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Nous und Ananke bei Platon

Franz Rieder •

Im Timaios ist der Kosmos etwas Ewiges, von der göttlichen Vernunft hervorgebracht. Der Kosmos ist gewissermaßen die „Schnittmenge“ aus Weltkörper und Weltseele, vorgestellt als kugelförmiger Körper des Alls, durchdrungen und umhüllt von der Weltseele; umhüllt deshalb, da ja die Weltseele weiter gedacht ist, als der Weltkörper, als dessen bewegendes Element. Auf dem Weltkörper, heute würde man sagen, Globus, existieren Lebewesen, Seelen genannt, die mehr oder weniger und das ist durchaus graduell gedacht, mit ihren Körpern verbunden sind.

Wir sehen, einmal in anderen Worten gesprochen, hier an dieser Stelle in den Geburtsvorgang unseres Denkens, quasi zurück in die letzten Tage der Schwangerschaft des modernen Denkens. Von Parmenides übernahm Platon die strikte Unterscheidung zwischen der Sinneswahrnehmung, die auf körperliche Gegenstände gerichtet ist und einem rein geistigen, nur dem Nous (altgriech. νοῦς) zugänglichen Bereich. Noesis steht bei Platon als das höchste Erkenntnisvermögen, als diejenige Betätigung des Nous, mit der dieser das unwandelbare Seiende unmittelbar und wirklichkeitsgemäß erfasst, unabhängig von jeder Sinneswahrnehmung. Bei Platon ist der Nous aber stets und notwendig an eine Seele gebunden, denn ohne eine Seele kann er nicht existieren. Also sind auch alle Lebenwesen grundsätzlich, d.h. hier von Natur aus noetisch begabt, bzw. der Noesis fähig.

Je mehr aber die Seelen der Lebenwesen „sich mit dem Körper verbunden haben, desto mehr haben sie ihre noetische Erkenntnisfähigkeit verloren. Und dies gilt nicht nur für die Tiere, sondern auch für die meisten Menschen.“1 Ein schöner Gedanke ist dann, dass die Seelen ihre eingebüßten noetischen Fähigkeiten prinzipiell wiedererlangen können, so sie den Weg der Philosophie beschreiten.

Platons Philosophie von der Beziehung zwischen Kosmos und Mensch basiert auf der Annahme einer natürlichen Ordnung verschiedener Seelenleben, wobei die Seele den Geist, heute würden wir sagen die Vernunft repräsentiert, ohne dabei gleich an unsere moderne Form der Rationalität, schon gar nicht unmittelbar den Geist im Timaios mit der modernen, wissenschaftlichen Rationalität gleichsetzen zu müssen.

Im Rahmen der natürlichen Ordnung des Seelenlebens beherrscht und lenkt der Nous die Seele; beherrschen meint hier durchdrungen-sein. Mit der Lenkungsfunktion des Nous findet Platon die Schnittstelle zu den unterschiedlichen Phänomen des menschlichen Verhaltens und zugleich auch eine Öffnung zu einer politischen Philosophie der zwischenmenschlichen Realität. Sofern der Nous die ihm zustehende Lenkfunktion tatsächlich ausüben kann, handelt der Mensch als einzelner besonnen und im Sinne der Allgemeinheit ethisch korrekt. Jede Form von Fehlverhalten, sei es auf den einzelnen Menschen oder die Gemeinschaft (polis) bezogen, ist auf eine Störung der innerseelischen hierarchischen Ordnung zurückzuführen.

Aber was kann den Nous denn daran hindern, dass er seine Lenkungsfunktion so ausüben kann, wie es ihm möglich wäre? Zum Kosmos gehört nun mal auch die Welt, in der wir leben und diesen Aspekt repräsentiert bei der Entstehung des Kosmos die Notwendigkeit (anánkē) in den philosophischen Überlegungen des Timaios.
Nach Platons Philosophie ist die Welt durch das Zusammentreten von Vernunft und Notwendigkeit entstanden. Dabei hat die Vernunft die dominierende, und wie wir auch gleich sehen werden, die schöne Rolle übernommen. Sie, die Vernunft, wollte immer das Beste bewirken wie die Kraft im Mephisto, die stets das Gute will, aber nur das Böse schafft, die also ständig auf Hindernisse stieß, die von der Notwendigkeit herrührten.

Bei Platon ist, da alles Geschehen übersubjektiv einer „natürlichen“, hierarchischen Ordnung entspringt, auch verständlich, dass die Vernunft die Notwendigkeit „überzeugen“ muss, „das Meiste des Werdenden zum Besten zu führen“. Für Platon bewegt der Nous die Notwendigkeit durch „vernünftige Überredung“ zur Unterwerfung und zu konstruktivem Zusammenwirken, (*Platon, Timaios 48a.) so dargelegt im Schöpfungsmythos, erzählt im Dialog Timaios. Liest man dort genau, dann wird deutlich, dass der Nous, der ja sowohl die materielle wie die geistige Welt durchwirkt, zwar das Gute will, aber meist doch nur das Bestmögliche schafft, gleichwohl er das „höchste Erkenntnisvermögen“ ist.

Es gelang dem Nous zwar, die Notwendigkeit zum Nachgeben zu bewegen. Das bedeutet aber nicht, dass die Schöpfung gänzlich nach dem Willen der Vernunft gestaltet wurde, da seine Herrschaft im Kosmos nicht absolut ist und sein Prinzip, seine Lenkungsfunktion mangelhaft, was meint begrenzt ist. Es ist auf die Beeinflussung der materiellen Welt beschränkt und ist damit auch von der Notwendigkeit (anánkē) beschränkt. Die Notwendigkeit, Ananke, beschreibt also jenes Prinzip, das den Einfluss des Nous auf die die materielle Welt, also auf das Werden, begrenzt.

Und welche Grenzen sind das? Es sind natürlich jene Grenzen, die sich notwendigerweise aus der Natur der Materie ergeben, die also dem innerhalb des materiellen Bereichs durch den Nous Realisierbaren entgegenstehen. Wir sehen hier die Grundlegung des Nous als transzendentale Denkfigur, als Bedingung der Möglichkeit, die phänomenale Welt, die Welt des Seienden zu denken und zu verstehen. Und so zu denken, dass darin die Welt der Ideen, des Wahren, Guten und Schönen, des besonnenen und ethisch korrekten menschlichen Verhaltens etc. im Sinne einer prinzipiellen Realisierbarkeit, wenn auch nur der „bestmöglichen“ enthalten ist.

Platon bestimmt die Materie und die geistige Welt als nach ihrer Natur nach beide nicht geeignet, sich widerstandslos vom Nous lenken und gestalten zu lassen. Anders herum ausgedrückt, bietet also nicht nur die Materie Widerstand gegen die „praktische“ Vernunft, sondern auch die Welt in ihrer jeweiligen, geistigen Verfassung bietet ihre Trägheit, so zu bleiben wie sie ist, gegen den Nous auf.

Es ist nicht immer klar, ob und in wie weit Platon im Timaios der Materie mithin allem sinnlich erfahrbaren Seienden eine naturgegebene und damit auch notwendige Mangelhaftigkeit zuweiste, oder ob er dem gezielten, auf das bestmögliche Ergebnis hinausgehende Vorgehen der Vernunft allein die Gegenwirkung im Sinne von Widerstand in „Form der schweifenden Ursache“ zuweist.
„Wenn nun jemand, genau so, wie das entstanden ist, wahrheitsgetreu vortragen will, so muss er auch die Form der schweifenden Ursache einmischen, so wie es ihr naturgegeben ist, Bewegung anzustoßen.“ (Platon, Timaios 47e–48d.)

Es ist also ein Zufallsfaktor, was Platon hier mit der Form einer schweifenden Ursache meint und kein Kausalprinzip im Sinne einer Wirkursache wie dies später Aristoteles bestimmen wird. Der Nous setzt sich gegenüber dem Zufälligen, Ungeordneten, das notwendigerweise aus der Beschaffenheit der Materie resultiert, weitgehend durch. Daraus ergibt sich, dass im Kosmos auch Ordnung und Gesetzmäßigkeit vorhanden sind. Die Tendenz der Materie zum Chaotischen wird durch die Einwirkung des Nous eingedämmt. Somit ist die Welt, in der die Menschen leben, nicht als Erzeugnis des vollkommenen Nous in jeder Beziehung schlechthin optimal. Vielmehr sind die bestehenden Gegebenheiten nur das Beste, was der Nous hier der Notwendigkeit abringen kann.2

Von heute aus gesehen ist Platons Verständnis von Notwendigkeit völlig verschieden von unserem. Bei Platon ist Ἀνάγκη Mutter der Moiren, der Schicksalsgöttinnen und eine der ursprünglichen Schöpfungsmächte, der in griechischen Tragödiendichtungen, z. B. mehrfach im Motiv des gefesselten Prometheus des Aischylos, selbst die Götter gehorchten. Sie überzeugt, führt zum Besten, bewegt und ist doch nicht gleich dem Nous, der göttlichen Vernunft bzw. der Idee. Das kommt von ihrer doppelten Bedeutung, denn Ἀνάγκη meint Bedürfnis und Zwangsläufigkeit, enthält sowohl den Aspekt von Voraussetzung und Ermöglichung (Transzendentalität) als auch den von Beschränkung und Zwang.

Ἀνάγκη ist also materielle Voraussetzung für das Sichtbarwerden des Geistigen im Physischen als auch eine Einschränkung, da sichtbare Abbilder die Beschaffenheit ihrer Urbilder nur begrenzt aufweisen können. Sie ist somit zugleich Mitursache, nie Alleinursache, als auch Hemmnis der Schöpfung, nie allein deren (logisches wie faktisches) Gegenteil.

Die wesentliche Differenz zu unserem allein logischen, mithin naturwissenschaftlich geprägten Begriff von Notwenigkeit ist, das der platonische Begriff keine vorherrschende, alleinige Gesetzmäßigkeit impliziert, diese vielmehr logisch wie faktisch ausschließt. Notwenigkeit bei Platon – und wie wir sie forthin verstehen wollen – ist Abwesenheit von Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Regelhaftigkeit. Notwenigkeit ist näher bei den Moiren, also Blitz und Donner, dem, was wir heute „Zufall“, „Ereignis“ und Heidegger „Sorge“ nennt.

Dieser Zufall steht also nicht wie in weiten Teilen der Naturwissenschaft und dem Common Sense der meisten Menschen auch heute noch einer Notwenigkeit gegenüber, wie etwa auch der Titel: „Zufall und Notwendigkeit“ von J. Monod glauben machen möchte. Bei Platon ist Notwendigkeit ja nah diesem Zufall, der ein ungeordnetes, keinem Gesetz, keiner Regel unterliegendem Geschehen entspricht, also kein Gegensatz dazu. Und von Naturgesetzen sprach Platon auch in einem unserem Denken fremden Zusammenhang.






Anmerkungen:

1 Filip Karfik: Gott als Nous. In: Dietmar Koch u. a. (Hrsg.): Platon und das Göttliche, Tübingen 2010, S. 82–97, hier: 94–96.

2 Zum Verhältnis von Nous und Notwendigkeit im Timaios siehe Lothar Schäfer: Das Paradigma am Himmel. Platon über Natur und Staat, München 2005, S. 183–197



Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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