöglich. Unzulänglich ernährt, haben seine Gehirnzellen bereits irreparable Schäden davongetragen. »Von Geburt an Gekreuzigte « nennt Regis Debray diese Kinder. Hunger und chronische Fehlernährung stellen einen Erbfluch dar: Jahr für Jahr bringen Hunderte von Millionen schwer unterernährter Mütter Hunderte von Millionen unheilbar geschädigter Säuglinge zur Welt. Alle diese unterernährten Mütter, die trotzdem Leben schenken, erinnern an jene verdammten Frauen bei Samuel Beckett: »Sie gebären rittlings über dem Grabe, der Tag erglänzt einen Augenblick, und dann von neuem die Nacht.« (Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher, 11f.)

Beide Seiten der Medaille, die mit Produktivitätssteigerungen verbundene rasende Internationalisierung und Unterentwicklung sind zunächst einmal Symptome. Und niemand geht davon aus, dass es das gleiche ist, die Symptome zu beschreiben und die Krankheit zu verstehen.


Das zeigt sich z.B. an der Diskussion darüber, welchen Einfluss die Spekulation auf Lebensmittel auf den Preis hat, den die Verbraucher vor Ort für sie zu zahlen haben.


Anders als im Streit um die Ursachen des Klimawandels, bei denen inzwischen eindeutig ist, dass sie menschengemacht sind, ist der Einfluss der Spekulation auf den Lebensmittelpreis keineswegs klar.


Auch hier wieder ein Beispiel für eine Positionen in der Kurzzusammenfassung.

Hans-Heinrich Bass schreibt in Giga-Focus-Global 02/2013 des Leibniz Instituts für globale und regionale Studien:

„Seit Mitte der 1990er Jahre steigen die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel stark an. Im Abstand von nur drei Jahren kam es seither zweimal (2008 und 2011) zu extremen Preisausschlägen. Das Ziel, einem immer größer werdenden Teil der Weltbevölkerung sicheren Zugang zu quantitativ und qualitativ ausreichender Nahrung zu ermöglichen, ist dadurch gefährdet.
Analyse: Die Ursachen der steigenden Nahrungsmittelpreise sind sowohl in strukturellen Veränderungen bei Angebot und Nachfrage auf den Weltmärkten als auch in Veränderungen auf den Finanzmärkten zu sehen.
Die Wachstumspotenziale der Grünen Revolution sind weitgehend ausgeschöpft. Auch die steigende Flächenkonkurrenz zu anderen Nutzpflanzen führt zu geringeren Zuwachsraten bei der Weltgetreideproduktion. Die Verwendung von Getreide als Viehfutter und als Rohstoff für Agrosprit sowie steigende Preise für Rohöl tragen ebenfalls zu einem tendenziellen Anstieg der Preise für Nahrungsmittel bei.
Auf der Basis tendenziell steigender Rohstoffpreise treten seit einigen Jahren Kapitalanleger mit indexorientiertem Investitionsverhalten an den Warenterminbörsen auf. Mit der Deregulierung der Finanzmärkte wurden einschlägige Finanzmarktinstrumente bereitgestellt. Die Liquiditäts- und Ersparnisflut in Hocheinkommens- und Schwellenländern motiviert Anleger, sich dieser Instrumente zu bedienen. Sie verstärken damit den Aufwärtstrend bei den Nahrungsmittelpreisen und fördern das Entstehen von Preisblasen.
Die Auswirkungen einer globalen Teuerung auf die nationale und lokale Ernährungssicherheit in Entwicklungs- und Schwellenländern werden verschärft durch einen fallenden Außenwert der heimischen Währung im Verhältnis zum US-Dollar, unzureichenden Wettbewerb auf dem nationalen Getreidemarkt, eine geringe Eigenversorgung sowie durch einen hohen Anteil der Nahrungsmittelausgaben an den Konsumausgaben.
Kurzfristig stellt eine Einschränkung des indexorientierten Investitionsverhaltens eine Möglichkeit dar, die Nahrungsmittelpreissteigerung abzubremsen. Mittelfristig sind nachfrageseitig dafür erforderlich: weniger Agrospritproduktion, weniger Fleischproduktion und weniger Verschwendung von Nahrungsmitteln auf dem Weg vom Acker zum Teller. Angebotsseitig ist die Steigerung der Flächenproduktivität insbesondere in Afrika entscheidend. Eine Kopie der Grünen Revolution wäre hier allerdings ein Irrweg.“

Ein Urteil über die Studie von Bass kann ich mir an dieser Stelle nicht erlauben. Sein Statement scheint mir aber plausibel. Festhalten möchte ich bis hierhin nur den offensichtlichen Unterschied zwischen Diskursen, die Empörung aktivieren und zur Solidarisierung aufrufen sollen, zu solchen, die etwas legitimieren sollen, zu solchen, die mehr oder weniger diplomatisch zu Kooperation von Parteien mit unterschiedlicher Interessenlage aufrufen und schließlich zu solchen, die etwas verständlich machen sollen. Diese letzteren können sich entweder auf die Sache in ihrer ganzen Heterogenität einlassen oder sie können eine Idee beibringen, die die Kraft hat, Heterogenes an sich zu binden. Es kann sich dabei um eine Ideologie handeln oder einfach, wie Adorno das genannt hätte, um einen Problemtitel.



"Es geht um ein Grundproblem, nämlich, dass der Spätkapitalismus oder der globalisierte Turbokapitalismus keinerlei Perspektiven bietet für einen Großteil der Menschheit."
Ilija Trojanow

Lesung seines Buches Der überflüssige Mensch durch den Autor selbst.

Quelle: Youtube
Teil 1


Teil 2


Teil 3




Der erste Satz – Test auf ein unverbesserliches Zweckdenken


Trojanows allererste Satz ist eine Frage an seine Leser:
„Sind Sie überflüssig?“


Die meisten Menschen werden spontan antworten: „Natürlich nicht!“ Aber sobald sie so antworten, müssen sie begründen können, weshalb sie nicht überflüssig sind. Sie müssen sich auf irgendeinen Lebenszusammenhang beziehen, in dem sie gebraucht werden, die Familie, die Arbeit, Partnerschaften, und sei es ihr Hund, der täglich gefüttert werden muss. Das Problem dabei: Jedes Gebrauchtwerden kann aufhören, und wenn dann kein neuer Zusammenhang da ist, in dem sie gebraucht werden, sind sie in einem sehr präzisen Sinn überflüssig. Viele alte Menschen erleben das bei uns.


Außerdem sagt uns eine inzwischen mehrtausendjährige Denktradition, die täglich und minütlich aufgefrischt wird, sehr gut, was es heißt, wenn etwas überflüssig ist. Es fliegt raus. Und zwar berechtigterweise. Das Überflüssige trägt nichts zur Funktion bei. Ganz im Gegenteil. Es belastet das, was funktionieren soll, macht es ineffizienter, schwerer zu kontrollieren und zu warten, verbraucht selbst zusätzliche Ressourcen. Man denke an den Flugzeugbau, wo jedes Gramm überflüssiges Gewicht eingespart werden muss.

Oder an eine Gruppe von Menschen, die zusammenarbeiten soll. Warum sollte man jemanden, der dabei überflüssig ist, in die Kommunikation einbeziehen, ihn informieren, mit ihm reden und am Ende sogar mitentscheiden lassen? Das verlangsamt unnötig die Arbeit. Konzentration geht verloren. Unnötige Konflikte könnten entstehen.

Jedes Ziel, es mag noch so umsichtig formuliert sein, definiert immer ein Außen, unterscheidet Richtungen, in die es nicht geht, etwas, um das man sich nicht kümmern kann. Ein Ziel hat immer Vorrang vor einem Nicht-Ziel, sonst wäre es keins.


Die Frage: „Sind Sie überflüssig?“ hat, von Menschen an Menschen gestellt, also den unüberhörbaren Unterton der Drohung, ausgeschlossen zu werden.

Kosmologisch ist der Mensch zweifellos eine Episode und nicht Zweck. Und dennoch ist der Mensch kosmologisch weder überflüssig noch nötig, zumindest nicht, wenn man Weltgeschichte nicht als Heilsgeschichte denkt. Der Kosmos hat selbst keinen Zweck, gegen den der Mensch als überflüssig abzugrenzen wäre. Es ist sinnlos zu sagen, der Kosmos brauche den Menschen nicht. Die Begriffe brauchen und Zweck passen hier nicht.


Und doch fiel es Generationen von Denkern von jeher schwer, auf Teleologie und lückenloses Zweckdenken zu verzichten. In der Philosophie wurde die Zweck-Mittel-Relation etwa gleichzeitig im Horizont sowohl einer Handlungstheorie als auch einer angenommenen Seinsordnung zum Thema. Alternativ zu teleologischen Konzepten der Erklärung durch Rekonstruktion von Zweckbestimmtheit entsteht das Problem der Kausalität. Philosophiehistorisch fällt auf, dass dort, wo der Gedanke der Kausalität bei einigen Vorsokratikern, im Epikureismus, in der frühen Neuzeit ins Zentrum des Denkens rückt, der teleologische Gedanke in den Hintergrund tritt, was insofern klar ist, als im Zweckdenken das agierende Subjekt als Ursache gedacht wird, welches sich der Mittel bedient, den beabsichtigten Zweck zu erreichen. Das Subjekt schafft sich sein eigenes Telos. Das Bewusstsein benutzt die Kausalrelation von Ursache und Wirkung im Hinblick auf den Zweck, macht sich daher die Kausalität zum Mittel seiner Zwecke. Auch der Begriff ›Nutzen‹ ist für die Zweck-Mittel-Relation von Belang: Ein Ding oder eine Handlung wird für einen Zweck als brauchbares Mittel beurteilt. Die Reflexion auf die Mittel befragt ihren Gegenstand auf seine Nutzbarkeit. Augustinus etwa bestimmt:

»Die These lautet: Wir genießen etwas, wodurch wir Freude empfangen, und wir gebrauchen etwas, das wir in Beziehung setzen zu dem, wodurch die Freude zu empfangen ist. [. . . ] Genießen aber soll man das Gute, gebrauchen das Nützliche«3
»Genießen heißt einer Sache um ihrer selbst willen in Liebe anhängen. Gebrauchen heißt die zum Leben nötigen Dinge auf die Erreichung des Gegenstandes der Liebe, sofern er Liebe verdient, beziehen«4

Die Welt als ganze musste einen Sinn haben und also auch der Mensch. Dieses religiöse Denken prägt verdeckt bis heute vielfach das Denken und klingt selbst noch in der Deklaration der Menschenrechte durch.

Selbst, wenn es nicht die ganze Welt sein sollte, die teleologisch gedacht wird, so ist ein auf Zweck-Mittel-Relationen beschränktes Denken in der Ökonomie Inbegriff des Rationalen schlechthin. Von daher hat Trojanow recht, auf die Konsumentenrolle als Nutzenerwartung des Marktes an den Menschen hinzuweisen. In der Ökonomie geschieht nichts ohne den einen einzigen uniformen Zweck, das Effizienzstreben und sein Maß, den Profit. Ob jemand etwas verstanden hat oder nicht, zeigt sich, wenn er etwas tun will. If you are smart, why are you not rich? Gelingt ihm, was er sich vorgenommen hat, oder kann er zumindest sein Scheitern aus Kausal-Relationen ableiten, spricht das für sein Verständnis, gelingt es nicht, hat er es wohl auch nicht richtig verstanden. D.h. aber, all die Relationen, die außer der uniformen Zweck-Mittel-Relation des Marktes noch bestehen mögen, das ganze Geflecht der Kausalitäten und Kategorien, wird auf Ziele bezogen und seien es die Ziele Gottes.

Ein Mensch kann nur überflüssig sein, wenn die Welt ganz in Zweck-Mittel-Relationen aufgeht und der betreffende Mensch in keiner davon vorkommt.


Trojanow erzählt vom Menschen als von einem Umhergetriebenen zwischen Erfolg und Überflüssigkeit. Ist das ein Problemtitel oder eine Ideologie?


Es gibt also mindestens zwei Arten, mit der Frage „Sind Sie überflüssig?“ umzugehen. Man kann sie mit ja oder nein beantworten oder man kann sie reflektieren, was nichts anderes heißt als: man kann nachdenken, was das für eine Frage ist, was sie impliziert und was das für ein Kontext sein muss, in dem diese Frage für sinnvoll gehalten wird.


Im Wort vom überflüssigen Menschen klingen gleich zwei Katastrophen an, zum einen die, unfähig zu sein, als Mittel zu etwas Sinnvollem zu dienen, zum anderen die, nicht das Subjekt zu sein, das Zwecke setzt. Abgehoben wird allerdings auf erstere. Der überflüssige Mensch scheitert daran, Mittel zu sein und vermisst nicht mehr, die Zwecke nicht selbst zu setzen.


An der Frage lässt sich der Unterschied zwischen einem psychologischen, einem soziologischen, einem politischen und einem philosophischen Interesse verdeutlichen.


Die Aversion dagegen, überflüssig zu sein, ist Sache der Psychologie, wenn man sich immer wieder einzelne Menschen anschaut, ihre Einstellungen, Affekte und Ängste und z.B. danach fragt, wie sich die Aussicht, überflüssig zu sein, auf ihr Verhalten, auf ihre Wünsche und auf ihre gesamte Befindlichkeit auswirkt. Man wird schnell feststellen, dass manche Menschen mehr unter der Vorstellung, überflüssig zu sein, leiden als andere.

Psychologie hat es zunächst nicht mit Gründen zu tun. Natürlich wird man die Menschen nach den Gründen fragen, warum sie unter der Drohung leiden, überflüssig zu sein, nur können sie antworten, was immer sie wollen, ihre Antworten werden nicht daraufhin befragt, ob es sich um gute oder schlechte Gründe handelt, sondern sie werden zunächst als Fakten genommen, nicht dass ihre Befürchtungen begründet sind, sondern dass es Befürchtungen sind, wovor und mit welchem Recht auch immer.

Ein soziologischer Blick auf Überflüssigkeit entdeckt das Phänomen in Kollektiven. Die Angst, ausgeschlossen zu werden, ist ein psychischer Effekt auf ein mehr oder weniger gut begründete Vermutung, das Soziale betreffend. Soziologie hätte zu klären, ob und und wie weit die Vermutung stimmt. Soziologie bewertet jedoch nicht ethisch und teilt nicht so wenig wie die Psychologie die Angst von Individuen. Soziologie redet günstigstenfalls in Wenn-dann-Sätzen. Also gegebenenfalls etwa: Wenn die Ungleichverteilung von Eigentum zunimmt, dann nimmt die Kriminalität zu... falls das denn überhaupt so ist. Sie argumentiert nicht, dass Kriminalität an sich abzulehnen ist.



Was sind gute Gründe?


Ethische Bewertungen sind Sache des Glaubens und in der Folge Sache der Politik.

Ich finde Trojanows Situationsbeschreibung im wesentlichen auch in ihrer Drastik richtig. Er beschreibt eindringlich, wie Millionen von Menschen im Spätkapitalismus „überflüssig“ geworden sind und zunehmend mehr Menschen „überflüssig“ werden. Er findet das schlimm, so wie ich das schlimm finde und wie die meisten Menschen das schlimm finden.

Es ist eine zugleich ethisch-moralische und affektiv-psychologische Gegenposition, er nennt es eine politische Stellungnahme, die er, ich und viele andere gegen diesen Sachverhalt einnehmen. Wir möchten niemanden beim Verhungern, beim zu frühen sinnlosen Sterben wegen welchem Mangel auch immer zusehen, wir möchten schon deshalb nicht, dass jemand verhungert. Wir möchten nicht, dass irgendjemandem das Recht zu leben abgesprochen wird, schon gar nicht, wenn es sich um Kinder handelt, in Bezug auf die der Gedanke schlichtweg versagt, sie hätten den Tod als „überflüssige“ Unterversorgte irgendwie verdient. Vielleicht ahnen wir, dass ein ähnliches Schicksal irgendwann auch einmal uns selbst oder unsere Kinder betreffen könnte.

Aber sind das bereits gute Gründe? Reichen Empathie und Furcht als Gründe? Reicht es, den Hungertod abzulehnen, die Folter oder die Sklaverei, weil man sie persönlich verabscheut, sei es aus Angst, sei es aus Empathie? Offenbar ist die Geschichte der Gewöhnung an fremdes Grauen endlos lang und die Angst der Menschen in den Industrieländern vage genug. Abscheu und Gewöhnung wohnten immer schon eng nebeneinander. Die Empathie gegenüber dem Hungernden bekommt damit zwar nichts Beliebiges, wohl aber die Argumente, die aus Empathie gemacht sind. Die einen können sie zustimmend nachempfinden, die anderen eben nicht.

Außerdem gibt es eine Attitüde der Empathie. In Sozialberufen gehört es heute zum guten Ton, besonders einfühlsam zu erscheinen. Aber selbst die absichtsloseste Empathie taugt nicht dazu, moralisch sauber davon zu kommen. Auch der aufrichtigste empathische Mensch betreibt die Perpetuierung der globalen Verüberflüssigung des Menschen wider Willen ebenso mit wie jemand, der wenig Anteilnahme zeigt, schon deshalb, weil er fraglos an einem Denken teilnimmt, dass ausnahmslos alle Sachverhalte in der Welt in nützliche und überflüssige aufteilt, sobald es darum geht, zielgerichtet zu handeln. Sicher kann man auch einmal die Schönheit des Zweckfreien bewunder, wenn man Muße hat und nichts Dringendes zu tun ist, aber sobald es um etwas geht, zerfällt die Welt in nützlich und unnütz. Unsere Vorstellungskraft versagt vor dem Gedanken, das, was für uns wirklich Wert hat, nicht in eine Zweck-Mittel-Relation zu stellen.

Empathie und Gleichgültigkeit sind in eine Zweck-Mittel-Relation zwei Seiten der selben Medaille. Bei wem es nach welcher Seite ausschlägt, mag eine Charakterfrage sein, aber es macht wenig Sinn, das Problem zu personalisieren. Es ist unmöglich, radikal zielgerichtet zu handeln, ohne ein hohes Maß an Gleichgültigkeit gegenüber den Kollateralschäden. Die Mittel sind eben kein eigener Zweck, auch wenn Kant in Bezug auf den Menschen etwas anders fordert.

Wir können natürlich bestimmte Menschen, uns selbst oder Menschen, die wir lieben, als Zweck betrachten. Damit wird alles andere entweder zum Mittel oder überflüssig. Und zudem haben wir den Eindruck, unsere persönliche Beziehung ließe uns das Feld, in dem wir agieren, besonders gut verstehen. Der Eindruck, wir könnten mit Zweck-Mittel-Relationen irgendetwas besonders gut verstehen, liegt nahe, weil sie die Dinge in einem Ordnungsgefüge zeigen. Dieser Eindruck ist aber falsch. Was es heißt, bestimmte Mittel einzusetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen, entscheidet sich erst in wesentlich komplexeren Zusammenhängen, man denke an die Umweltproblematik.

Wenn man ein Argument, ganz gleich welches, in einem Gefühl gründen lassen will, passiert zwangsläufig, dass es für die Mitfühlenden gilt und für die anderen nicht. Will man andererseits auf die Gefühle am Grund der Argumente ganz verzichten, kommt man auf Ketten von absichtslosen Notwendigkeiten, und man versteht nicht, warum sich deretwegen irgendein Mensch in Bewegung setzen sollte. Oder schlimmer noch, man trifft einerseits auf depressive Befehlsempfänger, die letztlich nicht mehr verstehen, worum es geht und andererseits auf begeisterte Globalisierer, die ihr durchaus undeutliches Gefühl in reines Verstehen überhöhen und es für die Exekutierung einer Notwendigkeit halten.

Wir können Empathie und Argumente weder trennen, noch ohne weiteres Gefühle zu Argumenten machen oder Argumente zu Gefühlen. Wir können aber auch nicht ohne weiteres einen Begriff finden, der ins Mittel zwischen Gefühl und Argument tritt. Der Begriff Überflüssigkeit wird zur Ideologie, wenn wir meinen, ihn gleichsam aus den Tatsachen herauslesen zu können. Sowohl am Mittel wie am Zweck vergisst er das Subjekt, das ihn setzt.

Trojanow steht auf den Standpunkt, dass es ein Recht auf Leben schlechterdings für jeden geben muss. Da er weiß, dass das immer wieder anders gesehen wird, zitiert er Robert Malthus:

„Ein Mensch, (…) der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“

Es ist wenig nötig, um auf der Ebene der sprachlichen Aussage von Trojanow zu Malthus zu kommen, auch wenn sachlich Welten zwischen beiden Positionen liegen. Eine einfache Negation reicht. 'Ein Mensch,' so würde der Satz dann klingen, 'wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, hat das gleiche Recht wie jeder andere auch, Nahrung zu verlangen, und er ist keineswegs zu viel auf der Erde.'

Beide, sowohl Trojanow wie Malthus machen Anspruch darauf, rational zu argumentieren, d.h. sie gehen davon aus, dass sie eine Position vertreten, die jedermann teilen könnte, der das nötige Verständnis aufzubringen bereit ist. Beide halten das Nichtverstandenwerden nicht für eine Schwäche ihres Arguments, sondern für eine Schwäche der Menschen, die ihnen zuhören. Offenbar ist Trojanows Schrift ein Versuch, mit der allgemeinen Durchsetzung seiner Position voranzukommen. Trojanow ist in dieser Hinsicht wie jeder andere, der heute eine ethische Position vertritt, ein Glaubenslehrer, wenn auch kein religiöser. Er glaubt an etwas. Es reicht ihm nicht, dass ihm persönlich sein Gefühl etwas sagt und das einem anderen dessen Gefühl vielleicht etwas anderes sagt. Seine Position ist der Glauben an die Wahrheit von Aussagen wie der: Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben. Die diametral entgegengesetzte Behauptung von Malthus glaubt ebenfalls an ihre Wahrheit.

Verbindlichkeit existiert beide male also in Form eines Glaubens. Sie könnte auch anders existieren, nämlich als gesellschaftliche Praxis, als ein System von Rechten und Pflichten, Geboten und Verboten.

Der Kampf darum macht das Wesen der Politik aus. Der Politik geht es niemals um etwas anderes, als darum, aus Glaubenssätzen gesellschaftliche Praxis zu machen, ob das der Glaube daran ist, dass alle Menschen frei geboren sind, das Homosexualität nicht sein darf oder eben doch, dass die stärkere Besteuerung der Vermögenden der Wirtschaft schadet, oder dass von A nach B eine Straße gebaut werden sollte, immer wird versucht, Glaubenssätze gesellschaftlich verbindlich zu machen. Und in der Tat ändert sich dadurch ihr Status dramatisch.

Offenbar gibt es Gesellschaftsordnungen, die bestimmte Gruppen von Menschen überflüssig machen, die sozusagen den praktischen Beweis des Malthusianismus antreten. Nur widerlegt das nicht diejenigen, die solche Verhältnisse ablehnen und auch nicht den Grund, aus dem sie sie ablehnen, sondern macht die Ablehnung gerade notwendig. Bei einem wissenschaftlichen Experiment ist das idealerweise anders. Ein Versuch, der eine bestimmte These beweist, widerlegt deren Gegenthese. Das ist vielleicht die knappste Unterscheidung zwischen Naturwissenschaft und Politik.

Kann man den Menschen als höchsten Zweck auffassen? Natürlich kann man das. Muss man ihn als höchsten Zweck auffassen? Offensichtlich nicht. Der Kampf darum ist ein politischer, vielleicht der grundlegendste politische Kampf überhaupt. In diesem Kampf spielen Argumente eine wesentliche Rolle. Für deren Geltung wiederum ist u.a. die Konsistenz der sie tragenden Ideologien entscheidend. Es wäre eine Illusion zu meinen, die Idee der Menschenrechte sei ein per se konsistentere Idee als ihr Gegenteil, die Sklaverei oder der Faschismus. Der Faschismus war für Millionen Deutsche vor nicht all zu langer Zeit eine unglaublich konsistente, sie überzeugende Ideologie.

Was macht eine Ideologie konsistent? Wir fragen das heute wie nachdrücklicher als in den letzten Jahrzehnten, in denen Ideologiekritik aus der Mode geraten war.

Für Trojanows Insistenz auf die Vorstellung vom überflüssigen Menschen lässt sich eine Antwort absehen. Es ist unsere Fesselung an den Gedanken der Effizienz, des wirtschaftlichen Gewinns, eines nichts auslassenden Denkens in Zielen und Mitteln, das sich durch die menschlichen Beziehungen in die Politik hinein zieht. Was fesselt uns an diesen Gedanken? Es ist unser unglaublicher Kleinmut, der uns darauf verzichten lässt, selbst Ziele zu setzen oder zu suspendieren. Es ist ein Leben in einer politisch formatierten Realität, in der wir in einer durchaus vergleichbaren Weise die Dignität des Effizienzdenken erfahren wie ein gläubiger Moslem in seiner Lebensumwelt das Wirken Allahs. Und es ist eine sich verstärkende Gegenfinalität zu dieser Fesselung an eine Welt gewordene Ideologie, die zunehmend deutliche Erfahrung, von Maschinen aus unserer geradezu idyllischen persönlichen Nützlichkeit vertrieben werden zu können. In all dem beharren wir geradezu kontrafaktisch darauf, Politik lediglich als einen Kampf darum zu betreiben, nützlich zu bleiben. Es fehlt uns an Weitsicht ebenso wie an Phantasie. Seit dem Ende des Sozialismus fehlt die Blaupause eines anderen.

Dabei gibt es selbst für die Menschenrechte keine andere Allgemeinverbindlichkeit als die, die politisch erstritten wird. Aus keiner natürlichen oder metaphysischen Gleichheit folgt soziale. Wir neigen dazu, zu vergessen, dass es in der Politik um Ethik geht. Ethik plausibilisiert nur und treibt bestenfalls an, aber Politik setzt durch. Unser gegenwärtiger Politikbegriff dagegen schwankt viel zu oft irgendwo zwischen kleinteiligem Eigennutz und erratischem Umgang mit Komplexität.

Vielleicht noch eine Schlussbemerkung: Heute sind Begriffe wie Turbokapitalismus oder Globalisierung bei allem Protest keine kritischen Begriffe mehr, wenn sie gleichzeitig für alternativlos gehalten werden. Wenn Phantasie und die Arbeit der Analyse fehlen, fehlt auch die Kritik. Kritische Begriffe müssen Grenzen markieren, an denen sich der Weg gabelt.

Bei Ziegler sind wir die Reichen, und die Hungernden sind die anderen. Diese Trennung will Trojanow auflösen. Aber wir hungern nicht. Es ist nicht dasselbe Problem. In Fortsetzung von Trojanows Logik der Nützlichkeit, die er sicher nicht will, wird aus dem Welthunger ein Konkurrenzproblem. Politisch motiviert das gerade nicht zum Humanismus, sondern zur Abschottung.

Anmerkungen:

1 Jean Ziegler, Wie kommt der Hunger in die Welt, München 1999, S.20f.

2 Ebd. S.30

3 Augustinus Dreiundachtzig verschiedene Fragen. De diversis quaestionibus octoginta Tribus. In: Aurelius Augustinus WW in dt. Sprache, hg. v. C. H. Perl, Paderborn 1972, Frage 30

4 Augustinus, Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus vier Bücher über die christliche Lehre. In: Ausgew. Schr. d. hl. Augustinus, Kirchenlehrers, nach d. Urtexte übers., Kempten. 1877, 25


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