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Bewusstsein und Materie

Michael Seibel - Ein paar Mindestanforderungen an einen philosophischen Diskurs über...

Beim letzten Treffen haben wir uns neuerlich über das Verhältnis von Bewusstsein und Materialität Gedanken gemacht.

Wir haben uns von Searle an die alte Zweiteilung Descartes von res cogitans (Seele) und res extensa (Leib) erinnern lassen. Bei Descartes ist das in der Tat ein Dualismus. Und Searle beklagt entschieden, dass wir durch Descartes gewohnt sind, das Verhältnis von Leib und Seele, von Materie und Geist von dieser begrifflichen Trennung aus zu denken. Man reißt da etwas auseinander und bekommt dann im Nachgang allein dadurch ein Problem, sich solche Fragen stellen zu müssen wie die nach der Materialität der Seele oder die Frage, ob die Seele oder das Bewusstsein ein der realen Welt, die doch von Naturgesetzen beherrscht wird, kausale Wirkungen haben kann. Wie kann das gehen, dass das Bewusstsein real etwas bewirkt, dass also Freiheit des Entscheidens und des willentlichen Bewirkens möglich ist, wenn das Bewusstsein etwas wesentlich nicht Materielles ist und wir gleichzeitig davon überzeugt sind, dass es keine Kausalität außerhalb der Naturgesetze gibt?

Das kann natürlich nicht gehen.

Für Freunde des gebildeten Name-Dropping: Diesen Vorbehalt formuliert das sogenannte Bierli-Trilemma. Drei Behauptungen scheinen zugleich plausibel zu sein:

A) Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene.
B) Mentale Phänomene sind im Bereich physikalischer Phänomene kausal wirksam.
C) Der Bereich physikalischer Phänomene ist kausal geschlossen.


Eine Behauptung ist offensichtlich immer zu viel. Entweder A und B sind richtig, dann ist C falsch. Oder A und C sind richtig, dann ist B falsch. Oder B und C sind richtig, dann ist A falsch.

In der Tat ergibt sich dieses Trilemma nur dann, wenn die Begriffe Leib und Seele sich beißen wie Feuer und Wasser. Das Bierli-Trilemma hat also keineswegs nur die drei angebotenen Lösungen, deren jede einen der drei Sätze ablehnt, sondern fordert alternativ dazu auf, nachzudenken, was die scharfe dichotomische Trennung von Leib und Seele, von Geist und Materie eigentlich soll. Searle sagt, sie sei Descartes´ Kardinalfehler. Ein Hegel hätte sie ganz im Gegenteil für einen unverzichtbaren Motor des dialektischen Denkens gehalten.

Wenn wir allerdings darüber tief genug nachgedacht haben, sollten wir in der Tat zum Problem der Willensfreiheit zurückkommen können, um zu fragen, ob wir es dann besser verstehen, denn in der Tat sind wir weder der Meinung, dass der freie Wille die Naturgesetze aushebelt, noch die Naturgesetze den freien Willen.

Die Philosophiegeschichte hat zwei Pflöcke in den Boden des Denkens gerammt. Der erste: Philosophie empfiehlt, sich gerade der Begriffe zu versichern, die am aller selbstverständlichsten aussehen. Heute scheint der selbstverständlichere Begriff nicht der Begriff des Geistes, sondern der der Materie als Inbegriff der Natur und der Naturtatsachen, der hard facts zu sein. „Grundsätzlich beschäftigen sich die Naturwissenschaften mit den beobachterunabhängigen Phänomenen“, so Searle. Demgegenüber scheint der platteste Begriff von Geist – und es ist wirklich ein ganz platter – das zu umfassen, was man 'beobachterabhängig' so oder auch anders sehen kann. Weil man noch nicht genau hingeschaut hat, denkt man sich eben sein Teil mit mehr oder weniger Phantasie. Alles wird demnach besser, wenn dort erst einmal die Wissenschaft durchgezogen ist, so ein kruder Positivismus, der heute in den Naturwissenschaften im großen und ganzen überwunden ist.

Unterscheiden wir also zwischen dem Gedanken der Materie einerseits und der Materie als dem darin Gedachten andererseits, der Materie als dem Gehalt dieses Gedankens. Der Gedanke der Materie bröselt nicht, knistert nicht, hat keine Masse und keine Farbe. Der Begriff der Materie ist nicht aus Materie, sondern aus Geist. Das in diesem Gedanken Gedachte ist allerdings nicht aus Geist, sondern aus Materie. Es ist die Materie, die da gedacht wird. Wir lernen sie seit einigen Jahrtausenden wie es scheint deutlicher und deutlicher kennen. Wir misstrauen uns inzwischen ein Stück weit selbst, wenn wir sagen, wir lernten sie besser und besser kennen, denn wir sehen, dass eine um die andere Vorstellung, die wir uns von der Materie im Laufe der Zeit gemacht haben, sich als etwas äußerst Provisorisches herausgestellt hat, und wir sind der Meinung, dass auch unsere gegenwärtigen Vorstellungen der Materie keine abschließenden sein werden. In der Physik sind wir bei völlig unanschaulichen Modellen des Materiellen gelandet. Die Materie hat praktisch sämtliche Eigenschaften verloren, die uns vormals glauben ließ, in der Materie etwas Festes zu haben oder doch uns wenigstens mit unserem Denken auf sicheren Boden zu begeben. Unter Quarks oder Strings kann sich niemand etwas vorstellen, und der Grund, warum man sich auf solche Unanschaulichkeiten kapriziert, verdankt sich auch nicht irgendwelchen neuen Entdeckungen, sondern bestimmten theoretischen Erfordernissen und Denkzwängen.

Gerade weil man behauptet hat, in den Naturgesetzen eine in sich geschlossene Beschreibung des Kosmos zu besitzen und wo nicht schon zu besitzen, so doch wenigsten so etwas wie eine geschlossene Beschreibung anzustreben, kommt man auf solche Konstrukte wie dunkle Materie und dunkle Energie. Demtröder bemerkt dazu:

"Genauere Messungen der Entfernungen von Supernovae und ihrer Zeitabhängigkeit, die in den letzten Jahren von mehreren Gruppen durchgeführt wurden (...), zeigten, dass unser Universum, entgegen bisherigen Auffassungen, sich mit zeitlich wachsender Geschwindigkeit ausdehnt. Wenn man davon ausgeht, dass die Gravitationsanziehung die Fluchtgeschwindigkeit der Galaxien verlangsamen sollte, müsste eine zusätzliche abstoßende Kraft wirksam sein, welche die Gravitationskraft überkompensiert. Sollten sich diese Messungen weiterhin bestätigen, so bedeutet dies, dass man ein neues Konzept des Universums entwerfen muss, in dem eine „dunkle Energie“ wirksam ist, welche zu einer Massenabstoßung führt." (Wolfgang Demtröder, Experimentalphysik 4, Kern-, Teilchen-, Astrophysik, Berlin 2010, S. 447)

...ein neues Konzept, um eine alte Vorstellung konsistent zu halten.

Ganz unten am Boden der avanciertesten Modelle des Wirklichen trifft man unausrottbar auf den Geist, der ganz nebenbei auch mit niemand anders redet als mit Geist. Dies ist kein heiliger, sondern ein in sein eigenes Benehmen verstrickter sehr menschlicher Spezialistengeist.

Jeder, der meint, unser Verständnis des Bewusstseins mit dem Hinweis auf dessen materielles Fundament auch nur einen Schritt weiter zu bringen, mache sich klar, dass es der Geist ist, mit dem er da diskutiert und zwar der gleiche Geist, der schon beim Nachdenken über die Materie keine Ruhe gibt, sondern aus eigenem Antrieb wahrscheinlich völlig zu recht auf solche entlegenen Theoreme wie das der dunklen Energie kommt. Wer also als eine Art Antwort auf die Frage nach dem Bewusstsein auf die Materie hinweist und damit mehr ausdrücken will als eine Trivialität, die darin besteht, dass jemand wie Bertrand Russell sicher keinerlei Thesen mehr formuliert, wenn er tot ist, muß sich klarmachen, dass er auf eine Frage im Grunde mit einer Frage antwortet, nämlich auf die Frage nach dem Geist mit der Frage nach der Materie. Und das, was sich in dieser Frage durchhält, ist der Geist.

Damit zum zweiten Pflock im geschichtlichen Boden unseres gemeinsamen Denkens: das Bewusstsein, von dem im Laufe der Geschichte der Philosophie immer deutlicher gesprochen wird und das sich, nachdem es Fichte sozusagen in seiner peinlichen Nacktheit als „ich=ich“ an den Anfang eines jeden Denkens gestellt hat, in die schuldlos verschämte Rolle des Beobachters verzogen hat, wie es seitdem alle empirischen Wissenschaften dem Bewusstsein abfordern und das zugleich bestrebt ist, seine offensichtliche Blöße mit den Ergebnissen allseitiger Naturaneignung zu bedecken, dieses Bewusstsein ist keine Entität wie ein Tisch oder ein Stuhl.

Noch einmal der Kernsatz: das Bewusstsein ist keine Entität.

Das heißt: Es ist nicht in Eigenschaften zerlegbar, die sich Stück für Stück untersuchen und kybernetisch nachbasteln ließen. Warum nicht? Weil der Kern des Bewusstseinsbegriffs bei all seinen unterschiedlichen Bedeutungen in der Philosophiegeschichte gerade nicht darin besteht, eine res extensa zu sein, ein zerlegbares Ding, sondern so etwas zu denken wie einen unhintergehbaren Ausgangspunkt der Begründung von Wahrheit, nachdem der Gottesbegriff als Startpunkt ausgefallen war.

Es mag nun sein – und was im einzelnen dafür spricht, das muss man genau untersuchen –, dass der Begriff des Bewusstseins mit dieser Aufgabe hoffnungslos überfordert ist, dies aber nicht deshalb, weil jemand seinen materiellen Status falsch eingeschätzt hätte.

Also zwei Vorbehalte: Bewusstsein ist keine Entität und der Begriff der Materie ist etwas zutiefst Geistiges.

Vom Bewusstsein aus soll etwas begründet werden.

Diese Rolle spielt das Bewusstsein heute nach wie vor in der Rechtsprechung.

Recht: § 20 StGB Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen

Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.


Auch hier wird das Bewusstsein nicht einfach beschrieben und zerlegt, sondern wird zur Begründung von Verantwortlichkeit, eines sozusagen partiellen Äquivalents von Wahrheit herangezogen. Diese Begründung wirft, da würde kein Rechtstheoretiker widersprechen, da sie das Bewusstsein zum Kriterium der Gewährung von Rechten macht, eigene weitreichende Probleme auf, denen wir hier nicht nachgehen können. Sie stattet z.B. die Psychiatrie mit der geradezu mystischen Macht aus, die Grenze zwischen dem Bewusstsein als bloßer Entität und dem Bewusstsein als Begründungsinstanz zu ziehen, die mindestens so mysteriös ist wie der Unterschied zwischen eine Fahrzeug auf vier Rädern und einem Auto als Objekt eines grenzenlosen Begehrens nach Geltung.

Halten wir bis hier fest: Dort, wo der Bewusstseinsbegriff als konstituierende, aktive Begründungsinstanz von etwas angesetzt wird, hat er einen grundlegend anderen Inhalt als dort, wo er als mehr oder weniger passive Entität genommen wird. Das gilt auch für besondere Aspekte des Bewusstseins wie die Willensfreiheit. Willensfreiheit erscheint im oben genannten Trilemma als ein wirksamer, begründender Aspekt, der sozusagen künstlich von außen an eine Bewusstseinsentität (also an das, als was Physiologen und deren moderne Versionen des Bewusstsein zum Gegenstand machen) geklebt worden ist. Das vergegenständlichte Bewusstsein lässt sich als Glied in ein Gefüge von Naturkausalitäten einpassen. Die Willensfreiheit taucht hingegen an einem völlig anderen Ort auf, nämlich innerhalb eines Diskurses, in dem darüber entschieden wird, wer unter den Begriffen von Vernunft und Verantwortlichkeit als Handlungssubjekt anerkannt wird und wer nicht. Auf der Achse des Begründens etablieren sich entlang der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Praxen historisch Unterscheidungen wie verantwortlich-unverantwortlich, Mensch-Tier, Bürger-Fremder, Freier-Sklave etc. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die dem Willen zugesprochene Freiheit unter den Naturtatsachen wiederfindet oder nicht. Sobald man zugesteht, dass die Menschheit insgesamt kausal in das Naturgeschehen eingreift, z.B. Klimawandel erzeugen oder verhindern kann, so leistet die Zuschreibung eines freien Willens einen wesentlichen Teil der intersubjektiven und strukturalen Bestimmung des Verhältnisses eines jeden zu den kollektiven Formationen, die qua Technik kausal in Naturverhältnisse eingreifen und das selbst dann, wenn die individuelle Willensfreiheit auf der Klaviatur der Naturkausalitäten das Wirkungsloseste wäre, das man sich nur vorstellen kann.

Meine individuelle Willensfreiheit fügt mich in einer ganzen Reihe von Schuldbeziehungen an eine bestimmte Stelle einer ihrerseits konkreten kollektiven Ordnung ein, indem sie mich z.B. als Rechtssubjekt im Kapitalismus geschäftsfähig macht.

Man könnte jetzt argumentieren, dass es dann besser wäre, auf die Vorstellung der Willensfreiheit zu verzichten, wenn sie nichts anderes erzeugt als eine ungerechte und letztlich willkürliche Unterscheidung in Mündige und Unmündige, Bürger und Fremde. Das Problem ist nur: zugunsten von was? Der Verzicht auf den begründenden Aspekt des Bewusstseins zugunsten einer verdinglichten Bewusstseinsentität macht aus uns zumindest zunächst einmal Laborratten. Wir würden nämlich auf die bislang vorherrschende Form der Begründbarkeit verzichten, warum wir Menschen etwas anderes verdient haben als die Behandlung, die wir ohne große Bedenken unseren Nutztieren angedeihen lassen. Die gängige Begründung fußt nämlich in der abendländischen Moderne im Wesentlichen auf der Auszeichnung des Menschen als bewusstem Vernunftwesen. Mit dem Bewusstsein als Entität verlieren wir ein Stück Selbstrechtfertigung. Möglicherweise verlieren wir das sogar völlig zurecht, weil es ebenso wenig tragfähig ist wie ältere Gottesvorstellungen.

Unser dritter Vorbehalt lautet also: Die Frage nach der Materialität des Bewusstsein hat ihre eigentliche Brisanz nicht in der Frage, ob wir mittels Willensfreiheit gegen irgendwelche Naturkausalitäten verstoßen oder nicht, sondern in der Frage der Begründbarkeit der Menschenwürde.



Diese drei Vorbehalte vorausgeschickt wollen wir uns einmal auf die Entifizierung des Bewusstsein, auf den in einer Reihe wissenschaftlicher Disziplinen laufenden Versuch einlassen, aus dem Bewusstsein ein zu beschreibendes Ding zu machen.

Welche Leistungen verbinden wir mit dem Bewusstsein? Welches Können?

Um von vorn herein jedem zu klein geratenen Begriff von Bewusstsein vorzubeugen, hier ein Stück literarischer Beschreibung von Marcel Proust:

»Versunken noch in die trübseligen Gedanken, von denen ich eben sprach, war ich in den Hof des Guermantesschen Palais eingetreten und hatte in meiner Zerstreuung nicht bemerkt, daß ein Wagen sich näherte; beim Ruf des Chauffeurs hatte ich gerade noch Zeit, rasch zur Seite zu springen. Ich wich so weit zurück, daß ich unwillkürlich auf die ziemlich schlecht behauenen Pflastersteine trat, hinter denen eine Remise lag. In dem Augenblick aber, als ich wieder Halt fand und meinen Fuß auf einen Stein setzte, der etwas weniger hoch war als der vorige, schwand meine ganze Mutlosigkeit vor dem gleichen Glücksgefühl, das mir zu verschiedenen Epochen meines Lebens einmal der Anblick von Bäumen geschenkt hatte, die ich auf einer Wagenfahrt in der Nähe von Balbec wiederzuerkennen gemeint hatte, ein andermal der Anblick der Kirchtürme von Martinville oder der Geschmack einer Madeleine, die in Tee getaucht war, sowie noch viele andere Empfindungen, von denen ich gesprochen habe und die mir in den letzen Werken Vinteuils zu einer Synthese miteinander verschmolzen schienen. Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut. Die Bedenken, die mich eben noch wegen der Realität meiner literarischen Begabung, ja der Literatur selbst befallen hatten, waren wie durch Zauberschlag behoben. Ohne daß ich irgendeine neue Überlegung angestellt oder irgendein entscheidendes Argument gefunden hätte, hatten die soeben noch unlösbaren Schwierigkeiten alles Gewicht verloren.« (Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit)

Also immer heran, ihr Angelsachsen und Neurophysiologen, verdinglicht mir das!

Welche Leistung erwartete man philosophiegeschichtlich vom 17. Jahrhundert an hauptsächlich vom Bewusstsein? Die Begründungsleistung haben wir erwähnt. Hegel fasst das Bewusstsein als das unmittelbar erscheinende Wissen auf, von woaus sich der Faden von der sinnlichen Gewissheit zum absoluten Geist knüpfen lässt. Weiter entfernt von der Begründungsfrage fasst es die heutige vor allem angelsächsische Philosophie des Geistes in einer zumeist um Begründungsfragen verkürzten Nachfolge der Phänomenologie über Begriffe wie Qualia, Homogenität, Präsenz, Transparenz, globale Integration, Dynamizität, Perspektivität.

Wird Bewusstsein im Recht im Grunde als Problemlöser verstanden, nämlich als Teil der Rechtfertigung der Rechtsanwendung, so zeichnet die Psychiatrie das Bild von Fehlfunktionen des Bewusstseins. Ist für die Rechtsprechung das Bewusstsein da ein besonderes Problem, wo es funktioniert, indem es straffällig wird, so für die Psychiatrie da, wo sein Funktionieren eingeschränkt ist.

So z.B. erscheinen seine Elemente im Inhaltsverzeichnis eine Psychiatrie-Lehrbuchs:

Psychiatrie (Payk, Psychopathologie, Vom Symptom zur Diagnose, Heidelberg 2010):
Pathologie des Bewusstseins und der Wahrnehmung
Bewusstseinsstörungen, Desorientiertheit, Veränderungen des Raum- und Zeiterlebens, Ich-Störungen, Verwirrtheit (amentielles Syndrom), Delir (delirantes Syndrom), Dämmerzustand, Halluzinose, Traumhafte Verworrenheit (Oneiroid), Wahrnehmungsstörungen (Sinnestäuschungen), Abnorme Leibgefühle (Zoenästhesien),

Pathologie des Antriebs und der Motorik
Störungen von Antrieb und Volition, Steuerungsanomalien, Impulskontrollstörungen, Hypo- und Hyperkinesen, Automatismen und Stereotypien

Pathologie der Gefühle
Veränderungen der Affektivität, Depressives Syndrom (Schwermütigkeit), Suizidalität, Aggressivität (Hostilitätssyndrom),Angst und Panik, Phobie, Hypochondrie, Maniformes Syndrom

Pathologie der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses
Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Amnesie und Dysmnesie (amnestisches Syndrom), Erinnerungsverfälschung (Paramnesie)

Pathologie des Denkens und der Intelligenz
Formale Denkstörungen, Inhaltliche Denkstörung: überwertige Idee, Inhaltliche Denkstörung: Wahn, Inhaltliche Denkstörung: Zwang, Indoktrinationssyndrom, Intelligenzminderung, Retardierung, Geistige Behinderung, Endokrines Psychosyndrom, (Hirn-)Organisches Psychosyndrom, Demenz (demenzielles Syndrom)

Pathologie komplexeren Erlebens und Verhaltens
Autismus, Regression, Dissoziation und Konversion, Histrionisches Verhalten (Hysterie), Somatoforme (funktionelle) Störungen, Chronischer Schmerz (Schmerzkrankheit), Erschöpfungssyndrom (Neurasthenie), Schlafstörungen, Ess-Störungen, Sprechstörungen (Dyslalien), Agnosien, Narzissmus, Schizoide Abhängigkeit (dependentes Verhalten), Sexuelle Deviation (Paraphilie), Borderlinesymptomatik, Dissozialität und Soziopathie

Mehr oder weniger nah zur psychiatrischen Achse sind unsere alltäglichen Befürchtungen um unser persönliches mentales Wohlergehen. Die Psychiatrie tröstet uns über das Versprechen von Behandelbarkeit oder wenigstens Pflege.

Lassen wir den Blick hinübergleiten zur Psychologie. Sind es zwei vergleichbare Vorhaben, die Funktion der Verdauung zu verstehen oder Funktion des Gehirns? Was spricht dafür, was spricht dagegen? Ist das Bewusstsein ebenso eine Gehirnfunktion wie etwas das Arbeitsgedächtnis?

Die biologische Psychologie (exemplarisch Birbaumer, Schmidt, Heidelberg 2010) gliedert ihren Inhalt wie folgt:

I
Körpersysteme und ihre physiologische Regelung Zellen und Zellverbände, besonders des Nervensystems Erregungsbildung und Erregungsleitung Synaptische Erregung und Hemmung Funktionelle Anatomie des Nervensystems Autonomes Nervensystem Endokrine Systeme (Hormone) Psychoneuroendokrinologie Psychoneuroimmunologie

II
Periphere Systeme und ihre Bedeutung für Verhalten Blut, Herz und Kreislauf Atmung, Energie- und Wärmehaushalt Stoffaufnahme und -ausscheidung Bewegung und Handlung

III
Wahrnehmung

Allgemeine Sinnesphysiologie und Grundlagen der Wahrnehmungspsychologie Somatosensorik Nozizeption und Schmerz Das visuelle System Hören und Gleichgewicht Geschmack und Geruch

IV
Funktionen des Nervensystems und Verhalten

Methoden der Biologischen Psychologie Bewusstsein und Aufmerksamkeit Zirkadiane Periodik, Schlaf und Traum, Vererbung, Entwicklung und Altern, Lernen und Gedächtnis, Motivation, Emotionen, Kognitive Prozesse

Sehr auffällig: An Orten in der Psychologie, an denen man den Begriff des Bewusstsein unbedingt erwarten würde, taucht er kaum noch auf. So in der Psychologie von Motivation und Handlung. Hier nimmt das Thema des Unbewussten durchaus mehr Raum ein. (Heckhausen, Motivation und Handlung, Heidelberg 2010)

Motivation und Handeln: Entwicklungslinien der Motivationsforschung, Eigenschaftstheorien der Motivation, Situative Determinanten des Verhaltens, Motivation durch Erwartung und Anreiz, Leistungsmotivation, Soziale Bindung: Anschlussmotivation und Intimitätsmotivation, Machtmotivation, Implizite und explizite Motive, Biopsychologische Aspekte der Motivation, Handlungsziele, Motivation und Volition im Handlungsverlauf, Individuelle Unterschiede in der Selbststeuerung, Intrinsische Motivation und Flow-Erleben, Kausalattribution von Verhalten und Leistung, Motivation und Entwicklung … so heißen hier die Stichworte.

Solso, Kognitive Psychologie gliedert:

I
Einführung und neuronale Grundlage der Kognition

II
Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Mustererkennung und Bewusstsein

III
Gedächtnis

IV
Mentale Repräsentationen: Gedächtnis und bildhafte Vorstellung

V
Sprache und Kognitionsentwicklung

VI
Denken und Intelligenz bei Mensch und Maschine



Versuche, das Bewusstsein rein auf die Positivität von Tatsachen zu reduzieren, kontrastieren stark mit phänomenologischen Bewusstseinsbeschreibungen, wie etwa Sartres Beschreibung der Wirksamkeit von Abwesenheiten in Das Sein und das Nichts.

»Aber wenn wir uns mit Sicherheit entscheiden Wollen, brauchen wir nur ein negatives Urteil für sich allein zu betrachten und uns zu fragen, ob es das Nicht-Sein inmitten des Seins erscheinen läßt oder ob es sich darauf beschränkt, eine früher gemachte Entdeckung festzulegen. Ich bin mit Peter für um vier verabredet. Ich komme eine Viertelstunde zu spät hin: Peter ist immer pünktlich; hat er auf mich gewartet? Ich blicke im Lokal umher, sehe mir die Gäste an und sage: «Er ist nicht da.» Liegt hier eine unmittelbare Erkenntnis der Abwesenheit Peters vor, oder aber tritt die Negation erst mit dem Urteil auf? Auf den ersten Blick erscheint es ungereimt, hier von unmittelbarer Erkenntnis zu reden, denn es kann doch keine unmittelbare Erkenntnis von nichts geben, und die Abwesenheit Peters ist dieses nichts. Indessen wird diese unmittelbare Erkenntnis von der Volksmeinung bezeugt. Sagt man zum Beispiel doch: «Ich habe sofort gesehen, daß er nicht da war.» Handelt es sich um eine einfache Verschiebung der Verneinung? Sehen wir genauer zu.

Sicher ist das Cafe als solches, mit seinen Gästen, seinen Tischen und Stühlen, seinen Spiegeln, seiner Beleuchtung, seiner rauchigen Luft, dem Lärm der Stimmen und dem Geklapper der Untertassen, dem Geräusch der Schritte, die es erfüllen, ein vollständiges Seiendes. Und alle unmittelbaren Einzelerkenntnisse, die ich haben kann, sind erfüllt von diesen Gerüchen, Klängen, Farben, lauter Phänomenen, die ein transphänomenales Sein besitzen. Ebenso ist die augenblickliche Anwesenheit Peters an einem Ort, den ich nicht kenne, auch eine Seinsfülle. Anscheinend finden wir das Vollständige überall. Aber man muß beachten, daß es in der Wahrnehmung immer Konstituierung einer Gestalt auf einem Hintergrunde gibt. Kein Gegenstand und keine Gruppe von Gegenständen ist speziell dazu bestimmt, Hintergrund oder Gestalt zu werden: alles hängt von der Richtung meiner Aufmerksamkeit ab. Wenn ich in jenes Cafe eintrete, um dort nach Peter zu suchen, bilden alle Dinge, aus denen das Cafe besteht, synthetisch einen Hintergrund, vor welchem Peter gegeben ist als der, der erscheinen soll. Und diese Bildung des Cafes zu einem Hintergrund ist schon eine neue Nichtung. Jedes Raumelement, jede Person, jeder Tisch, jeder Stuhl ist bestrebt, sich zu vereinzeln, sich von dem aus der Gesamtheit der anderen Gegenstände errichteten Hintergründe abzuheben und fällt dennoch in die Undifferenziertheit dieses Hintergrundes zurück, löst sich in ihm auf. Denn der Hintergrund ist das, was nur «obendrein» gesehen wird, was bloß an der Grenze der Aufmerksamkeit zu deren Gegenstand wird. So ist diese erste Nichtung aller Gestalten, die auftauchen und in der vollkommenen Einförmigkeit eines Hintergrundes verschlungen werden, die notwendige Bedingung für das Sichtbarwerden der Hauptgestalt, die in unserem Falle die Person Peters ist. Und diese Nichtung ist meiner unmittelbaren Erkenntnis gegeben, ich bin Zeuge dafür, wie nacheinander alle Gegenstände vergehen, die ich betrachte, vor allem die Gesichter, bei denen ich einen Augenblick verweile («Ist das etwa Peter?») und die sich sofort auflösen, eben weil sie Peters Gesicht «nicht sind». Würde ich jedoch Peter endlich entdecken, so wäre meine unmittelbare Erkenntnis von etwas Zuverlässigem erfüllt, ich wäre plötzlich von seinem Gesicht gefesselt, und das ganze Cafe würde um ihn herum zu einer unauffälligen Gegenwart werden. Aber Peter ist eben gerade nicht da. Das will keineswegs besagen, daß ich seine Abwesenheit an einer bestimmten Stelle des Lokals entdecke. Tatsächlich ist Peter von dem ganzen Café abwesend; seine Abwesenheit läßt das Café bei seinem Dahinschwinden erstarren, das Café bleibt Hintergrund, es verharrt dabei, sich bloß meiner Grenz-Aufmerksamkeit als undifferenzierte Ganzheit darzubieten, es gleitet nach rückwärts, es läuft seiner Nichtung nach. Es macht sich zum Hintergrund nur für eine bestimmte Gestalt, es hält die Gestalt allenthalben vor sich hin, es bietet sie mir überall dar; und diese Gestalt, die sich dauernd zwischen meinen Blick und die zuverlässigen, realen Dinge des Cafes schiebt, dies gerade ist ein ununterbrochenes Dahinschwinden, sie ist Peter, der sich als nichts vom Nichtungshintergrunde des Cafes abhebt. Derart, daß das der unmittelbaren Erkenntnis Dargebotene ein Flimmern des Nichts ist, das Nichts des Hintergrundes, dessen Nichtung die Erscheinung der Gestalt herbeiruft und fordert, und die Nichts-Gestalt, die wie ein nichts auf der Oberfläche des Hintergrundes umhergleitet. Was dem Urteil als Grundlage dient («Peter ist nicht da»), das ist also tatsächlich das intuitive Erfassen einer zweifachen Nichtung. Wohl setzt die Abwesenheit Peters eine vorgängige Beziehung zwischen mir und diesem Café voraus; es gibt eine Unzahl von Menschen, die ohne jeden Zusammenhang mit diesem Café sind, und zwar weil es an einer realen Erwartung mangelt, durch die ihre Abwesenheit festgestellt wird. Aber ich warte ja gerade darauf, Peter zu sehen, und meine Erwartung läßt Peters Abwesenheit geschehen wie ein reales, das Café betreffendes Ereignis. Gegenwärtig ist die Abwesenheit ein objektiver Tatbestand, ich habe sie entdeckt, und sie stellt sich dar als eine synthetische Beziehung zwischen Peter und dem Raume, in dem ich ihn suche: der abwesende Peter sucht dieses Café heim und ist die Bedingung von dessen nichtender Hintergrundwerdung. Statt dessen haben Urteile, die ich dann aus Spaß fälle, wie «Wellington ist nicht in diesem Café, Paul Valery ist auch nicht da» usw. bloß abstrakte Bedeutung, sind bloße Anwendungsbeispiele des Prinzips der Verneinung, ohne reales Fundament und ohne Wirkfähigkeit; es wird ihnen nie gelingen, eine reale Beziehung zwischen dem Café, Wellington oder Valery herzustellen: die Beziehung «ist nicht» ist hier bloß gedacht. Das genügt, um zu zeigen, daß das Nicht-Sein zu den Dingen nicht mittels des negativen Urteils gelangt: im Gegenteil, das negative Urteil ist bedingt und getragen vom Nicht-Sein.«
(Sartre, Das Sein und das Nichts, Reinbek, 1974)


Hier ist es vielleicht Zeit für eine musikalische Pause.

Sviatoslav Richter spielt Ravels Pavane. Es wird viel gehustet.



Würde man das Bewusstsein verstehen, wenn man allein seine materielle Positivität vollständig beschreiben könnte? Zum Beispiel bei der Mustererkennung?

Supervenienz und Emergenz sind gern zitierte Kandidaten solcher Erklärungsversuche.

Gedankenexperiment:

Gegeben seien Peter und sein Doppelgänger Paul

beide haben gemeinsam: dasselbe Gewicht, dieselbe Größe, dieselbe Haarfarbe, dieselbe Figur, dieselben physischen Fähigkeiten.

beide haben nicht gemeinsam: dieselben Verwandten, dieselbe Geschichte, dieselben Erinnerungen.

Hat der Doppelgänger Paul dieselben mentalen Eigenschaften (Empfindungen) wie Peter? Wenn ja, warum?

Ein Physikalist wird sagen: Peter und sein molekülidentischer Doppelgänger Paul haben dieselben mentalen Zustände. Denn die mentalen Zustände einer Person werden durch ihre physischen Eigenschaften bestimmt – und die sind bei beiden gleich.

Physikalisten vermuten zwischen den physischen und mentalen Eigenschaften einer Person eine Supervenienzbeziehung – die mentalen Eigenschaften supervenieren über den physischen Eigenschaften.

Supervenienz ist eine einseitige Beziehung. Sie besagt in unserem Fall:

Zwei Dinge, die sich in ihren physischen Eigenschaften nicht unterscheiden, können sich auch in ihren mentalen Eigenschaften nicht unterscheiden.

(Umgekehrt gilt das nicht: Zwei Dinge, die sich in ihren mentalen Eigenschaften nicht unterscheiden, können sehr wohl eine andere physische Grundlage haben.)

Den Satz können wir auf unterschiedliche Weise erweitern:

A) Zwei Dinge, die sich in ihren physischen Eigenschaften nicht unterscheiden, können sich in der tatsächlichen Welt auch in ihren mentalen Eigenschaften nicht unterscheiden.

A nennt man auch schwache Supervenienz. Ein Physikalist müsste aber eine stärkere Behauptung machen.

b) Zwei Dinge, die sich in ihren physischen Eigenschaften nicht unterscheiden, können sich in jeder möglichen Welt auch in ihren mentalen Eigenschaften nicht unterscheiden.

B nennt man auch starke Supervenienz. Hier erscheinen die physischen Eigenschaften als universell hinreichende Bedingung.

Diese Behauptung ist aber zu stark, da eine nicht materielle Verursachung mentaler Eigenschaften zumindest denkbar ist.

Es wäre einzuschränken:

c) Zwei Dinge, die sich in ihren physischen Eigenschaften nicht unterscheiden, können sich in jeder möglichen nomologischen Welt, also in jeder Welt, in der ausschließlich Naturgesetze gelten, auch in ihren mentalen Eigenschaften nicht unterscheiden.

Bis hierhin handelt es sich um eine reduktive Erklärung. Alles erklärt sich aus den Gesetzen der Physik.

Angenommen, das komplexe System S besteht aus den Komponenten C1, ..., Cn, die auf die Weise R angeordnet sind. Angenommen, S hat die Mikrostruktur [C1, ... , Cn; R]. Dann gilt:

Eine Makroeigenschaft F von S ist genau dann reduktiv erklärbar, wenn F aus der vollständigen Kenntnis der Eigenschaften deduziert werden kann, die die Komponenten C1, ... , Cn isoliert oder in anderen Anordnungen haben.

Davon zu unterscheiden sind Erklärungen über Emergenz.

Eine Makroeigenschaft F von S ist genau dann emergent, wenn zwar alle Systeme mit der Mikrostruktur [C1, ..., Cn; R] die Eigenschaft F haben (müssen), F aber nicht aus der vollständigen Kenntnis der Eigenschaften deduziert werden kann, die die Komponenten C1, ..., Cn isoliert oder in anderen Anordnungen haben.

Die Grundidee nomologischer Supervenienz war: Wenn zwei naturgesetzlich mögliche Dinge physisch ununterscheidbar sind, dann sind sie auch mental ununterscheidbar. Aber das gilt sowohl dann, wenn mentale Eigenschaften reduktiv erklärbar sind, als auch dann, wenn sie emergent sein sollten. Denn in beiden Fällen gibt es wahre Naturgesetze, die mentale Eigenschaften an physische anbinden. Emergenz und reduktive Erklärbarkeit schließen beide nomologische Supervenienz ein.

Reduktiv erklärbare Eigenschaften lassen sich (wenigstens im Prinzip) aus der vollständigen Kenntnis all der Eigenschaften deduzieren, die die Komponenten der entsprechenden Systeme isoliert oder in anderen Anordnungen haben.

Für emergente Eigenschaften gilt dies nicht.

Beispiele für Emergenz: Die Oberflächenstruktur einer Düne im Wechselspiel von Sand und Wind und vielleicht auch die Eigenschaft, lebendig zu sein.

Falls wir von solchen Denkfiguren mehr als triviale Beschreibungen erwarten sollten, sollten wir angeben, was überhaupt Kriterien dafür wären, dass man das Bewusstsein verstanden hätte? Ist daran gedacht, es nachbauen zu können? Wäre das Kriterium ein praktisches wie bei einem Ingenieur? Oder ist daran gedacht, auf den Begriff des Bewusstseins verzichten zu können, weil man das, was er beschreibt, mit neuen Erkenntnissen differenzierter beschreiben könnte, ohne dadurch etwa zu reduzieren? Erwartet man also eher theoretische Ergebnisse? Derart gar, das eine fundierte materialistische Theorie des Bewusstseins seine Kraft an der Förderung bewusster theoretischer Spitzenleistungen erweisen müsste?
Greifen wir beliebig eine solche Leistung aus der Wissenschaftsgeschichte heraus, z.B. Bertrand Russells formalen Beweis der arithmetischen Beziehung 1+1=2 im System der Principia Mathematica?

Würde eine fundierte Theorie der Materialität des Bewusstseins irgendwie in diese Unterhaltung des Geistes eingreifen, in diesem Fall des mathematisch logischen Diskurses mit sich selbst oder würde sie wenigstens etwas über den Genuss aussagen, den man bei der Lektüre von Prousts Text haben kann oder wäre sie nicht mehr als ein von außen aufgeklebtes mehr oder weniger nützliches Etikett und als das nur eine neue Glaubenslehre?

Sicher hat Thomas S. Kuhns wissenschaftsgeschichtlicher Blick uns Spannungen und Sprengkräfte erkennen lassen, die den Wissenschaftsbetrieb mitunter aus dem Tritt bringen, und möglicherweise hätte ein fundierterer Begriff der Materialität des Bewusstseins ähnlich anregende metatheoretische Wirkungen, aber das sind ganz unbestätigte Vermutungen. Es fehlt das Kriterium für einen nicht-trivialen Erkenntnisgewinn im philosophischen Sinn, nicht hingegen im psychologischen, medizinischen oder neurowissenschaftlichen Sinn.

Und wäre nicht, bevor man fragt, was genau macht die Materialität des Bewusstseins aus, zu fragen, was heißt Leben? Bewusstsein ist an Leben gebunden. Dazu schlägt beispielsweise Volker Gerhardt, Berlin, vor, nach der Doppelnatur von Leben und Mitteilung zu fragen. Der Ansatz sei kurz vorgestellt. Was ist eine Mitteilung? Weist der Versuch, die materiellen Grundlagen des Bewusstseins zu verstehen, nicht auf die sehr viel grundlegende Aufgabe hin, zu verstehen, was Leben ist? Dazu Volker Gerhardt:

Leben heißt immer Selbstorganisation.
"Im Vorgang gegenseitiger Teilnahme liegt Mitteilung (...) vor, wenn es spezielle Leistungen gibt, die den Wirkungszusammenhang der einzelnen Teile gewährleisten."

"Erst eine Leistungen koordinierende Mitteilung erfüllt den begrifflichen Sinn von Mitteilung im üblichen Sinn. Aber es ist von Bedeutung, dass sie auf der organischen Mitteilung, auf der realen Wechselwirkung physischer Körper basiert. Dadurch wird ein Naturzusammenhang sichtbar, in dem die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse die Basis komplexer gestalteter Zusammenhänge darstellen. Was immer wir als psychische und soziale, als semantische und kognitive Leistung verstehen, muss auf ihnen beruhen."

Die Trennung von interner Mitteilung und externer Mitteilung wird bereits bei der Reproduktion überwunden.

"Wo immer man von wechselseitiger Verhaltenssteuerung sprechen kann, beruht die soziale Organisation lebendiger Wesen auf Mitteilung im spezifischen Sinn des Austausches von Informationen."

Der Austausch von Stoffen erfolgt über den Austausch von Informationen auch über Gattungsgrenzen hinweg.

"Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu der Einsicht, dass die Beziehung des Organismus zu seiner Umwelt sich nicht allein über die Wechselwirkung von Kräften, über den Austausch von Stoffen und die Aufnahme von Informationen reguliert, sondern dass es auch einen wechselseitigen Informationsfluss gibt, der Gattungsgrenzen überschreitet. Mitteilung ist das Medium, in welchem sich die artspezifische Verbindung zum Milieu herstellt. Am Ende ist es die Mitteilung, die eine individuelle Beziehung zwischen Organismus und Umwelt ermöglicht."

"Mit dem Nervensystem baut der Organismus eigene Organe nur für den Zweck der Mitteilung auf." Er koordiniert damit den inneren Selbstbezugs mit der äußeren Umgebung.

"Was immer eine Information auch sein oder besagen mag: Ihre Mitteilungsleistung ist mehr als das materielle Substrat, das sie trägt." (Ursprung des Leib-Seele Themas) "Die physische Mit-teilung bringt kausale Folgen hervor, die biologische Mitteilung reguliert Lebensprozesse in ihrer Einheit und hat von daher ihr – stets auf ein Ganzes (und damit auf einen Kontext) bezogenes – semantisches Potential."

"Die Pointe des hier gewählten Beschreibungszugangs liegt darin, die Eigenart des Bewusstseins nicht erst dort zu suchen, wo es schon als entwickelte und entfaltete Wachheit und Aufmerksamkeit, somit als Selbstbewusstsein, auftritt. Die mit und im Bewusstsein artikulierte Differenz zwischen geistigen und materiellen Vorgängen gibt es längst vor dem natur- und kulturgeschichtlichen Auftritt des menschlichen Selbstbewusstseins."

"Was macht die Kommunikation in einem Organismus nötig? Was macht sie möglich? Was macht sie derart dringlich, dass der Organismus eigene Organe ausbildet, um Mitteilung in seiner internen Organisation zu ermöglichen? Wenn wir genauer sagen könnten, wozu das Gehirn gebraucht wird, hätten wir eine Basis für die Klärung der Lebensleistung des Bewusstseins."

"Die bis zu diesem Punkt skizzierte experimentelle Antwort kann man wie folgt zusammenfassen: Die biologische Organisation schafft Einheiten und Einheiten von Einheiten, die in sich und unter einander koordiniert werden müssen. Dazu reicht der physische Mechanismus nicht aus. Doch aus dem Prozess der organischen Selbststeuerung steht ein darüber hinaus gehender Mechanismus autopoietischer Antizipation und Rückkoppelung zur Verfügung, der die erforderlichen Koordinations- und Kooperationseffekte erzielt. Ihn können wir in Anlehnung an den Vorgang semantischer Kommunikation mit besonderem Recht als Mitteilung bezeichnen. (...) Auch der Geist ist ein Fall von Selbstorganisation, die sich freilich nicht auf die Physiologie des einzelnen Körpers und auch nicht auf die Soziobiologie einer Gattung beschränkt. Er bezieht die von ihm konstituierte Sphäre sachhaltiger Weltbezüge mit ein."
(Volker Gerhardt, Mitteilung als Funktion des Bewusstseins Eine experimentelle Überlegung, in: Detlev Ganten, Volker Gerhardt und Julian Nida-Rümelin (Hrsg.), Funktionen des Bewusstseins, Berlin 2008, S. 103-118)


So weit Volker Gerhardt. Das Kernargument, dass ein Verständnis des Bewusstsein als Entität – unbenommen meiner Einwände – zunächst am Verständnis von Leben zu messen ist, scheint mir plausibel.

Noch eine letzte Komplikation: Verstehen erfordert Ressourcen. Das ist ein Hauptthema der modernen Algorithmen-Entwicklung (Komplexitätstheorie, Berechenbarkeitstheorie - man versucht, die Menge der effizient lösbaren Probleme von der Menge der inhärent schwierigen Probleme abzugrenzen).
In der Komplexitätstheorie bezeichnet eine Komplexitätsklasse eine Menge von Problemen, welche sich in einem ressourcenbeschränkten Berechnungsmodell berechnen lassen. Die Kryptographie ist reich an Beispielen. Stellt uns der Versuch, nicht-triviale Lösungen des Verständnis der Materialität des Bewusstseins zu finden, überhaupt unter einem ökonomischen Standpunkt vor lösbare Aufgaben?

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass es offensichtlich bislang nicht einmal Übereinstimmung über ein vollständiges Inventar dessen gibt, was alles zum Bewusstsein und seinen Leistungen gehört. Das Bewusstsein ist als Forschungsgegenstand nirgends fertig gepuzzelt. Und wäre die Lösbarkeit der theoretischen Aufgaben, eine vollständige (was auch immer vollständig heißen mag) materialistische Beschreibung des Bewusstseins zu liefern, allein schon durch die Tatsache, dass das Bewusstsein qua Natur im Menschen sozusagen sehr lange schon 'implementiert' ist, hinreichend bewiesen? Wohl kaum. Möglicherweise hat der Beweis gültiger Erkenntnisse das Bewusstsein betreffend eine größere Mächtigkeit als die zu beweisende Struktur selbst. Was die Mathematik angeht, kann man sich in dieser Hinsicht wohl auf Kurt Gödel berufen.

Nehmen wir an, wir hätten eine Liste von formalen Merkmalen des Bewusstseins, die wir für vollständig erklären, und würden sie in einer computergesteuerten Puppe implementieren. Würden wir diese dann einvernehmlich und mit allen – auch den juristischen und moralischen – Konsequenzen als im menschlichen Sinne bewusst anerkennen?

Ich frage, was, wenn diese schlaue Puppe z.B. zum Ladendieb wird? Spontan wurde Empörung im ganzen Raumschiff laut. Auseinandernehmen, das falsche Gerät! Sofort!

Unsere Zeit war vorbei. Sonst hätten wir sicher über Foucaults Gedanken in Überwachen und strafen reden müssen.

Aber ob man nun das virtuell Konstruierte als Bewusstsein durchgehen lässt oder als ein sehr komplexes und zusammenhängendes Set sich selbst steuernder Funktionen eines Roboters, der längst zu lernen begonnen hat, auch das wäre der Nachfrage wert. Und das soll nächstes Thema werden.

Was kommt heraus, wenn wir versuchen, uns selbst nachzubasteln, mit Prothetik aufzumöbeln, Tod und Verfall zu übertrixen oder Maschinen vordenken zu lassen?

Bastelt man so? Aber ja. Benennen wir also beim nächsten mal die Orte, an denen das passiert.



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