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Mensch 2.0

Walter Tydecks zu:
Biomedizinische Erneuerung des Menschen oder neuer Übermenschwahn?

Einleitung

Citizen Cyborg ist der Titel eines 2004 erschienenen Buches von James Hughes (seit 1984 buddhistischer Mönch, Soziologie-Abschluss in Chicago, unterrichtet Bioethik am Trinity College in Connecticut, 2004-2006 Präsident der World Transhumanist Association, Präsident des Institute for Ethics and Emerging Technologies). Citizen Cyborg könnte frei übersetzt werden mit »Bürgerrechte für künstliche intelligente Wesen«.

In Deutschland war der Transhumanismus 1999 Gegenstand einer ungewöhnlich heftigen philosophischen Diskussion im Anschluß an einen Vortrag von Peter Sloterdijk Regeln für den Menschenpark. Der Transhumanismus organisiert sich weltweit in eigenen Organisationen und Think Tanks und ist im Vorstand von Google vertreten. Er versteht sich als die einzige Philosophie, die auf die Fragen der naturwissenschaftlichen und insbesondere medizinischen Erfolge der letzten 150 Jahre eine Antwort zu geben weiß. Und er will eine Antwort auf das Scheitern der klassischen politischen Strömungen im 20. Jahrhundert geben und leitet daraus weitreichende politische und ökonomische Ideen ab.

Um diesen Ansatz zu verstehen, soll daher zunächst ein Überblick über die Geschichte des Transhumanismus und ihren aktuellen Stand gegeben werden. Anschließend wird das philosophische Thema des Transhumanismus dargestellt: Was ist der Mensch und wie wird (soll) er sich entwickeln? Provokativ gefragt: Welches handelnde Subjekt liegt dem Handeln des Menschen zugrunde?

Aus der Auseinandersetzung um den Transhumanismus zeichnen sich für mich 4 Richtungen ab: Eine Orientierung an der Natur, der Existenz, der Idee oder der Biomedizin des Menschen.

Der Transhumanismus ist überzeugt, mithilfe weiterer Erfolge der Biomedizin den aktuellen Zustand des Menschen zu überschreiten in Richtung einer »humanity+«, womit er für den von Nietzsche eingeführten »Übermenschen« eine neue Bezeichnung sucht, die nicht politisch vorbelastet ist. – Zahlreiche weiterführende Fragen könnten bei späterer Gelegenheit fortgeführt werden, z.B. die offenen juristischen Fragen angesichts der neuen Möglichkeiten der Biomedizin oder die veränderten Rahmenbedingungen der Politik (in welcher Weise organisiert der Transhumanismus seine politische Einflussnahme und was sagt das über den Zustand der heutigen Gesellschaft und Politik aus).



Zur Geschichte des Transhumanismus

1865: In Paris begründet Claude Bernard (1813-1878) die wissenschaftliche und experimentelle Medizin. Er war entgegen einer Jahrtausende währenden Tradition überzeugt, dass im organischen und anorganischen Bereich die gleichen Gesetze gelten, was seither als völlig selbstverständlich gilt. Erstmals Tierexperimente. »Er entdeckte die Rolle der Pankreassekretion bei der Verdauung von Fetten, die Rolle der Leber bei der inneren Sekretion von Glukose im Blut, womit man der Ursache der Zuckerkrankheit auf die Spur kam. Er zeigte auch auf, wie Kohlenstoffmonoxid die Atmung blockiert« (Wikipedia). Sein Nachfolger war Èdouard Brown-Séquard (1817-1894): wichtige Erkenntnisse auf den Gebieten Blut, Nerven, endokrines System. 1889 wollte er sich mit der Injektion von Hodensubstanz (Liquide orchitique) verjüngen.

1900: Um 1900 entstand die Überzeugung, dass »unsichtbare Agentien« wie Hormone und Vitamine für Gesundheit, Lebensqualität und Verfallsprozesse bis zum Tod verantwortlich sind. Sie konnten 1909 - 1941 biochemisch identifiziert werden. Entstehen der Endokrinologie (Lehre von den Hormonen). 1925/26 Östrogen nachgewiesen, 1935 Testosteron. Aufbau und Entwicklung der pharmazeutischen Industrie. Führend in Deutschland: Adolf Butenandt (1903-1995): Verbunden mit Schering. Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biochemie in NS-Zeit. 1960-1972 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

1920er: Erste Verjüngungsmittel auf Basis von Hormonpräparaten wie z.B. Progynon (Schering seit 1928) und Menformon (Organon seit 1926). In England entsteht im Umfeld der Kommunistischen Partei Großbritanniens eine philosophische Richtung, die als Vorläufer des Transhumanismus gilt: J.B.S. Haldane (1892-1964, Daedalus, Science and the Future, 1923), J.D. Bernal (1901-1971) und Julian Huxley (1887-1975, Unesco, British Eugenics Society). Dessen Halbbruder Aldous Huxley (1894-1963) war mit Haldane befreundet und veröffentlichte 1932 Brave New World.

Nach 1945: Science Fiction mit häufig hohem wissenschaftlichem Anspruch wie z.B. Isaak Asimov (1920-1992) und Stanislaw Lem (1921-2006, Cyberiad 1965).

1960: Der Neurowissenschaftler Manfred Clynes und der Psychologe Nathan Kline veröffentlichen in Astronautics eine NASA-Studie Cyborgs and Space. »Cyborg« ist eine Abkürzung für »Cybernetic Organism«. Es ging um die Frage, was mit Astronauten geschehen kann, falls sie für längere Zeit jeden Kontakt zur Außenwelt verlieren (siehe auch den Film von Stanley Kubrick 2001: A Space Odyssey von 1968).

1964: Robert Ettinger (1918-2011) vertritt die Kälteeinfrierung von Menschen (The Prospect of Immortality), die 1967 erstmals an einem Menschen erfolgt. Er bezieht sich auf die rasante Entwicklung der Kühltechnik: Erste Verfahren seit 1850, 1913 erster Kühlschrank, seit 1930 großindustrielle Produktion von Kältemitteln FCKW, seit den 1940ern Blutbanken und Samenbanken von Zuchtbullen, 1954 die erste menschliche Geburt durch Befruchtung mit kryokonserviertem Sperma, seit den 1970ern Aufbau von Samenbanken, 1994 erste Eierbank weiblicher Oozyten.

1966 hält Fereidoun Esfandiary (New School for Social Research, New York) Vorträge über »new concepts of the Human« und wird einer der ersten Wortführer des Transhumanismus.

1968: Impulse aus der Gegenkultur und 68er-Bewegung (Leary, Maslow, Aldous Huxley). Teile der Frauenbewegung sehen die Frauen erst befreit, wenn Kinder künstlich gezeugt und ausgetragen werden können (Donna Haraway A Cyborg Manifesto 1985).

1980er: Ausgehend von Arbeiten zur Künstlichen Intelligenz (KI) wird ernsthaft daran geforscht, wie eine Kopie des menschlichen Gehirns in einem Computer erzeugt werden kann (Mind Uploading). Daran arbeiten unter anderem der Robotik-Forscher Hans Moravec (* 1948, Mind children 1988), der Erfinder und Futurist Raymond Kurzweil (* 1948), der KI-Forscher Marvin Minsky (* 1927), der Physiker Frank Tipler (* 1947), der Neurowissenschaftler David Eagleman (* 1971).

1980er: Seit den 1980ern werden in der Medizin bildgebende Verfahren wie z.B. die Positronen-Emissions-Tomographie eingesetzt. Mit ihnen konnte z.B. nachgewiesen werden, dass bei ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ein Mangel in der Dopamin-Transporter-Dichte vorliegt. (Dopamin wurde 1910 entdeckt, seine Funktion als Neurotransmitter 1958). Diese Erkenntnisse haben zu einer Welle von Verschreibungen entsprechender Medikamente geführt (z.B. Ritalin), deren Wirksamkeit jedoch umstritten ist.

1985: Eric Drexler (* 1955) gründet das Foresight Institute und macht 1986 mit dem Buch Engines of Creation die Nanotechnologie bekannt. Seither setzen alle Transhumanisten große Hoffnungen in die Möglichkeiten der Nanotechnologie, warnen aber auch vor ihren Gefahren.

1991 gründen Transhumanisten und Timothy Leary in Kalifornien das Extropy Institute (das 2006 geschlossen wurde, weil seine Aufgabe erfüllt sei). Der Begriff Extropie bezieht sich auf die Selbstorganisations- und Katastrophentheorie und ist das Gegenteil von Entropie.

1990er: Die Initiative der Transhumanisten erhält zusätzlichen Auftrieb aus Verbindungen mit den libertären Ideen der Hayek-Tradition, die Internet-Euphorie (1993 Gründung des Technologie-Magazins wired), politische Neuausrichtung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989, Antwort auf die in Japan angestrebte Hypertechnik.

1998: Gründung der World Transhumanist Association, die später umbenannt wurde in Humanity+

1999: Um 1997 stoßen die schwedischen Philosophen Nick Bostrom (*1973, Philosoph an der Oxford University, Direktor des Oxford Future of Humanity Institute) und Anders Sandberg (* 1972) hinzu. Sie schreiben 1999 das transhumanistische Manifest und FAQ (Frequent asked questions).

Seit 2000: Der Körper wird fraktioniert in »Organe, Gene, Gewebe, sein Blut, seine Zellen und Proteine« (Durnova, Gottweis, in Bios und Zoë, S. 278), die jeweils für sich zum verwertbaren Objekt einer neuen weltweit agierenden Industrie werden. Wichtigstes Rohmaterial sind die weibliche Eizellen, die bei In-vitro-Fertilisationen überzählig anfallen und eingefroren werden. Die Kontrakte erfolgen überwiegend über Internet. – 2013 haben in Deutschland ca. 300 - 500 Frauen Eizellen einfrieren lassen. Das kostet ca. 3.000 € und im Falle späterer Befruchtung nochmals einige Tausend €. (tagesschau)

2008: Ray Kurzweil und andere gründen im Silicon Valley auf dem NASA-Gelände die Singularity University. 2012 wird Kurzweil Director of Engineering bei Google. Seither hat Google in großem Stil Unternehmen aus der Robotik aufgekauft (Wikipedia). Ein erstes marktgängiges Produkt könnte Google Glass werden.


Was ist der aktuelle Stand?

Die folgende Übersicht geht zurück auf Citizen Cyborg mit Ergänzungen nach Eichinger in Viehöver, Wehling (2011) sowie diversen Wikipedia-Einträgen:

Controlling the Body: Einsatz von Prothesen, künstlichen Gelenken, Hörgeräten, Herzschrittmachern etc. Die Prothesen werden zunehmend »intelligenter« , z.B. computergesteuerte Beinprothesen. Aber auch Präimplantationsdiagnostik, Eingriffe vor der Geburt, Abtreibungen im Fall von Down-Syndrom etc.

Living Longer: Stammzellentherapie, biologische Uhr ändern, Verfall der Gene aufhalten, Gentherapie gegen Alterung, Immunsystem aufbauen um alte Zellen abzubauen. Das wird zumindest für die ersten Anwender sehr viel Geld kosten und könnte die Lebenserwartung deutlich an das Einkommen koppeln. – Bisher beträgt das höchste erreichbare Alter ca. 120 Jahre. Der genetisch bedingte Anteil am Alter wird auf 30-70% geschätzt. Die höchsten Anteile von sehr alten Menschen gibt es in eher ärmlichen Gegenden auf Okinawa, Sardinien und Neuschottland. – Der Erfolg der mehrfach genannten Produkte Melatonin (wird in der Zirbeldrüse erzeugt und regelt den Tag-Nacht-Zyklus), DHEA (steuert Geschlechtshormone), Wachstumshormone (Somatotropin), Thymustherapie (Anregung des Thymus, der für das Immunsystem wichtig ist) konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Getting smarter: Verbesserte Nahrung, spezielle Medikamente oder Ernährung zur Anregung des Gehirns (Erinnerung, Konzentration, etc.) Vitalstoffe: nutraceuticals, auch Functional Food wie Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Aminosäuren, ungesättigte Fettsäuren, Bakterienkulturen, Antioxidantien u.a., das sind sogenannte Mikronährstoffe. Vitamintabletten, probiotisch angereicherte Lebensmittel. Kosmetische Interventionen: Beseitigung von Falten, schlaffen Hautpartien und Altersflecken sowie die Entfernung von Fettgewebe, in ersten Ansätzen Stimulierung von Zahnwachstum. Anti-Aging- und Anti-Falten-Cremes. – Angeboten werden Vitamin C, Retinol, Kollagen, Coenzym Q10, Hyaluronsäure, aber auch Kaviarextrakt und sogar Goldpartikel. Das ist fast durchweg umstritten. Erfolgreicher sind dagegen Antioxidantien (Kaffee, Tee, Bananen, Trockenbohnen, Mais, Rotwein, Bier, Äpfel, Tomaten, Kartoffeln). – Wachsendes Körperbewusstsein und entsprechender Lifestyle: »Körperliche Bewegung, gesunde und ausgewogene Ernährung, Abstinenz gegenüber Giften wie Nikotin und Alkohol, ausreichend Schlaf und Regeneration, kontinuierliches Training geistig-kognitiver Fähigkeiten sowie die regelmäßige Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen«. Lebenslanges leichtes Hungern, nie bis zur Sättigung essen.

Being happier: Zwillingsforschung soll zeigen, dass Happiness auch stark genetisch bedingt ist. Medikamente gegen Depression, Angst, Schizophrenie, Epilepsie. NeuroCybernetic Prosthesis System (NCP), um zu entkrampfen (ursprünglich für Epileptiker entwickelt), es wirkt wie Elektroschock auf Nano-Ebene. Transcranial Magnetic Simulation (TMS), regt Gehirn magnetisch an. Solche Medikamente müssen nach Hughes nicht mit Nebenwirkungen wie Gleichgültigkeit oder Abstumpfen verbunden sein. Sieht jedoch die Gefahr von Drogenabhängigkeit wie bei den Lotusessern.

In US wird schon jedes 8. Kind vorzeitig geboren und im Brutkasten weiter entwickelt. Viele tragen Defekte davon, die wiederum mit verbesserten Techniken behandelt werden sollen. (Hughes, S. 86). 2011 werden weltweit über eine halbe Million Babys aus gefrorenen Embryonen geboren.

An die Stelle individueller Vernunft tritt das Vertrauen auf Wissenschaft, auf »Moleküle und statistische Wahrscheinlichkeit«, wenn z.B. den vielen ärztlichen Prüfungen und ihren statistischen Warnungen vertraut wird. So ließen sich in Deutschland 5% der Frauen nach einem positiven Gentest »prophylaktisch den Eierstock entfernen«, in den USA bereits ein Drittel (Weiss in Bios und Zoë, S. 48, 51f).

Die Abgabe von Methylphenidat (z.B. Ritalin) stieg in Deutschland von 34 kg 1993 auf 1,2 to 2006 und weiter auf 1,7 to 2009, seither Wachstum abflachend.

Smartphones sind der Vorläufer von Smart Drugs, Smart Agents. Vorbild sind die Ribosomen, die mit kleinsten und einfachsten Mitteln alle notwendigen Proteine herstellen können.

Schönheitsoperationen haben stark zugenommen. In den USA von 2,1 Mio Frauen 1997 auf 8,8 Mio 2003. In Deutschland geschätzte 150.000 bis 800.000 jährlich.


Subjekt des Transhumanismus

Was lässt sich über diese atemberaubende Entwicklung sagen, die tief in das alltägliche Leben eingegriffen hat? Die vielfältigen Änderungen vom neuen Verständnis der Medizin über die Kühltechnik, Nanotechnologie, Biochemie, Einsatz von Sensorik und Robotik in Prothesen bis zur künstlichen Befruchtung und Austragung von Kindern sind innerhalb von nur 150 Jahren so selbstverständlich geworden, dass das Nachdenken, was das für das Wesen und die Natur des Menschen bedeutet, kaum mehr mithält.

Ist der Mensch eine Endstufe der Evolution, der nur versuchen kann, seine eigene Natur zu optimieren? Oder ist der Mensch nur ein bestimmter Zustand im Verlaufe einer übergreifenden evolutionären Entwicklung, die von den Steinen, Pflanzen und Tieren über den Menschen hinaus zu etwas Neuem führt, das frei über Geburt, Tod und Leben verfügen kann? Wenn das so ist, wer ist dann das Subjekt dieser Entwicklung? Das kann nicht der Mensch sein, sondern etwas, was dem Menschen und dem transhumanen Wesen zugrunde liegt. Wer das aktiv betreibt, will entweder Gott spielen oder versteht sich als Getriebener einer tieferen Bewegung oder als Vorbote von etwas Kommendem.

Der Transhumanismus setzt sich gegen alle überlieferten religiösen und ethischen Überzeugungen und wird von ihnen entsprechend kritisiert und zwingt sie, ihre Positionen unter den veränderten Gegebenheit neu zu durchdenken.





Literaturhinweise

Nick Bostrom: A History of Transhumanist Thought, Oxford 2005; Link
Rosi Braidotti: Transpositions, Cambridge (UK) 2006
Alexander Friedrich, Stefan Höhne: Frischeregime: Biopolitik im Zeitalter der kryogenen Kultur
in: Glocalism, Journal of culture, politics and innovation, 2014; Link
Thomas Fuchs: Die Würde des menschlichen Leibes
in: W. Härle, B. Vogel (Hg.): Begründung von Menschenwürde und Menschenrechten, Freiburg 2008, S. 202-217; Link
Francis Fukuyama: Das Ende des Menschen, Stuttgart München 2002
Jürgen Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur, Frankfurt am Main 2001
Donna Haraway: Ein Manifest für Cyborgs
in: Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur, Frankfurt am Main 1995; Link
Martin Heidegger: Brief über den »Humanismus« (1946)
in: Martin Heidegger: Wegmarken, Frankfurt am Main 1967
Reinhard Heil: Rezension: Hughes; Citizen Cyborg
in: Sic et Non, 2005; Link
James Hughes: Citizen Cyborg, Boulder (Colorado) 2004; Kurzversion Powerpoint-Version
Anton Leist: Medizinethik und europäische Metaphysik der Person
in: Nikola Biller-Andorno u.a. (Hg.): Gibt es eine universale Bioethik?, 2007 ; Link
Denis Mäder: Transhumanismus, Seminar an der FU Berlin im Sommersemester 2013; Link
Alexander Schlaak: Ribosomen – Neuer Sonderforschungsbereich erforscht Hochleistungsmaschinen biologischer Zellen
in: idw – Informationsdienst Wissenschaft, Regensburg 2011; Link
Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark, 1999; Link, dazu Assheuer und Mohr, darauf Replik von Sloterdijk, darauf Antwort von Habermas. Ergänzend Dworkin. Später Tugendhat und Lütkehaus.
Willy Viehöver, Peter Wehling (Hg.): Entgrenzung der Medizin, Bielefeld 2011
Martin Weiß (Hg.): Bios und Zoë, Frankfurt am Main 2009


Nachweis für das Foto:
Ribosom aus: Schlaak: Ribosomen; Link


Dreidimensionales Modell eines Ribosom. Ribosomen sind die Proteinfabriken der Zellen.

Heiligkeit der Natur und des Lebens: Für die meisten Religionen und die antike Philosophie sind die Natur und der Körper heilig und dem Menschen von Gott oder durch Mutter Natur gegeben. Wer sich dagegen vergeht, wird nach antiker Überzeugung mit einer persönlichen Tragödie geschlagen.

Der Mensch ist Teil einer Ordnung, die er nicht überschaut und nicht ändern kann. Das wahre Subjekt ist die Natur. Aristoteles wollte konsequenterweise auch die Ethik und die Politik ausgehend von seinem Verständnis der menschlichen Natur entwickeln (siehe dazu bei einem späteren Treffen Martha Nussbaum, die sich auf Aristoteles beruft.)

Herausgefordert durch die neuen technischen Möglichkeiten der Biomedizin, findet diese Richtung zunehmend Anklang unter den Nachfolgern des französischen Strukturalismus. So schreibt z.B. die aus der Frauenbewegung kommende Rosi Braidotti (* 1954, Schülerin von Luce Irigaray, seit 1988 in Utrecht Professorin für Gender Studies): »Das Leben, das uns bewohnt, ist nicht unseres: wir haben es lediglich eine Weile geliehen bekommen. Das Leben ist halb tierisch, Zoë (Zoologie, Zoophilie, Zoo), und halb diskursiv, Bios (Bio-logie)« (Braidotti in Viehöfer, Wehling, S. 125).

Braidotti sieht sich mit Deleuze, Guattari, Hardt, Negri, Balibar und anderen darin einig, dass das Leben eine bisher unerkannte »unablässige, generative Kraft« ist und tritt ein für die »Bildung des postmodernen nomadischen Subjekts« (S. 128). Subjekt der übergreifenden Entwicklung ist für sie das Leben, der Einzelne kann nur innerhalb dieser Bewegung seine Position finden.

Die Darstellung der Position von Braidotti blieb im Colloquium undeutlich und soll möglicherweise bei einem zukünftigen Treffen weiter ausgeführt werden. So weit ich sie verstehe, ist nach ihrer Überzeugung heute die männliche, weiße Identität erschüttert und mit ihr auch das Nicht-Männliche, die »Andersheit – Frauen, Ureinwohner, Tiere etc.« (Braidotti, S. 124). Alle früher üblichen natürlichen Grenzen werden überschritten und damit auch alle überlieferten Lebensgewohnheiten. Sie nennt so einfache Beispiele wie fettfreies Eis, alkoholfreies Bier, Entwicklung neuer Haustierrassen. Nichts wird mehr einfach so hingenommen, wie es immer war, alle Grenzen werden fließend. Viele begrüßen die damit verbundene Freiheit und Flexibilität und glauben, sich in der Zeit dieser Veränderungen (metamorphoses) souverän bewegen zu können, doch der Körper spielt oft nicht mit. Das kann bis zum Zusammenbruch des Immunsystems führen, das sich nicht mehr in einer vertrauten Umgebung zu orientieren und Gefährdungen nur noch unzureichend zu erkennen vermag.

Das »Biokapital« versucht, direkten Zugriff auf die Lebendigkeit und Produktivität elementarer biologischer Prozesse zu gewinnen und z.B. das menschliche Genom oder alle Arten von Pflanzen und Tieren zu patentieren und deren lebendige Kraft zu vermarkten. Auf diese Weise werden lebendige Kräfte freigesetzt oder entfesselt, die an keinerlei der bekannten Ordnungen gebunden sind (weder die männliche Identität, wie sie von der klassischen Philosophie vertreten wurde, noch die früheren Alternativen wie eine mütterliche Gesellschaft, Fremdheit). Da gibt es keine natürlichen Bezugspunkte mehr (Heimat, Großfamilie). Stattdessen setzen sich die lebendigen Kräfte unvermittelt durch. Wenn ich Braidotti recht verstehe, ist das das nomadische Subjekt, das in keine der überlieferten Rollen mehr passt, die dem männlichen oder weiblichen Subjekt zugeschrieben wurden (und ich würde ergänzen, auch in keine der Rollen wie Bauer, Priester, Krieger, etc.).

Unhintergehbarkeit der menschlichen Existenz bzw. des Seins: Heidegger, Arendt, Habermas und Fukuyama greifen existenzialistische Fragen auf. Sie argumentieren nicht vorrangig mit der Heiligkeit des menschlichen Körpers, sondern bestimmter existenzieller Wesenszüge des menschlichen Lebens. Für Heidegger war das die Sterblichkeit, für Arendt die Gebürtigkeit (natality). Habermas nennt Arendt folgend das Recht eines jeden Ungeborenen, dass sein »Horizont künftiger Lebensentwürfe« nicht durch eugenische Eingriffe von außen gesteuert und eingeschränkt wird (Habermas, S. 141). Fukuyama sieht den »am stärksten bedrohte(n) Aspekt unserer komplexen Natur« im »Umfang der Emotionen«. Der Transhumanismus glaubt, zwischen guten und schlechten Gefühlen unterscheiden zu können, und möchte alle schlechten Gefühle durch Medikamente oder Eingriffe vermeiden. Dagegen Fukuyama: »Einem Menschen, dem Leid oder Tod nie begegnet sind, mangelt es an Tiefe« (Fukuyama, S. 241).

Sie argumentieren übereinstimmend, dass der Mensch in und durch seine Existenz von Erfahrungen erschüttert wird, die über die Kraft des einzelnen Menschen hinausgehen und sich prinzipiell jeder medizinischen Behandlung entziehen. Wenn überhaupt im üblichen Sinn von einem Subjekt gesprochen werden kann, dann liegt es in der Existenz, von deren Erschütterungen der einzelne Mensch überwältigt wird. Wer sich darüber hinwegsetzt und glaubt, sich über die Zwänge des Lebens mittels Drogen, technischer Geräte oder Körperübungen erheben zu können, erleidet in letzter Konsequenz einen Persönlichkeitsverlust, der von den Existenzialisten ausführlich beschrieben wird (siehe Kierkegaard zu Angst und Verzweiflung, Jaspers zu Philosophie und Psychiatrie, Heidegger zur Leere, Oberflächlichkeit und Langeweile eines Lebens, das ganz der Technik verfallen ist).

Heidegger hat diese Position in seiner philosophischen Wende der 1930er radikalisiert. Er sieht jetzt das  Sein  als das Subjekt der Geschichte und spricht daher von einer eigenen »Seinsgeschichte«. Der Mensch befindet sich in der Position, auf die Sprache des Seins hören und sie hüten zu müssen. Alle »Machenschaften« der Technik drohen ihn von seinem Sein zu entfremden und den Zwängen und Eigengesetzlichkeiten der Technik zu folgen statt dem Sein. Der Mensch verliert die Bindung zum Sein und gerät in die »Not« der »Seinsverlassenheit«.

Darauf bezieht sich Sloterdijk in Regeln für den Menschenpark. Er greift den Humanismus-Brief von Heidegger auf. Der Existenzialismus erweist sich für ihn neben »Christentum, Marxismus« bzw. »Bolschewismus, Faschismus und Amerikanismus« als eine weitere »Spielart des Humanismus«. Für Sloterdijk gilt mit Heidegger, dass der »Mensch selbst mitsamt seinen Systemen metaphysischer Selbstüberhöhung und Selbsterklärung das Problem ist«. Nicht der Mensch oder die Natur des Menschen ist das Subjekt, sondern das ihm zugrundeliegende Sein, das im Zweifel den Menschen in seiner Beschränktheit abschütteln wird. Alle ethischen, politischen und religiösen Ziele laufen in die Irre, wenn sie nicht den Horizont des Menschen überschreiten können.

Heiligkeit der Gestalt des Menschen: Habermas beruft sich darüber hinaus auf Kant. Kant hatte versucht, für Fragen der Moral Antworten zu finden, die nicht religiös (und auch nicht existenzialistisch) begründet sind.

»Daraus, dass der Körper nicht nur zufälligerweise zum menschlichen Leben gehört, sondern seine Conditio sine qua non ist; dass wir uns keinen Begriff von einem Leben ohne Körper machen können; dass der Gebrauch der Freiheit nur durch den Körper möglich ist; dass der Körper also ein Teil unserer selbst ist, zog Kant den Schluss, dass unser Körper nicht unserer freien Willkür unterworfen ist. Er ist nicht unser Eigentum, und wir haben daher kein Recht, über ihn zu disponieren« (Habermas, S. 204f).

Daher sprach sich Kant einschränkungslos sowohl gegen Verletzung anderer Körper wie auch gegen den Selbstmord, die Selbstverstümmelung oder Selbstbetäubung des eigenen Körpers aus. Ihm folgte Fichte. Thomas Fuchs (* 1958, als Psychiater und Philosoph Nachfolger von Jaspers an der Uni Heidelberg) fasst dessen Position zusammen:

»Leiber sind nicht 'Objekte im Raum', sondern Mitte und Mittel der Freiheit anderer. Es ist ihr Leib, der meiner Freiheit ihre Grenze zieht. Deshalb sei 'die Gestalt des Menschen dem Menschen notwendig heilig'. Jeder, der selbst ein 'menschliches Antlitz trägt', sei 'genötigt, die menschliche Gestalt überall, sie sei nun bloß angedeutet … oder sie stehe schon auf einer gewissen Stufe der Vollendung, anzuerkennen und zu respektieren'« (Fuchs, S. 203).

Die »menschliche Gestalt« erhält einen metaphysischen Rang. Es zeichnet die Freiheit und die Würde des Menschen aus, diese Gestalt selbst dort zu erkennen und zu respektieren, wo sie erniedrigt und verzerrt ist. Als metaphysische Idee kann sie weder an einem anschaulichen Muster dargestellt oder gemessen noch technisch hergestellt oder gar überboten werden.

Transhumanismus: Damit ist die größte Nähe und zugleich Differenz zum Transhumanismus bezeichnet. Auch Hughes und die Transhumanisten berufen sich auf die Tradition der Aufklärung. Sie machen aber darauf aufmerksam, dass die Aufklärung trotz ihrer freiheitlichen Gesinnung nie konsequent war. Bis ins 20. Jahrhundert galten auch in aufgeklärten Gesellschaften Schwarze und Frauen nicht als gleichberechtigte Menschen, da ihnen von ihrer Natur her geistige und mentale Fähigkeiten fehlen würden. Ihnen wurde daher seit den Griechen die Gewährung gleicher Bürgerrechte verwehrt.

Daher wollen Hughes und die Transhumanisten die Orientierung am Menschen aufgeben zugunsten einer Orientierung an der Persönlichkeit. Hughes fordert programmatisch: »Democracy for persons, not humans« (Hughes, S. 79).

Nicht die menschliche Rasse oder die Humaniden oder sonstige bestimmte Eigenarten des Menschen – meist am Bild des weißen Mannes westlicher Zivilisation gedacht – sind für sie Träger der Demokratie und der Freiheit, sondern die Persönlichkeit. (Dass auch Hughes von solchen Bildern nicht ganz frei ist, zeigt das für mich pseudo-religiöse Bild aus der Powerpoint-Version seines Buches.) Insoweit gibt es eine gewisse Übereinstimmung mit Kant und Fichte. Doch ist das für sie kein metaphysisches Konzept, sondern lässt sich orientieren an einem inneren Ideal, das an der langfristigen Entwicklung des Menschen ablesbar ist und über den heute bekannten Menschen hinausführt. Die Möglichkeiten der naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschung zeigen für sie, dass nicht mehr unbestimmt vom »menschlichen Antlitz« oder der »Gestalt des Menschen« zu sprechen ist, sondern »transhuman« steht für »transitional human« in der Erwartung, »dass körperliche Erweiterungen durch Implantate, Androgynie, asexuelle Fortpflanzung und eine Identität, die sich auf mehrere physische Wesen verteilt, unter die Merkmale von Transhumanität fallen könnten« (Transhumanismus FAQ). Die medizinische Entwicklung zeigt ein Zukunftsideal, das über den Menschen hinausgeht und vom Menschen dank seiner produktiven Fähigkeiten im Verlaufe der weiteren technischen Entwicklung bewußt konstruiert und erzeugt werden kann.

Bürgerrechte sollten daher für Hughes nicht an Personen menschlichen Geschlechts gebunden sein, sondern allen Wesen vergeben werden, die über die mentalen Fähigkeiten verfügen, die von einer Persönlichkeit verlangt werden. Was ist, wenn sich ein Computer nachweisbar in unterschiedlichen komplexen Situationen besser zu orientieren, Entscheidungen zu treffen und zu handeln vermag als ein durchschnittlicher Mensch? Hughes denkt auch an die Möglichkeit von Chimären, das sind uplifted animals: Was ist, wenn Tiere erfolgreich mit Medikamenten behandelt werden bis sie alle Persönlichkeitstests besser bestehen als ein dementer Mensch oder ein Kind in der Frühphase seiner Entwicklung? Wenn auf der einen Seite Menschen Bürgerrechte aberkannt werden, weil sie nicht mehr selbständig handlungsfähig sind, warum sollten dann nicht umgekehrt künstlichen Wesen Bürgerrechte verliehen werden, die über diese Fähigkeit verfügen?

Damit scheint mir die Frage von Citizen Cyborg auf den Punkt gebracht: Ist die Gestalt des Menschen eine metaphysische Idee, oder lässt sie sich messen durch Persönlichkeitstests und ähnliche Verfahren? Wenn das möglich ist, dann ist es ein vernünftiger Weg, den Menschen mittels geeigneter medizinischer Techniken dahin umzubauen, dass er diese Tests immer besser besteht und übertrifft, wodurch fortlaufend das Niveau der Menschheit im Ganzen gehoben werden kann und der Mensch höhere Stufen im Sinne neuer Versionen wie »Mensch 2.0«, »Mensch 3.0« … erreicht, oder sich zur »humanity+« wandelt, wie die Transhumanisten ihr Ziel jetzt nennen.

Nachtrag 1: Sloterdijk legte den Schwerpunkt anders. Er steht weniger in der Tradition der selbstbewussten Ingenieure und Naturwissenschaftler, sondern kritisiert das klassische Bildungsbürgertum von innen heraus. Er beklagt die »Kleinzüchter«, die den Menschen »verhaustieren« wollen, womit seit Nietzsche alle die Fürsorger und Erzieher gemeint sind, die jede auffallende Begabung und alles unangepasste Verhalten stutzen wollen. Ihr Argument war, dadurch die Gesellschaft vor der Verwilderung zu bewahren. Die Geschichte des 20. Jahrhundert zeigt ihr Scheitern, und sie wollen sich nicht einmal der Frage stellen, wie das möglich war. Mit einem großen Gedankensprung erklärt sich Sloterdijk das aus der biologischen Verfassung des Menschen, »der Frühgeburtlichkeit, der Neotenie und der chronischen animalischen Unreife des Menschen«. An diesem Punkt trifft er sich mit den Transhumanisten und hofft mit ihnen auf die Zukunft des »biotechnologischen Zeitalter«.

Nachtrag 2: Die Frage nach den Bürgerrechten für künstlich intelligente Wesen wirft umgekehrt die Frage auf, ab wann ein Wesen eigene Rechte hat, und wann ein Wesen schuldfähig ist. Habermas sieht hier eine »Verunsicherung der Gattungsidentität« (Habermas, S. 73). Hughes erläutert das an einem Beispiel. Ein Ehepaar hat künstlich mehrere Embryonen befruchtet. Zwei wurden ohne Erfolg der Frau eingesetzt. Daraufhin haben sie sich getrennt. Die Frau wollte dennoch einen neuen Versuch beginnen. Der Mann war dagegen, weil auch er sich als Miteigentümer des Embryo sah und nicht zur Vaterschaft gezwungen werden wollte. Wessen Rechte haben Vorrang, die des Mannes, der Frau oder des künstlich befruchteten Embryos? (Hughes, S. 88). Derzeit gibt es noch nicht einmal Konsens über die Kriterien, mit denen sich Fragen dieser Art juristisch entscheiden lassen.



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