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Das Streben nach Glück – Freiheit, die sich selbst auflöst

Michael Seibel • Der Deal: Freiheit aufgeben für Glück   (Last Update: 19.04.2019)

Die zentralen Versprechen der Plattform-Ökonomie lauten Komfort und Effizienz. Das ist nichts anderes als die aktuelle Version dessen, was die Verfassungsväter Streben nach Glück, pursuit of happiness genannt haben. Jeder hat das Recht, nach Glück zu streben, was auch immer er selbst darunter versteht. Er selbst und niemand sonst bestimmt das. Dabei darf er selbstverständlich niemand anderen direkt schädigen, und das ganze ist nicht ganz widerspruchsfrei, denn man muss schon auch fragen, in wieweit man zulassen darf, dass er sich selbst schädigt. Ich China scheint man das gerade unterbinden zu wollen. Wie man hört, bekommt jeder, der mit seiner Kreditkarte mehr als fünf Glas Bier am selben Tag im selben Restaurant bestellt, Punkte auf seinem Sozialkreditkonto abgezogen. Es könnte sich ja um einen gesellschaftlich unerwünschten Alkoholiker handeln. Aber wenn man diese beiden Punkte, die Frage der Fremd- und der Selbstschädigung einmal als geklärt betrachtet, dann ist dem Einzelnen und sonst niemandem überlassen, zu entscheiden, wie er gern glücklich werden möchte.


Die beiden Eichmaße, die wir die ganze Zeit bereits verwenden, der frühgeschichtliche Jäger und Sammler und der geschichtliche Mensch, sagen uns dazu folgendes: wie jemand gern glücklich werden möchte, das war durch die längste Zeit der Menschheitsgeschichte keine ernstzunehmende Frage. Wenn überhaupt ging es darum, wie jemand glücklich werden kann. Es ist noch nicht lange her, dass man es als Eigenschaft des Menschen betrachtet, zwischen verschiedenen Optionen wählen zu können, die offenstehen, also als ein Frage von Freiheit und nicht von Notwendigkeit, also nicht als etwas, das allein einer glücklichen Situation oder einer göttlichen Fügung zuzuschreiben ist, aber mit Freiheit nichts zu tun hat. Es ist noch keine 400 Jahre her, dass sich dies Verhältnis zugunsten der Freiheit zu drehen begonnen hat. Der Mensch ist allerdings schon sehr viel länger ein Glied in der sich ausdifferenzierenden Arbeitsteilung. Die vergleichsweise neue Entwicklung, dass die Notwendigkeiten des Lebens einer individuellen Freiheit unterstellt wird, ist wie gesagt das dominante Versprechen der Plattform-Ökonomie.

Entscheidungsfreiheit wird dabei völlig in den Dienst des pursuit of happiness genommen. In der Plattform-Ökonomie und sicher bei vielen der Menschen, die sich dort informieren und die dort kaufen, verschmelzen beide nahtlos. Was sonst sollte man aus freien Stücken wollen, als glücklich werden? Wie wäre es, wenn alle Ressourcen, die überhaupt verfügbar sind, diesem einen und einzigen Ziel dienen: Jeder einzelne Mensch soll in seinem Streben nach Glück ernst genommen werden. Das ist ein Versprechen, das kaum zu überbieten ist. Was gibt es Vielversprechenderes, das ein freier Mensch wollen könnte? Ist das nicht naheliegend genug, dass man aus der Reihe life, freedom and pursuit of happiness den Term Freiheit auch gleich streichen kann? Denn individuelle Freiheit geht in dem Diskurs, mit dem die Plattformen erfolgreich sind, gänzlich im Streben nach Glück auf, ist darin völlig ausgedrückt und erschöpft sich darin. Ein Diskurs über Freiheit, die nicht auf Glücksmöglichkeiten eingeschränkt wird, findet heute praktisch nicht mehr statt. Der Wagnischarakter von Freiheit oder eine Freiheit, die sich etwa auf die Wahrheitssuche macht statt auf die Suche nach individuellem Glück, findet sich heute abgedrängt in pathologisierte Regionen. Entdeckungsreisen, die zu mehr dienen als zur 'geistigen Bereicherung' oder zur Erholung, also wiederum zu Formen des individuellen Glücks oder zumindest als Wege der Verbesserung der beruflichen Kompetenz, gelten als abwegig. Wer heute noch einem romantischen Freiheitsbegriff nachhängt, riskiert fast schon, als möglicher Terrorist zu gelten, zumal dann, wenn er sich der Logik der Plattformen zu verweigern versucht, was ohnehin angesichts ihres Status als Monopolisten, den sie inzwischen einnehmen, schwer genug ist.1


Wenn mir also jemand etwas vorschlägt, was mein persönliches Wohlbefinden erhöht oder das persönliche Wohlbefinden der Menschen, an denen mir etwas liegt, - und das immer besser - und wenn er mir Arbeit abnimmt und die guten Vorschläge sogar umsetzt, welchen Grund sollte ich haben, nicht darauf einzugehen? Was, wenn ich feststelle, dass seine Vorschläge besser sind als meine eigenen Einfälle, wenn er sich in der Welt der Möglichkeiten besser auskennt als ich selbst? Was unterscheidet ihn denn von dem Vielgereisten, der mir mit seiner Erfahrung ein Urlaubsziel empfiehlt, von dem ich bisher noch nicht einmal etwas gehört habe? Was, wenn dieser jemand mich sehr genau kennt? Wenn er zum Beispiel weiß, dass ich leichte Kost mit exquisiten Kräuternoten bei einem ebenso leichten Wein bevorzuge und wenn er mir ein Gericht vorschlagen kann, das in einer begrenzten Region Norditaliens gereicht wird und sicher auch mir einen ungeahnten neuen Genuss vermitteln wird? Wer mir solche Vorschläge macht, den will ich gern in meiner Küche sehen, erst recht, wenn er auch noch alle nötigen Zutaten in bester Frische und kostengünstig mitbringt. Und wenn dieser Jemand mir ständig exzellente Vorschläge macht und nichts anderes, was sollte mich noch dazu veranlassen, diesem Weg, an gute Vorschläge zu kommen, zu misstrauen? Was, wenn dieser Jemand, dem ich zu vertrauen allen Anlass habe, meine finanziellen Möglichkeiten genau kennt und mir daher nichts vorschlägt, was ich mir nicht auch leisten könnte, sondern wenn er ganz im Gegenteil mit meinen Mitteln haushält und das beste daraus macht, sogar etwas besseres, als ich selbst daraus machen könnte? Was sollte mich davon abhalten, ihn als Verwalter meiner Finanzen und als Warenlieferant in einem umfassenden Sinn einzusetzen, wenn er offensichtlich nicht nur effektiv, sondern auch noch effizienter als ich selbst ist? Meine Intelligenz müsste mich völlig verlassen haben, wenn ich darauf nicht zunehmend weiter eingehe. Sich da zu verweigern würde wahrscheinlich zunehmend mehr als kindische Verstocktheit und mangelnde Teamfähigkeit angesehen. Und warum sollte ich jedes mal nachrechnen, wenn es unübersichtlich wird? Wann hat man eigentlich das letzte mal einen Kassenzettel selbst aufaddiert, um zu prüfen, ob sich die Kasse nicht verrechnet hat? Jeder weiß, dass sich die Kasse schon rein technisch unmöglich verrechnen kann. Oder doch? Finanzämter prüfen dann doch manchmal und stoßen auf die erstaunlichsten Ticks bei denen eins plus eins nur ungefähr zwei ist.


Wenn die Dinge so liegen und die Apps uns immer wirksamer unterstützen, würde es nicht wundern, wenn z.B. die Sozialämter allen Beziehern von Sozialtransfers dringend ans Herz legen würden, sich einen solchen Berater zur Seite zu nehmen, der aus dem Wenigen möglichst viel macht. Denn zweifellos wäre es schön, wenn am Monatsletzten auch bei Sozialhilfeempfängern noch Geld da wäre. Unbeschadet der Frage, ob z.B. Sozialhilfesätze zu niedrig sind oder nicht, ist es immer eine gute Idee, aus den aktuellen Sätzen mehr machen zu können, ob mit dem Hintergedanken, sie dann erst später erhöhen zu müssen oder nicht.


Entmündigen wir uns auf diese Weise selbst oder schaffen wir einfach nur Platz für eine Verlagerung des Feldes wünschenswerter Kenntnisse, wie das die Pädagogik immer schon getan hat, seitdem es sie gibt? Oder hat etwa die Tatsache, dass heute kaum noch jemand Latein lernt, die Menschheit entmündigt? Hat sie nicht vielmehr Platz für neue Kenntnisse z.B. rund um die Digitalisierung gemacht, die heute nützlicher sind?

Und was sollte dann noch falsch daran sein, wenn der hilfreiche Freund des Menschen selbst kein Mensch, sondern eine App ist? Wissen wir wirklich noch den Grund? Wie lautet er?


Offensichtlich lassen sich heute komplexe Probleme nicht mehr nur dadurch lösen, dass man sich hinsetzt und bewusst darüber nachdenkt, so wie ein Galilei oder Newton das getan hätte oder ein moderner Nobelpreisträger oder letztlich jeder denkende Mensch. Oder dadurch, dass sich kompetente Teams in einen Beratungsraum zurückziehen, um zu diskutieren. Intelligenz und Bewusstsein sind nicht mehr notwendig aneinander gebunden.

Der Weg, der dahin führt, dass Intelligenz und Bewusstsein durchaus getrennte Wege gehen, ist allerdings von sehr langer Hand vorbereitet. Die Vorgeschichte ist uralt. Sie begann nicht erst mit IBMs legendären KI-System Watson, das menschliche Sprache so gut verstand, dass es in der US-Quizshow Jeopardy! zwei menschliche Kandidaten beim Kampf um 100.000 USD deklassieren konnte. Längst sieht es so aus, als versuchten die Maschinen ohne uns zu spielen. IBM hat mit viel Energie und Aufwand die Künstliche Intelligenz Watson inzwischen zu einem komplexen Produktangebot ausgebaut, das neben Cloud-Computing den Wandel von IBM von einem Hardware zu einem Software-Unternehmen wesentlich mittragen soll. In wieweit das gelingen kann und sich in Geschäftsergebnisse umsetzen lässt, ist gegenwärtig (2019) noch unabsehbar. In welche Richtung möglicher Produkte man dabei denkt, verdeutlicht folgendes Firmenvideo. Das gewgenwärtig noch recht unspezifische Produktversprechen, das IBM gibt: "Watson versteht alle Formen von Daten, interagiert auf natürliche Weise mit Menschen, lernt hinzu und zieht Rückschlüsse." IBM gefällt sich hier darin, sein Vorhaben so darzustellen, als sei es in jeder Hinsicht wohldefiniert, kinderleicht und geradezu selbsterkl√§rend, was es sicher nicht ist. Man darf es wohl im Augenblick noch humorvoll und aus einiger Distanz betrachten. Die Geschäftsergebnisse von IBM verbessert es, wie man hört, momentan noch nicht entscheidend.



Die Menschheitsgeschichte wurde gern als eine Geschichte der Höherentwicklung des menschlichen Bewusstseins in Richtung auf umfassendes bewusstes Wissen angesehen und nicht als dessen Abdankung, einer Höherentwicklung ganz in dem Sinn, in dem es etwa Hegel beschrieben hat. Ein Mehr an Wissen soll demnach auf keinen Fall ein Weniger an Bewusstheit bedeuten. Das lässt sich auch folgendermaßen ausdrücken: Glauben und Wissen dürfen nicht auseinanderlaufen.2 Glauben ist sozusagen die bewusste Unterschrift unter unser Wissen. Man wird Hegel allerdings nicht leicht folgen können, ohne auf bestimmte systematische Bewusstseinsdefizite zu stoßen, die sich im Laufe der Geschichte auf Seiten des Homo Sapiens ergeben.

Heute würde man Hegels Phänomenologie des Geistes vermutlich anders schreiben müssen, wenn man überhaupt noch etwas vergleichbares schreiben würde. Jedenfalls würde man sie nicht mehr mit einem Bewusstsein beginnen, das gerade intelligent genug ist um zu bemerken, dass alle Katzen nur nachts grau sind. Ein solches unmittelbares Bewusstsein, das Hegel in systematischem Interesse erfindet, ist eigentlich nichts anderes als ein schlecht entwickelter Begriffsapparat, der sich selbst verbessert. Heute würde man so etwas im Bereich der KI ansiedeln wollen, aber kaum in der Anthropologie. Das, was Hegel „sinnliche Gewißheit“ nennt, das ist heute Sache der KI, die in einem autonomen Fahrzeug eingesetzt wird und zu unterscheiden hat, ob das, was nachts bei Regen von rechts die Straße kreuzt, ein Fußgänger sein könnte.



Für das Versprechen perfekten Glücks sind wir nicht erst seit gestern bereit, ein großes Stück Freiheit aufzugeben oder zumindest regressiven Verzicht auf vieles zu leisten, das in unseren Augen bis gestern noch unverzichtbare bewusste Fähigkeit war.




Anmerkungen:

1 Harari macht in 21 Lessions auf eine weitere Konsequenz aufmerksam: „Sobald KI bessere Entscheidungen über Karriere und vielleicht sogar Beziehungen als wir trifft, wird sich unser Konzept von Menschlichkeit und Leben ändern müssen. Der Mensch ist es gewohnt, über das Leben als Drama der Entscheidungsfindung nachzudenken. Liberale Demokratie und marktwirtschaftlicher Kapitalismus sehen das Individuum als einen autonomen Agenten, der ständig Entscheidungen über die Welt trifft. Kunstwerke - ob Shakespeare-Stücke, Jane Austen- Romane oder Hollywood-Komödien - drehen sich normalerweise um den Helden, der eine besonders wichtige Entscheidung treffen muss. Sein oder nicht sein? Auf meine Frau zu hören und König Duncan zu töten oder auf mein Gewissen zu hören und ihn zu schonen? Um Herrn Collins oder Herrn Darcy zu heiraten? Christliche und muslimische Theologie konzentrieren sich in ähnlicher Weise auf das Drama der Entscheidungsfindung. Sie argumentieren, dass die ewige Erlösung oder Verdammnis von der richtigen Entscheidung abhängt. Was wird aus dieser Sicht des Lebens, wenn wir uns zunehmend auf AI verlassen, um Entscheidungen für uns zu treffen? (,,,) Aber sobald wir uns darauf verlassen, dass die KI entscheidet, was studiert werden soll, wo wir arbeiten und wen sie heiraten sollen, wird das menschliche Leben aufhören, ein Drama der Entscheidungsfindung zu sein.“ (Yuval Harari, 21 Lessons for the 21st Century, 3. Freiheit)

2 Man hört manchmal, Glauben sei gleichsam abgeschwächtes Wissen. Wissen, von dem man nicht genau weiß, ob es wirklich Wissen ist, sondern von dem man das eben nur glaubt. Oder wie bei religiösen Glauben, Glauben sei Wissen, das auf einer anderen Grundlage steht als wissenschaftliches Wissen. Ersteres ist eine schlicht verunsicherte Redeweise, das zweite ist eben die Position, auf die die Religionen sich üblicherweise zurückziehen. Ich würde das Verhältnis von Glauben und Wissen kurz folgendermaßen allgemein bestimmen: Glauben heißt nichts anderes, als sich eines Wissens bewusst zu sein. Und solche Bewusstheit schließt natürlich nicht aus, dass etwas, das als Wissen behauptet und entsprechend geglaubt wird, von anderen, also im sozialen Raum möglicherweise aus gutem Grund bestritten wird. Im Ergebnis wird allerdings auch dann wieder bewusstes Wissen Glauben sein. Bei der Frage nach dem Glauben an den Geldwert wird uns das unten beschäftigen.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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