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Mehr Professionalität = mehr Begründung?

Michael Seibel - Heideggers Pointe hyperbolischer Rationalität

Ist das so? Eine schwierige Frage.

Die Vorstellung traf auf heftigen Protest, dass zunehmende Professionalisierung zugleich mit einem immer engmaschigeren Begründen einhergeht. Ganz im Gegenteil, wo dauernd nur begründet wird, läuft nichts. Wechselseitige Begründungsüberbietung der professionellen Akteure findet nicht statt. So wurde widersprochen.

Letztens bin ich über auf ein Zitat des DS-Drogeriemarkt-Gründers Götz Werner gestoßen, des derzeit vielleicht bekanntesten Befürworters des bedingungslosen Grundeinkommens, der sinngemäß sagte:
Wer etwas nicht will findet Gründe, wer etwas will findet Wege.

Ist das das Gemeinte?

Ich finde die Frage sehr interessant und schwierig, weil sie noch einmal von einer ganz anderen Seite danach fragt, was das ist, was uns Heidegger unter dem Titel „Grund“ bietet.

Wir hätten zwei Metaphern: „in Bewegung versetzen“ versus „auf festen Grund stellen“.

Was sind sie denn, unsere vielbeschworenen Profis, in welchen Beruf man auch schaut? Sind es Wege-Finder oder Begründer oder beides. Und sind sie nicht das andere, solange sie das eine sind und vice versa?

Effizienz wäre der günstigste gefundene und damit der am besten begründete Weg, der Weg mit dem geringsten möglichen Zeit- und Ressourcenverbrauch.

Oder ist das eigentlich Professionelle ein gut geführtes informelles Gespräch unter Geschäftspartnern für verlässlichen good will, und geht es andererseits nicht in eins um das lückenlose Kleingedruckte der Arbeits-, Leistungs-, Lieferverträge und Gewährleistungsversprechen, der Patente und Verwertungsrechte. Herrscht Krieg oder Harmonie oder beides oder etwas ganz anderes? Mit beiden Beinen in einer Empirie unterschiedlichster Fälle steckend, fragt man sich, wie dazu die Heideggersche Diagnose in ihrer Allgemeinheit passt.

Wie begründet man Ressourcenallokationen im Einzelfall? Und doch ist Schritt um Schritt begründendes Planen möglicherweise erst der zweite Schritt nach einem ursprünglicheren in Bewegung bringen. Und könnte man das professionalisieren? Was wären denn professionelle Initiatoren, die sozusagen bei der Arbeit des Begründens locker lassen, um etwas mit der Zustimmung des anderen in Bewegung zu bringen? Das soll es, sagt man, ja geben. Und dann gibt es wieder Menschen, die man in den meisten Situationen gar nicht erst nach ihren Gründen fragt, die Amateure und die Nicht-Zuständigen.

Was also ist, wenn Heideggers allanwesendes Begründen innerhalb von Herrschaftsverhältnissen realisiert wird? Der wissenschaftliche Diskurs, den Heidegger im Blick hat, ist da sogar noch ein Idealfall, da hier programmatisch jeder Rederecht hat, der gute Gründe mitbringt. Nur wie soll man gute Gründe mitbringen, ohne über die Ressourcen zu verfügen, die Wissenschaft in hohem Maß verbraucht? Die Art des Begründens, die Heidegger im Verdacht hat, zu einem ernsten Problem zu werden, findet regelmäßig innerhalb von Herrschaftsverhältnissen statt, wovon Heidegger nicht spricht.

Wie man sieht, gibt es gleich eine ganze Menge von Strängen, die vom Heideggerschen Begriff des Grundes wegführen. (Einen Strang werden wir gleichsam ohne Ansicht beim nächsten Mal aufnehmen, wenn wir uns mit Peter Brook und der Frage beschäftigen: Was macht eigentlich ein Regisseur? Wäre das nicht ein Auf-den-Weg-Bringer?)

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