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   Bild-Quelle: 3Sat KulturZeit, Frau Osterloh im Interview vom 15.3.2016

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Michael Seibel - gönn dir 'ne Pause vom Krieg - oder: Zynische Normalisierungswut



Martin hatte vor ein paar Tagen ein Fernseh-Interview gesehen, über das er sich immer noch ausgesprochen ärgerte. Es kam ihm vor, als habe George Orwell Regie geführt. Es klang wie von einem anderen Stern! Und zugleich total alltäglich.
Ein Muster an Selbstgefälligkeit.

Zwei emeritierte Schweizer Wirtschaftsprofessoren (wer sonst?), eine Frau Osterloh und ein Herr Frey, hatten vorgeschlagen, von Flüchtlingen, die nach Europa wollten, Eintrittsgeld zu verlangen.

Das Grundargument

Das Grundargument dabei war, dass es auf jeden Fall weniger Tote geben würde. Und um das zu erreichen, sei auch jedes unkonventionelle Mittel recht. Weniger Menschen würden im Mittelmeer ertrinken, wenn ihnen die europäischen Staaten ganz offiziell Eintrittsgeld abnehmen und sie dafür sicher über das Mittelmeer bringen würden.

Martins Frau fand seine Aufregung einigermaßen unverständlich. "Was regst du dich über diese Frau Osterloh so auf," wandte sie ein, "da gibt es doch wirklich wichtigeres. Die ist ein viel zu kleiner Fisch, dass du stundenlang danach angelst. Schreibt lieber über diese Boko Haram in Nigeria oder über den IS, das sind doch wohl die Verbrecher, aber doch nicht diese Frau Osterloh. Du nimmst die viel zu wichtig, und außerdem schreibst du immer so lange Sachen. Fass dich doch mal kurz."

Da hatte seine Frau natürlich irgendwo recht. Aber Martin war ganz und gar nicht der Meinung, dass es lohne, sich über die Boko Maram zu verbreiten, zumindest nicht von Deutschland aus. Wenn eine Mörderbande Menschen zu Tausenden ermordet und Hunderte Mädchen entführt und zwangsverheiratet, was soll man da noch groß sagen? Daran war aus seiner Sicht nichts, worüber man erst noch groß nachdenken musste. Mord ist Mord.

Wenn er im Land wäre, wäre das vielleicht etwas anderes. Dann hätte er sich schon gefragt, wie das genau läuft, wenn junge Männer, (die sind es ja wohl meistens,) zu solchen Mördern werden. Wie versteht man so etwas, oder ist das prinzipiell unverständlich? Wovor steht man, wenn man sich Antworten dazu anhört? Vor der Banalit├Ąt des Bösen wie Hannah Arendt beim Eichmann-Prozess? Martin bewunderte die Kleinarbeit, die ein Cristoher Browning im Hinblick auf die Verbrechen des Reserve-Polizei Battalions 101 in Polen während des zweiten Weltkriegs geleistet hatte. Er achtete aber auch dessen Ratlosigkeit am Ende. Warum die so etwas machen, konnte Browning am Ende nicht wirklich sagen. Das waren doch alles 'ganz normale Leute'.
Martin fand diese Arbeit der Reflexion ausgesprochen wertvoll, gerade weil sie so detailliert war, und weil Browning allen möglichen Spuren und Motiven nachgegangen war, die eine Antwort hätten bieten können.
Und da ließ sich auch wirklich alles mögliche finden. Aber kein wirklicher Grund.

Die Frage, was bloß mit den Leuten los ist, die so etwas tun, ließ sich nur aus der Nähe stellen. Das Unsagbare, das Grauen, scheint es nicht für jeden zu geben. Das sieht man aber nur aus der Nähe. Aus genügend weiter Entfernung gibt es nichts Unsagbares mehr. Da hat alles Mögliche Gründe, wahrscheinlich sogar Boko Haram. Mit mehr Abstand versteht man zwar alles leichter, aber es wird auch alles beliebiger.

Dann doch lieber Frau Osterloh. Wenn man sich anhört, was aus Menschenfreundlichkeit so alles gesagt wird, mit einer Menschenfreundlichkeit, die im Großhirn wahrscheinlich nur Millimeter neben dem Ort produziert wird, der für Menschenhass zuständig ist, mit welcher Miene und von wem, verdient das eine gewisse Ausführlichkeit. Außerdem lief man bei Frau Osterloh nicht Gefahr, jemandem Publizität zu verschaffen, der damit all zu viel hätte anfangen können, denn sie schien sich nicht zum Frontman irgendeiner Bewegung zu eignen.

Was ging dieser Frau Osterloh bloß durch den Kopf, wenn sie von Flüchtlingen Eintrittsgeld verlangte? Er dachte an die Bilder aus dem zerstörten Aleppo, wo kaum ein Stein auf dem anderen lag. Diesen Leuten, die auch noch alle möglichen Flüchtlingslager hinter sich hatten, wollte man also ihr letztes Geld abnehmen. Das Argument war von überzeugender Brutalität: es sei, so Frau Osterloh, doch offensichtlich, dass sie besitzend seien, sonst könnten sie die Schlepper nicht bezahlen, die sie nach Europa bringen. Manche Managementwissenschaftler scheinen wirklich noch mit dem letzten Mist Geld verdienen zu wollen.

Europa mach den Räuberhauptmann!
Sonst droht dir die Pleite.

Aber was für ein Vorstellungshintergrund war das denn? Frau Osterloh suggerierte, dass das wirtschaftliche Wohlergehen Europas davon abhinge, Flüchtlingen vor der Einreise ihr Geld abzunehmen. Das war nun wirklich purer Schrott. Armes Europa, wenn das zutreffen würde und es wirklich darauf ankäme. Wenn Europa schon den Räuberhauptmann gibt, dann sicher nicht mit solchen kläglichen Einmal-Geschäften.

Dass Gastarbeiter oft viel von ihren Einkommen nach hause schicken und dass das wirklich eine bedeutende Unterhaltsquelle für deren Familien ist, war ihm klar, aber das doch bitte regelmäßig? Dass Europa also auf eine Einmalzahlung angewiesen sein sollte: Was log die Interviewte da herum?

Martin hatte sich gewaltig über dieses Interview geärgert, so gewaltig, dass er es sich aus dem Internet heruntergeladen hatte und es sich Wort für Wort und Bild für Bild viele Male hintereinander ansah, um herauszubekommen, was da wohl im Kopf dieser Frau Osterloh vorgehen mochte. Es war ihm ein ausgesprochenes Rätsel, was für Ausmaße von Dummheit und Unverschämtheit es gibt, von denen derjenige, der sich entblödet, nichts zu merken scheint, obwohl er doch sonst mit allen Zeichen der Gotteskindschaft versehen ist und ihm rein nichts fehlt. Unverschämtheit tut offenbar nicht weh. Und wenn man früh genug damit anfängt und sie regelmäßig praktiziert, ist Unverschämtheit den meisten Unverschämten nicht einmal peinlich.

Man kann Leuten beim Lügen zusehen.
Aber kann man auch sehen, dass sie lügen?

Vielleicht verrät das Äußere ja etwas von dem, was im Kopf los ist, so wie man bei jungen Männern an der Hose sieht, wenn sie geil werden, oder bei den meisten Männern und Frauen an den Augen erkennt, die vor einer Auslage plötzlich aufgerissen werden, dass da etwas bestimmtes interessiert oder wie man ja angeblich vor Jahren hätte sehen müssen, dass der damalige Ministerpräsident Uwe Barschel log, als er sagte:

„Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“

Bei Barschel waren das die beiden Momente, in denen man die Lüge angeblich hätte sehen müssen, in denen er mit Schweiß auf der Stirn die Augen schloss und den Kopf senkte, in dem Moment, als er das Wort 'Ehrenwort' aussprach und dann das zweite Mal beim Wort 'haltlos'. Würde so vielleicht ein kleiner Junge antworten, der trotz Verbot eine Zigarette geraucht hat, wenn ihn sein Vater fragt: Hast du geraucht? Hauch mich mal an.

„Nein Papa, ich habe nicht geraucht.“ Bei der glatten Lüge würde er seinem Vater auch nicht offen in die Augen schauen, sondern wahrscheinlich auch zu Boden blicken und rot werden. Das könnte man sich jedenfalls vorstellen.

Ein wirklich zwingender Vergleich war das nicht gerade. Warum wollte er Frau Osterloh mit Barschel und dann sogar noch mit einem kleinen Jungen vergleichen? Irgendwie konnte er nicht anders. Er wollte sich irgendwie vergewissern, ob man seinen eigenen Augen trauen kann oder nicht. Er wollte dieser Frau Osterloh, die eigentlich für ihn nichts Besonderes hatte, hinter die Stirn schauen, obwohl er natürlich tausendmal erlebt hatte, dass das nicht geht. Die Bretter biegen sich nicht bei Lügen und bei Unaufrichtigkeiten und Übervorteilungsversuchen schon gar nicht.

Frau Osterloh war für ihn unverschämt und ein Feigling, der sich vermutlich sogar noch für besonders mutig hielt und sich in Wirklichkeit einfach nur von sehr vielen Idioten mit der gleichen Meinung beschützen ließ. Hätte deren Zahl abgenommen, hätte sie sich mit Sicherheit gemäßigt, ohne überhaupt zu bemerken, dass ihr einziger Grund zur Mäßigung nur darin bestanden hätte, dass sie nicht gern allein mit ihrer Meinung war. Sie hätte wahrscheinlich in so einem Fall behauptet, ich habe es mir noch einmal überlegt und das Alter macht mich milde. Aber das Alter macht nicht milde, sondern nur schwach.

Müsste es nicht irgendeinen vielleicht kaum sichtbaren Hinweis geben? Wo war der? Weiß sie, was sie da sagt, oder weiß sie es nicht? Wie gesagt, die Chancen standen schlecht, das herauszufinden.

Das Outfit - das Äußerste, was sonst?

Diese Frau kam nun also in einem ausführlichen TV-Interview zu Wort. Sie war eine gut aussehende 73-jährige, die man auch zehn Jahre jünger hätte schätzen können. Die Bilder, die im Internet von ihr kursierten, waren alle schon älter. Auf denen war sie sehr viel jünger. Hatte sie nicht mehr daran gedacht, aktuelle Bilder hinzuzufügen, oder sah sie sich gerne jung? Sie hatte offenbar ihr ganzes Berufsleben über viel für ihr Äußeres getan. Warum auch nicht. Jetzt war sie eine gepflegte Erscheinung, die in die Bridge-Runde eines Golf-Clubs passte, die sich Martin aber genau so gut als Senior-Verkäuferin eines Reisebüros oder als ehemalige Stewardess vorstellen konnte. Dieser Gedanke dürfte Frau Osterloh ferngelegen haben, weil eine Reisebüro-Verkäuferin nun einmal nicht das Prestige einer Professorin genießt. Aber Martin kam darauf, weil Anna und er bei den letzten Urlaubsvorbereitungen wirklich von eine Dame beraten worden waren, die sehr ähnlich aussah und klang wie Frau Osterloh. Persönlich hatte Martin auch gar nichts gegen Frau Osterloh. Wogegen er etwas hatte, das war dieser Typ von Ordnungswächter, Kapo und Blockwart. Je gepflegter, um so schlimmer, diese hinterhältigen Scheinheiligen. Und die Püngelei an der Videoaufnahme diente ihm selbst dazu, diesen Typ Mensch etwas genauer herauszupräparieren, so wie man bei einem Insekt, dass man in Essigäther einlegt und auf eine Nadel spießt, ja auch nicht das Individuum meint, sondern die Art .

Die Optik: Roter Blazer auf schwarzem Oberteil mit kleinem roten Seidenschal, halblange blonde Haare mit leichter Innenrolle, große, kugelförmige, goldene Ohrclips. Sogar die Intonation beim Verkaufsgespräch stimmte überein. Nach außen ganz eine Traumschiffreisende im letzten Hafen nach der Emeritierung.

Rennen werden am Start entschieden

„Guten Abend Frau Osterloh,“ begann die Interviewerin.

Man sah Frau Osterlohs Kopf und Oberkörper, leicht nach vorn gebeugt in abwartender Aufmerksamkeit. Manche Politiker, die sich für populistische Positionen hergeben, die gern austeilen und sich dafür öfter schon einmal Prügel abholen, wirken bei Interviews präventiv. Sie wirkte alles andere als das. Sicher hielt sie ihre eigene Position auch nicht für populistisch. Frau Osterloh zeigte die gelassene, sogar freudige Erwartung von jemandem, der sich durch Präsenz im Fernsehen aufgewertet fühlt. Und gegen die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob sie eine gute Figur machen würde, half ihr wohl die Hörsaal-Erfahrung, die man als Professor mitbringt.

Martin startete die Wiedergabe. Die Eingangsfrage der Interviewerin: „Eintrittsgeld für Flüchtlinge, das klingt erst einmal nach einer Provokation. Können Sie uns dieses Modell ganz kurz erklären?“

Man sah, dass Frau Osterloh kurz nachdachte, so wie jemand, der einer Prüfungssituation ausgesetzt ist. Auf die Wortwahl kommt es an, besonders am Anfang. Recht hat sie, dachte Martin. Viele Rennen werden schon am Start entschieden. Man ist eben chancenlos, wenn man nicht optimal aus der Box kommt. Martin bemühte sich kein Detail im Gesicht, in der Haltung und in der Stimme von Frau Osterloh zu übersehen.

Die Idee

„Die Idee von Bruno Frey und mir ist, dass die Flüchtlinge in eine Art Genossenschaft oder in einen Club eintreten und an der Infrastruktur, die da bereits geschaffen wurde, teilnehmen. Dafür ...“ - dieses Wort dafür betonte sie mit einem Nachdruck, als gehe es darum, im Aschenbecher eine Zigarette auszudrücken. Sie erhob die Stimme, schloss die Augen und nickte mit dem Kopf auffällig ähnlich wie Barschel bei seiner Lüge, fand aber bereits beim nächsten Wort in die ruhige Tonlage zurück -

„... bezahlen sie eine Aufnahmegebühr.“

Faires Geld für faire Leistung

Beim Wort Aufnahmegebühr nun, das sie völlig ruhig aussprach, riss sie unverständlicherweise die Augen weit auf und starrte in die Kamera. Martin hielt das Video an. Das Standbild, das sich an dieser Stelle ergab, hätte in einen Katastrophenfilm gepasst. Frau Osterloh schaute, als rase ein Express auf sie zu, so voller Angst. Aber ihre Stimme war dabei völlig ruhig. Das passte nicht -

„und im Gegenzug bekommen sie die Möglichkeit, ohne Gefahr, ohne Schlepper bei uns einzureisen.“

Dieses „ohne Gefahr, ohne Schlepper“ widerrief völlig die aufgerissenen Augen von eben gerade. „Im Gegenzug“ und „ohne Gefahr“, das waren hier die betonten Wörter: Bei 'Gegenzug' hob sie die Stimme. Das Wort 'ohne' war ebenfalls betont und das Wort 'Gefahr' sprach sie leicht gedehnt aus, aber in abfallendem, leiser werdendem Ton. Mit ihrer Betonung wollte sie offenbar ihrem Argument eine Angst reduzierende Wirkung unterlegen. So hört sich Beruhigung an, wenn man seine Kinder ins Bett bringt, dachte Martin: 'ohne Gefahr' abfallend, ins Unbetonte sinkend.

Kassieren ohne Schuldgefühle

'Im Gegenzug', das war die andere Stütze des Arguments, die betont sein musste, denn die Rede war von einem fairen Geschäft. Für faires Geld gibt es faire Leistung. Kein Grund also, dass irgend jemand ein schlechtes Gewissen bekommt, das sonst so leicht bei Fragen der Flüchtlingsversorgung aufkommt..

„Das ist die Grundidee. Diejenigen, die dann als Asylanten oder als Kriegsflüchtlinge anerkannt werden,“ - in das Wort anerkannt legte sie Zuversicht, es war sozusagen der Hügel, von dem die zweite Satzhälfte herunter rollte - „die bekommen dann das Geld zurück.“

So wie man in einem seriösen Supermarkt sein Geld zurückbekommt, wenn sich die Kassiererin verrechnet hat oder wenn sich das gekaufte Obst zuhause als angeschimmelt herausstellt. Es klang, als sei Frau Osterloh dabei, etwas übermütig zu werden und als wolle sie behaupten, die Anerkennung als Kriegsflüchtling sei vergleichsweise sicher zu erreichen. Man bekomme sie einfach so. Vollkommen unbürokratisch und fair. Es gebe keinen Druck, keinen Betrug, keine Gewalt im Club.

„Für die anderen ist es dann eine echte Aufnahmegebühr.“

Das sagte sie mit dem Beiklang des Bedauerns. Leider ist das so. Wir müssen Geld nehmen. Es muss sein, aber das ist ganz wie im Tennisclub. Und da versteht es ja auch jeder. Man zahlt und bekommt dafür Rechte und Spielzeiten, aber das macht einen noch lange nicht zum Clubchef.

Club und Krieg, Krieg und Club
Wer zahlt, hat seinen Frieden

This thou perceiv’st, … Und so wird der Umgang mit Flüchtlingen zum Normalsten von der Welt. Club und Krieg, Krieg und Club. Das lässt sich normalisieren. Es gibt keinen Grund zu Aufregung oder Angst. Das Zauberwort heißt Eintrittsgeld.

Martin fragte sich, wie es diese … , seine Contenance war im Augenblick nicht die beste, wohl gefunden hätte, wenn man nicht den Krieg in Syrien und die Flüchtlinge, die er in Europa anschwemmte, für einen leicht zu bewältigenden Sonderfall der europäischen Friedens-Normalität ausgegeben hätte, in der mit ein bisschen Geld und guten Willen eigentlich mehr oder weniger alles geht, sondern umgekehrt unsere Friedens-Normalität für ein luxuriöses Randphänomen der weltweiten Kriege, was mindestens ebenso plausibel ist.

Alles nur Gewinner

„Ihr Kollege Bruno Frey kommt ja zu dem Schluß, dass am Ende alle profitieren, die Emigranten, die Aufnahme- und die Herkunftsländer. Worin läge denn jetzt der Gewinn?“

Etwas, bei dem es nur Gewinner gibt, ist ein perpetuum mobile. Und das machte Martin immer ganz hellhörig, denn es verletzt nun einmal den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Nichts läuft von alleine. Da ist immer irgendein Dritter, der draufzahlt. Und wenn der geleugnet wird, namenlos bleibt und gar nicht erst in Erscheinung tritt, wenn die Gewinner unter sich bleiben wollen, hat auch das meistens irgend einen Grund. Rein logisch kommen da nicht einmal viele Gründe infrage. Entweder ist dieser jemand zu peinlich oder aus der Sicht der Gewinner eine quantité négligeable oder an dem ganzen Geschäft stimmt einfach etwas nicht und es gibt wirklich keinen ausgeschlossenen Dritten, sondern jemand der Anwesenden wird gerade nach Strich und Faden verarscht.

Jetzt fand es Martin in der Tat hochspannend, zu hören, ob Frau Osterloh den angebotenen Knochen ins Maul nahm, den ihr die Interviewerin da hinhielt. Der war jedenfalls vergiftet.

Damit sich Flüchtlinge nicht mehr so schämen müssen

Frau Osterloh blickte kurz nach unten. Doof war sie ja nun nicht. Sie hatte sich offenbar einen Zettel mit Stichworten gemacht.

„Der Vorteil für die Aufnahmeländer wäre, dass sie einen Beitrag für die Kosten der Integration bekommen, die ja nicht gering sind.“

Ohne es auch nur mit einem einzigen Wort offen zu sagen, machte Frau Osterloh hier Flüchtlinge zu Menschen, die an der Entstehung hoher Kosten schuld waren, Kosten, die es nämlich ohne sie nicht gäbe. Frau Osterloh produzierte gerade Schadens-Verursacher. Das tat sie allerdings mit einem Ausdruck in der Stimme, als sei sie bereit, ihnen das zu verzeihen. Etwa so als erwähne sie, dass Katzen zwar Dreck machen, dass man aber als Katzenliebhaber gerne bereit sei, darüber hinwegzusehen.

„Die Verfahren könnten“, so setzte sie ihre Aufzählung fort, „sehr viel schneller erledigt werden.“, um dann zu einer Art von gemischtem Vorteil sowohl für die Aufnahmeländer als auch für die Flüchtlinge überzugehen, indem sie fortfuhr: „Die riesigen Kosten für die Grenzsicherung“, hier betonte sie gleich den ganzen Ausdruck 'riesige Kosten für die Grenzsicherung' und nicht allein das Wort riesig, „würden entfallen und könnten für die Integration der Flüchtlinge verwendet werden.“ Vorteil der Aufnahmeländer: sie tragen weniger Kosten. Vorteil der Flüchtlinge: sie tragen entsprechend weniger Schuld. Sie verursachen ja weniger Aufwand. Das macht die Flüchtlinge sympathischer, das macht aus ihnen Besucher.

Schau mir in die Augen, Kumpan!

Es kam jetzt zu einer Kernaussage:

„Und was ganz wichtig ist, die Gefahr der Überforderung unserer Sozialsysteme würde auf diese Art verringert, wenn nicht gar beseitigt werden.“

Bei diesem Satz änderte sich ihre Haltung schon wieder völlig. Sie sprach hier nicht wie ein Prüfling oder wie eine Mutter zu ihrem Kind, sondern blickte zum ersten Mal seit Beginn des Interviews direkt und offen und gleichsam ohne jede Pose in die Kamera, wie jemand, der mit einem guten Freund spricht, mit dem er sich darüber einig ist, was wesentlich ist und was nicht und mit dem gemeinsam er gewohnt ist, etwas zu unternehmen, gemeinsam in den Urlaub zu fahren oder wenn es sein muss, gemeinsam in den Krieg zu ziehen, wenn man dazu nicht schon zu alt ist und viel zu friedliebend wie Frau Osterloh und sich auch nicht erst umziehen müsste.

„Im übrigen ein weiterer Vorteil ist,“ sie setzte zu einer ziemlich billigen Polemik gegen die Bundeskanzlerin an, von der sie sich eine witzige Wirkung versprach, denn zweifellos stand der Spruch auf ihrem Spickzettel und war ihr nicht eben erst eingefallen, „dass man sich um das Satireverständnis eines Herrn Erdoğan auch keine Gedanken mehr machen müsste.“

Indem sie das sagte, neigte sie den Kopf genau so, als verbeuge sie sich tief vor dem Fernsehpublikum, um ihn sofort wieder in die Höhe zu reißen, den Mund weit aufgerissen, als wolle sie schallend loslachen.

Der Witz kam aber nicht an. Zumindest nicht bei der Interviewerin.

Selektion - yes or no?

„Aber findet so nicht eine Selektion statt, in der es in erster Linie eigentlich um das Geld geht und nicht um die Not der Flüchtlinge?“ fragte die Interviewerin naheliegenderweise, aber naiv.

„Nein, die Flüchtlinge haben ganz deutliche Vorteile gegenüber dem bisherigen Verfahren.“

Warum leugnete Frau Osterloh die selektive Wirkung? Ehrlicherweise hätte sie sagen müssen, dass so ein Eintrittsgeld selbstverständlich eine knallharte Selektion wäre. Das hätte sie ruhig zugeben können. Es hätte ja trotzdem stimmen können, dass diejenigen, die zu zahlen in der Lage sind, große Vorteile durch das Verfahren hätten. Natürlich haben reiche Leute durch ihr Geld immer 'dann und nur dann', wie die Logiker sagen, Vorteile, wenn es das, was sie haben wollen, auch zu kaufen gibt. Wenn man aus der Einreise eine Ware macht, ist das für zahlungskräftige Kundschaft immer interessant. Das weiß nun wirklich jeder Reisende.

Die Tourismus-Idee

„Der erste und wichtigste Vorteil ist, dass sie ohne Gefahr für Leib und Leben und ohne die entsetzlichen Traumatisierungen, die damit verbunden sind, bei uns einreisen können.“

Ja genau. Welcher Tourist lässt sich schon gern bedrohen, dachte Martin. Und hat nicht fast jeder Tourist schon erlebt, wie man bereits von ein paar Kakerlaken traumatisiert werden kann? Da müssen nicht erst Vater und Mutter erschossen werden, damit man anfängt zu ahnen, was unerträglich ist. Da kann man sozusagen aus persönlicher Erfahrung den Flüchtlingen nur echten Qualitätstourismus bei der Anreise wünschen. Stellen wir ihn also her. Und wie, wenn nicht gegen ihr eigenes Geld.

Der absolute Knaller: die Menschwerdung gegen Geld

„Zweitens werden sie als handlungsfähige Subjekte wahrgenommen, die sich überlegen können, was sie wollen. Sie sind nicht mehr Bittsteller, sondern es wird ihnen ein aufrechter Gang ermöglicht. Das ist ein riesengroßer Vorteil.“

Oho, hier wird ja sogar Menschwerdung verkauft – aufrechter Gang - vom Affen zum Menschen gegen Eintrittsgeld. Der freie Markt macht aus Affen Menschen. Das war es ja wohl, was Frau Osterloh sagen wollte. Und falls sie es nicht so hart sagen wollte, war es jedenfalls das, was sie faktisch sagte.

Die Meinung dürfte bei uns, dachte Martin, mehrheitsfähig sein. Frau Osterloh hatte das sicher nicht als Beleidigung derer gemeint, die dann doch kein Geld hatten oder wie eine kolonialistische Ideologie, sondern wahrscheinlich eher wie einen Text aus der Genesis, den man schon so früh und so gründlich gelernt hat, dass man im Leben niemals mehr daran zweifelt und sich nicht einmal mehr daran erinnert, dass er aus der Bibel stammt, wenn man ihn spontan zitiert. Und wer wollte das bezweifeln: Natürlich lässt einen ein gewisses Geld-Vermögen aufrechter gehen und nicht nur eine über Jahrtausende erworbene Sonderform der Beckenknochen.

Zur Menschwerdung kommt es ja nicht, dachte Martin, weil ein Mensch, wenn er nur lange genug aufrecht geht, irgendwann denkt, ab jetzt sei er ein Mensch. Nein, von sich aus würde er sich wahrscheinlich weit lieber für einen nunmehr hochbegabten Affen halten, für jemand, der all die anderen Affen um rund einen halben Meter überragt, als für jemanden, der mit dem Menschsein gerade erst anfängt. Es sind in der Tat die Anderen, die jemandem den Status verleihen, ein Menschen zu sein. Da hat Frau Osterloh vollkommen recht. Und plötzlich versteht man, warum es ein riesenhafter Vorteil ist, wenn einer zahlen kann.

Dennoch war dieses Wort vom aufrechten Gang wie ein Fremdkörper in ihrer Rede, so als würde sie sich dadurch mit etwas gemein machen, von dem ihr Abstand lieber wäre.

„Und außerdem entfällt die quälende Unsicherheit, die sie jetzt … ja! … ein halbes Jahr oder noch länger erleiden müssen, um zu wissen, ob sie denn bleiben können oder abgeschoben werden.“

Das Wort 'abgeschoben' intonierte Frau Osterloh schon fast patzig, den Kopf nach links geneigt, den Blick in ein Nichts, das sich ungefähr an der Kante des Tisches befinden musste, an dem sie saß. Abgeschoben zu werden heißt, einem Übergriff ausgesetzt sein. Das konnte Frau Osterloh offenbar nachempfinden. Offenbar lagen ihr fremdenfeindliche Empfindungen fern. Kein Zweifel: Flüchtlinge, das waren für sie Menschen wie du und ich. Alle Menschen sind gleich. Kein Zweifel, Frau Osterloh hätte selbst auch Geld bezahlt, wenn der unwahrscheinliche Fall eingetreten wäre, dass sie als Schweizerin aus Syrien hätte fliehen müssen. Aber dann hätte sie auf Qualität bestanden. Jeder hätte das verstanden, jeder Schweizer, jeder Deutsche, jeder Europäer, ja selbst jeder Osteuropäer, jedes Vernunftwesen und vielleicht sogar jeder Taliban, eben jeder, der schon aufrecht geht.

Die Schlepper sollen zahlen. Gute Idee.

„Und was ist mit den Flüchtlingen, die sich den Anteilsschein nicht leisten können?“

„Die haben jetzt schon ein riesen Problem. Die Schlepperkosten sind ja nicht gerade billig.“ War sie etwa nicht verstanden worden? „Bloß dass diese Schlepperkosten jetzt eben an die Schlepper gehen und nicht einen Beitrag für die Gemeinschaft darstellen, die diese Flüchtlinge aufnimmt.“

Die Armen waren nicht ihr Thema, denen würde es mit ihrem Vorschlag kein bisschen besser gehen.

Martin horchte auf: Da war er ja, der Treibstoff für das perpetuum mobile. Die Schlepper sollten alles bezahlen. Auf den ersten Blick sieht das aus wie eine herausragend gute Idee. Frau Osterloh empfiehlt ernsthaft, dass „die Gemeinschaft“ das Geld von den Wegelagerern nehmen soll. Das ist echt sozial. Dann nimmt sie es ja nicht von den Flüchtlingen.

Also: „die Gemeinschaft“ übernimmt die Wegelagerei. Sie scheint darin kein fragwürdiges Geschäft zu sehen. Die Ausnutzung der Notlage stört sie nicht weiter. Bezahlt man nicht auch beim Arzt aus Not? Man unterzieht sich schließlich keiner Krebsoperation, weil man vergnügungssüchtig ist. Selbst Zahnschmerzen sind ja, recht verstanden, eine Notlage. Gerade im Notfall wird bezahlt. Das ist vollkommen normal. Bei den Schleppern ist nur die Produktqualität so grottenschlecht. Man lässt die Leute ersaufen.

Die Aufnahmeländer wären einfach die besseren Schlepper, wenn man bezahlt wie im Tourismus. Die Leute zahlen, bekommen etwas geboten und verschwinden früher oder später wieder. Erweitern wir doch einfach die Palette am besten gleich in beide Richtungen.

Die Tourismus-Idee überzeugt

Martin merkte, dass der Gedanke unglaublich gut funktionierte. Lassen wir die Flüchtlinge die Hotelkategorie wählen. Bieten wir Arbeitsurlaub an. Urlaub im Weinberg, abends essen auf dem Bauernhof. Und nach einer Weile verschwinden die Leute wieder. Bieten wir ihnen gegen entsprechende Gebühren sogar lebenslangen Aufenthalt an. Warum nicht? Udo Lindenberg verbringt das halbe Leben im Hotel Vier Jahreszeiten und macht tolle Sprüche, die die Deutsche Sprache weiterbringen. „Alle Tage sind gleich lang, aber nicht gleich breit.“

Das geht alles. Die halbe Schweiz lebt vom Tourismus. Und Einbürgerungen gegen viel Geld waren dort wohl auch bekannt. Martin war sich in diesem Punkt nicht sicher, aber auch nicht willens, es noch einmal zu recherchieren.

Man braucht praktisch nur auf die reibungslos eingespielten Prozesse der Tourismusindustrie zurückzugreifen und muss das viel kritisierte Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nicht bemühen.

Die Aufnahmeländer geben jedes Risiko komplett an die Flüchtlinge selbst ab. Die sind ohnehin geübt im Tragen von Risiken aller Art. Die Flüchtlinge leisten eine Kaution wie jeder neue Mieter. Alles mehrheitsfähige Gedanken.

Sweet Charity

„Gut, aber wie finanzieren sie sich, die Flüchtlinge?“

„Also der Zustand wird verbessert. Erstens mal müssen sie das Geld jetzt auch schon aufbringen.“ Nur werden sie ab sofort von jemand anderem ausgenommen. „Also die aller Ärmsten können es sich jetzt auch schon nicht leisten. Zweitens kann man sich vorstellen, dass sich ein Kreditmarkt entwickelt, der etwa an den Mikrokrediten orientiert ist,“

Bei der Idee verschlug es Martin die Sprache.
Die durchschnittliche Höhe von Mikrokrediten reicht für fünf Ziegen oder eine Nähmaschine, aber kaum für den Schlepper und schon gar nicht, um Europa aus der Patsche zu helfen. Frau Osterloh war gerade nichts besseres eingefallen. Das Argument war einfach eine Ausflucht. Das wollte Martin einmal zu ihren Gunsten annehmen, denn ihm kam gerade ein ziemlich fürchterlicher Gedanke.

Andererseits... , dachte Martin, wird nicht auch die Carnegie Hall nach wie vor durch Charity finanziert? Das Menschliche, das Schöne und Gute wird ja an vielen Orten der Welt dem Geschmacksurteil und der Geberlaune wohlhabender Menschen überlassen. Und das scheint ja hier und da zu klappen. Bei so schönen Dingen wie der besten Konzerthalle der Welt mit einem ganz überragenden Programm. Also lasst uns von Charity nicht zu klein denken.
Vielleicht, wenn Flüchtlinge an der Beherrschung eines Instruments arbeiten? Vielleicht würden ihre Überlebenschancen davon besser.

Hat das nicht auch schon in Auschwitz die Lage des einen oder anderen verbessert? Aber selbst da kamen nur Profimusiker ins Orchester.

Nun scheint aber Charity durchaus etwas anderes als Terror zu sein. Charity ist ganz im Gegenteil Hilfe und Unterstützung. Und in der Carnegie Hall Musik zu machen ist überhaupt in gar keiner Weise mit dem Mädchenorchester in Auschwitz vergleichbar.
Vielleicht war Frau Osterloh wirklich unfähig zu bemerken, dass sie mit ihrem Vorschlag genau diese unmögliche Brücke zwischen Charity und Terror schlug, indem sie Charity zum Letztentscheider darüber machte, ob jemand überlebt, ob jemand rauskommt oder nicht.

Man kann dagegenhalten, und Frau Osterloh hielt auch dagegen, dass das heute längst der Fall sei. In der Tat ist auch jetzt schon jeder, der kein Geld zur Flucht hat, darauf angewiesen, dass er es von irgendjemandem irgendwie bekommt.

Aber Frau Osterloh machte aus dieser Kontingenz eine Notwendigkeit, sie machte aus einer fatalen Rechtlosigkeit ein vorsätzliches Programm. Leben, das auf Charity angewiesen ist, Leben, das sich vom Gutdünken eines anderen abhängig weiß, ist Terror ausgesetzt. Martin wusste eigentlich gar keine bessere Definition für Terror.

Selbst wenn Charity nicht den geringste Zug von Grausamkeit trägt, öffnet planmäßige Willkür da, wo es um Leben oder Tod geht, den Raum für Grausamkeit. Kommt die nicht da fast von ganz alleine, so wie Schimmelpilz?

„ ... es können wohltätige Organisationen, es können Firmen das Geld aufbringen.“ (Hört! Hört! Hätte Friedrich Engels an dieser Stelle gesagt. Sie können es auch bleiben lassen.) „Da gibt es vielfältige Möglichkeiten der Finanzierung, die ja wohlgemerkt nur für diejenigen wirklich greift, die ansonsten ja sowieso wieder abgeschoben würden. Die andern bekommen das Geld ja zurück.“

Sie denkt wirklich an Charity. Der Syrien-Krieg und die Neuordnung der Welt werden zu einer Mischung aus professionellem Militär-Einsatz und Charity? Und anerkannte Asylanten bekommen Jobs bei Heckler und Koch oder wie? Da braucht man jeden von der Putzkraft bis zum Ingenieur. Muss wohl so sein.

„Aber wenn sich die Höhe der Abgabe danach richtet, wie umfassend die Leistung eines Ausnahmelandes ist, dann kann sich doch eigentlich keiner mehr Länder leisten wie Deutschland, Österreich oder die Schweiz.“

„Die Gebühr richtet sich ja nicht nur nach den sozialen Leistungen des Aufnahmelandes, sondern sie kann auch daran orientiert sein, wen und wie viele Menschen man aufnehmen will. Man denke ja nur an die Beiträge für unsere zukünftigen Rentensysteme. Das ist ja schließlich auch noch ein Gesichtspunkt, der dabei zu überlegen ist. Die Höhe sollte keineswegs nach orthodoxen ökonomischen Kriterien kalkuliert werden, sondern da können eine Fülle von Gesichtspunkten, auch und vor allem humanitäre Gesichtspunkte Eingang finden.“

Martin verlor die Lust, sich weiter mit dem Grimassieren von Frau Osterloh zu befassen. Er könnte kotzen, wenn er sie von humanitären Gesichtspunkten mit einem Gesicht reden hörte, das nicht einmal leicht rot dabei wurde.

diese bedingungslose Aufnahme ???

„Die Idee ist interessant, aber muss man nicht grundsätzlich sagen: Im Grunde genommen haben wir doch eine moralische Verpflichtung, alle Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufzunehmen und zwar bedingungslos?“

„Ja, und diese bedingungslose Aufnahme, die bleibt ja nach wie vor, bloß dass wir die umständlichen Verfahren, die schwierigen, die lebensgefährlichen Verfahren, denen sie gegenwärtig ausgesetzt sind, dass wir die umgehen.“

… bedingungslose Aufnahme? Wäre er Chruschtschow gewesen, hätte er jetzt mit der Schuhsohle auf den Tisch gehämmert. Sie verarscht uns, dachte er, und ich kann ihr nicht einmal bösen Willen vorwerfen. Sie ist so blöd! Sie meint das so!

Ganz langsam! Was sagt sie da? Man verschließt die Eingangstür. Es kommt nur rein, wer einen passenden Schlüssel hat, genügend Geld.

Bestimmten Leuten, die es geschafft haben, hereinzukommen und die danach aus Gründen, die mit dem gesamten Verfahren, das Frau Osterloh vorschlägt, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben, als Kriegsflüchtling anerkannt werden, denen sagt man, dass sie keinen Schlüssel gebraucht hätten. Aber wie das? Die Tür war doch zu. Oder nicht?

Bedingungslose Aufnahme wird dadurch komplett abgeschafft. Komplett, ganz und gar.

Denkt die Frau nicht? Will sie nicht denken? Kann sie nicht denken? Meint sie, ich könnte nicht denken? Ist sie einfach böswillig?
Das Schlimme ist, dass Leute, die so oder so ähnlich denken, alles andere als selten sind. Menschen, die Kants Vermutung, das einzig rundum Gute sei ein guter Wille, ständig wiederlegen. Gerade weil sie ständig und in Perfektion nichts anderes als guter Wille sind, der allerdings zur Heimat (ja genau: Heimat, Heimstatt, Wohnung, Leitkultur) einer Indifferenz geworden ist, die sich durch nichts berühren lässt als durch ein gelegentliches Schuldgefühl.

Das sind Leute, die anderen Brombeersaft auf's Jacket schütten und hinterher sagen, 'Huch, das habe ich gar nicht gemerkt'. Das sind Leute, die Unfallflucht begehen, solange sie glauben, dass sie niemand erwischen wird. Aber auch nicht eine Sekunde länger. Autoritäre Charaktere eben, Leute, die danach schreien, von außen begrenzt zu werden, weil sie außer stande sind, sich selbst zu sagen, wo der andere anfängt. Wenn sie auch nur eine Sekunde meinen, es könne mit dem Entwischen nicht klappen, dann sind es dieselben Leute, die es sich auf gar keinen Fall nehmen lassen, dem Bekleckerten persönlich aus der Jacke zu helfen und eine Stunde lang, wenn es sein muss, von nichts anderem zu reden als davon, dass sie selbstverständlich und mit Freude die Reinigungskosten übernehmen und lang und breit über die wohl kompetenteste Reinigung am Ort zu spekulieren.

Wie schade, dass man vom Lügen keinen Hautausschlag bekommt

Merkt Frau Osterloh das nicht? Ihr Gesicht verriet es Martin nicht. Vor dem Interview die Maske; was will man da auch sehen? Wahrscheinlich redet sie immer so. Mit ihren Enkeln, mit ihrem Mann, vor ihren Studenten, falls sie noch welche hat, jetzt im Fernsehen, mit ihren Freundinnen, beim Friseur, im Reisebüro.

„Außerdem gilt es als eine gesicherte Erkenntnis der Migrationsforschung,“ plapperte sie weiter, „dass wenn die Grenzen durchlässig sind, dann gehen auf die Dauer 50% der Migranten wieder in ihr Heimatland zurück. Sie nehmen das Geld mit, das sie verdient haben, sie nehmen die Erfahrungen mit. Und das ist wahrscheinlich eine der besten Formen der Entwicklungshilfe, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Also die Herkunftsländer haben auch riesige Vorteile durch das System.“ Da muss man ja Syrien zum Krieg geradezu gratulieren.

„Was wir jetzt in den letzten Monaten aber erleben ist, dass wir die Grenzen eben dicht machen, dass wir uns abschotten. Ist das der richtige Weg?“ fragte die Interviewerin an dieser Stelle.

„Dann gehen die Leute natürlich nicht zurück, wenn sie wissen, dass sie nicht wieder nach Deutschland oder in die Schweiz zurückkommen können, wenn sie einmal ausgereist sind. Dann stimmt das mit diesen 50% natürlich nicht. Die 50% der Heimkehrer, die sind nur dann gegeben, wenn die Grenzen tatsächlich durchlässig sind.

Und im Übrigen kann man sich auch überlegen, dass wenn Flüchtlinge dann rechtzeitig wieder – oder nach einer relativ kurzen Zeit wieder nach hause gehen, dann können sie einen Teil des Geldes wieder mit zurücknehmen, sozusagen als Startkapital. Das ist ja auch dann keine schlechte Lösung.“


Das gesamte Statement von Frau Osterloh war eine einzige geistige Schlamperei, eine zynische geistige Schlamperei.

Man müsste ein Foto von dieser Frau machen, so, wie die jetzt auftritt, stehend, frontal. Und dann müsste man in einem Flüchtlingslager Fotos von vielleicht 100 Flüchtlingen machen, Frauen, Kinder, Männer, junge, alte, von jedem im selben Maßstab, man müsste alle in eine Reihe zusammen montieren, Frau Osterloh irgendwo dazwischen vor dem Hintergrund der Wüste. Frau Osterloh so, wie sie eben aussieht, roter Blazer auf schwarzem Oberteil, die Traumschiffreisende und alle anderen auch so, wie sie gerade aussehen und gerade angezogen sind. Vielleicht ließe sich bei der Gelegenheit auch gleich feststellen, wer aufrecht geht und wer doch nicht so ganz. Mit etwas Disziplin würde Frau Osterloh da keine schlechte Figur machen. Und diszipliniert scheint sie ja zu sein. Wenn sie sich auch gedanklich nicht ganz im Griff hat.

Dann müsste man mit einem Pfeil markieren, wo Frau Osterloh steht und Text dazu setzen, dieses sei die Frau, die meine, dass alle Eintrittsgeld mitzubringen haben, damit Europa nicht das Geld ausgeht und die Rechtsparteien weniger Zulauf haben. Und dann kann Frau Osterloh ihr Kassenhäuschen aufmachen und Flüge nach Westerland anbieten oder nach Zürich und wenn nicht sie, dann die Soldaten, oder wenn die nicht, dann die Tourismusbranche. In jedem Fall die Profis.

Frau Osterloh machte aus Kriegsflüchtlingen Pseudotouristen. Dabei ist es doch wohl klar, dass es etwas anderes ist, ob jemand aus Geldmangel nicht in Urlaub fahren oder nicht aus einem Kriegsgebiet fliehen kann. Leute, die das leugnen, wollen einfach um keinen Preis ausländische Menschen akzeptieren, die sich nicht selbst helfen können. Aber darum geht es doch gerade. Nein, sie wollen sofort verdienen. Sie wollen nicht teilen. Sie halten sich selbst für unendlich viel berechtigter, zu besitzen. Das ist alles Quatsch, dachte Martin. Es ist kompletter Quatsch und sonst nichts.

Und wahrscheinlich ist es wirklich die einzige Möglichkeit, darauf zu bestehen, dass das eigene Baby mehr Anspruch auf Eigentum hat als der Flüchtling nach einem kompletten, wenn auch nun zerbombten Arbeitsleben, dass man mit dem Flüchtling gar nicht erst spricht, sondern lieber mit einer rot gekleideten, doch nie errötenden Frau Osterloh.

Wäre es doch nur ein Interview über Einwanderungspolitik gewesen, dann wären ihre Vorschläge wenigstens diskutabel. Aber es ging um Flüchtlinge. Über den Begriff 'Flüchtling' scheint sie nicht zu verfügen. Sie will einfach nicht. Wie sagt man so schön: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Nur ist er auch bisweilen die Hölle für die anderen. Im Himmel will man Eintritt! Strassenraub? Moderner Ablasshandel?

In meinem Job, dachte Martin, kommt es nicht gut an, wenn man sich aufregt. Es ist nicht ungefährlich. Es schreckt ab. Man wirkt leicht unausgeglichen. Dennoch konnte er sich nicht zurückhalten. Für ihn war Frau Osterloh ein Zyniker der übelsten Sorte. Nennt man nicht jemanden, der etwas beißend verspottet, einen Zyniker? Frau Osterloh verspottete die Vernunft und die Flüchtlinge gleich mit (fand Martin, ohne ausmachen zu können, ob ihr selbst das klar war oder nicht). Wenn man bei hemmungsloser Mordlust, bei einem Drang, der sich der Affektkontrolle entzieht, von einem Blutrausch spricht, dann wäre vielleicht ein treffender Begriff für Frau Osterlohs ebenso ungezügelten Spott das Wort

'Normalisierungswut'


Und was war jetzt mit dem Argument: weniger Tote im Mittelmeer?

Der bei weitem sicherere Weg wäre doch wohl der, zunächst alle Flüchtlinge geregelt nach Europa zu bringen - ohne Eintrittsgeld. Wenn man davon den Vorschlag von Frau Osterloh sozusagen substrahiert, gerade so und nicht anders, wie man von zwei eins abzieht und auf eins kommt, wenn man also von der Forderung 'bringt sie alle sicher her' die Forderung abzieht 'bringt sie alle sicher her gegen Eintrittsgeld', dann bleibt nicht bedingungslos Menschenfreundlichkeit über, sondern die bedingungslose Weigerung, zu teilen.

Nichts sonst.

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