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Die Lust, zu weit zu gehen ...

Michael Seibel - München Venedig

Manchmal wird es gerade dann richtig interessant, wenn alle sagen: „Jetzt gehen Sie aber wirklich zu weit!“ Denn genau das bekommen Sie zu hören, wenn Sie vorhaben, zufuß von München nach Venedig zu gehen.

Gehen wir los. Von München, am besten früh morgens - dann hat man noch den ganzen Tag - geht es die Isar entlang über Pullach bis Schäftlarn. Eigentlich gehört noch fast die Hälfte des Weges des ersten Tages zum Stadtgebiet von München, aber an der Isar merkt man nichts davon. Man ist sofort im Grünen. Das Kloster Schäftlarn ist für die meisten erstes Übernachtungsziel. Hier gibt es die verdiente Brotzeit im Biergarten.

Weiter geht es dann am nächsten Morgen vorbei am Ickinger Wehr zur Puppinger Aue bei Wolfratshausen. In der grünen, wild zugewucherten Puppinger Aue fühlt man sich auf dem schmalen Wanderweg wie in in einer Art Miniatururwald.

Man kann planen, soviel man will, der Weg von München nach Venedig steckt voller Überraschungen. Die erste Überraschung kam mir gleich in der Puppinger Aue in Form zweier Nacktwanderer entgegen. Zwei junge Münchner um die 30, bestens gebaut, bestens tätowiert und gepierct, aber in stabilen Wanderstiefeln mit dicken Funktionssocken. Der Weg ist eng und man kommt kaum aneinander vorbei. Nun sind Wanderer freundliche Leute, auch wenn sie nackt sind und gepierct. Ich höre ein ganz konventionelles „Grüß Gott“. Das fand ich irgendwie unpassend. Aber so grüßen wandernde Bayern eben, ob nackt oder nicht. Ich habe das Gefühl, vor Lachen zu platzen, aber das traue ich mich natürlich nicht. Der Weg ist eng, die Jungens sind stärker als ich und wir sind allein.

Weiter nach Waldram, Ascholding und dahinter St. Georg. Immer wieder beeindruckend die alten Häuser mit den Lüftelmalereien in Bad Tölz, dem Ziel des zweiten Tages, das man Richtung Isarwinkel wieder verlässt.

Wenn man den Weg München-Venedig wirklich ab München macht, hat das den Vorteil, dass man an den ersten beiden Tagen fast keine Steigungen gehen muss und herrlich ins Wandern hineinkommt. Erstes Berggefühl gibt es auf der Brauneck. Hier erwischt uns allerdings auch das erste Mal so richtig schlechtes Wetter. Uns, das sind neben mir noch Elke und Rainer. Wir haben uns auf der Brauneck instantan kennengelernt, als das schlechte Wetter uns allen nahelegte, uns nach Mitwanderern umzusehen. Für Elke und Rainer ist der gemeinsame Weg nach Venedig ihre Hochzeitsreise.

An Tag vier geht es runter nach Jachenau. Zum Glück lässt das Mistwetter nach. Der Bergwald wirkt wie ein vom Boden her dampfender Suppentopf. Wir erleben die erste Überraschung: In Jachenau finden wir kein Hotelzimmer. Nicht weil es da keine gäbe, sondern weil wir einen katholischen Feiertag übersehen haben, zu dem das Dorf all zu gut besucht ist.

Zum Glück lernen wir den Bürgermeister kennen. Ein sehr zuvorkommender, besorgter Mann, der uns netterweise und ganz kostenlos in der örtlichen Turnhalle unterbringt. Die Duschen sind prima und auf den Turnmatten schläft sich nicht schlecht. Als wir gegen 21 Uhr gerade dabei sind, einzuschlafen, öffnen sich die Tore und die örtliche Peitschenknallergruppe (man spricht wohl von »Goaßlschnalzern « kommt zum Training herein. Es ist Festtag, etwas muss noch geübt werden, bis es sitzt.

Das hält uns nicht ab, uns am nächsten Morgen früh auf den Weg zu machen und an der Förster Luitpold Alm vorbei über den Rißsattel und am Rißbach entlang zur Österreichischen Grenze zu wandern.

Ich darf an dieser Stelle eine - wenn auch ganz überflüssige - Empfehlung für die sehr leckere bayerische Küche aussprechen, die das Gasthaus Post in Vorderriß serviert. Die Empfehlung ist überflüssig, weil man an dieser Stelle der Wanderung - es ist Mittag - so ziemlich alles essen würde. Aber es ist eben nicht irgendetwas, sondern bayerisch vom feinsten. Der Tag endet in Hinterriß beim Wein mit Blick auf die Hirsche im kleinen Wildpark des Jagdschlosses Hinterriß. Es wirkt etwas verkommen. Wie man hört, streiten sich die Erben und keiner gibt Geld aus. Die Grenze nach Österreich liegt hinter mir.

Tags drauf durchwandert man den Kleinen Ahornbogen in Richtung Hochalmsattel. Eine Natursensation von einladender Schönheit. Ich habe Glück mit dem Wetter. Die Alpen zeigen sich von ihrer allerbesten Seite.

Der sechste Tag endet am Karwendelhaus. Die Wanderer, denen man unterwegs und auf den Hütten begegnet, sind eine ausgesprochen freundliche und hilfsbereite Spezies Menschen zwischen 8 und 80. Die meisten wollen natürlich nicht von München nach Venedig, sondern sind Tagesausflügler oder wollen vielleicht eine Woche mit Freunden das Karwendelgebirge erkunden.

Ein paar Tage später werde ich eine Mitte 70-jährige Wanderin treffen, die es mit ihrer Familie den gesicherten Klettersteig durchs wirklich steile Val Setus zur Lavazza-Hütte in den Dolomiten hinauf geschafft hat. Leute gibt's!

Aber zurück ins Karwendel. Am nächsten Morgen wird es gleich am Schlauchkar richtig alpin. Der Aufstieg zum Schlauchkarsattel ist zwar relativ harmlos und doch die kräftezehrendste Sache der gesamten Alpenüberquerung. Es geht 1000 Höhenmeter rauf, aber das sind gefühlte 2000 Meter, denn man geht über sehr lockeren, rutschigen Schutt, wie man ihn nur hier im Karwendel und dann später wieder in den Dolomiten findet, auf dem man nach jedem Schritt aufwärts mindestens einen halben Schritt abwärts rutscht.

Ist das Raufgehen meditativ? Eher nicht. Man denkt in Schimpfworten.

Oben am Pass angekommen teilt man sich das Schnittchen mit den ersten Alpendohlen, die hier auf einsame Wanderer zu warten scheinen.

Ab hier wird der Weg ziemlich einsam. Die meisten der wenigen Wanderer, die bis hier gefolgt sind, wollen ins Karwendeltal zurück. In der anderen Richtung, beim Abstieg ins westliche Schlauchkar ist man dagegen allein. Übrig gebliebene Schneebrücken überqueren den Bach. Man mußte aufpassen, welche noch stabil sind. Hier möchte man nicht verloren gehen. Der Weg ins Tal ist nun wirklich meditativ. Ich war als Städter noch dabei, erste Bergerfahrung zu machen, hatte die Weglänge unterschätzt und nicht genug zu essen mitgenommen. Ich bekam Pudding in die Knie. Unten biegt man ins Quelltal der Isar ein und erreicht die idyllische Kasten-Alm, bei gutem Wetter ein Paradies mit Milch und Bergkäse. Aber noch war der Tag nicht geschafft. Noch fehlten ein paar Kilometer ins Lafatschertal und zum Hallerangerhaus. An diesem Tag ist man ohne weiteres zwölf Stunden auf den Beinen. In dieser ersten Woche ist offenbar viel mit meiner Fitness passiert.

Beim Frühstück stehen die Lafatscher Berge schon in hellem Sonnenlicht. Am 8. Tag: Aufbruch zum beeindruckenden, aber nicht gar so schwer zu gehenden Lafatscher Joch mit tollem Rundumblick. Das Joch liegt bei weitem nicht so hoch. Ein Spaziergang gegenüber dem gestrigen Weg, aber eine tolle Rundumsicht. Das Wetter zeigt sich nach wie vor von seiner besten Seite. Man sieht nach unten ins Inntal.

Ich hüpfe buchstäblich den Bergweg hinunter, so wie Kinder Kästchen springen. Meine Laune ist offenbar die beste. Am frühen Nachmittag komme ich in Hall in Tirol unten am Inn an. Es ist Sonntag. Zunächst ist kaum jemand in der Stadt zu sehen, aber aus der Ferne hört man einen Chor in den mittelalterlichen Straßen singen. Was ist hier bloß los? Niemand da, aber Schubert-Lieder klingen vom Markt her. Schnell finde ich den Grund. Heute läuft gerade ein Sängertreffen in der Stadt. Das lasse ich mir gefallen. Ein paar Straßen weiter, auch hier ist so gut wie niemand, aber auch hier hört man noch deutlich die Chormusik, suche ich mir ein Restaurant und lausche dem Konzert. Während des Essens draußen auf der Terrasse ist eine schwarz gekleidete Nonne der einzige Mensch, der sich blicken lässt und durch die leeren Straßen voll Musik auf mich zukommt.

Am kommenden Morgen geht es über die schöne alte Holzbrücke, die in Hall über den Inn führt, in Richtung des Lager Walchen wieder in die Berge. Hier übt die Nato, und die Gegend ist Sperrgebiet, aber nicht für einfache Wanderer. Ich suche die Lizumer Hütte. Es ist noch recht früh im Wanderjahr, erst Mitte Juni, und die Hütte ist noch nicht geöffnet, hat aber einen Winterraum. Hier treffe ich auch meine anfänglichen Begleiter wieder, die ich ein paar Tage lang nicht gesehen habe. Jeder hat halt sein Tempo.

Jetzt nach mehr als einer Woche guten Wetters wird der Nachmittagshimmel wieder unsicherer. Ein Gewitter zieht auf. Zum Glück sind wir im Schutz der Hütte und nicht unterwegs.Außerdem habe ich offenbar etwas Falsches gegessen. Das hat die entsprechenden Konsequenzen.

Mit der Lizum Walchen haben wir das Gebiet des Alpenhauptkamms betreten. Eine ziemlich einsame Ecke um diese Jahreszeit. Es gibt noch eine Menge Restschnee, aber zum Glück präsentiert sich das Wetter am nächsten Morgen wieder von seiner besten Seite. Am 10. Tag verlasse ich die Hütte und mache mich auf zur Geierscharte. Wenn man sie einmal überschritten hat, hat man wieder einen dieser grandiosen Ausblicke. Diesmal auf den Alpenhauptkamm mit dem Olperer im Hintergrund und, was ganz herrlich aussieht, mit dem Junssee im Vordergrund, wo, wenn es in der Wirklichkeit Märchengestalten gäbe, sich Feen baden würden, falls ihnen das Wasser nicht doch entschieden zu kalt wäre. Oberidylle für Städter, die nicht wie früher die Bauern ihre Erzeugnisse über diese alljährlich abrutschenden Wege schleppen müssen, sondern einfach nur genießen.

Jenseits des Junsees bekomme ich Arbeit. Es ist hier nicht leicht, im Restschnee den richtigen Weg zu finden. Ich erinnere mich: Wenn du nicht weißt, wo es lang geht, folge der Schafskacke. Was ein Schaf trägt, trägt auch einen Menschen. An dem Satz scheint was dran zu sein.

Nach Stunden ist klar, dass ich wieder auf dem richtigen Weg bin. Ein Bachtal öffnet sich und ich stehe mit einem Mal vor dem Wasserfall im Weitenbachtal. Wieder einer dieser unvergesslichen Plätze. Rast findet man dann im Tuxerjochhaus mit herrlichem Blick zum Olperer hinüber. Zu erledigen sind wie immer die Abendpflichten. Man hat zwei Hosen, zwei paar Socken und zwei Hemden, sodass jeden Abend eins davon zu waschen ist.

Morgen kommt die höchste Stelle der Alpenüberquerung, die knapp 3000 Meter hohe Friesenbergscharte. (Höchster Punkt, wenn man vom Piz Boe in den Dolomiten absieht, zu dem man unterwegs leicht aufsteigen kann, aber nicht muss. Der gilt als leichtester 3000er der Dolomiten.) Die Friesenbergscharte verfügt über ein kurzes Stück drahtgesicherten Klettersteigs, für den ein Klettersteigset empfohlen wird. Wie man es richtig anlegt, habe ich, der alte Stadtbewohner, zu Hause geübt. Hoffentlich klappt es.

Tag 11 beginnt also auf schwankenden Brücken hinter dem Spannagelhaus auf unserem Weg zur Friesenbergscharte, die uns ihre ausgesprochen unwirtlichen, schneebedeckten Flanken durch feinen Dunst bedrohlich zeigt. Der Aufstieg durch Schnee erweist sich als schwieriger als der spätere steile, aber abgesicherte Abstieg. Kleine Wetterunterschiede können viel ausmachen. Da sage ich Leuten, die mit den Bergen vertraut sind, sicher nichts Neues. Ich als allein gehender Städter hatte das natürlich auch immer schon gelesen, aber als Erfahrung war es mir neu.

Schön finde ich am München-Venedig-Weg: So einsam es mitunter ist, so schnell finden sich Leute zusammen, wenn es schwierig wird.

Unten zeigt sich der Friesenbergsee, wieder einer dieser schönen Bergseen wie gestern der Junssee. Das Wetter beginnt wieder etwas freundlicher zu werden. Oder ist das mein Wunschdenken?

Tief unten zeigt sich die Talsperre Schlegeisspeicher, als wir den sogenannten Berliner Höhenweg zur Olpererhütte hinaufsteigen. Der Weg wirkt, als hätten ihn Riesen gepflastert. Man springt fast von einem auf den nächsten Stein. Das sind keine normalen Schrittlängen. Endlich in der Hütte geht ein langer Tag mit Budenzauber einer Reihe von Jugendlichen zu ende. Wir singen und spielen Gitarre.

In der Nähe hat es auf dem Weiterweg vor kurzer Zeit einen Unfalltoten gegeben. Aber darüber spricht der Hüttenwirt nicht gern.

Nebenbei bemerkt habe ich bis jetzt schon eine Menge interessante Leute unterwegs im Zug nach München und unterwegs auf den Hütten kennengelernt, den Prior der Franziskaner in Tirol, der gerade von einer EU-Konferenz aus Brüssel zurückkehrte, einen Unternehmer auf Selbstfindung, einen Chirurgen und Notfallmediziner mit seiner Frau (fand ich sehr praktisch, das waren meine beiden Hochzeitsreisenden) und einen Bischof der Zeugen Jehovas aus den Ruhrgebiet.

Am nächsten Morgen geht es runter zum Schlegeisspeicher. Man stößt auf ein paar Touristenautos, aber sogleich geht es wieder weg von der Zivilisation Richtung Pfitscher Joch. Oben auf dem Joch quere ich die österreichisch-italienische Grenze. Wenn man unterwegs die Möglichkeit hat, bei Bauern einzukehren, sollte man das so oft wie möglich tun. Die Lavitzalm war so ein Ort. Bis weit nach Südtirol hinein verstehen sich die Bauern auf leckeres frisches Brot, Käse, überhaupt auf tolle Milchprodukte und Limonaden. Ja, Limonaden! Auf Basis selbstgemachter Obst- oder Holunderblütensäfte.

Das Pfitscher Joch Haus verläßt man Richtung Stein im Pfitschertal. Geschlafen habe ich diesmal nicht auf einer Hütte, sondern im Gasthof Stein bei einer wiederum talentierten Köchin. Ich glaube, es war Pasta mit Ragout, Rotwein und Süßspeise. Noch wusste ich es nicht, aber für den nächsten Tag braucht man viel frische Kraft.

Man kommt jetzt in den einsamsten Teil der Alpenüberquerung. Kurz nach Stein, noch nah am Tal musste man unangenehmerweise über ein paar Elektrozäune. Dann geht es Richtung Gliderscharte mit tollem Blick nach links auf den Hochfeiler. Man begegnet hier niemandem. Ein schlichtweg unbesuchter Teil der Alpen, obwohl sich vielleicht gerade einmal ein Dutzend Kilometer westlich die Brenner-Autobahn durch die Berge zieht. Die Gliderscharte liegt recht hoch auf fast 2700 Meter.

Für mich ist Inbegriff eines Bauernlebens, wie es anderswo vielleicht von zweihundert Jahren stattgefunden haben mag, die obere Engbergalm. Aber ein altes Moped hatte der Bauer schon, der hier in aller sommerlichen Abgeschiedenheit seinen Käse machte und eine Sprache sprach, die weder deutsch noch italienisch klang.

Von hier wurde der Weg leicht, denn es ging den Rest des Tages nur noch bergab nach Pfunders und von dort am nächsten Morgen weiter bergab bis hinunter nach Vintl im Rienztal, einem Ort, in dem viele Südtilol-Touristen durchkommen, per Auto oder Bahn, ob sie da halten oder nicht.

Hier heißt es durchatmen, denn von hier geht es wieder viele hundert Höhenmeter rauf durch den Rodenecker Wald. Es war ein herrlicher, zum Wandern vielleicht schon etwas zu warmer Tag.

Oben öffnet sich der Wald auf das weite Plateau der Lüsener Alm und gibt Gelegenheit zur Pause auf der Ronerhütte. Nach so vielen Tagen Wanderung kommt man in einen Super-Zustand, der mir als Städter bislang ziemlich unbekannt war, den Zustand einer extrem angenehmen Selbstverständlichkeit von Bewegung, den Zustand einer schwitzenden Mischung aus Müdigkeit und Selbstüberschätzung. In diesem Zustand wandelte ich also die Lüsener Alm entlang und sah sozusagen aus der ersten Reihe einem mächtigen Gewitter zu, das irgendwo im Hintergrund langsam aufzog, bis nach einer halben Stunde mehr als deutlich wurde, dass es genau auf mich zukam, und dies mit einer Geschwindigkeit, die jedes Ausweichen unmöglich machte und mir am Ende kaum noch erlaubte, in Deckung zu gehen. Also weg mit allem, was aus Metall ist und eine möglichst tief gelegene Mulde suchen.

Abgesehen davon, dass ich nach wenigen Minuten völlig durchnässt war, meinte es das Gewitter gut mit mir. Es war nur kurz und zog schnell weiter.

Ein echtes Highlight ist die Kreuzherrenhütte. In ihrer traditionellen Holzbauweise und dem Alter, das sie bereits auf dem Buckel hat, beeindruckt sie jeden Gast. Der Sohn des Hüttenwirts spielte ein gepflegtes Akkordeon mit der Lust, die man hat, wenn man vielleicht zehn Jahre alt ist und schon der beste im Ort. Wenn man nachts im Hüttenfederbett lag, konnte man jede Kuh riechen, die eine Etage tiefer im Stall stand. Eine wunderbare Hütte. Ich hoffe, sie bleibt uns erhalten.

Am nächsten Morgen war alles Unwetter verzogen, und uns trennte vom Tal eine dicke Wolkenschicht. Eben die Wolkenschicht, die man im Flugzeug nach ein paar Minuten unter sich lässt, wenn man an einem Tag mit Mistwetter startet.

In diesem Morgenlicht ging es über die Almen, die an die Lüsener Alm anschließen. Heute wurde es ein Vormittag ohne viel Steigungen. Man bleibt in der Höhe und schaut von oben auf die Täler. Es war wieder Wandern zum Abheben. Vor dem Würzjoch, auf dem man dann wieder den Autoverkehr quert, sieht man, wenn man nicht all zu naturverklärt guckt, ein paar von den Wunden, die der Wintersport den Bergen reißt. Man sollte alle Wintersportler dazu verdonnern, sich auch einmal im Sommerlicht anzusehen, was sie im Winter mit den Bergen machen.

Der Nachmittag stand nun ganz im Zeichen eines meiner Lieblingsberge, des Peitlerkofel.

Warum gehört der Peitlerkofel zu meinen Lieblingsbergen? Ich weiß es nicht genau. Ich finde, das ist ein Berg, so wie ein Berg aussehen soll. Warum finde ich das? Von Gänseküken sagt man, dass sie dem wie ihrer Mama folgen, den sie zuerst sehen. In meiner kurzen Beziehungsgeschichte als wandernder Alpinist war der Peitlerkofel einfach der erste Berg, bei dem ich zu mir sagte: Auf den willst du also rauf? Du musst verrückt sein. Das war im letzten Jahr. Meine Beziehung zum Peitlerkofel hat also etwas infantil Erotisches, eine Mischung aus Prägung und Besteigen.

Oben, bald hinter der Peitlerscharte, kommt man zur etwas zu groß geratenen Schlüterhütte. Man ist jetzt in der Puez-Geisler Gruppe. Wenn das Wetter schön ist – und es war schön – ist hier auch jeder Blick schön. Die Dolomiten wirken dann wie Puppenstuben-Alpen. Kein Weg ist so weit wie in den Schweizer Bergen. Man überschreitet an einem Tag drei Pässe oder mehr. Alle Wege sind kurz. Es ist wie in Rom mit den Sehenswürdigkeiten, kaum hat man das Cafe an der Fontana di Trevi verlassen und ist ein oder zwei Straßen gegangen, schon ist man am Quirinalspalast. Die Sehenswürdigkeiten liegen nah beieinander. So ist das in den Dolomiten auch. Landschaftlich war für mich der Weg von der Schlüter-Hütte übers Kreuz-Joch durch die Puez-Geisler Gruppe über die Puez Hütte bis hinunter zum Grödner Joch der landschaftlich abwechslungsreichste und wahrscheinlich schönste Tag der ganzen Wanderung.





Ans Klettern kommt man an der Focella Nivea, bis man das gleichnamige Plateau erreicht hat; ein wenig unerwartet blieb diese Anstrengung. Ein wenig italienische Luft scheint dann an der Puezhütte von der Crespeina Hochfläche her herüber zu wehen. Der Eindruck trügt keineswegs, auch wenn es der eine oder andere Südtiroler nicht gerne hört. Venedig liegt irgendwie schon in der Luft, wenn man den Crespeina See passiert, der in diesem Jahr nicht all zu viel Wasser hatte, und sich an den Abstieg vom Cirjoch zum Grödnerjoch macht. Es ist das erste Mal, dass man die Schätzung für realistisch hält, dass Venedig erreichbar ist.

Auf dem Grödnerjoch zu übernachten ist Blödsinn. Die Hotels sind zu teuer und der Souvenirkrempel vor der Tür stört! Hätte ich doch besser bereits auf der Puezhütte übernachtet.

Was hat mich eigentlich davon abgehalten?

Ich habe dort den straßenräuberischen Charakter der Haflinger Pferde kennengelernt. Der Hüttenwirt der Puez-Hütte besaß ein Pferd, das die Angewohnheit hatte, ständig bei den Gästen mitzuessen. Ich verfüge leider nur über die städtisch abstrakte Rücksicht vor der Mitkreatur und nicht über die erfahrungsgesättigte Fähigkeit, mir bei Pferden Respekt zu verschaffen. Das blöde Vieh hat meinen Hütten-Cappuccino ausgesoffen und die Umsitzenden hat entweder ebenfalls selbst die städtische Lähmung erfasst oder sie haben sich totgelacht. Ich sage nur: Vorsicht vor Haflingern. Ich kenne von einer späteren Wanderung her einen Rastplatz im oberen Tchamintal am Rosengarten, wo die Viecher gleich herdenweise und aus bester Gewohnheit den Wanderern auflauern und sich über deren essbaren Rucksackinhalt hermachen.

Was ich allerdings auch von einer späteren Wanderung weiß: der schuldige Haflinger auf der Puez-Hütte hats nicht überlebt. Der Hüttenwirt musste ihn zum Abdecker bringen, weil er es mit dem Raubsaufen übertrieben hat.

Hätte mich also das Pferd nicht vor der gesamten Hüttenöffentlichkeit blamiert, wäre ich vielleicht zur Nacht auf der Puez-Hütte beblieben. So aber wurde es ein Hotel auf dem Grödnerjoch.

Und weiter ging es. Das Sella Massiv steht an. Es sieht von unten aus wie eine riesige Bergfestung. Seine Wände ragen steil auf, und man weiß zunächst gar nicht, wo es denn da hinein und hinauf gehen soll. Der Wanderweg führt auf halber Höhe am Massiv entlang, um dann plötzlich unvermittelt ins Val Settus einzubiegen. Das Val Settus ist kein beschauliches Tal, sondern eine riesige steile Schutthalde, die bis vielleicht 200 Meter unter den oberen Rand des Plateaus reicht, das den Hauptteil des Sellamassivs bildet. Diese letzten 200 Meter sind abgesicherte Kletterei. Wenn man oben steht, weiß man, was man getan hat. Oben findet man die Pisciaduhütte und einen herrlichen Bergsee. Man findet allerdings auch Nebel, Kälte und Schnee, denn man bewegt sich in Höhen zwischen 2600 und 3100 Metern. Es war erst Juni. Auf warmes Sonnenwetter gibt es in der Höhe keine Garantie.

Krone des Sella ist der Piz Boe. Wie gesagt der leichteste 3000er der Dolomiten. Es war in der Tat keine Überanstrengung, ihn vor der Einkehr auf der Sellahütte noch zu machen.

In der Sellahütte saß man gequetscht beieinander. Der Hüttenwirt kann hier eigentlich niemanden abweisen. Ein Wetterumschwung kündigte sich an, und die Leute oben auf dem Sella-Massiv müssen irgendwo unterkommen. Außerdem sind Wanderer ja, wie gesagt, ganz gut im Zusammenrücken. Das macht sie sympathisch.

Am nächsten Morgen war die ganze Landschaft rund um die Hütte weiß. Es war Winter geworden mitten im Juni. Die Wege waren glatt. Ich hatte keine Steigeisen mit, weil die recht schwer und fürchterlich sperrig im Gepäck sind. Aber ich hatte Glück und es ging gerade so auch ohne sie.

Herrliche Blicke öffnen sich vom Sella Richtung Bindelweg und Marmolada. Und was schön war: die Sonne kehrte gegen Mittag zurück und mit ihr die Sonnenlaune. Runter ging es zur Forcella Pordoi und rüber zum Bindelweg und später dann zum Lago Fedaia.

Auf dem Bindelweg habe ich mir erst einmal einen Schock geholt. Beim Wandern hatte ich längst vergessen, um welchen Wochentag es sich gerade handelte, und es musste wohl schon wieder Wochenende sein. Der Weg war voller Menschen. Man ging hier in Reih und Glied hintereinander den alten Bauernweg entlang durch die grüne, liebliche Landschaft. Irgendwo muss es einen Dolomitenführer geben, in dem geschrieben steht, wenn deine Oma keinen Weg in den Bergen mehr schafft, auf dem es was zu sehen gibt, dann transportiere sie per Lift auf die Marmolada, da ist sie gleich ohne einen Schritt zu Fuß auf 3400 Meter und kann alles von oben sehen, oder, falls sie gehen möchte, nimm den Bindelweg, den schafft sie und auch da gibt es die Marmolada zu sehen und dazu den Fedeia-See. Es war also im Schritttempo anwesend so ziemlich alles, was Südtirol an fremden und einheimischen Papas und Mamas, Kindern und Enkeln, Omas und bergsüchtigen Opas zu bieten hatte, ein Prister im Ornat führte eine große Gruppe erlösungsbedürftiger Jugendlicher zur Messe unter freiem Himmel in die frische Luft der sonntäglichen Berge. Man hatte die rechte Wiese für Kreuz und Altar noch kaum gefunden, und staute schon mal den Weg vor den Nachkommenden. Ein Hubschrauber flog unablässig Bauteile für die Schutzhütte Viel del Pan ein. Und das am Wochenende! Die Leute staunten. Man diskutierte allgemein die Kosten und verstand dann plötzlich die Pastapreise auf den Hütten. Wenn viele Leute zusammen sind, wird viel geredet. Wenn viele Italiener zusammen sind, besonders viel. Man hört die hohen Stimmen der Mädchen, die leidenden der Mütter, denen schon alles zu viel ist und die quengelnden der Kinder, die wie immer nicht genug Gehör finden. Und alles ist sehr laut, weil man ja gezwungenerweise auf dem Weg hintereinander geht und nicht wie von der Stadt gewohnt, als Familientrupp die ganze Straßenbreite besetzen kann, was stautechnisch die gleiche Wirkung hat. Man hat also allen Grund, sich auf dem Bindelweg zuhause zu fühlen.

Ich fühlte mich über- und unterfordert gleichzeitig. Überfordert wegen der vielen Leute und unterfordert, weil es mir hier eindeutig zu langsam voran ging. Eigentlich reichte das Tagespensum bis zum Fedaia See. Aber mir war nach Weitergehen und es war gerade früher Nachmittag geworden im Wandererstau.

Wie von allein ging es den Passo Fedaia hinunter zu einer engen, malerischen Schlucht, dem Serrai de Sottoguda. Das Flüsschen, das durch diese Schlucht fließt, heißt meine ich Pettorina, und an ihm ging es den Nachmittag entlang. Es mündet in ein etwas größeres Flüsschen und dies endlich in den See von Alleghe.

Hier machte ich Rast und hatte kaum gemerkt, dass ich zwei Tagesetappen an einem Tag gemacht hatte. Wandern bringt einen wirklich in Form. Ich hatte bis hierhin 10 Pfund abgenommen, trotz besten Essens und bestem Rotwein.

In Alleghe schlief ich im Sporthotel „Europa“. Nach den Hütten und den zumeist einfachen Unterkünften der letzten Wochen war das schon einmal deutlich etwas anderes, sich abends zum 4-Gang Menü mit ausgesuchten Weinen zu setzen und die zuvorkommende Bedienung zu genießen, der ich der Noblesse wegen in der inzwischen getrockneten zweiten meiner beiden Hosen entgegentrat, die eigentlich erst am kommenden Morgen zum Einsatz kommen sollte.

Nach dem recht ausgiebigen Essen verlief ich mir wie ein Kurgast beim Sonnenuntergang die Beine am See.

Es war dies meine letzte Nacht in den Bergen der Dolomiten, was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste, denn am nächsten Tag bekam ich einen Vorgeschmack auf den Weltuntergang. Das Bergglück wandte sich gegen mich.

Früh morgens, es muss gegen sieben gewesen sein, denn früher bekommt man im Hotel meist kein Frühstück, erwartete mich wieder die herrlichste Sonne. Bald war ich abmarschbereit und machte mich auf zur Talstation der Bahn zum Col die Baldi. Ich hatte für heute vor, zum Coldaisee aufzusteigen und an der Chivetta entlang, deren sensationelle Westseite fast eintausend Meter steil abfällt, zum Torre Venetia zu wandern, einer landschaftlich exponiert gelegenen Felsnadel für ehrgeizige Kletterer, die alle Bitten ihrer Mütter in den Wind schlagen, gut auf sich aufzupassen. In der Gegend liegt die Vazollei-Hütte, wo man die Helden vom Torre Venetia auf den Bänken vor der Hütte antrifft, wie sie ihre Gerätschaften pflegen und die Seile ordnen und – egal ob Junge oder Mädchen – die Selbstzufriedenheit satter Panther ausstrahlen, die zu zeigen man üben muss, bevor der Eindruck gelingt. Diese ostentative Ruhe im eigenen Körper durchkreuzt sich gleichsam mit der wissenden Sorge um den Pflegezustand der eigenen Ausrüstung. Jungens und Mädels geben gleichsam Tarzan und Putzfrau in einer Person. Ich finde das eine reizvolle Kombination und kenne sie ganz gut von Bergsteigern, Paraglidern, Drachenfliegern oder Tauchern.

Als weiteren Tagesverlauf hatte ich mir dann die Wanderung an der einsamen Südseite der Moiazza Berge vorgenommen. Ich hatte vor, mindestens bis zum Rifugio Tomè, wenn nicht weiter zur Pramperet-Hütte zu kommen.

Vom Plan zurück zur Wirklichkeit. Oben am Col die Baldi öffnet sich der Ausblick rüber zum Monte Pelmo, einem Solitär von Berg, an den man sich später immer wieder erinnert. (Dabei fällt mir auf, wie viele eindrucksvolle Berge meiner Wanderung ich nicht einmal erwähnt habe. Der Langkofel hätte zum Beispiel mindestens eine Erwähnung verdient.) Den Weg hinauf zum Monte Coldai machte ich in der angenehmen Kühle des sonnigen Vormittags. Der Coldai-See ist nach dem Aufstieg genau der richtige Platz für eine Rast, bei der man leicht etwas die Zeit verschläft. Nachdem man ihn passiert hat, wendet sich der Weg um die Chivetta mit ihren wie schon gesagt sensationellen Abhängen herum. Man passiert die Tissi-Hütte, die wie ein Adlerhorst etwas abgerückt vor den Steilwänden der Chivetta liegt, die Fenster seltsamerweise ausgerichtet auf die vielleicht fünfhundert Meter entfernten Steilwand und nicht wie sonst anders herum mit weitem Blick übers Tal. Die Wand war hier offenbar das Interessante. Zwei Jahre später werde ich in genau dieser Hütte sitzend, die ich nach bereits heftigem Platzregen gerade noch erreichen werde, ein Alpengewitter erleben. Der Himmel wird sich fast nachtschwarz verdunkeln und die Blitze werden in immer schnellerer Folge die Steilabhänge der Chivetta erleuchten. Und links und rechts und überall wird es krachen. Mir wird auffallen, dass Blitze ganz und gar kein warmes Licht geben. Ihre Kälte, Helligkeit, Häufigkeit, Plötzlichkeit gegen die Massivität des Tausendmeter-Abgrundes der Chivetta. Dazu ein Donner-Soundtrack. Und all das bei einem heißen Hüttentee. So geht großes Kino.

Heute freilich war ich nur ein wenig verspätet in den Nachmittagsteil meiner Wanderung geraten. Es wurde schwüler. Ich begegnete ganz unerwartet einem Wanderer, einer Art Spiegelbild von mir selbst, der meinen München-Venedig-Weg in umgekehrter Richtung ging, also von Venedig nach München. Es ist sehr unterhaltsam, wenn einer den anderen fragt, was denn jetzt noch auf ihn zukommt. Wann hat man schon einmal die Möglichkeit, jemanden zu treffen, der in die eigene Zukunft schauen kann?

Aber weiter. Nach dem Torre Venetia traf ich denn auch wirklich auf der Vazollei-Hütte einen der wildkatzenhaften Helden der Berge bei der Pflege seiner Geräte an. Wir kamen ins Gespräch und es wurde wieder später und schwüler.

Von hier noch aufzubrechen stellte sich als ein großer Fehler heraus. Der Weg von der Hütte führte bergab. Der Wirtschaftsweg verbreiterte sich. Er war nicht unbedingt für Wanderer gemacht. Der eigentliche Wanderweg sollte irgendwo unten rechts wieder bergan gehen, aber er war schwer zu erkennen und als ich ihn schließlich gefunden hatte, war es schwer, ihm zu folgen, weil er nur ziemlich schlecht markiert und durch junges Grün überwachsen war. Oben am Bergrelief entdeckte ich die Umrisse der Scharte, über die mich der Weiterweg führen würde. Aber irgendwie saß ich fest. Der Himmel war unterdessen verdächtig braun geworden. Ich hatte, in ein Seitental gequetscht, ohnehin keine Fernsicht, um zu sehen, was los war. Ein brauner Himmel, so als ob Dreck in der Luft ist? Das Braun verfärbte sich binnen Minuten in ein Dunkelgrau. Ich ging im Kopf meine Chancen durch. Zurück zur Vazollei-Hütte war unmöglich. Wenn das Wetter in der nächsten halben Stunde schlechter würde, würde ich mich schon auf dem ersten Kilometer Rückweg hoffnungslos verlaufen. Weiter über den Kamm nach vorn? Da würde ich genau in das aufziehende Gewitter hineinlaufen. Keine Chance. Mir blieb nichts anderes über, als es auszusitzen. Also so weit wie möglich den Hang runter in eine Schonung mit nicht zu hohen Bäumen, aber auch weit genug vom Bach weg. Weg mit allem, was aus Metall ist. Alles anziehen, was Wasser abweist. Isomatten auspacken und auf den Boden, in der Hoffnung, dass sie auch gut gegen Blitze sind. Draufstellen, Knie zusammen, hinkauern. Ein Männlein steht im Walde.

Das Krachen ging los. Der Regen ging los. Die Blitzeinschläge gingen los. Es wurde dunkel. Leider kein Kino.Was jetzt kam, war reine Glücksache. Und es hörte einfach nicht mehr auf. So als hätte mein Hochtal das Gewitter geradezu eingefangen und lasse es nicht mehr los.

Irgendwann wurden die Blitze dann doch seltener. Aber der Gewitterregen hörte keineswegs auf und es wurde schnell kälter. Ich hatte völlig Recht gehabt, nicht weiter zu gehen und den

Col dell Orso zu überschreiten, denn dort schlugen nach wie vor Blitze ein. Außerdem hätte ich bei abendlichem Schlechtwetter kaum sicher den mir unbekannten Weiterweg gefunden.

Ich steckte fest und war klitschnass und fand die Berge zum Kotzen. Vor ging nicht, zurück ging nicht, raus könnte gehen. Es wurde dunkel. Alles war nass. Hinlegen und einfach draußen biwakieren ging auch nicht.

Bei Einbruch der Nacht ließ der Regen endlich nach und ich beschloss, loszugehen, eigentlich nicht, um irgendwo hinzukommen, sondern einfach, weil gehen warm hält. Die einzige Chance war, den Wirtschaftsweg wiederzufinden. Der musste ja schließlich irgendwo hinführen. Der Sound der nächsten zwei Stunden war das regelmäßig patschende Geräusch des Wassers in meinen vollgelaufenen Wanderstiefeln. Irgendwann erreichte ich die Landstraße. Jetzt wäre eine Gaststätte gut. Aber ich fand keine, die noch geöffnet hatte. Ich kam durch nächtliche Orte, in denen nichts mehr los war. An einem verlassenen Touristenrastplatz an der Landstraße gab es Wasser und ich versuchte, meine Socken trocken zu bekommen. Ich erinnere mich gut, wie ich barfuß im Dunklen am Brunnen gesessen habe, um die Füße zu kühlen und die Socken auszuwringen.

Stockfinster ist die Nacht auf Landstraßen in Südtirol. Es gibt keinen Platz, wo man als Wanderer hingehört. Man geht ziemlich unbeleuchtet auf Asphalt und muss sich das Gehupe entgegenkommender LKWs anhören. Außerdem geht es durch eine ganze Reihe Straßentunnel, die links und rechts keinen Platz für Fußgänger vorsehen. Da kommt das Gehupe besonders gut.

Nicht unschwierig fand ich auch das Verhältnis so mancher Bauern zu ihren Hofhunden. Es bellte aus allen Ecken, aber bei weitem nicht alle Hoftore waren verschlossen. Die Landstraße ist nachts auch eine Art Hofhundeachterbahn.

Es muss so gegen vier Uhr morgens gewesen sein, als das Gewitter wieder einsetzte. Ich war bis kurz vor Belluno gekommen und brauchte dringend eine Möglichkeit, mich unterzustellen.

Inzwischen war ich mehr als zwanzig Stunden auf den Beinen und hatte von Alleghe bis hierhin gut 50 Kilometer hinter mir. So fertig wie ich war, war mir eine überdachte Bushaltestelle mit Bank gerade recht, um jetzt doch zu biwakieren, zumal der Fahrplan einen Bus nach Belluno gegen sieben Uhr ankündigte. Das folgende Gewitter hat mich schon nicht mehr besonders aufgeregt, obwohl es keine zweihundert Meter entfernt von mir einen Baum zerlegte.

Kurz nach sieben brachte mich der Bus die letzten paar Kilometer nach Belluno. Die Alpen lagen damit hinter mir. Ich habe mir eine mehrtägige Pause in Belluno gegönnt. Auf der ganzen Wanderung habe ich nicht eine einzige Blase bekommen und dennoch konnte ich in Belluno zwei Tage lang nicht richtig laufen.

Abgesehen davon, dass Belluno ohnehin eine sehr schöne, mittelalterliche Stadt an der Piave ist, hat mir gefallen, dass der Domorganist einen guten Geschmack hatte und beim Üben Publikum zuließ. Ich liebe moderne Orgelmusik. Olivier Messiaen und eine mittelalterliche Stadt wie Belluno passen gut zusammen.

Bis Venedig wären es jetzt nach den Alpen noch fast 100 Kilometer. Also 2 Chaostage oder 4 normale Tage oder 2 Stunden mit dem Bus.

Ich fand, zwei Stunden mit dem Bus sei die bei weitem attraktivste Möglichkeit. Dennoch! Ich wollte zu Fuß ankommen und wählte den Bus nur bis Jesolo, um von dort die letzten 25 Kilometer zu wandern bis zur Fähre nach Punta Sabbioni. Wieder ein schöner, heißer, letzter Tag, an dem mir alles noch einmal durch den Kopf ging, bevor ich dann nach einem kleinen Umweg an den Lido, wo ich mich mit meiner Frau verabredet hatte, zuletzt auf dem Markusplatz ankam.

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