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Kausalität und Zufall

Franz Rieder •

Das Denken der Antike war bestimmt durch den Zufall, durch Naturgewalten, Schicksalsschlägen wie Krankheiten und Unfälle. Der Tod ereignete sich grundlos, ohne Ursache-Wirkungslogik, war existenziell. Der Zufall, das Ereignis waren die Kräfte des Werdens, des Seienden. Und es sollte über zweitausend Jahre dauern, bis dieses Denken in seinem Kern durch Charles Darwin wiederentdeckt wurde in seinem Werk: Über die Entstehung der Arten von 1859.

Der Zufall und die Unbestimmtheit – wir sprechen vom Ereignis bzw. das sich-ereignende Seiende, was gleichgesetzt werden kann mit dem Begriff Werden – sind der europäischen Geistesgeschichte keineswegs fremd. Sie tauchten unter verschiedenen Namen auf wie z.B. das Kontingente, das Akzidentelle, das Unwesentliche, das Beiläufige, das Mögliche und standen erst ab dem späten Platon und vor allem ab Aristoteles dem Substantiellen, Wesentlichen, Essentiellen bzw. dem Notwendigen gegenüber.

Diese Gegenüberstellung stand aber gleichzeitig in Verbindung mit einem Denken in Kausalitäten, also von Ursache und Wirkung, und dieses Denken setzte wiederum einen anderen Begriff von Zeit voraus. Denn Ursache und Wirkung sind nie gleichzeitig, sondern diese folgt zeitlich auf jene. Will man erklären, warum etwas ist (und nicht nichts), muss zwischen dem Ereignis bzw. Phänomen (phaenomenon) und dem Denken eine zeitlicher Abstand liegen.
Oder anders formuliert: Denken in Kausalität stellt das Denken frei vom Ereignis in eine neue Zeitdimension und kann so (alle) logische(n) Zusammenhänge in eine nachträgliche Beziehung zum Beobachteten bringen. Indem die Verschränkung von Sein und Werden gelöst wird, treten Logos und Sein in ein komplementäres Verhältnis. Kausalität und die neue Idee von Zeit als Differenzierung von Vergangenheit (Ereignis), Gegenwart und Zukunft (Beobachtung und Denken) begründen das Denken als Wissenschaft.




Foto: monika m. seibel www.photographie-web.de



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