Loading...

Die Bedeutung von Kunst in der griechischen Philosophie

Franz Rieder •

Warum das? Weil uns das Verständnis der Bestimmung von Kunst weiter zurück in die Geschichte der Bestimmung des Menschen, also in die philosophische Anthropologie des Menschen blicken läßt. Und weil letztlich einer unserer zentralen Begriffe des menschlichen Daseins sich aus der Frage entwickelte: was ist (gesellschaftlich) nützliche Arbeit? Bis heute erscheint diese Frage einigermaßen sophistisch, impliziert sie doch sogleich die Unterscheidung in eine, allein der „Schönheit“ verpflichteten, luxuriösen, was meint überflüssigen und einer notwendigen, nützlichen Arbeit.
Nützlich war bei den Sophisten des Altertums gleichgesetzt mit notwendig und definiert als dem Gemeinwohl unterstellte Arbeit. Notwendigkeit im Sinne von individueller Subsistenzsicherung oder wie Marx schrieb, der Reproduktion des Menschen geschuldete Arbeit, sah man bei den Sophisten nicht an erster Stelle.

Lange Zeit waren die Kunst wie die Arbeit bei den Griechen soziale und religiöse Größen. Die einen arbeiteten zur Sicherung des Staates und erhielten dafür Lohn, die anderen, die freien Männer, die Patrizier widmeten sich den Musen in geistiger Zuneigung, erbrachten Werke aus geistiger und handwerklicher Techne und erhielten ein Honorar. Die „Honorablen“ und die Handwerker waren in zweierlei Hinsicht unterschieden: nach der Tätigkeit und nach der Anerkennung bzw. Stellung innerhalb der Gesellschaft. Sie waren „Freie“ oder „Abhängige“, Handwerker oder Intelligentia, Banause oder Akademiker. Und ihre soziale Integrität war ökonomisch fundiert.

Es verwundert wenig, dass gerade die Kunst im Rekurs auf eine, von Kultus-Kunst geprägte Gesellschaft epistemologisch so reichhaltige Veränderungen hervorbringt. Gerade weil ja auch in der Kultus-Kunst das ganze Sein der antiken Gesellschaft zur Darstellung kam. Geburt, Tod, Krieg, Götter und alles Menschlich-Allzumenschliche kamen auf die Orchestra, die Spielfläche für Chor Musiker und Schauspieler.

Wenn wir zurückschauen auf die Philosophie der Antike, hier auf die sogenannten Vorsokratiker, dann begegnen wir keiner aufgezeichneten Kunstphilosophie. Aber wie wir gesehen haben, geht es bei der Frage nach der Arché, also nach der Frage eines Grundes, einer Ursache alles Seienden immer um Ideen, Formen und formgebenden Prinzipien, die aus der Natur oder der Materie an den Menschen hinüberreichen. Der Mensch, in der Vorsokratik noch lange nicht als ein „Subjekt“ gedacht, wird aber durch die antiken Auffassungen von Kunst Teil des Weltganzen, des Seins, gedacht und bestimmt als Ordnung, Struktur und Harmonie.

Erst mit Sokrates und Protagoras, dem vielleicht bedeutendsten Sophisten in der Antike (ca. 490-411.v.Chr.), wird der Mensch, genauer das Denken Arché, also Ursprung, Prinzip und „Maß aller Dinge.“

Die Diskussion über die Frage: was ist Kunst?, die bis heute in aller Leidenschaft noch anhält, begann in der Antike mit der Frage: was ist und wie kommt man zur Wahrheit?

Die Antwort von Parmenides von Eleia (geb. ca. 540 v. Chr.) gründet auf der ersten, gleichwohl weitreichendsten Unterscheidung des Wissens in eines, das auf der Grundlage von sinnlicher Erfahrung und eins, dass durch vernünftiges Denken, ein Denken also, ohne Rekurs auf die Sinne, gewonnen wird. Der Streit zwischen Rationalismus und sensualistischem Empirismus dauert an und prägt heute fast jede Diskussion mit Künstlern und man darf sagen, dass Philosophie, insofern sie als Ganzes der anhaltende Prozess der Dekonstruktion ihrer eigenen Begriffe ist, hier ihr zuhause nicht verlassen muss.

In einer schönen Formulierung, dass nämlich ein (rationalistischer) Weg zur Wahrheit direkt und nachdrücklich von der Göttin (vermutlich Sophia) empfohlen wird, votiert Parmenides für den Primat des Denkens über der sinnlichen Erfahrung. Nur Denken führt zur Wirklichkeit bzw. zum Sein (einai) und zu der Erkenntnis, dass das Sein eins sowie ruhend-unbewegt und mit dem Denken identisch ist (to auto esti to noein te kai einai / Dasselbe ist Sein und Denken).
Wir haben oben schon gesehen, das die Gleichsetzung von Denken und Sein problematisch ist. Diese Gleichsetzung beruht auf der Annahme, dass im Denken Sein repräsentiert ist, also Denken Sein abbildet. Aber dies, so werden wir sehen, soll ja gerade nicht die Kardinalaussage der griechischen Philosophie sein. Gerade ein tieferes Verständnis von Kunst soll die Frage klären: Was ist das Wesen von Denken? Ist das Denken eine Abbildung, eine Repräsentation des Seins?

Die Ontologie des Parmenides (altgriechisch ὄν/on ‚seiend‘, Partizip Präsens zu εἶναι/einai ‚sein‘, und -logie (aus λόγος lógos „Lehre“)), die sich ja mit einer Einteilung des Seienden und den Grundstrukturen der Wirklichkeit und der Möglichkeit befasst, beginnt, unschwer zu erkennen, mit dem, was in der Philosophie ein erkenntnistheoretischer Zirkelschluss genannt wird: Insofern alles Denken ist, ist natürlich auch Denken und Sein am Ende dasselbe.
Aber uns geht es weniger um Erkenntnistheorie oder logische Widersprüche. Uns geht es um „das Opfer“, das hier möglicherweise bereits auf den Altar des Denkens gelegt wird und was die Göttin als Weg der Falschheit und des Irrtums benennt. Sie warnt ausdrücklich davor, den Sinneserfahrungen zu trauen, denn von diesen auszugehen führt zum Nichts (me on/Nicht-Seienden) und zu seinen Eigenschaften: Vielfalt, Bewegung, Veränderung, Werden.

Die Göttin spricht rätselhaft. Die sinnliche Erfahrung führt nicht zu nichts, ist also kein einfacher logischer Mangel, sondern zum Nichts und dieses Nichts hat sogar noch Eigenschaften. Das Werden, das tatsächlich Eigenschaften besitzt, man nehme nur den Lauf der Sonne in Augenschein, leugnet Parmenides nicht. Er räumt sogar ein, dass die Erfahrung der Sinne uns mit der Vielfalt des Seienden und seinen mannigfaltigen Veränderungen vertraut macht.
Aber dieser sinnlichen „Vertrautheit“ gilt das göttliche Misstrauen, insofern die Vielfalt und die Veränderlichkeit nicht auf das Sein, also das Seiende als Ganzes geht und also nicht auf die eigentliche, die wahre Wirklichkeit. Und diese Negation, dass die Erfahrung des Seienden, der bloßen „Erscheinungen“, was später die „Phänomene“ genannt wird, nicht das Ganze zum Äquivalent hat, wird nun gleichsam substantivistisch exterminiert. Hinter den Erscheinungen, den Ereignissen, dem Werden und Vergehen, steht nun das Nichts.

Wenn Nietzsche vom Nihilismus der abendländischen Metaphysik, genauer wäre Ontologie, spricht und damit den Zorn der damals vorherrschenden Philosophie auf das äußerste reizte, finden wir das gelinde.
„Der Mensch will lieber das Nichts denken, als nicht denken“ ist eine seiner großen Hinterlassenschaften an uns. Diese Frage: was ist das für ein Denken, das lieber das Nichts denkt, um nicht vom Denken lassen zu müssen, bleibt uns erhalten.

Die Vermutung, dass Parmenides sich gegen die sogenannten Gymnosophisten“ (gebildet aus altgriechisch γυμνός gymnós „nackt“ und altgriechisch σοφία sophía = „Weisheit“,  γυμνοσοφισταί = „nackte Weisheit“) wandte, das sollen indische bzw. buddhistische Denker gewesen sein, die mit Alexander dem Großen in das antike Griechenland kamen und dort mit dem Nirwana als höchster Erkenntnis und damit Einsicht in das Nichts missionierten, liegt nahe, ist aber eher beiläufig.

Die Gymnosophisten propagierten zur Erlangung der Idee eines Paradieses die Befreiung der Seele von Lust und Leid ausgehend von einer radikalen („nackten“) Sinneserfahrung. Sie saßen z.B. unbekleidet in der Sonne und sahen das Leiden des Körpers als wirksames Mittel, um die Leiden der Seele zu heilen. Krankheit galt ihnen als solche Schande, dass sie sich gegebenenfalls lieber auf einem selbstgebauten Scheiterhaufen in stoischer Ruhe verbrannten, galt ihnen doch das Nirwana als Ziel höchster Erkenntnis.



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



zurück ...

weiter ...




Ihr Kommentar


Falls Sie Stellung nehmen, etwas ergänzen oder korrigieren möchten, können sie das hier gerne tun. Wir freuen uns über Ihre Nachricht.