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Die Repräsentation und das Fort-Da-Spiel

Michael Seibel - Die Verdoppelung der Gegenwart


Wieder gleich mitten hinein in Heideggers Text „Der Satz vom Grund“:

Der Grund muß dem Menschen „zurückgegeben“ werden, »der in der Weise des urteilenden Vorstellens die Gegenstände als Gegenstände bestimmt. Vorstellen aber ist: repraesentare — etwas auf den Menschen zu präsent, gegenwärtig machen.«

Was macht eigentlich etwas zu einem Gegenstand? Stellen Sie sich vor, sie wollen sich nachts noch ein Glas Milch aus der Küche holen und machen das Licht nicht an, weil Sie ihren Partner nicht stören möchten. Ihre Wohnung kennen Sie ja. Es müsste auch im Dunkeln gehen. Auf dem Weg wird es Ihnen schon einmal passiert sein, dass Sie sich an dem einen oder anderen Gegenstand gestoßen haben, den Sie nicht an der Stelle erwartet haben, an der er nun einmal liegt.

Was macht also diesen Gegenstand zum Gegenstand? Dass Sie laufen und dass Sie sich daran stoßen. Was sonst?

Nun stellt aber Heidegger etwas ganz anderes vor: Gegenstände werden »in der Weise des urteilenden Vorstellens« als Gegenstände bestimmt.

Sicher bemerken Sie, wie da etwas verdoppelt wird. Da ist der Gegenstand, an dem Sie sich soeben im Dunkeln gestoßen haben und nun der Gegenstand, den Sie sich bloß „vorstellen“.

Können wir sagen, der Gegenstand, an dem Sie sich gestoßen haben, sei der wirkliche und der vorgestellte sei bloß ein Phantasie-Ding oder zumindest etwas, das Ihrem Zeh nicht wehtut?

Auf den ersten Blick scheint das so zu sein. Und so stellt sich das ein gewisser Materialismus vor, von dem Heidegger später im Text spricht. Oder haben Sie sich schon einmal an einer Vorstellung gestoßen?

Wenn man Fragen wie diese nicht gleich wegwischt, wird man zugeben müssen: Selbstverständlich stoßen wir uns ständig an Vorstellungen.

Ein Beispiel aus der Kriminologie: Ich finde folgende Statistik: Die befragte Bevölkerung schätzt, dass in Deutschland in der Zeit von 1993 bis 2003 die Zahl der vollendeten Sexualmorde um 259% zugenommen hat. Die Polizeistatistik gibt jedoch an, dass diese Zahl in Wirklichkeit in der in Frage stehenden Zeit sich nicht vervielfacht, sondern im Gegenteil um 38 % abgenommen hat. (Pfeiffer C, Windzio M, Kleimann M (2004) Die Medien, das Böse und wir. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 87, S. 415–435)

An was bitte stoßen sich die Menschen hier eigentlich, wenn nicht an ihren eigenen Vorstellungen? Übrigens nicht nur da, wo sie falsch liegen, sondern ebenso da, wo sie ganz richtig liegen. Wir lassen uns alarmieren, wir leben in Erwartungen.

Heidegger weist also hin auf die Untrennbarkeit von sinnfälliger Wirklichkeit und Vorstellung. Sie werden sich nicht eine Sekunde lang vorstellen können, mit dem Fuß ungewollt gegen etwas zu stoßen, gegen dieses unerwartete Ding in unbeleuchteter Nacht, gegen dies schlechthin Reale, ohne es unmittelbar auch vorzustellen. Es sei denn Sie seien volltrunken an der Grenze zum Koma. Eine Wirklichkeit, die nicht zugleich vorgestellte ist, hört auf, wirklich zu sein. Die Wirklichkeit des Wirklichen passiert nicht ohne den Kopf.

Hier fällt im Text der Begriff »repraesentare — etwas auf den Menschen zu präsent, gegenwärtig machen.«

Es bedarf demnach der Leistung der Vorstellung, um etwas gegenwärtig zu machen. Das Ding in der Nacht, an dem ich mich stoße, ist es denn nicht unmittelbar und von ganz alleine gegenwärtig?

Nein. Die Frage der Repräsentation verweist uns sogleich auf einen der zentralsten philosophischen Themenkreise des 20ten Jahrhunderts überhaupt rund um den Begriff der Zeitlichkeit.

Gegenwart, das ist ebenso die unabweisbare Sinnfälligkeit des realen Hier und Jetzt, wie dessen unaufhaltsame Vergänglichkeit. Ein größeres Spannungsverhältnis, als dieses Fort-Da Spiel der Gegenwart lässt sich nicht denken.

Dieser Doppelcharakter von massiver, unabweisbarer Gegenwärtigkeit und unwiederholbarer Vergänglichkeit des Augenblicks ist nichts, was es an sich und ohne den Menschen gibt. Ohne den Menschen wäre das Universum schlichtweg zeitlos. Zeitlichkeit ist in all ihren Dimensionen bezogen auf die „Sorge“, auf die Existenz des Menschen, wie Heidegger ausführlich in „Sein und Zeit“ entwickelt hat.

Denken Sie an einjährige Babies, die Dinge wegwerfen, um sie sich im nächsten Augenblick geben zu lassen. Es ist einer der vielleicht kreativsten und beeindruckendsten Erkenntnisakte unseres gesamten Lebens, dieses Spiel zu lernen, versetzt es uns doch in ein ursprünglich aktives Tauschverhältnis zum Anderen und gleichzeitig in die Lage, mit den Zeitdimensionen umzugehen, mit der Präsenz, dem Verschwundensein und der Erwartung.

Wer weiß, ob wir uns als Babies auf das Fort-Da-Spiel einlassen würden, wenn wir schon wüssten, was wir uns damit einhandeln, nämlich den Tod, von dem die Tiere bekanntlich nichts wissen.

Zu schade, dass wir uns als Erwachsene an Freude und Erstaunen, die wir als Babies dabei empfunden haben und die man jedem Baby ansieht, mit dem man das Fort-Da-Spiel spielt, nicht mehr erinnern. (Oder vielleicht erinnern wir uns ja doch, sofern wir mit etwas Glück über ein Reservoir positiver Erwartungen verfügen, das ein Leben lang reichen muss, sodass Glück, wie Sigmund Freud im einem Brief an Fließ sagt, die späte Erfüllung unserer Kinderwünsche bleibt.)

Was tun wir, wenn wir etwas repräsentieren, etwas wörtlich genommen zurück in die Gegenwart versetzen? Es ist nicht gemeint, dass wir still dasitzen und uns gleichsam meditierend einen Gegenstand vorstellen, von dem wir zugleich wissen, dass der Gegenstand in Wirklichkeit außerhalb unserer Vorstellung existiert. Mir fällt ein Kurs aus dem Grundstudium für Mediziner ein, in dem es darum ging, unterm Mikroskop Drosophila Fliegen mit einer bestimmten Mutation zu erkennen und nachzuzählen, bevor deren Betäubung nachließ. Die Wirklichkeit wartet nicht. Sie neigt zum Davonfliegen. Am Ende des Seminars war der Saal voll von Fliegen.

Wenn die Repräsentation ein ruhiges Geschäft wäre, wären Heideggers Formulierungen unverständlich, in denen er etwa sagt: »Erst durch auf das Ich zurück- und ihm eigens zugestellten Grund der Vorstellungsverknüpfung kommt das Vorgestellte so zum Stehen, daß es als Gegenstand, d. h. als Objekt für das vorstellende Subjekt sichergestellt ist.«

Zu stehen und sichergestellt zu sein, das ist also gerade nicht ein selbstverständliches Merkmal der Vorstellungen, sondern Vergänglichkeit, Schwinden, Entropie. Erst wenn Vorstellungsverknüpfungen begründet werden können, wird das Vorgestellte sichergestellt.

Das geschieht, so Heidegger, neuzeitlich in der Weise »des sicherstellenden Rechnens« der modernen Naturwissenschaften.

In diesem Zusammenhang nennt Heidegger Leibniz den Erfinder einer konkurrenzlosen, ubiquitären Lebensversicherung. »Die Arbeit an der Sicherstellung des Lebens muß jedoch selber ständig sich neu sichern.«

Teilen wir Heideggers Diagnose: »Der heutige Mensch hört ständig auf den Grundsatz des Grundes, indem er dem Satz zunehmend höriger wird«?

Dagegen nun, gegen den Satz vom Grund stellt Heidegger den Zuspruch, das Wort des Seins gegen ein bloß rechnendes Denken hält er ein besinnliches Denken. Finden wir das nachvollziehbar oder ist das Schwarzwaldkitsch? Darüber und die Dichterworte Goethes in diesem Zusammenhang wollen wir beim nächsten mal abschließend reden.

Hinzuweisen ist auf die herrlich Schipftirade von Thomas Bernhard gegen Heidegger.

Hier ist der Link ...


Thomas Bernhard macht Heidegger darin nach allen Regeln der polemischen Kunst nieder. Abgesehen davon, dass ich an ein paar Stellen vor Lachen geradezu prusten musste, finde ich, so etwas sollte man mit jedem machen, der in irgendeiner Kulturgattung Rang und Namen hat. Es hilft ausgesprochen, Verklärungen zu verscheuchen und sich zu überlegen, was an den Texten der Stars des Denkens im einzelnen dran ist und was nicht. Es hilft beim Reinemachen im Kopf.

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