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Traditionelle und pragmatische Erkenntnistheorie

Helmut Pape - Helmut Pape leitet in die Wissenschaftstheorie ein

Das Wissen, das wir zum Handeln benötigen, wird häufig etwas verächtlich instrumentelles Wissen genannt. Der Zusammenhang, den ich zwischen einem Zweck des Handelns und dem Wissen hergestellt habe, kennzeichnet den darauf basierenden Wissensbegriff als pragmatischen. Wir sahen soeben am Falle der Erfahrung des Malers, wie schwer es ist, selbst seine Art von Kenntnis ganz vom pragmatischen Aspekt zu trennen. Das ist aber in der traditionellen Erkenntnistheorie immer wieder versucht worden. Dieser traditionellen Konzeption wollen wir uns kurz zuwenden: Als Wissen galt eben z.B. für Plato, aber auch noch für Kant vor allem das, was notwendig einsehbar war und was gerade in Absehung von den individuellen, empirischen Verhältnissen und Bedingungen theoretisch erfaßt werden konnte.

Das Fragen nach dem, was Wissen ist, hat sich erheblich verändert - und ist dabei sich weiter zu verändern. Schon ein ungenauer Blick in die Geschichte der Philosophie zeigt uns, daß dabei der Zweck des Wissens meistens nicht berücksichtigt wurde. Das Modell des Wissens war eher dem göttlichen Wissen analog: Ewig, unwandelbar und in sich bestimmt, ohne die Beziehung auf Zwecke zu erfordern.

Was wir wissen und erkennen können und wie sicher unser Wissen ist, sind Fragen, die sich Menschen im allgemeinen und Philosophen im besonderen zu allen Zeiten gestellt haben. Manche - z.B. Blumenberg in „Die Lesbarkeit der Welt“ - fragen auch, was es überhaupt war, was wir haben wissen wollen. Oder was es ist, daß Wissen und Erkennen möglich macht. Oder ob wir sicher sein und überzeugend begründen können, daß etwas, was wir wahrnehmen, meinen, glauben oder auch nur ahnen tatsächlich ein für alle Menschen verbindliches Wissen ist.Die Erkenntnistheorie bildet den Kern der theoretischen Philosophie, ebenso wie die Ethik zum Kern der praktischen Philosophie gehört. Wenn Sie einen Blick in eines der gängigen Lexika werfen, um zu erfahren, was Erkenntnistheorie ist, so finden Sie z. B. im Brockhaus die folgende Bestimmung:

„Erkenntnistheorie (Gnoseologie), philosophische Disziplin, die sich mit Voraussetzungen, Prinzipien und Grenzen des Erkennens beschäftigt. Entscheidende Beiträge zur Entwicklung der Erkenntnistheorie zu einer eigenständigen Disziplin lieferten R. Descartes und J. Locke. Zur Grundlage philosophischen Nachdenkens wurde die Erkenntnistheorie durch I. Kants Erkenntniskritik, für die auf »Bedingungen der Möglichkeit« (natur-) wissenschaftlichen Erkennens zielende Fragen und erkenntnisbegrenzende Fragestellungen charakteristisch sind.“(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001

Wie wir in dieser Vorlesung sehen werden, ist die Erkenntnistheorie seit Ausgang des Mittelalters - nicht erst seit Kant wie der Brockhaus-Artikelschreiber meint -, auch die Theorie der wissenschaftlichen Wissensgewinnung gewesen. Andererseits fehlt heute in den Einträgen zur Wissenschaftstheorie der Hinweis darauf, daß die philosophische Theorie der Methoden und Logik der Wissensgewinnung in den Wissenschaften - der englische Terminus hierfür ist viel besser, er lautet „philosophy of science“ - vor allem eine spezielle Art von Erkenntnistheorie ist, die so alt ist wie die Philosophie selbst.Die sogenannte analytische Philosophie, die heute in der Wissenschaftstheorie dominierend ist, ist besonders Stolz darauf, daß sie ihre Konzeption der Erkenntnis weder durch die subjektive oder vorbegriffliche Formen des Erkennens, noch durch die Spielarten des praktischen Wissens, das uns zum Handeln befähigt, belasten will. So engt z.B. Franz von Kutschera in dem Vorwort zu seinem Buch „Grundfragen der Erkenntnistheorie“ das Themenfeld der Erkenntnstheorie auf logisch-begriffliche Beziehungen ein:

„Erkenntnistheorie befaßt sich nicht mit allen Formen des Erkennens, sondern nur mit Erkenntnissen, deren Inhalt sich begrifflich hinreichend präzise bestimmen läßt. Begriffliche Erkenntnis spielt eine besondere Rolle, da dazu insbesondere auch wissenschaftliche Erkenntnis gehört. Daneben gibt es aber auch andere kognitive Leistungen, die nicht an begriffliche Bestimmung oder sprachlichen Ausdruck gebunden sind. Sie bleiben üblicherweise außerhalb des Horizonts der Erkenntnistheorie, und damit auch die wichtige Frage nach Eigenart und Grenzen begrifflicher Erkenntnis. Das liegt daran, daß wir begriffliche, insbesondere wissenschaftliche Erkenntnis als höchste Form der Erkenntnis ansehen, und z.B. anschauliches, intuitives oder gefühlsmäßiges Erkennen als primitive Vorformen davon betrachten.“ (Ebenda, S. XIII)

Doch auch Kutschera kann nicht wirklich bestreiten, daß Erkennen empirisch-wissenschaftlichen Wissens und Theorie stets so stark eingebettet und umgeben von jenen geistigen, sozialen und biologischen Prozessen ist, durch die sich Menschen miteinander und mit ihrer Umgebung austauschen, daß es angemessen zu sagen ist, daß keine Erkenntnis ohne diese kontextuellen Einbettungen möglich ist. Er erklärt nur die Berücksichtigung dieser Einflußgrößen für philosophische Fragen als irrelevant: Seiner Meinung nach gehören sie in die Psychologie, Soziologie und Neurophysiologie der Erkenntnis.

Die Möglichkeit, daß eine pragmatische Erkenntnistheorie durch das Primat der zweckvollen Praxis einen Weg findet, um all diese Bedingungen über das alltägliche Gelingen von Erkenntnis einzufangen, hat er nicht gesehen. Aber vollzieht die pragmatische Erkenntnistheorie nicht eine Trivialisierung? Läuft ihr Ansatz nicht auf die simple These hinaus, das, um Wissenschaftler zu sein, wir zunächst einmal Menschen sein müssen? Müssen wir nicht, wenn wir Wissenschaft und Philosophie betreiben, in vielen Punkten von diesen allgemein-menschlichen, vorrationalen und vorwissenschaftlichen Einbettungen absehen? Ja, besteht die wichtigste Errungenschaft von Wissenschaft und Philosophie, ihre Objektivität, nicht darin, daß ihre Einsichten es uns ermöglichen, von den zufälligen Bedingungen abzusehen, unter denen unsere individuellen, alltäglichen Bemühungen, unsere Umwelt zu verstehen und angemessen mit ihr umzugehen unvermeidlich stehen?

Zunächst einmal: Was trivialerweise richtig und gültig ist, ist eben gerade nicht falsch, sondern für manche von uns ein überflüssiger, redundanter Inhalt einer Mitteilung. Die These, daß wir Menschen sein müssen, um Wissenschaftler sein zu können, ist dann eine Einsicht in einen relevanten Zusammenhang, wenn sich zeigt, daß es tatsächlich Erkenntnistheorien gibt, die diesem trivialen Zusammenhang - vielleicht stillschweigend - widersprechen oder übersehen. Gleichzeitig unterstellt die obige Frage, daß es möglich ist, eine völlig vom Menschen unabhängige Objektivität in der Erfahrung erreichen zu können und dabei soll diese sich noch als das einzig entscheidende Merkmal des einzig wahren Wissens erweisen! Dies sind Voraussetzungen, die den Wissenschaften und der menschlichen Erfahrung nicht nur viel, sondern zuviel abverlangen. Im selben Maße unterschätzt diese Fragestellung dramatisch den Beitrag, den die individuelle Erfahrung zur Erkenntnisleistung macht und sogar machen muß - damit eine empirisch vorgehende Wissenschaft überhaupt für unser Leben relevant sein kann.

Die Überschätzung objektiver, allgemeingültiger Zusammenhänge und Unterschätzung der individuellen Erfahrungszugänge ebenso wie des Beitrags nicht-begrifflicher Funktionen zur Erkenntnisleistung ist Ausdruck eines Glaubens an die Wissenschaft als rationale, theoretische Konstruktion. Dabei wird übersehen, das auch Wissenschaft nur von einzelnen Menschen gemacht wird, der individuellen Prägungen und Erfahrungen erst den Zugang selbst zu den allgemeinen und objektiven Zusammenhängen erschließen. Die Ergebnisse müssen nicht nur von individuellen Erfahrungsmöglichkeiten ihren Ausgang nehmen, sondern sie müssen in jedem Schritt und in ihrem Ergebnis von anderen kognitiven Fähigkeiten gestützt und an diese zurückgebunden werden können.

Wenn ich im Titel dieses Teils der Vorlesung vom Spüren, Ahnen und Wahrnehmen sprach, so ging es darum diese - erkenntnisnahen geistigen Leistungen mit in den Bereich des erkenntnistheoretischen Fragens einzubeziehen. Eine Aufgabe dieser Vorlesungen soll es sein, dieses einseitig rationale Bild zu korrigieren und den Zusammenhang zwischen Erkennen und den Beitrag der vorbewußten geistigen Fähigkeiten genauer zu bestimmen. Sie sind es nämlich, die es uns erst ermöglichen, die Welt als Umwelt für unser weiteres Erkennen im „Gewußt-wie“ unseres Handelns auch ohne die Vermittlung theoretisch-begrifflichen Wissens zugänglich zu machen.

Die These einer pragmatischen Erkenntnistheorie lautet nun, daß es ein Primat der Praxis des Wissens, des „gewußt-wie“ gibt, die zwar durch Theorie ergänzt und verbessert werden kann, aber die von allen Wissenschaften vorausgesetzt werden muß.

Doch selbst dann, wenn das Ideal einer subjektlosen, vollständig rational konstruierten wissenschaftlichen Objektivität jemals erreicht werden sollte, bedarf es immer noch der ausdrücklichen und nicht mehr nur stillschweigend vollzogenen Ausformulierung dessen, was es eigentlich ist, was wir da erkennen, wissen und erfahren haben, wenn wir Wissenschaft treiben. Denn dies ist die Aufgabe von Philosophie, zu beschreiben und explizit verständlich zu machen, was praktisch einfach und selbstverständlich schien. Können wir nicht auch in diesem Punkt unseren alltäglichen Einsichten vertrauen? Es ist es die These des von mir in diesen Vorlesungen, daß wir dies letztlich tun müssen. Aber es gibt einen Punkt, wo wir den Alltagsmeinungen sehr vorsichtig, wenn nicht skeptisch begegnen sollten. Eben in diesem Punkt des Interpretierens dessen, was wir tun, wenn wir alltäglich Wissen und Erfahrung gewinnen, sollten wir unseren alltäglichen Meinungen nicht unbedingt folgen. Wenn wir im Alltag allgemein zu beschreiben versuchen, was Erkenntnis ist, so neigen die meisten von uns häufig zu einem falschen Urteil über den Verlauf von Erkenntnisprozessen. Also: nicht die alltägliche Praxis selbst, sondern ihr Selbstverständnis geht häufig in die Irre.

Eine dieser irreführenden Theorien über die Struktur von Erkenntnisprozessen besagt z.B., daß jede gelungene Erkenntnis ihren Gegenstand schlicht widerspiegelt. E. Cassirer hat dieses naive Modell Widerspiegelungsmodell einmal folgendermaßen beschrieben:

„Der naiven Auffassung stellt sich das Erkennen als ein Prozeß dar, in dem wir uns eine an sich vorhandene, geordnete und gegliederte Wirklichkeit nachbildend zum Bewußtsein bringen. Die Tätigkeit, die der Geist hierin entfaltet, bleibt auf einen Akt der Wiederholung beschränkt: nur darum handelt es sich, einen Inhalt, der uns in fertiger Fügung gegenübersteht, in seinen einzelnen Zügen nachzuzeichnen und uns zu Eigen zu machen. Zwischen dem „Sein“ des Gegenstandes und der Art, in der er sich in der Erkenntnis widerspiegelt, besteht auf dieser Stufe der Betrachtung keine Spannung und kein Gegensatz: nicht der Beschaffenheit sondern lediglich dem Grade nach lassen sich beide Momente auseinanderhalten.“ (Ernst Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Band I, S. 1)

Die von Cassirer beschriebene naive Einstellung zur Erkenntnis sieht nur die Widerspiegelung des Gegenstands im Wissen und ist typisch für viele alltägliche Einstellungen zum Erkenntnisprozeß. Doch ist diese Sichtweise keineswegs nur ein naives Vorurteil. Sie wirkt bis tief in die Kultur, Politik und Kunst hinein und hat in der marxistisch-materialistischen Widerspiegelungstheorie der Erkenntnis seinen philosophischen Ausdruck gefunden.Es ist ja auch nicht alles nur falsch an der Widerspiegelungsmetapher. Die Aufgabe und das Ziel unseres Wissens ist es, die Dinge „so wie sie wirklich sind“ und vor allem insofern sie für unsere Zwecke und Interessen wichtig sind, direkt zu erfassen. Das ist sozusagen die Erfolgssichtweise des Wissens: Wenn ich etwas über einen Gegenstand weiß, dann verhält sich dieser Gegenstand auch genauso wie ich meine, daß er beschaffen ist. Wir vertreten im Verständnis von dem, was Wissen für uns ist, aber auch die entgegengesetzte These, nämlich die Überzeugung, daß doch „alles nur subjektiv“ ist.

Wir sehen: Die Gleichsetzung des Wissens mit der Widerspiegelung des Gegenstands des Erkennens gibt zum einen dem Zweck des Wissens, nämlich wahrheitsgemäße und damit verläßliche Informationen zu liefern, die unser Handeln orientieren, als eine Beschreibung des Erkenntnisvorgangs selbst aus. Wir tun so als wenn die Gegenstände genau so sind, daß sie unseren Erkenntniszweck bereits vorwegnehmen und dem immer schon entsprochen haben.

Die genau entgegengesetzte Position zur Widerspiegelungstheorie vertritt Immanuel Kant. In der Vorrede zur 2.Auflage der Kritik der reinen Vernunft schreibt er:

„Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben apriori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit dem Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.“ (KdrV, B XVI/XVII)

Ziel der Kantischen Erkenntnistheorie ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie Erkenntnis apriori möglich ist. „ Apriori“ heißt: Ein Wissen und Erkennen, das unabhängig von der sinnlichen Erfahrung ist. Frage nach den Bedingungen, unter den für sinnengestützte Wesen wie wir Menschen eine Beschreibung der Bedingungen von Erkenntnis möglich ist, beschreibt den Wahrnehmungsapparat als „apriorische“ Voraussetzung von Erkenntnis.Was heißt es, daß sich die Gegenstände - als Objekte der Sinne - nach unseren Wahrnehmungsvermögen richten?

Um einige naheliegende Mißverständnisse gleich auszuschließen: Kant will nicht etwa sagen, daß wir die Gegenstände durch unsere Wahrnehmung erschaffen. Es geht ihm nicht um die These, daß der Gegenstand oder gar der Zusammenhang des Wirklichen erst dadurch entsteht, daß wir ihn wahrnehmen. Wenn z.B. eine ferne Sonne von der Erde aus nur so erfaßt werden kann, daß man ein Radioteleskop auf sie richtet, so bedeutet das nicht, das sie dadurch zu existieren beginnt, daß ein Radioteleskop auf sie gerichtet wird. Sie beginnt dann vielmehr für uns zu existieren.Auch wäre es irreführend, wenn man sich die erkenntnistheoretische Rolle der Sinne nach dem Modell einer Brille mit gefärbten Gläsern denken würde wie dies z.B. der Zeitgenosse Kants Kleist getan hat. Kleist meinte, daß die Verfassung unserer Sinne eine besondere Art von Eigenschaft über alle Dinge legt. Ebenso würden alle Dinge rosa aussehen, wenn z.B. Rosa die Farbe der Gläser der Brille ist, die ich trage.

Doch wenn auch das Format unserer Sinne die Wahrnehmung strukturiert, so können sie doch nicht bestimmte Eigenschaften der Dinge vorschreiben: Sonst wären unsere Sinne kein Zugang, sondern ein Hindernis für das Erkennen. Was Kants Ansatz vielmehr zeigt, ist, daß die Sinne formale Bedingungen und Filter für das Erkennen der Welt sind: Sie geben den Objekten eine Form, Ordnung und Struktur in ihren Beziehungen zu uns und zueinander vor. Dafür aber ist es gleichgültig, ob wir statt mit Augen, die auf Sonnenlicht reagieren, z.B. auf irgendeine andere Frequenz ständig abgestrahlter Schwingungen der Gegenstände reagieren würden. Wenn wir jedoch z.B. mittels Radar oder Sonarstrahlen etwas „erkennen“ könnten, so müßten wir diese Strahlen ständig selbst aussenden, um die Dinge unser Umgebung zu erfassen. Es mag sein, daß im Laufe der Evolution sich die Sinne als Filter, Ordnungsschemata und Bedingungen des Erfassens aufgrund des Einflusses der Gegenstände entwickelt haben, die wir jetzt vorfinden. Doch das können wir nicht wissen. Wenn wir jetzt allgemein (apriori) etwas über das Erkenntnisvermögen sagen wollen, so verstehen wir sie als filterndende und ordnende Weisen, wie wir zu „Anschauungen“ von Gegenständen gelangen können, die für uns Menschen wichtig sind, weil sie unsere Umgebung ausmachen. Dies eben heißt Wahrnehmungen machen und verstehen. D.h. sie sind formende, strukturelle Bedingungen dafür, was für uns zum Gegenstand werden kann. Kant beginnt in der KdrV deshalb auch mit einer Untersuchung der „Formen der Anschauung“: Diese sind für ihn Raum und Zeit, die eine allgemeine Ordnung aller Objekte der Sinne bereitstellen.

Ich will in dieser Vorlesung nicht näher auf Kants transzendental-philosophische Erkenntniskritik eingehen. Doch steht das Thema der nächsten Vorlesung, nämlich die Indexikalität des Wissens, dem Kantischen Denken nahe: Denn in gewißer Weise tritt in der pragmatischen Erkenntnistheorie an die Stelle der Ordnung der Dinge in Raum und Zeit ihre indexikalische Darstellung und deren Vermittlung. Die indexikalische Sprache ist die Sprache des menschlichen Wissens, das von Personen ausgeht und auf das Bezug nimmt, was Personen voneinander erfahren, wahrnehmen und wissen. Indexikalisch formuliertes Wissen bezieht das „ich, er, sie, du, wir, ihr“ auf das „hier, dort, woanders als“ und auf das „jetzt, damals, später, früher als“. So werden die Formen der Anschauung mit denen ein einsames Erkenntnissubjekt sich selbst Wahrnehmungsgehalte klar macht, ersetzt durch eine Sprache, die Wahrnehmungswissen vermittelt, und auch Personen zuschreibt.

Abschließend will ich zu Ihrer Orientierung über den weiteren Verlauf dieser Vorlesungsreihe kurz in den Grundzügen beschreiben. Die ersten vier Vorlesungen stehen unter dem Thema „Spüren, Wahrnehmen und Wissen: Der erkenntnistheoretische Alltag” und werden einen pragmatischen Wissensbegriff einführen, für den der gute Informant und das kommunikative Gegenüber zentrale Kategorien sind. Dabei wird sich zeigen, daß die erkenntnistheoretische Leistung der zuschreibenden, indexikalischen Sprache, die dazu dient, anderen Menschen Meinungen zuzuschreiben, eine erkenntnistragende und manchmal auch -entscheidende Rolle in Alltag und Wissenschaft spielt. Für den II. Teil habe ich mir eine Themenstellung vorgenommen, die zunächst als rein geschichtlich erscheinen mag, die aber den im I. Teil entwickelten pragmatischen Wissensbegriff anknüpft. Der II. Teil wird vier Vorlesungen umfassen und steht unter dem Titel „Wie die Entstehung der Naturwissenschaften die Beziehung zwischen Erkennen und Erfahrung verändert“. Sie wird sich unter anderem mit Gallileis, Keplers und Descartes Verständnis der Aufgabe von Wissenschaft beschäftigen und wie diese Auffassung einen neuen Umgang mit alltäglicher und experimenteller Erfahrung begründete. Das Ziel ist es, den Bogen zwischen diesen ersten Konzeptionen der modernen Naturwissenschaft zu heutigen nach-newtonischen Physik aufzuzeigen.

Der dritte Teil bildet den wissenchaftstheoretischen Schwerpunkt dieser Vorlesungsreihe. Unter dem Thema „Wissenschaft und Verstehen: Was zeichnet eine wissenschaftliche Erklärung aus?“ werden wir in fünf Vorlesungen den Erklärungsbegriff des wissenschaftlichen Verstehens als Mittelpunkt der modernen Wissenschaftstheorie beschreiben und seine Beziehung zu alltäglicher Erfahrung und alltäglichen Verstehensbegriffen herausarbeiten. Dieses Thema wird es erlauben, daß wir wichtige Positionen der modernen Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts - mit Peirce und Carnap angefangen, über Hempel, Nagel, Salmon bis Gordon-Brittan, Bas van Fraassen - anhand des von ihnen vertretenen Erklärungsbegriffs kennenlernen.Im IV. Teil “Alltägliche Fähigkeiten und die Spur des Menschen in den Wissenschaften” werden wir unsere Reise durch die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie damit beenden, daß wir auf anfängliche Fragen, Einsichten und Thesen anhand des Begriffs der Spur und des Index zurückkommen. Wir werden uns mit den Grenzen der Wissenschaft und den Grenzen des Verstehens beschäftigen und die Konflikte und komplimentären Beziehungen zwischen Alltag und Wissenschaft betrachten. Die abschließend vorgeschlagene situative Semantik der Indices und Spuren erweist sich als das Bindeglied, das die alltäglichen Erkenntnisformen sowohl mit den exakten Naturwissenschaften wie mit den Geisteswissenschaften verbindet.Dies ist der Weg, den ich Sie führen möchte. Auch ich weiß noch nicht so genau, wie uns die Reise über die geplanten Stationen zu dem beschriebenen Ziel führen wird. Denn ich muß gestehen: Diese Vorlesungen sind immer noch im Werden, auch wenn schon etliches geschrieben ist. Es kann durchaus sein, daß die Mühsal des Wegs an einigen Stellen weitaus mehr Zeit erfordert als ich eingeplant habe. Und ich bin gern bereit, mich durch Ihre Nachfragen zu näherer Untersuchung einiger Details anregen zu lassen. Ja, es kann auch sein, daß die Reize und Schönheiten der philosophischen Landschaften, durch die wir ziehen werden, uns vom geplanten Weg unserer Route auf Seitenpfade ablenken und gelegentlich fortführen werden. Lassen Sie sich überraschen.

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